Workshop: Schawuot und Pfingsten im Labyrinth des Lebens – Bibelgarten

labyrinthdeslebens.de

Die ganze Woche war das Wetter sehr feucht und wechselhaft gewesen, sodaß ich mehrmals gefragt wurde, ob unser Treffen überhaupt stattfinden könnte, aber dann war das Wetter ideal für einen Halbtagsworkshop im Labyrinth-des-Lebens-Bibelgarten. Gekommen waren zwanzig Teilnehmende aus verschiedenen christlichen Konfessionen sowie liberale Juden und eine säkulare Frau. Erst einmal hatte jede/r Zeit, das Labyrinth des Lebens für sich zu erkunden und zu schauen, welche Lebensphase, persönliche Situation oder Befindlichkeit, die im Labyrinth des Lebens – Garten angelegt sind, einen gerade besonders ansprechen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde gabt es eine kleine Einführung zum Wochenfest Schawuot, das ursprünglich ein Fest war, an dem die Erstlingsfrüchte zum Tempel gebracht wurden. Wie man sich das vorstellen muß ist im Talmud-Traktat Bikkurim (Erstlingsfrüchte) beschrieben. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels verschob sich der Schwerpunkt dann zu dem, was das zentrale Moment des Schawuotfestes heute ausmacht: Die Gabe der Torah an das jüdische Volk. Davon erzählten die Kapitel 19 und 20 in Schemot (2. Buch Mose / Exodus). Jede/r hatte Zeit sich den eigenen passenden Standort im Labyrinth-Garten zu suchen, um diesen Text, der laut vorgelesen wurde zu hören.

Ich hatte im Vorfeld überlegt, ob ich den Bibliolog „Reise ins Herz der Torah – als G-tt die Torah am Sinai gab“ mache, den ich letztes Jahr auf Einladung der Heilig-Kreuz-Kirche im Rahmen der Nacht der offenen Kirchen gemacht hatte. Da aber zwei Grundschulkinder angemeldet waren, habe ich mich nicht getraut bibliologisch mit einem Text aus Levitikus zu arbeiten und wollte mich lieber auf etwas sichererem Terrain bewegen.

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In der Synagoge wird an Schawuot das Buch Ruth gelesen. Am Ende des ersten Kapitels heißt es, daß Ruth und ihre Schwiegermutter Noemi am Ende der Gerstenernte nach Bethlehem kamen. Ruth, die als Moabiterin sich dem jüdischen Volk anschloß, gilt als besonderes Vorbild, weil sie sich aus freiem Willen dazu entschlossen hat, die Gebote der Torah auf sich zu nehmen. Im anschließenden Bibliolog sind wir dem ersten Kapitel vom Aufbruch aus Moab bis zur Ankunft von Ruth und Noemi in Bethlehem nachgegegangen. Schade, daß wir aus zeitlichen Gründen nicht mit dem ganzen Buch arbeiten konnten. Viele der Teilnehmenden waren letztes Jahr bei den vier Abenden zum Buch Ruth unter dem Thema „Geschichten vom Weggehen und Ankommen“ dabei gewesen, sodaß im anschließenden Austausch auch einiges von diesen Abenden anklang.

Für das gemeinsame Mittagessen waren viele leckere, vegetarische Gerichte mitgebracht worden. Nach der Mittagspause lag der Schwerpunkt auf der Pfingstgeschichte wie sie in der Apostelgeschichte überliefert wird. Fünfzig Tage sind es zwischen Ostern und Pfingsten. Das Vorbild dafür ist aus der jüdischen Tradition die 50 Tage zwischen Pessach und Schawot. Die Hinführung zum Bibliolog der Pfingstgeschichte legte denSchwerpunkt auf die Schilderung des Schawuot-Festes in Jerusalem wie es in rabbinischen Schriften erzählt wird und schlug dann die Brücke zur Situation der Jünger, die mehrere Jahre mit Jesus unterwegs gewesen sind, erlebten, wie er verraten und gekreuzigt wurde und nun in Jerusalem sind. Die Parallelen in der sprachlichen Gestaltung von Schemot 19 und 10 (Exodus Kapitel 19 / 20; 2. Buch Mose Kap 19 + 20)sind offensichtlich und machen deutlich, daß diese Erzählung die als Vorlage für die Gestaltung der Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte diente.

Auffallend für mich war, daß die Reaktionen der meisten kirchlich Aktiven unter den Teilnehmenden auf die Pfingsterfahrung als Pilgerin befragt eher skeptisch-distanziert war. Die liberalen Juden waren eher daran interessiert, was das zu bedeuten habe und hielten es in der Schwebe. Ein freikirchlicher Teilnehmer freute sich besonders darüber, daß er jetzt (als Apostel) Latein kann.

