Gewalt-Texte im Bibliolog

Im Nachgespräch der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt zu den „drei Jünglingen im Feuerofen“ (Daniel Kap. 3) kam die Frage auf, ob dieser Text überhaupt bibliologtauglich ist wegen der doch sehr gewalttätigen Bilder von der Szene im Feuerofen und den Wächtern, die dabei umkommen.

Die Frage ist sehr berechtigt und ich denke, daß dieser Text nur in sehr speziellen Situationen angeleitet werden sollte. Meist ist es ja im kirchlichen Kontext so, daß Bibliolog gemacht wird um ein Thema zu eröffnen und in den wenigsten Fällen angekündigt wird. Da Bibliolog davon lebt, daß die persönliche Erfahrungsebene bei den Teilnehmenden angesprochen wird, muß die Leitung immer im Blick haben, daß bei Teilnehmenden mit entsprechenden Vorerfahrungen Erinnerungen und Gefühle aktiviert werden, die im Rahmen des bibliologischen Geschehens nicht bearbeitet werden können – weil der Rahmen dafür fehlt.

Die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt unterschiedet sich davon, weil hier schon immer im Voraus das Thema angekündigt ist und sich die Teilnehmenden bewußt entscheiden, an diesem Abend zu kommen.

Die Verantwortung der Leitung im Prozeß des bibliologischen Geschehens hat Peter Pitzele folgendermaßen beschrieben:

„Bibliolog entwickelt einen Teil seiner Kraft aus dem Nährboden der persönlichen Geschichte, die unterhalb unserer aktiven Interpretation liegt. Es ist weder meine Aufgabe als Leitung, diese tieferen Schichten der Erinnerung und der persönlichen Geschichte an die Oberfläche zu zerren, noch, sie deutlicher zu machen, als die Betreffenden es freiwillig anbieten. Es ist aber auch nicht meine Aufgabe, diese Informationen zu unterdrücken. Meine Aufgabe ist es, dem Prozess zu vertrauen und durch meine Leitung und die von mir gesetzten Schranken sicherzustellen, dass diese Arbeit in interpretativem Spiel, die den Text und die Person miteinander verwebt, weder den Text noch die Person verletzt.“ (Scripture Windows, Übersetzung: Iris Weiss)

Wenn in einer besonderen Situation ein solcher Text bearbeitet wird, ist es wichtig die Fragen so zu formulieren, daß nicht in die Gewaltszene hinein gefragt wird, sondern die Gewaltszene wird erzählend zusammengefaßt oder vorgelesen. Sie bildet keinesfalls den Schwerpunkt des Bibliologs. In unserem Bibliolog ging es um Identität, Widerstand, Macht, Zivilcourage und Mitmachen gegen bessere Überzeugung. Ich hatte diesen Bibliolog nicht bewußt für den 30. Januar geplant, aber da er an diesem Tag stattfand, spielte in unserem Nachgespräch die Machtübernahme von Adolf Hitler und wie man nach der Schoah diesen Text lesen und verstehen kann, eine zentrale Rolle.

Texte, in denen ein Gewaltgeschehen eine zentrale Rolle spielt, sind nicht bibliolog-tauglich (z.B. „Opferung“ Isaaks, Kain und Abel (Brudermord), Vergewaltigung der Dinah oder Jephthas Tochter)

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