Rezension: Du bist mein Gott, den ich suche Psalmen lesen im jüdisch-christlichen Dialog

Eine Veranstaltungsreihe „Bibel und Bach“ sowie eine jüdisch-christliche Bibelgesprächsgruppe führte zur Entstehung dieses Buches, in dem Pfarrerin Marion Gardei und Rabbiner Andreas Nachama gemeinsam den Versuch unternehmen, zwölf Psalmen „vom Ursprung und von unserer Tradition her zu erklären“ – wie es im Vorwort heißt.

Nach einer allgemeinen Einführung über Ursprünge, Entstehung, Struktur-, Sprach- und Stilelemente, sowie Psalmen im Gottesdienst in der jüdischen bzw. der christlichen Tradition werden zwölf ausgewählte Psalmen erschlossen (1,2,16,19,22,23, 87 92, 93, 95, 118, 121, 145 und 150).

Die Kapitel über die einzelnen Psalmen sind nach folgendem Muster in mehreren Abschnitten aufgebaut: Zuerst wird der Psalm in der Luther-Übersetzung (revidierter Text von 1984) abgedruckt.

AUF DEN ERSTEN BLICK“ vermittelt eine erste Einschätzung über Form (Lobeshymne) und Hauptthema (z.B. Gottvertrauen).

Der Abschnitt „DEN URSPRUNG WAHRNEHMEN“ verweist auf (mögliche) Entstehungszusammenhänge und Sitz im Leben (Wallfahrtspsalm, Tempelliturgie …) und literarischer Zuordnung innerhalb des Psalmenbuches (alphabetisch aufgebauter Kunstpsalm). Dieser Abschnitt ist manchmal sehr knapp gehalten und dann wieder eine ausführlichere Texterschließung im Stil des „close reading“ (genauen Lesens).

Der Abschnitt „DEN TEXT BETRACHTEN“ erschließt Aufbau und Gliederung des Psalms, benennt Strukturelemente, beschreibt sprachliche Besonderheiten und gibt Querverweise zu parallelen Motiven oder Strukturen in anderen Psalmen.

AUS JÜDISCHER PERSPEKTIVE“ bringt unterschiedliche Aspekte jüdischer Schriftauslegung aus verschiedenen Perioden ein und benennt, wo der Psalm im täglichen Gebet, an Feiertagen oder Lebensereignissen (Beerdigung) vorkommt.

VOR CHRISTLICHEM HINTERGRUND“ zeigt auf, wo die Psalmen im Neuen Testament aufgenommen und zitiert werden, wie Jesus sich auf sie bezieht (Psalm 22), über das Vorkommen in der christlichen Liturgie oder wie evangelische Theologen (Martin Luther, Johannes Calvin, Dietrich Bonhoeffer) sich auf sie beziehen sowie Beispiele, wie Psalmen in der christlichen Kunst und in der Kirchenmusik aufgenommen und gestaltet werden.

Im Abschnitt „PERSÖNLICH GESEHEN“ verweist (meist) der Autor oder (gelegentlich) die Autorin auf Details, die ihm oder ihr im Hinblick auf die eigene Lebenspraxis von besonderer Bedeutung sind.

Am Schluß eines jeden Kapitels wird der jeweilige Psalm nochmals in einer anderen Übersetzung, Übertragung oder Nachdichtung abgedruckt (Moses Mendelssohn, Max Albrecht Klausner, Samson Raphael Hirsch, Martin Buber, Bibel in gerechter Sprache). Das Buch ist sehr schön gestaltet. Man nimmt es gern in die Hand. Ein ausführliches Literaturverzeichnis gibt vielfältige Anregungen zur weiterführenden Lektüre.

Das Buch gibt vielfältige Einblicke, besonders für interessierte Einsteiger im Bereich des christlich jüdischen Dialogs und regt die LeserINNEN zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Psalmen an.

