Frage 7: Schwarzes Feuer – weißes Feuer (black fire – white fire) im Bibliolog …

… gehört zu den bliebtesten Suchbegriffen auf der Liste dieses Weblogs.

Die jüdische Tradition geht davon aus, daß die Torah vor der Schöpfung der Welt geschaffen wurde, dass sie der Bauplan – die Vorlage für die Schöpfung ist. Jochanan ben Bag Bag sagt über die Torah:

„Wende sie und wende sie, denn alles ist in ihr (enthalten), und durch sie wirst du sehen. Werde alt und grau in ihr und von ihr weiche nicht, denn es gibt für dich nichts besseres als sie“. (Pirke Awot 5:26)

In der Synagoge wird an jedem Schabbat ein Abschnitt aus der Torah gelesen. Innerhalb eines Jahreszyklus wird so die ganze Torah gelesen.

Torahlesung

Torahlesung sephardische Synagoge Tiferet Israel Berlin Foto: Hans Geldmacher

Der letzte Wochenabschnitt der Torah (Wesot Habracha) beinhaltet eine der geheimnisvollsten Formulierungen in Dewarim 33,2 (Deut 33,2): “Esch da’at” – „das feurige Gesetz“. Der Midrasch stellt dazu fest, dass dies eine Beschreibung der Torah ist: „esch schachor al gabei esch lawan“. „Die Torah ist geschrieben mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer“ (Midrasch Tanhuma zu Genesis 1).

Esch daat

Dewarim 33:2

Die Abbildung zeigt den Vers 5. Mose 33,2 wie er in der Torahrolle steht (die beiden letzten Wörter gehören schon zu Vers 3). Die Buchstaben repräsentieren Konsonanten. Wer die Torah vorliest (genau genommen wird sie im G-ttesdienst gesungen; „geleint“ ist der Fachbegriff dafür) muß wissen, welche Konsonanten an welche Stelle gehören. Schon hier sind unterschiedliche Lesarten möglich, jedoch wurde eine Lesart verbindlich festgelegt. Wenn man bei dieser Seite auf den roten Lautsprecher vor 33:2 klickt, kann man hören, wie der Vers bei der Torahlesung klingt.

Beispiel: Bei der deutschen Konsonantenfolge l-b-n müßte je nach Zusammenhang „leben“, „laben“, „lieben“ oder „loben“ gelesen werden.

Das „schwarze Feuer“ sind die Buchstaben der Torah. Das „weiße Feuer“ sind die weißen Zwischenräume zwischen den Buchstaben und um die Buchstaben herum. Nur beides zusammen ist die GANZE Torah. Dabei kann man die Begriffe „schwarzes Feuer“ und „weißes Feuer“ auf unterschiedenen Ebenen verstehen und interpretieren.

Das „schwarze Feuer“ ist dir wörtliche Bedeutung des Textes (Peschat), das weiße Feuer steht für die Ideen, Auslegungen, Andeutungen hinter dem Text – die Botschaften „zwischen den Zeilen“, die zum Leben kommen, wenn wir mit dem Text in Beziehung treten.

Die schwarzen Buchstaben begrenzen. Zugleich sind sie begrenzt und festgelegt. Die weißen Räume dazwischen verweisen uns auf den Bereich jenseits des Intellekts – des Grenzenlosen, des sich immer Verändernden und Verwandelnden. Sie stehen auch für das Schweigen, für das noch nicht Sagbare, das Unsagbare.

Die weißen Räume zwischen und um die schwarzen Buchstaben herum nehmen zweimal so viel Raum ein wie die schwarzen Buchstaben. Das weiße Feuer bildet die Grundlage für das schwarze Feuer.

Über die Torah heißt es in Sprüche 8,22 ff:

Der Ewige schuf mich als den Anfang seines Wegs / als erstes seiner Werke von jeher / von uran bin ich eingesetzt / vom Anbeginn, der Erde Urzeit; / noch eh die Fluten, wurde ich geboren / noch eh die Quellen, Wassers schwer; / bevor die Berge wurden eingesenkt / noch vor den Höhen wurde ich geboren / noch eh ER Land und Fluren wirkte / das Erste von des Festlands Staub. / Als ER den Himmel festigte, war ich dabei / als ER den Wall zog um des Meeres Fläche / als ER die Wolken droben festigte / fest wurden da die Quellen aus der Flut.(Übersetzung von Naftali Herz Tur-Sinai)

Es gibt keine endgültige Lesart oder Auslegung der Torah, sondern immer nur die nächste.

Übrigens zeigt das Header-Bild dieses Weblogs den Ausschnitt einer künstlerischen Gestaltung, in der alle 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets miteinander verbunden sind. In der jüdischen Mystik repräsentieren sie die gesamte Schöpfung. Jeder dieser Buchstaben ist Träger einer bestimmten Energie und trägt einen Aspekt der Schöpfung in sich – sowohl in seiner Form, seinem Klang und seinem Zahlenwert.

blühende buchstaben (A. Krasnitski)

Das Bild „blühende Buchstaben“ zeigt eindrucksvoll, wie schwarzes und weißes Feuer aufeinander bezogen sind, ja sich gegenseitig bedingen. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Sie brauchen sich gegenseitig und entfachen sich gegenseitig und bringen so immer neue Bedeutungen hervor. Analog ist auch das schwarze Feuer und das weiße Feuer beim Arbeiten mit dem Bibliolog zu verstehen.

Manchmal ist in Texten über das bibliologische Arbeiten auch von Rollen aus dem weißen Feuer die Rede. Damit sind Rollen gemeint, die nicht ausdrücklich im Bibeltext genannt sind, aber naheliegend aus dem Textzusammenhang oder dem Wissen um sozialgeschichtliche Zusammenhänge. Wenn man die Mutter von Ruth oder eine Dienerin im Haus von Simon dem Aussätzigen nach der Salbung von Bethanien befragen würde, dann wären das Rollen aus dem weißen Feuer. Sie sind dann sinnvoll, wenn sie zusätzliche Aspekte der Geschichte erschließen helfen, die über Rollen aus dem schwarzen Feuer (Personen oder Objekte, die im Text vorkommen) nicht zur Sprache kommen würden. Rollen aus dem weißen Feuer müssen bei der Rollenzuweisung an die Teilnehmenden als solche deutlich gemacht werden.

Zum Weiterlesen:
In seinem Blog Reb Jeff erzählt ein Gemeinderabbiner aus Florida über eine ganz besondere Torah-Rolle seiner Gemeinde und zeigt, was für eine große Bedeutung die Torah-Rolle im jüdischen Leben hat: Rededication of our Czech Scroll. Es geht dabei um eine Torah-Rolle, die vor der Schoah einer Gemeinde im heutigen Tschechien gehörte und die in einer besonderen mystischen Tradition geschrieben ist.

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9 Gedanken zu „Frage 7: Schwarzes Feuer – weißes Feuer (black fire – white fire) im Bibliolog …

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