Darf DER das? Darf DIE das?

Buchcover Zealot

Buchcover Zealot

oder genauer gefragt: Darf ein Muslim (DER) das? beziehungweise: Darf eine Jüdin (DIE) das? Derzeit ist ein Jesus-Buch auf Platz 1 der Sachbuchbestsellerlisten in den USA. Geschrieben hat es Reza Aslan, ein Religionswissenschaftler und Muslim. Letzte Woche wurde er in Fox-News, einer wichtigen Nachrichtensendung dazu interviewt. Die Interviewerin hatte – wenn überhaupt – das Buch nur flüchtig gelesen. Sie unterstellte dem Verfasser er könne ein solches Buch als Muslim nur aufgrund von Vorurteilen gegen das Christentum schreiben. Von ihrer Linie ließ sie sich nicht abbringen. Es sei das peinlichste Interview von Fox-News gewesen, das jemals gesendet wurde, sind sich die wichtigen amerikanischen Medien einig. Auch in der deutschen Presse fand der Vorfall bereits einige Echos. So schrieb die Frankfurter Rundschau unter der Überschrift „darf ein Muslim das?“ am 2. August:

Das Jesus-Buch des Religionssoziologen Reza Aslan bringt Amerikas Konservative auf – immerhin äußert sich da ein Muslim über den Inbegriff des Christentums. Dass er dies äußerst fundiert tut, ist offenbar egal. Warum sollte ein Muslim ein Buch über Jesus schreiben? Ja, darf er das überhaupt? Ist er nicht zu beladen mit Vorurteilen? Mit solchen Fragen muss sich derzeit der angesehene Religionssoziologe Reza Aslan auseinandersetzen, dessen Buch „Zealot. The Life and Times of Jesus of Nazareth“ diese Woche in den USA erschienen ist. Ausgangspunkt der Kontroverse ist ein kurzer Text auf der Website des erzreaktionären Fernsehsenders FoxNews, in dem der Reporter John S. Dickerson kurzerhand fälschlich behauptet, Aslan und die linken Mainstream-Medien verheimlichten, dass er ein gläubiger Muslim sei. Das Buch sei keine historische Abhandlung, sondern lediglich „die Meinung eines gebildeten Muslims über Jesus“, das historische Vorurteile des Islam über den Messias verbreite… weiter hier

Das eigentliche Unbehagen an dem Buch seitens konservativer christlicher Kreise in den USA dürfte damit zusammenhängen, daß es – wie der Titel „Zealot … “ aussagt, Jesus mit den Zeloten, einer radikalen Gruppierung zur Zeit Jesu in Zusammenhang bringt, deren Exponenten durchaus gewalttätig sein konnten (mehr dazu hier.

Interessant ist daran, daß einem muslimischen Autor, der die fachliche Kompetenz hat, ein solches Buch zu schreiben in dem Moment diese Kompetenz abgesprochen wird, in dem er eine Definition der dominanten Gruppe – nämlich die der Angehörigen der christlichen Mehrheit – in Frage stellt.

In den englischsprachigen Ländern kamen vor inzwischen gut 15 Jahren im Bereich der „Ethnic Studies“ Diskussionen zur Fragestellung: „What do they tell about us“? Gemeint ist damit, was Angehörige der Mehrheitskultur („they“) über Minderheiten („us“) sprechen: Was wird wie erzählt, was wird verschwiegen, verdrängt und ausgeblendet. Welche Bilder und Stereotypen über Minderheiten werden weitergegeben? Welche Machtverhältnisse spiegeln sich in den Darstellungsweisen? Wenn sich aber Angehörige von Minderheiten das Recht nehmen, sich zu Sachverhalten zu äußern, welche die Angehörigen der dominanten Gruppe als „ihres“ betrachten, dann wird darauf reagiert, daß derjenige, der in der Minderheitenposition ist „dequalifiziert“ wird. (Darf der das – kann der das?). Birgit Rommelspacher, eine emeritierte Professorin hat diesen Mechanismus sehr anschaulich in ihrem Buch „Dominanzkultur“ analysiert.

Auch mir ist die Erfahrung nicht fremd. Wenn ich – meist – an evangelischen Fortbildungseinrichtungen Bibliolog-Kurse anbiete, dann wird explizit darauf hingewiesen, daß die Leitung „christlich-jüdisch besetzt“ ist. Alle Teilnehmenden wissen also vor dem Kurs, worauf sie sich einlassen. Ich bekomme sehr positive Rückmeldungen gerade auch im Hinblick darauf, wieviel sie davon mitnehmen, wenn bei den Texten, die erarbeitet werden auch eine jüdische Sichtweise eingebracht wird.

Schwierig wird es gelegentlich – durchaus nicht immer – wenn ich jemanden sagen muß, daß er / sie (noch) kein Zertifikat bekommen kann, weil die Fähigkeiten, die im Zertifikat bestätigt werden, beim Vorstellen des eigenen Bibliologs nicht (ausreichend) deutlich wurden. Ich erinnere mich noch deutlich, wie perplex ich war als dann eine Pfarrperson mit den Worten reagierte: „Das dürfen Sie nicht. Als Jüdin können Sie gar nicht beurteilen, ob das, was ich gemacht habe, gut oder schlecht ist. Sie müssen mir das Zertifikat geben.“ Wir haben dann ein sehr ausführliches Gespräch darüber geführt, daß es nicht um christliche Glaubensinhalte geht, über die ich mir ein Urteil erlaube, sondern, daß ich als Ausbilderin darauf schaue, wie der Bibliolog erarbeitet wurde und ob die methodischen Fertigkeiten, die wir eingeübt haben auch fachgerecht zum Einsatz kommen.

Auch in jüdischen Medien gibt es einige Artikel zum Jesusbuch von Reza Aslan, z.B. im Jewish Journal: Jesus, the Jew – Reza Aslan looks at the historical figure, before he became Christ.

Nachtrag (16. Dezember):
Inzwischen ist das Buch auch auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Zelot – Jesus von Nazareth und seine Zeit“. Das Kulturmagazin ttt – titel, thesen, temperamente hat darüber berichtet.

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