Dennoch bin ich als jemand, der selbst seit vielen Jahren im christlich-jüdischen und interreligiösen Gespräch engagiert ist, von diesem Buch teilweise enttäuscht, denn bei den Abschnitten zum „christlichen Hintergrund“ finde ich zwar sporadische Hinweise auf den Stellenwert von Psalmen im christlichen Gottesdienst, wie beispielsweise Psalm 118, der in der Liturgie der jüdischen Wallfahrtsfeste (Pessach, Schawuot und Sukkot) vorkommt und ausschnittweise auch im christlichen Oster- und Pfingstgottesdienst aufgenommen wird. Auch bei Psalm 22, der nach den Evangelien von Jesus aufgenommen wird, geht die Verfasserin auf dessen Stellenwert im Karfreitagsgottesdienst ein.

Bei den anderen Psalmen, soweit sie im evangelischen Gottesdienst vorkommen, hätte ich mir gewünscht, daß darauf eingegangen worden wäre, beispielsweise, warum Psalm 2 in den Weihnachtsgottesdienst eine Rolle spielt oder Psalm 121 am Altjahrsabend. Welche Bezüge und Deutungshorizonte eröffnen sich für Christen, daß bestimmte Psalmen als Wochenpsalmen im Sonntagsgottesdienst vorkommen und durch bestimmte neutestamentliche Lesungen und Predigttexte in einen spezifischen Kontext gestellt werden? Zwar wird erwähnt, daß Psalmen durch Auslassungen wie etwa im evangelischen Gesangbuch Verkürzungen und Glättungen erfahren, was das aber insgesamt für Auswirkungen im christlichen Zugang zu diesen Texten hat, bleibt sehr vage.

Im Einleitungskapitel hätte ich bei der „christlichen Perspektive“ gern einiges darüber erfahren, was es bedeutet, wenn Christen die Psalmen im Licht des Neuen Testaments beten, etwa wie das ihr Bild und Verständnis von Jesus prägt, möglicherweise verändert – abgesehen davon, daß er als Beter von Psalm 22 in der jüdischen Tradition steht, was im entsprechenden Kapitel seinen Niederschlag findet .

Schade fand ich auch, daß nicht darauf eingegangen wurde, inwieweit in der Rezeptionsgeschichte Psalmen christozentrisch umgedeutet und vereinnahmt werden und dies das Verständnis verändert hat, wie etwas beim Schabbat-Psalm 92, wo Augustinus den Schabbat zum „Schabbat des Herzens“ umgedeutet hat und in seiner Theologie antijudaistischem Gedankengut den Boden bereitet hat. Er behauptete, es käme auf die Herzenshaltung („Schabbat des Herzens“) an, die er Juden absprach. Er ging sogar soweit zu behaupten, daß auch die Juden seiner Zeit Schuld am Tod von Jesus hätten. Ich finde es wichtig, daß auch solche sehr schmerzhaften Erkenntnisse im Rahmen eines jüdisch-christlichen Dialogs thematisiert werden und an solchen praktischen Beispielen deutlich gemacht wird, wo und wie eine Enteignung der jüdischen Tradition in der christlichen Theologiegeschichte stattgefunden hat.. Zwar schreibt die Verfasserin auf Seite 91, daß es wichtig sei, daß Christen sich von Formen der Enteignung distanzieren, aber um zu wissen, von was man sich distanzieren soll, wäre erst einmal eine Entfaltung der Formen dieser Enteignung nötig gewesen.

Da das Buch aus den Treffen eines jüdisch-christlichen Gesprächskreises hervorgegangen ist, hätte mich auch interessiert, wie die beiden Leitungspersonen methodisch zu den Texten hingeführt haben und mit welchen Formen der Textbegegnung und Erarbeitung sie in diesem spezifisch jüdisch-christlichen Kontext gute Erfahrungen gemacht haben.

Fazit: Auch bei den Fragen, die für mich offen geblieben sind, macht das Buch neugierig auf mehr und deshalb dreieinhalb Sterne (also zwischen 3 Sterne „nicht schlecht“ und „gefällt mir“ 4 Sterne).

Nachama Andreas, Gardei Marion:
Du bist mein Gott, den ich suche
Psalmen lesen im jüdisch-christlichen Dialog

Gebundenes Buch, Pappband, 168 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-579-08138-0
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 24,50* (* empf. VK-Preis)
Verlag: Gütersloher Verlagshaus

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