Unverständlich und unerfreulich: Bibliolog und Diakonie

Collage

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Im Dezember hatte ich mit mehreren Leuten Kontakt, die nicht PfarrerINNEN sind und als Mitarbeitende in diakonischen Einrichtungen bei mir einen Bibliolog-Grundkurs gemacht haben. Schon vor Jahren habe ich ein spezielles Kurskonzept für Bibliolog in sozialen, diakonischen und Kultureinrichtungen entwickelt.

Neben Pfarrern und Pfarrerinnen, die bei der Vorstellungsrunde eines Grundkurses im Rahmen eines Pastoralkollegs sagen, daß sie in großen diakonischen Einrichtungen arbeiten oder in Förderschulen für geistig Behinderte Religionsunterricht erteilen, haben so bei mir einige Leute bei mir einen Grundkurs gemacht, die als engagierte Christen in Einrichtungen der Diakonie arbeiten und eine berufliche Qualifikation als Sozialarbeiterin, Sozialpädagoge, Heilpädagogin und in einem Fall sogar eine Doppelqualifikation als Heilpädagogin UND Katechetin haben. Ihnen ist gemeinsam, daß sie einen Teil des Kurses ihre Freizeit einsetzen und ihn großenteils oder ganz selber bezahlt haben. (Pfarrer, Diakone und Gemeindepädagogen bekommen dafür komplett Fortbildungstage und einen sehr viel höheren Kostenanteil von ihrer Landeskirche erstattet).

In schöner Regelmäßigkeit werde ich mit den frustrierenden Erfahrungen konfrontiert, wenn Mitarbeiter in der Diakonie, die nicht Pfarrer, Diakone oder Gemeindepädagogen sind, in ihrem Arbeitsfeld dann Bibliolog praktizieren wollen – sei es in der Weihnachtsfeier der Wohngruppe oder einer Hausandacht. Es sind nicht die Kollegen, die auf gleicher Ebene arbeiten, die da mauern würden, sondern es ist die Ebene der Vorgesetzten, die das explizit verbietet.

Wie gesagt: Es handelt sich nicht um Leute, die da eben mal irgendwas, was sie sich flüchtig angelesen haben, an geistig Behinderten ausprobieren wollen, sondern es sind Leute, die als bewußte Christen einen besonderen Einsatz an Zeit und Geld geleistet haben, um einen Bibliolog-Grundkurs zu machen. Sie haben im Rahmen dieses Grundkurses einen Bibliolog speziell für ihr Arbeitsfeld und die spezielle Gruppensituation entwickelt. Sie haben diesen Bibliolog in der Ausbildungsgruppe angeleitet und dafür ein ausführliches Feedback bekommen. Sie haben für die Fortbildung eine Teilnahmebestätigung erhalten und ein Zertifikat des Bibliolog-Netzwerks, das ihnen detailliert bestätigt, daß sie die Grundfertigkeiten, die zum Anleiten eines Bibliologs nötig sind, erworben haben und in ihrem Arbeitsfeld einsetzen können.

Nach meinem Verständnis müßte sich eigentlich jeder diakonische Arbeitgeber freuen, wenn diese engagierten und fortgebildeten Mitarbeitenden das in ihrem Arbeitsbereich einbringen wollen. Das ist nicht der Fall. Sie bekommen statt dessen Prügel zwischen die Beine geworfen. In einer großen Einrichtung wurde die Hausandacht, die bis letztes Jahr wöchentlich stattfand, auf einen 14tägigen Rhythmus umgestellt – sehr zum Bedauern der BewohnerINNEN. Aber bevor man den Heilpädagogen ranläßt, der das sehr gern sogar in seiner Freizeit machen würde und in seiner Kirchengemeinde sehr engagiert ist, wird das Angebot reduziert.

Der Bibliologin mit der Doppelqualifikation (Heilpädagogik / Katechetik) wurde gar abverlangt, daß sie das erst einmal in einem Mitarbeitergremium (mittlere Führungsebene) einer großen diakonischen Einrichtung zeigen muß. Dann durfte sie das EINMAL mit den geistig Behinderten machen, bei denen es gut lief und ankam. Das ist inzwischen auch schon wieder mehr als eineinhalb Jahre her. Inzwischen hat die Mitarbeiterin „just for fun“ auch einen Aufbaukurs absolviert.

Will man Leute, die sich bewußt als Christen an ihrem Arbeitsplatz einbringen wollen, frustrieren? Müßte sich nicht jede diakonische Einrichtung über ein solches Engagement freuen? Kann jemand von den mitlesenden kirchlichen Hauptamtlichen etwas zu diesem Phänomen sagen?

