Warum es im Internet keine Vorlagen oder Entwürfe für Bibliologe gibt

Seit ich den Beitrag beliebteste Texte für Bibliologe eingestellt habe, landen über Suchmaschinen immer mehr Anfragen hier, die anscheinend Vorlagen für Bibliologe suchen. Es sind etwa 80 % der Anfragen und vermutlich wären es mehr, wenn ich noch mehr Schlagworte zu Bibeltexten hinzufügen würde. Renner sind die Predigttexte vom kommenden Sonntag nach der Ordnung der evangelischen Kirche. Den Suchenden sei gesagt: Das werden Sie weder hier noch an anderer Stelle im Internet finden.

Abgesehen von den drei Beispielen auf der Bibliolog-Netzwerk-Seite gibt es im Internet keine zum Einsatz in der Praxis tauglichen Bibliologe. Wer Bibliolog gelernt hat, weiß um die Komplexität dieses Zugangs und damit verbunden die Herausforderungen, die im Anleiten von Bibliologen und wird deshalb nicht mal so eben Bibliologe ins Netz stellen, abgesehen von einigen wenigen Beispielsequenzen in Fachzeitschriften (z.B. unter dem Headerbild die Rubrik „Texte“).

Wer Bibliolog gelernt hat, weiß, daß es beim Bibliolog um eine Grundhaltung des Respekts sowie handwerkliche Fähigkeiten geht, die eine gewisse Einübung und ein Feedback brauchen. Mit einigen Fragen allein ist kein Bibliolog handwerklich gut und solide durchzuführen. Jeder Bibliolog wird mit Blick auf eine bestimmte Gruppe, deren Themen und Situation vorbereitet. So ist ein Bibliolog über den Besuch von Jesus bei Martha und Maria für eine Religionsstunde in einer Grundschulklasse völlig anders als für einen Familiengottesdienst, eine Frauengruppe oder eine Wohngruppe für geistig behinderte Erwachsene. Wer das Anleiten von Bibliologen gelernt hat, bekommt in diesem Prozess ziemlich schnell mit, welche Verantwortung damit verbunden ist, und zwar gegenüber dem Text, den Teilnehmenden und dem Prozeß.

Deshalb ist meine Empfehlung an diejenigen, die über Suchmaschinen hier landen in der Hoffnung fertige Bibliologe zu finden, sich auf einen Bibliolog-Grundkurs einzulassen, obwohl sich hier vermutlich die Katze in den Schwanz beißt, denn wer fertige Bibliologe im Netz sucht, tut dies vermutlich gerade, weil er / sie keinen Grundkurs machen will oder kann.

Zum Weiterlesen:
Was passiert in einem Bibliolog-Grundkurs?

Nachtrag August 2011:
Nachdem täglich mehrere Nutzer auf das Weblog kommen, die Bibliolog-Beispiele suchen, habe ich mir angeschaut, was unter diesen Schlagwort (oder auch Entwurf, Vorlage) im Internet inzwischen zu finden ist, und bleibe bei meiner Einschätzung. Die Fragen, die in manchen „Arbeitshilfen“ vorgeschlagen werden, sind teilweise haarsträubend, weil sie nicht in den Text hineinführen oder Antworten vorweg nehmen, die der weitere Verlauf des Textes anders erzählt. Eine solide Kenntnis der Grundlagen bibliologischen Arbeitens kann ich aus solchen Beiträgen nicht ersehen und rate deshalb von der Verwendung ab.

Nachtrag Januar 2012:
So findet sich auf einem Weblog ein Bibliolog zur Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 vorgestellt. Die besondere Qualität eines Bibliologs liegt darin, daß nicht ÜBER einen Text gesprochen wird, sondern die Teilnehmenden in einen Text eintauchen. Dazu ist eine anschauliche erzählende Hinführung nötig. Bei diesem „Bibliolog“-Beispiel werden den Teilnehmenden belehrend und referierend einige Informationen geliefert. Ein Eintauchen in den Text ist so nicht möglich, deshalb bleibt dieses Beispiel auf der Ebene des Darüberredens hängen – nur dass das in Rollen passiert, wobei die Rollenzuweisungen an die Teilnehmenden nicht sauber gestaltet sind. Eine Rolle „ALLE“ gibt es beim soliden bibliologischen Arbeiten nicht, denn „ALLE“ ist zu diffus, als dass es eine konkrete Rollenidentifikation zulassen könnte. Abgesehen davon führen die beiden Fragen an „ALLE“ nicht in den Text hinein, sondern daran vorbei. Sie eröffnen eine Projektionsfläche für alle möglichen Spekulationen und Assoziationen, aber leiten keine solide Arbeit am Text entlang ein. Da die Hirten und Hirtinnen beschließen, nach Bethlehem gehen zu wollen – so sagt es der Text – trägt die Frage, was sie da genau wollen wenig bis nichts für die Textauslegung aus. Im Extremfall kann es darauf hinauslaufen, dass die Teilnehmenden etwas anderes sagen, als das, was später im Text erzählt wird.