Eine beeindruckende Verbindungslinie künstlerischer Art habe ich schon vor längerer Zeit im Gedicht „Pfingsten“ von Wilhelm Bruners, der als katholischer Priester einige Jahre in Jerusalem gelebt hat und im Bild „Pentecost“ von Sybille Tezzele-Kramer gefunden:

Pentecost / Pfingsten von Sybille Tezzele-Kramer

Pfingsten

Die Nacht war voller Musik
Tanz und Gesang
Die Tora hatten sie studiert
die alten Weisungen neu gehört
Auf dem Berg
waren sie gewesen
Die Stimme hatten sie gesehen

Jetzt taumelten sie in den Tag
noch blind von der ersten Sonne

Einige blieben
bis das Licht zum Feuer wuchs
der Wind zum Sturm
und sie ins Gebet trieb

in die Preisung
mit allem
(Wilhelm Bruners)

Zum Weiterlesen:
Einen ersten virtuellen Eindruck vom Labyrinth des Lebens kann man sich hier verschaffen.

Frage 12: Warum gibt man beim Bibliolog das Gesagte wieder?

Das wiederholende Aufnehmen der Beiträge der Teilnehmer während des Bibliologs, genannt „Echoing“ hat drei Gründe:
Verlangsamung, Verständlichkeit und Wertschätzung.

1. Verlangsamung:
Wie beim Bibliodrama so ist auch beim Bibliolog die Verlangsamung ein wichtiges Moment. Die Verlangsamung eröffnet andere Räume und ermöglicht so andere Formen des Wahrnehmens, die beim gewöhnlichen Lesen – ob alleine oder in der Gruppe – oft in den Hintergrund treten. Ein biblischer Text ist wie eine Landschaft. Wenn ich mit einem Flugzeug über eine Landschaft fliege, nehme ich anders und anderes wahr, als wenn ich die gleiche Landschaft mit einem Heißluftballon überquere, mit einem Auto, mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs bin. Jede Fortbewegungsart eröffnet andere Wahrnehmungen. Bibliolog ist ein Erschließen biblischer Texte im Schneckentempo-Modus. Die Verlangsamung ist eine Form der Vertiefung schon allein durch die Möglichkeit des Nachklingen lassens beim zweiten hören. In dieser Vertiefung und Verlangsamung eröffnet sich auch die Möglichkeit den Text als Raum wahrzunehmen, also nicht über die biblische Geschichte zu sprechen oder zu diskutieren, sondern in sie gleichsam einzutauchen.

Bibliolog ist – auch aber nicht nur – durch die Verlangsamung „inklusiv“ und ermöglicht, daß Menschen, die normalerweise beim verbalen Austausch am Rande stehen, sich beteiligen können auch wenn sie sprachlich reduzierte Möglichkeiten haben. Bibliolog ist deshalb auch mit geistig Behinderten, dementiell veränderten Menschen und Migranten mit geringen Deutschkenntnissen möglich. Bibliologen erzählen oft von der Erfahrung, daß beim Bibliolog sich oft Menschen zu Wort melden, die sonst eher still am Gruppengeschehen teilhaben und diejenigen, die sonst stark verbal beteiligt sind, sich beim Bibliolog eher zurücknehmen. Das ermöglicht auch den Gruppenmitgliedern ein neues Erleben der anderen Teilnehmenden.

2. Verständlichkeit:
Das Echoing verhilft zur Verständlichkein und zwar auf mehreren Ebenen. Nicht jede/r Mensch hat ein Stimmvolumen, das auf größere Räume ausgelegt ist. Für schüchterne Menschen sinkt die Hemmschwelle zur Beteiligung deutlich, wenn sie merken, daß sie ihren Beitrag leise sagen können und das dann für alle durch das Echoing hörbar wird. Beim Bibliolog im Kirchenräumen oder im Rahmen von Tagungen und Konferenzen hat der Bibliologe/ die Bibliologin ein Mikrofon. Hier dienst das Echoing auch dazu, für alle hörbar zu machen, was von Teilnehmenden gesagt wurde.

Für sprachlich weniger gewandte Menschen ist das Echoing eine Sprachhilfe. Und für alle, die sich äußern ist es eine Rückmeldung, was von der Äußerung und wie sie verstanden worden ist. Damit ist für den sich Äußernden die Möglichkeit verbunden, sich noch ein wenig besser zu verstehen. Dem Bibliologen wird durch Beobachten der nonverbalen Reaktion auf das Echoing (Nicken, Stirnrunzeln, Kopfschütteln) auf sein Echoing auch deutlich, ob er das Anliegen erfaßt hat.