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Immer noch neugierig …

Ich bin immer noch neugierig! Einige LeserINNEN haben mir durch ihre Blogs oder Kommentare ja schon ein Bild von sich vermittelt. Die stillen LeserINNEN aber … was sind das für welche?

Hat man seine Häkchen gesetzt, und auf “vote” geklickt, kann man das später nicht mehr ändern.

Diese Umfrage ist natürlich in keinster Weise repräsentativ.

Neues Aufbaukurs-Modul: Bibliolog mit biblischen Erzählfiguren

Im November hat die Konferenz der Bibliolog-Trainerinnen und Trainer beschlossen, daß ein neues Aufbaukursmodul eingeführt wird. Neben „Bibliolog mit nicht-narrativen Texten“, „Bibliolog mit Objekten“, „Encounter“ und „Sculpting“ wird als fünfte Variante „Bibliolog mit biblischen Erzählfiguren“ angeboten.

Vor zwei Jahren war ich eingeladen auf drei Fortbildungswochenenden für Gottesdienstbeauftragte der Diözese Berlin mitzuwirken. Das Rahmenthema waren die Begegnungen im Advent, wie sie im Lukasevangelium in den ersten beiden Kapiteln erzählt werden. Sie sollten erschlossen werden mit Bibliolog und biblischen Erzählfiguren. Den Teilnehmenden waren biblische Erzählfiguren bekannt, weil die zuständige Referentin aus dem Ordinariat immer wieder damit arbeitet. Bibliolog war für alle neu, wobei einige Bibliodrama-Vorerfahrung hatten.

Mich hat sehr beeindruckt, welche Differenzierungsmöglichkeiten die Kombination von Bibliolog und Erzählfiguren ermöglicht. Beim „Bibliolog mit Objekten“ kann durch Stühle Nähe und Distanz dargestellt werden, ob Menschen einander zugewandt oder abgewandt sind. Durch die Erzählfiguren wird noch eine zusätzliche, eine Tiefendimension eröffnet: Blickrichtungen, Berührungen, Gesten und Hierarchien können dargestellt werden und so können die unterschiedlichen Bilder, die Teilnehmende von einer biblischen Situation haben, thematisiert werden. Das emotionale Ausdruckspotential, das die Erzählfiguren ins Spiel bringen, erweitert das bibliologische Repertoire enorm. Diese Arbeitsform ist in der Gesamtgruppe möglich, aber auch in Teilgruppen kann gut mit diesem Zugang gearbeitet werden.

Manchmal sagen Bilder mehr als Worte. Deshalb stelle ich einige Fotos ein, die ich an diesen Wochenenden gemacht habe. Die Begegnungsgeschichten, die dazu gehören (Lukasevangelium Kapitel 1 und 2) können hier nachgelesen werden.

Zacharias Engel 1Zacharias Engel 2
Zwei Sichtweisen: Verheißung der Geburt Johannes des Täufers an Zacharias

Verkündigung 1Verkündigung 2
Zwei Sichtweisen: Die Ankündigung der Geburt von Jesus an Maria durch den Engel

Maria Elisabeth 2Maria Elisabeth2
Zwei Sichtweisen: Begegnung von Maria und Elisabeth

Anschließend wurden die einzelnen Szenen, die in verschiedenen Kleingruppen erarbeitet worden waren, zu einem Adventsweg gestellt:

Begegnungsgeschichten: Weg durch den Advent

Bibliolog und biblische Erzählfiguren: Weg durch den Advent


Danach hatten die Teilnehmenden Zeit, im Tagungshaus und der Umgebung unterwegs zu sein und wahrzunehmen, ob es einen Gegenstand gibt, der sie besonders anspricht in dem, was sie gerade bewegt und den sie dann dazulegen möchten.

Davon habe ich keine Fotos gemacht, was ich nachträglich interessant finde. Ich erinnere mich, daß ich die Teilnehmenden sehr als „bei sich“ erlebt habe als sie Orte für ihre Gegenstände und Symbole suchten und sich das, was sie bewegte, in der anschließenden Austauschrunde mitteilten. In den Gegenständen kam sehr viel katholische Volksfrömmigkeit speziell Marienfrömmigkeit zum Ausdruck.