Dieser „Bibliolog“ wäre sehr geeignet für die Arbeit in einer Regionalgruppe, in der sich Menschen treffen, die einen Bibliolog-Grundkurs gemacht haben, denn man kann mit diesem Entwurf sehr schön (fast) alle Anfängerfehler aufzeigen. Ähnliches gilt für die Heilung des Aussätzigen auf dem gleichen Weblog. Auch bei dem Bibliolog zu einem nicht-narrativen Text aus dem 1. Korintherbrief sieht es katastrophal nicht besser aus: Es gibt keine Hinführung, sondern eine Instruktion bzw. Belehrung. Auch hier gibt es keine sauberen Rollenzuweisungen, weshalb der Schutz durch die Rolle nicht gewährleistet ist. Es ist klar, daß die in der Rolle geäußerte Beitrag der Meinung des Gottesdienstbesuchers heute ist. Die Fragen zielen vorwiegend auf theologische Richtigkeiten – an einer Stelle wird deutlich antijüdischen Stereotypen Vorschub geleistet.
Fazit: Nicht jede Übung, die durch einen Fragestil vorgibt, Bibliolog zu sein, ist auch Bibliolog.

Pichelsdorfer Glaubensgespräche: Bibliolog? Gemeinsam die Bibel entdecken – weil jede/r etwas zu sagen hat!

Bibliolog ist eine Methode, gemeinsam mit der Gemeinde eine biblische Geschichte zu entdecken. Die Teilnehmenden versetzen sich dabei in die biblische Gestalten hinein.
In diesen Rollen füllen sie die “Zwischenräume” der Texte, das “weiße Feuer”, mit eigenen Ideen und gewinnen dadurch einen lebendigen Zugang zu dem “schwarzen Feuer” der Buchstaben des Textes. Lebensgeschichte und biblische Geschichte verweben sich dabei miteinander und legen sich gegenseitig aus.

Referent: Pfarrer Christian Moest, Berlin
Am Mittwoch, dem 30. März 2011, um 19.30 Uhr
in der Gnadenkirche Pichelsdorf, Jaczostr. 52, 13595 Berlin-Spandau

2. internationale Bibliolog-Konferenz

Alle drei Jahre findet eine europäische Bibliolog-Konferenz statt. Da sich Bibliolog inzwischen auch in Südafrika und Nachbarländern verbreitet hat, ist daraus eine „internationale Bibliolog-Konferenz“ geworden. Die nächste findet vom 24. bis 26. Juni 2011 in der evangelischen Akademie Hofgeismar bei Kassel statt.

Das Thema ist „zwischen Fügung und Improvisation“ (Between Providence and Improvisation). Peter und Susan Pitzele werden wieder dabei sein. Das Tagungsprogramm ist hier zu finden.

Frage 2: beliebteste Texte für Bibliologe

Seit ich diesen Beitrag gepostet habe, kommen 80 Prozent der Suchanfragen, die auf diesem Weblog landen, von Leuten, die anscheinend nach Bibliolog-Entwürfen suchen. Warum solche Bibliolog-Vorlagen im Internet nicht zu finden sind, habe ich hier beschrieben.

Was sind die beliebtesten Texte für Bibliolog-Anfänger?
Die folgenden Texte werden am häufigsten für erste Bibliologe gewählt:

aus der Hebräischen Bibel:
Eva und die Schlange (Genesis 3)
Noah baut eine Arche und die Flut kommt
Ruth, Noemi und Orpa (Ruth 1)
Jona und seine Berufung (Jona 1)
Jona in Ninive (Jona 3)
Abraham und Sarah ziehen nach Kanaan
Abraham und Lot trennen sich
Eliezer sucht für Isaak eine Frau und begegnet Rebekka am Brunnen
Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht
Jakobs Kampf am Jabok
https://bibliologberlin.wordpress.com/2011/03/30/warum-es-im-internet-keine-vorlagen-oder-entwurfe-fur-bibliologe-gibt/
Jakob und Esau
die mutigen Hebammen Schifra und Puah und die Geburt von Moses
– Moses und sein Schwiegervater Jitro
der Auszug aus Ägypten (Passafest – Pessach)
– Samuels Berufung im Heiligtum von Silo (Schilo)
– Elia und die Witwe von Sarepta / Zarpat

aus dem Neuen Testament:
Maria besucht ihre Kusine Elisabeth
– der Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland zur Geburt von Jesus
der zwölfjährige Jesus im Tempel
die Hochzeit von Kana
Berufung der Jünger
Jesus bei Martha und Maria in Bethanien
die Kindersegnung
– die Salbung in Bethanien von Jesus durch die Frau
– der Verrat von Petrus
zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus
– Heilung des blinden Bartimäus und andere Blindenheilungen
die Heilung der zehn Aussätzigen
– Heilung des Gelähmten, der von seinen Freunden zu Jesus gebracht wird und durch das Dach gelassen wird
– Heilung der gekrümmten Frau
– Heilung des fallsüchtigen Knaben / Jungen
Heilung am Teich Bethesda
– Speisung der 4000 bzw 5000 – wunderbare Brotvermehrung
– – der Fischzug des Petrus
Einzug von Jesus in Jerusalem
– die drei Frauen am leeren Grab von Jesus
Jesus beruft den Zöllner Levi
– der Vater und die beiden Söhne (der verlorene Sohn)
– das Gleichnis vom großen Gastmahl
das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg
Jesus zu Gast beim Zöllner Zachäus
– die Stillung des Sturmes
– Jesus und seine wahren Verwandten
Paulus und Silas im Gefängnis
– die Purpurhändlerin Lydia läßt sich taufen
der Hauptmann von Kaparnaum