Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisin

oder: manchmal wird ein Traum schneller wahr als man denkt. Ich bin dafür bekannt, dass ich gerne Bibliolog an ungewöhnlichen Orten mache: Bibliolog im Museum, vor einem Denkmal bei einer Stadtführung, im Bibelgarten, im interkulturellen Stadtteilzentrum …

Seit Jahren schon würde ich gern während Sukkot (Laubhüttenfest) an verschiedenen Orten Bibliolog machen – jeden Tag woanders. Aber die Resonanz auf diese Idee war bis jetzt bescheiden, obwohl das in Berlin eigentlich kein Problem sein dürfte bei den Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen, die eine Sukka haben.

Wohlfahrtsmarken, jüdische Gemeinde, Berlin, Feiertage, Sukkot, Laubhüttenfest

Wohlfahrtsmarke der jüdischen Gemeinde zu Berlin aus den 1930iger Jahren (Foto : IWe)

In der Schrift heißt es:
„In Hütten (sukkot) sollt ihr wohnen, sieben Tage lang …, auf dass alle Generationen wissen, dass ICH die Kinder Israels in Hütten wohnen ließ, als Ich sie aus dem Land Ägypten führte…“ (Torah 3. und 5. Buch / Levitikus und Deuterononium).

Ich schraubte meine Erwartungen herunter und dachte, es wäre doch schön, das mal in einer Sukka versuchen zu können. Und dazu kam es schneller als ich mir vorstellen konnte.

Schon lang war ich nicht mehr so aufgeregt. Am Freitagabend begann der dritte Tag des Laubhüttenfestes. Bereits zwei Tage vorher hatten wir in einer Sukka (Laubhütte) in einem Ostberliner Hinterhof gefeiert. Neben gutem Essen, zu dem alle beitrugen und ausgiebig Zeit für Gespräche war, hatte für jeden Tag eine andere Person etwas vorbereitet. Und die Person, die für Freitagabend vorgesehen war, fiel kurzfristig aus.

Wir zündeten die Schabbatkerzen an, hatten ein schönes Essen und gute Gespräche. Die Gruppe war übersichtlich. Unser Gastgeber, neben dessen Keramikwerkstatt sich unsere Sukka befand, war schon bei der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt gewesen, und es hatte ihm gut gefallen. So fand er meine Idee, miteinander einen Bibliolog zu den Ushpischin des Abends zu machen eine gute Idee.

Für die meisten Mitlesenden werden die „Uschpisin“ erklärungsbedürftig sein. Uschpisin ist das aramäische Wort für Gäste, die besonders wertgeschätzt werden. Man lädt sie in die Sukka ein, denn jeder Tag steht unter dem Zeichen eines anderen himmlischen Gastes. Der Brauch ist in einem mystischem Zweig des Judentums entstanden, – bei den Kabbalisten von Sefat. Die sieben Gäste haben gemeinsam, dass sie alle Hirten waren: Am ersten Abend ist es Abraham, am zweiten Isaak, am dritten Jakob, am vierten Josef, am fünften Moses, am sechsten Aaron und am siebten David. Da das sehr einseitig auf Männer zentriert ist, kamen jüdische Frauen in den letzten drei Jahrzehnten auf die Idee, auch biblische Frauen als Gäste einzuladen. Nach dem Verständnis der Kabbala ordnen wir unser Wesen, wenn wir jeden Abend einen anderen himmlischen Gast empfangen und ehren. Diese Gäste werden als uschpisin dimnuta (Gäste des Glaubens) gesehen.

Ich habe nicht viel mit Mystik am Hut, aber diesen Brauch finde ich sehr schön, denn man verbindet sich mit früheren Generationen, vergegenwärtigt deren Erfahrungen und bezieht sich auf sie. Und den Gedanken, dass jede biblische Person bestimmte Aspekte und Eigenschaften repräsentiert, kann man ja auch psychologisch sehen. Von daher ist mir die Vorstellung recht nah.

Am Freitag, dem dritten Abend war Jakob dran, und da seine spätere Frau Rachel auch Hirtin war, bot es sich an, die Geschichte über die erste Begegnung der beiden miteinander zu erforschen und zu vergegenwärtigen. Die Anwesenden waren bereit, sich darauf einzulassen, und ich fand es besonders bereichernd, dass die Vorkenntnisse der Anwesenden ganz unterschiedlich waren – von „ich bin Jude und habe keine Ahnung von jüdischer Religion“ bis zu einer, die einen Abschluß in Judaistik hat.

Und so aufgeregt wie ich am Anfang war, so spannend und berührend war die gemeinsame (Neu-)Entdeckung und das gemeinsame Erforschen der Geschichte (Genesis 29, 1 – 20 / Bereschit Kap 29).

Unser Gastgeber hatte an diesem Abend mit einer Keramikskulptur, die er zu Jakob und Rahel gestaltet hat, geschmückt. Und so hatten wir die beiden auch in dieser Form vor Augen und in unserer Mitte:

Keramikskulptur "Jakob und Rachel" von Chajm Grosser

Advertisements

3 Gedanken zu „Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisin

  1. Habe vor gut drei Jahren meine ersten Erfahrungen mit Bibliolog machen dürfen, moechte diese Erfahrung heute nicht mehr missen! Die Geschichten hinter den Geschichten machen alles so lebendig, diese Methode ist phantastisch und die Art von Iris ist genial! Konnte leider an diesem Bibliolog nicht teilhaben, Sukkot wird auch im nächsten Jahr stattfinden, hoffe dass ich keinen Dienst haben werde und viele Synagogen ihre sukka dafür zur verfuegung und viele Bibliolog-interessierte sich dafür interessieren werden…

  2. Pingback: Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (2) | bibliologberlin

  3. Pingback: Bibliolog zum Laubhüttenfest | bibliologberlin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s