Für Teilnehmende, die keine Muttersprachler sind, ist es oft leichter, sich auf eine Stimme zu konzentrieren – die der Anleitenden – als auf die unterschiedlichen Dialekte, Sprachmelodien und Sprechgeschwindigkeiten sowie andere sprachliche Eigenheiten (Nuscheln, Endsilben verschlucken, piepsige Stimme) sehr unterschiedlich sprechender Menschen.

3. Wertschätzung:
Da jede Teilnehmeräußerung im Echoing aufgenommen wird, wird dadurch signalisiert: Alles, was gesagt wird, ist wichtig, wird angesehen, gehört und trägt zur Auslegung des Textes bei. In jeder Gruppe gibt es Hierarchien d.h. Menschen und ihre Beiträge werden unterschiedlich gesehen und bewertet. Durch das Echoing wird eine Gleichwertigkeit aller Beiträge hergestellt, weil der Bibliologe alle Teilnehmerbeiträge aufnimmt. Dabei ist es wichtig, auch Angedeutetes aufzunehmen. Das Echoing beschränkt sich nicht auf die sprachliche Ebene von Äußerungen. Besonders bei Menschen mit reduzierten sprachlichen Möglichkeiten ist es wichtig, auch non-verbale Signale und Äußerungen im Echoing zu versprachlichen.

Das Echoing ist NICHT dazu da:
– Teilnehmeräußerungen zu korrigieren, zu glätten oder zu harmonisieren
– eigene Anliegen, Meinungen oder Bewertungen der Bibliologin einzutragen
Das Echoing ist auch kein „Spiegeln“ im Sinn der nicht-direktiven Gesprächsführung

Weil das Echoing ein sehr komplexes Geschehen ist und hohe Anforderungen an die Anleitenden stellt, wird dem Echoing entsprechend viel Zeit im Grundkurs eingeräumt. Dort werden die theoretischen Grundlagen, das erforderliche Handwerkszeug (was nehme ich auf, und wie mache ich das) und die damit verbundene Grundhaltung vermittelt, in der Kleingruppe eingeübt. Jede/r bekommt ein ausführliches Feedback von den anderen Teilnehmenden und der Kursleitung.

Marc Chagall: Bilder zur Bibel

Zu den häufigsten Suchbegriffen, die auf dieses Weblog führen, gehören die „Bilder zur Bibel“ von „Marc Chagall“. Deshalb weise ich darauf hin, daß es in der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Berlin-Neukölln dazu eine Ausstellung gibt:

Marc Chagall: David und Bathseba

Öffnungszeiten: Freitag, 15.06.2012
Vernissage um 19:00 – ca.22:00 Uhr, Thema: Marc Chagall – der Maler mit dem Engel im Kopf

Samstag, 16.06.2012
16:00 – 22:00 Uhr

Sonntag, 17.06. bis Sonntag, 24.06.2012 jeweils 17:00 – 20:00 Uhr

Begleitprogramm:

Samstag, 16.06.2012
19:30 Uhr Lesung: Bella Chagall „Brennende Lichter“

Mittwoch, 20.06.2012
19:30 Uhr Lesung: Bella Chagall „Brennende Lichter“

Der Eintritt ist frei! Spenden sind gern gesehen.
Ausstellungscafé (während der Öffnungszeiten außerhalb der Lesungen)

Anschrift:
Hertzberg Str. 4 – 6, 12055 Berlin

S und U Neukölln
U 7 Karl-Marx-Straße

Wortwolke: Suchbegriffe im Mai

Screenshot: Wortwolke Mai 2012

Was noch gefragt wurde und ohne Antwort blieb:

biblische kochbücher auf dem katholikentag mannheim:
hoffentlich auf dem Büchertisch oder in einer christlichen Buchhandlung gefunden

verlorener Sohn Sieger Köder
auf jeden Fall eine mehrdeutige Suchanfrage

Prophet Köder
Er ist immer noch katholischer Priester und Künstler

wie viele Juden leben in Berlin
das weiß niemand genau – in der jüdischen Gemeinde sind etwas über 10 400 Mitglieder

kdk Berlin Migranten erzählen ihre Geschichte
sicher interessant – dürfte eines cer vielen Erzählcafes sein, die in den letzten Jahren gegründet wurden

youtube Bibliolog
gibt es – allerdings nur auf tschechisch und leider ohne deutsche Untertitel

welche frau maria war mit jesus unterwegs
da stehen mehrere zur Auswahl

beschreibe den Weg nach Emmaus
je nach dem: biblemaps.org oder googlemaps.org oder einen eigener Midrasch schreiben

Feuer im Brunsbütteler Damm
Wohl eher nicht durch Bibliolog verursacht