Frage 12: Warum gibt man beim Bibliolog das Gesagte wieder?

Das wiederholende Aufnehmen der Beiträge der Teilnehmer während des Bibliologs, genannt „Echoing“ hat drei Gründe:
Verlangsamung, Verständlichkeit und Wertschätzung.

1. Verlangsamung:
Wie beim Bibliodrama so ist auch beim Bibliolog die Verlangsamung ein wichtiges Moment. Die Verlangsamung eröffnet andere Räume und ermöglicht so andere Formen des Wahrnehmens, die beim gewöhnlichen Lesen – ob alleine oder in der Gruppe – oft in den Hintergrund treten. Ein biblischer Text ist wie eine Landschaft. Wenn ich mit einem Flugzeug über eine Landschaft fliege, nehme ich anders und anderes wahr, als wenn ich die gleiche Landschaft mit einem Heißluftballon überquere, mit einem Auto, mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs bin. Jede Fortbewegungsart eröffnet andere Wahrnehmungen. Bibliolog ist ein Erschließen biblischer Texte im Schneckentempo-Modus. Die Verlangsamung ist eine Form der Vertiefung schon allein durch die Möglichkeit des Nachklingen lassens beim zweiten hören. In dieser Vertiefung und Verlangsamung eröffnet sich auch die Möglichkeit den Text als Raum wahrzunehmen, also nicht über die biblische Geschichte zu sprechen oder zu diskutieren, sondern in sie gleichsam einzutauchen.

Bibliolog ist – auch aber nicht nur – durch die Verlangsamung „inklusiv“ und ermöglicht, daß Menschen, die normalerweise beim verbalen Austausch am Rande stehen, sich beteiligen können auch wenn sie sprachlich reduzierte Möglichkeiten haben. Bibliolog ist deshalb auch mit geistig Behinderten, dementiell veränderten Menschen und Migranten mit geringen Deutschkenntnissen möglich. Bibliologen erzählen oft von der Erfahrung, daß beim Bibliolog sich oft Menschen zu Wort melden, die sonst eher still am Gruppengeschehen teilhaben und diejenigen, die sonst stark verbal beteiligt sind, sich beim Bibliolog eher zurücknehmen. Das ermöglicht auch den Gruppenmitgliedern ein neues Erleben der anderen Teilnehmenden.

2. Verständlichkeit:
Das Echoing verhilft zur Verständlichkein und zwar auf mehreren Ebenen. Nicht jede/r Mensch hat ein Stimmvolumen, das auf größere Räume ausgelegt ist. Für schüchterne Menschen sinkt die Hemmschwelle zur Beteiligung deutlich, wenn sie merken, daß sie ihren Beitrag leise sagen können und das dann für alle durch das Echoing hörbar wird. Beim Bibliolog im Kirchenräumen oder im Rahmen von Tagungen und Konferenzen hat der Bibliologe/ die Bibliologin ein Mikrofon. Hier dienst das Echoing auch dazu, für alle hörbar zu machen, was von Teilnehmenden gesagt wurde.

Für sprachlich weniger gewandte Menschen ist das Echoing eine Sprachhilfe. Und für alle, die sich äußern ist es eine Rückmeldung, was von der Äußerung und wie sie verstanden worden ist. Damit ist für den sich Äußernden die Möglichkeit verbunden, sich noch ein wenig besser zu verstehen. Dem Bibliologen wird durch Beobachten der nonverbalen Reaktion auf das Echoing (Nicken, Stirnrunzeln, Kopfschütteln) auf sein Echoing auch deutlich, ob er das Anliegen erfaßt hat.

Für Teilnehmende, die keine Muttersprachler sind, ist es oft leichter, sich auf eine Stimme zu konzentrieren – die der Anleitenden – als auf die unterschiedlichen Dialekte, Sprachmelodien und Sprechgeschwindigkeiten sowie andere sprachliche Eigenheiten (Nuscheln, Endsilben verschlucken, piepsige Stimme) sehr unterschiedlich sprechender Menschen.

3. Wertschätzung:
Da jede Teilnehmeräußerung im Echoing aufgenommen wird, wird dadurch signalisiert: Alles, was gesagt wird, ist wichtig, wird angesehen, gehört und trägt zur Auslegung des Textes bei. In jeder Gruppe gibt es Hierarchien d.h. Menschen und ihre Beiträge werden unterschiedlich gesehen und bewertet. Durch das Echoing wird eine Gleichwertigkeit aller Beiträge hergestellt, weil der Bibliologe alle Teilnehmerbeiträge aufnimmt. Dabei ist es wichtig, auch Angedeutetes aufzunehmen. Das Echoing beschränkt sich nicht auf die sprachliche Ebene von Äußerungen. Besonders bei Menschen mit reduzierten sprachlichen Möglichkeiten ist es wichtig, auch non-verbale Signale und Äußerungen im Echoing zu versprachlichen.

Das Echoing ist NICHT dazu da:
– Teilnehmeräußerungen zu korrigieren, zu glätten oder zu harmonisieren
– eigene Anliegen, Meinungen oder Bewertungen der Bibliologin einzutragen
Das Echoing ist auch kein „Spiegeln“ im Sinn der nicht-direktiven Gesprächsführung

Weil das Echoing ein sehr komplexes Geschehen ist und hohe Anforderungen an die Anleitenden stellt, wird dem Echoing entsprechend viel Zeit im Grundkurs eingeräumt. Dort werden die theoretischen Grundlagen, das erforderliche Handwerkszeug (was nehme ich auf, und wie mache ich das) und die damit verbundene Grundhaltung vermittelt, in der Kleingruppe eingeübt. Jede/r bekommt ein ausführliches Feedback von den anderen Teilnehmenden und der Kursleitung.

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