Ich erinnere mich, daß ich es als schmerzhaft empfand und sehr ambivalent war, weil es sich – für mein Empfinden – vom Text weg bewegte. Man könnte es genauso als katholischen Midrasch interpretieren. Es wurde ganz handfest und konkret durch die Gegenstände deutlich, wie spätere kirchliche Traditionsbildungen die Wahrnehmung der biblischen Geschichte prägen und beeinflussen.

Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die mir gegenüber stellenweise sehr aggressiv reagierte, weil sie ihr Bild von Maria in Frage gestellt sah. Sie hatte sich viel mit einer italienischen Mystikerin beschäftigt, deren elfbändiges Werk ihr sehr wichtig war und das sie besser kannte als die neutestamentlichen Texte. Nach ihrer Vorstellung hat Maria immer in der Nähe des Tempels gelebt. Deshalb könne das, was ich über Maria sage, nicht der Wahrheit entsprechen. Keine intellektuelle Diskussion hätte diese Frau, die von der italienischen Mystikerin geprägt war, erreicht. Durch die Bibeltexte, Bibliolog und die Erzählfiguren wurde deutlich, wie sehr sie ins Nachdenken kam.

Noch jetzt zwei Jahre später denke ich gerne an diese drei Wochenenden zurück.

Zum Weiterlesen::
Ein Beispiel, wie im Unterricht mit Erzählfiguren gearbeitet werden kann – ohne Bezug zu Bibliolog – ist hier.

Videoclip Hermeneutik

Hermeneutik ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit Bibliolog immer wieder verwendet wird, denn der Bibliolog hat drei Wurzeln: Das Psychodrama, die (jüdische) Hermeneutik und die Literaturwissenschaft. Die Hermeneutik ist die Wissenschaft des Verstehens. Sie erforscht Versehensprozesse: Wie passiert Verstehen?

Ursprung und Geschichte des Begriffs Hermeneutik im christlich geprägten Kulturkreis vom Götterboten Hermes bis zu Hans Georg Gadamer (1900 – 2002) in knapp drei Minuten zeigt ein Video bei you.tube und zwar hier.

Chanukka beim lebendigen Adventskalender im Sprengelkiez

Chanukkia

Chanukkia

Jedes Jahr ist es spannend, wer zum Chanukka-Abend im Sprengelhaus kommt. Es ist immer eine ganz bunte Mischung. Dieses Jahr waren insgesamt 22 Menschen gekommen, sieben Teilnehmende der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt und ansonsten Bewohner und Bewohnerinnen aus dem Sprengelkiez und auch aus anderen Teilen Berlins und sogar aus Brandenburg.

Acht Kerzen wurden an diesem letzten Tag von Chanukka angezündet. Sie erinnern an das Ölwunder bei der Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem als die kleine Menge Öl, die eigentlich nur für einen Tag ausrechte, wunderbarerweise acht Tage – bis wieder neues koscheres Öl gepresst war – ausreichte. Die Chanukka-Geschichte erschlossen wir gemeinsam mit einem Bibliolog aus dem 1. Makkabäerbuch im 2. Kapitel. Beim anschließenden Essen – es gab Latkes (Kartoffelpuffer) mit Beilagen und Orangensalat mit Granatapfel – ergaben sich noch interessante Gespräche. Auch die Geschichte vom Wellensittich Dreidel von Isaak Bashevis Singer durfte nicht fehlen.

Alle Jahre wieder …

Logo vom Sprengelkiez für das Faltblatt vom lebendigen Adventskalender … und dieses Jahr zum 11. Mal gibt es im Sprengelkiez den LEBENDIGEN ADVENTSKALENDER, der interkulturell und interreligiös ist. Jeden Tag öffnen sich an ein oder zwei Orten im Kiez die Türen. Das Gesamtprogramm mit allen Veranstaltungen findet man hier.

Am Mittwoch, den 4. Dezember um 19.30 h wird es wieder einen Abend zum jüdischen Lichterfest Chanukka mit Geschichten, Kulinarischem und einem Bibliolog geben. Wir zünden acht Kerzen an.

Wer schon weiß, dass er / sie kommen möchte, möge eine kurze Mail an bibliologberlin (klammeraffe) googlemail (punkt) com schreiben. Das erleichtert die Essensplanung. Wer spontan kommt, ist genauso willkommen. Wer mag, kann sich an der kulinarischen Vorbereitung beteiligen (Obst, Säfte …).

Chanukka beim lebendigen Adventskalender
Mi 4. Dezember 19.30 h
Sprengelhaus
Sprengelstraße 15 (2. Hof, Veranstaltungsraum 2.OG)

Sufganiot