Bibliolog und Exerzitien auf der Straße in Flensburg


In der zweiten Augusthälfte hatte ich die Gelegenheit 10tägige Exerzitien auf der Straße mit Christian Herwartz (SJ), Klaus Mertes (SJ) und Beatrix Jessberger, einer reformierten Pfarrerin aus der Schweiz zu begleiten, weil eine andere Begleiterin krank geworden war. Der Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit hat über diese Straßenexerzitien einen Artikel verfaßt, der mir gut gefällt.

Für mich waren diese Tage eine besondere Erfahrung, weil Flensburg der Ort ist, an dem ich im letzten Jahr selbst erstmals an 10tägigen Straßenexerzitien teilgenommen habe und danach inzwischen mehrmals Exerzitien auf der Straße begleitet habe. In Plötzensee konnte ich dann im Frühjahr erstmals zum Abschluß der Straßenexerzitien einen Bibliolog durchführen und zwar zur Emmausgeschichte. Die Fragen habe ich dabei so entwickelt, daß sie den Prozeß der Straßenexerzitien in den Blick genommen und verdichtet haben (mehr dazu hier).

Seitdem hat mich die Frage beschäftigt, wie es wäre und welche Auswirkungen es hätte, wenn mehrere Impulse auch in bibliologischer Form von den Teilnehmenden aufgenommen werden würden. Bei den Straßenexerzitien ist der erste Impuls, der von der Leitung gegeben wird ein Vers aus der Geschichte von der Aussendung der Jünger (Lk 10 Vers 4):

„Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Sandalen. Haltet euch unterwegs nicht mit langen Begrüßungen auf“.

Verbunden wird diese Anweisung von Jesus an seine Jünger mit der Empfehlung an die ExerzitienteilnehmerINNEN zu schauen, wie sie mit ihrem Geldbeutel, ihren Vorratstaschen umgehen wollen, was ihnen gut tut zurückzulassen (Handy, Bücher etc.) und welche Schuhe sie ausziehen müssen, um offen für die Berührung mit dem heiligen Boden zu werden (Schuhe des Weglaufens, des Herabsehens auf andere …) und welche Höflichkeitsgebote (grüßt niemand) sie beiseite lassen wollen.

In der zweiten Phase der Straßenexerzitien wird die Geschichte von Moses am brennenden Dornbusch (Exodus 3 / Schemot Kap 3) eingeführt um den eigenen G-ttesnamen zu finden. In der Schlußphase beim Übergang in den Alltag wird die Emmausgeschichte (Lukasevangelium Kap 21) entfaltet. Neben diesen drei Impulsen, die immer vorkommen, ist es von den Prozessen in der Gruppe abhängig, welche anderen Texte noch zur Sprache gebracht werden.

Meine Überlegung war, daß es wenig sinnvoll ist, wenn die Texte erstmals den Teilnehmenden vorgestellt werden dies in Form eines Bibliologs zu tun, denn der Bibliolog setzt auf Diversität. Und was ansonsten seine Stärke ist, könnte hier die Teilnehmenden von ihren eigenen Themen, die von den Geschichten berührt werden, ablenken. Aber abends, wenn es vor dem Abendessen einen spirituellen Impuls in unterschiedlichen Formen gibt, könnte der biblische Impuls nochmals über einen Bibliolog aufgenommen werden. An dieser Stelle würde durch die Unterschiedlichkeit der Teilnehmenden und ihres Erlebens durch die biblische Rolle, in der sie sprechen, die Wahrnehmeng des Textes für die Einzelnen eine Vertiefung und Erweiterung erfahren.

So habe ich die Geschichten vom brennenden Dornbusch, von Hagar, die in die Wüste flieht (Genesis 16 / Bereschit Kap 16) und den Weg nach Emmaus bei abendlichen Treffen als Bibliolog eingebracht. Die gemeinsame Auslegung der Texte auf diese Weise, die von den Erfahrungen, die die einzelnen tagsüber auf ihren Wegen durch Flensburg gemacht hatten, war von einer außergewöhnlichen Dichte und Tiefe. Einige, die schon mehrmals an Straßenexerzitien teilgenommen hatten, erzählten mir, daß – so nahmen sie es wahr – auch der Austausch in den abendlichen Kleingruppen durch die Bibliologe noch andere Zugänge und Facetten anschaubar und besprechbar machten und so der Austausch insgesammt durch die Bibliologe gewonnen habe.

Mich hat es jedenfalls ermutigt, auf dieser Strecke weiterzumachen.

Mehr zu Exerzitien auf der Straße steht hier.

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Ein Gedanke zu „Bibliolog und Exerzitien auf der Straße in Flensburg

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