Weihnachten: christlich und interreligiös mit Bibliolog

„Matthäus oder Lukas“ fragte mein buddhistischer Mitbewohner als wir uns bereit erklärt hatten, den zweiten Teil der jährlichen Weihnachtsfeier unserer internationalen, interkulturellen und interreligiösen Wohngemeinschaft vorzubereiten. Mit vielen Gästen würden wir an die dreißig Menschen aus vier Kontinenten (nur Australien fehlt) und unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Traditionen sein (christlich, muslimisch, jüdisch, buddhistisch und säkular).

Zwei Mitbewohnerinnen (katholisch und evangelisch) würden uns eine Stunde auf Advent einstimmen: Sehnsucht und Erwartung. Dann wären wir dran mit Weihnachten. Schon in der letzten Woche haben zwei Mitbewohner die Koran-Suren vorgetragen, die sich auf die Geburt von Jesus (Isa) beziehen: Maria, die unter einer vertrockneten Dattelpalme Zuflucht findet, die dann zum Blühen kommt und Früchte abwirft: Was für ein schönes Bild.

Nun aber die Frage: „Lukas oder Matthäus“ – für mich bündelt sich darin die Frage: Eher die Perspektive von Maria (Lukas) oder von Josef (Matthäus)? Was ich nicht wollte, war ein Sammelsurium aus beidem, sondern die Geschichte verständlich(er) machen und vertiefen durch die Konzentration auf eine Perspektive und einen Raum eröffnen für Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Religionen – egal wie gut oder schlecht sie deutsch verstehen und sprechen.

Josef, der träumt und die Geschichte einer Flucht: Die Bilder aus den Nachrichten vergangener Monate legen für mich die Erzählung des Matthäus nahe und auch die Tatsache, daß ein großer Teil der mit uns Feiernden eigene Fluchterfahrungen hat. Auch Matthäus, dem das erste Evangelium zugeschrieben wird, soll ein Flüchtling in Syrien gewesen sein.

Im Adventskalender vom „Doppelblog“ fand ich einige Gedichte, die mich ansprachen und eines, das mir passend erschien als Hilfe zur Hinführung für den Bibliolog. Da ich nicht wußte, wer unter unseren Gästen sein würde und wie das deutsche Sprachverständnis sein würde, stellte ich mich darauf ein, eventuell den Bibliolog um zwei Fragen zu kürzen und zweisprachig anzuleiten.

Für die Hinführung entschloß ich mich, den Schwerpunkt auf Matthäus zu legen, der als Geflüchteter in Syrien lebt und einer Gruppe der Jesus-Bewegung, die dort lebt, das Leben von Jesus nahe bringen will. Es sind Juden, an die er sich wendet. Deshalb kann er die Kenntnis der Torah voraussetzen und nimmt Moses und das Exodusgeschehen als Modell für die Jesusgeschichte, die er niederschreiben will.

Durch einen Stammbaum vermittelt er die Herkunft von Jesus über Josef und erzählt dann die Geschichte von der Geburt. Im Traum erscheint dem Josef ein Engel, der ihm die Anweisung gibt Maria zu sich zu nehmen und das Kind, das sie gebären wird, Jesus zu nennen. Ich lade die Runde der Weihnachten feiernden in die Rolle des Josef ein, der nach diesem Traum aufwacht. Die Worte des Engels klingen in ihm nach. Wie hört er das in seiner Situation?

Die Geburt von Jesus wird kurz und knapp erzählt. Dann ist von gelehrten Männern, Sterndeutern aus dem Osten, die Rede. Sie machen sich auf einen langen Weg. Was bringt sie dazu, sich auf diesen weiten Weg zu machen, der mit vielen Strapazen verbunden ist? Die Atmosphäre in der Gruppe ist sehr konzentriert und dicht. Die Notwendigkeit zu übersetzen und in zwei Sprachen zu arbeiten stört überhaupt nicht. Was bewegt die besuchten Eltern angesichts der Fremden, die bei ihnen ankommen und der Gaben, die sie mitbringen?

Und wieder träumt Josef. Ein Engel gibt ihm die Anweisung mit Mutter und Kind nach Ägypten zu fliehen um das Kind zu retten. In diesen Aufbruch frage ich hinein. Bewegend ist, wie eigene Aufbruchserfahrungen von Geflüchteten hörbar werden können im Schutz der Geschichte.

Mein Mitbewohner hatte sich mit der Person des Josef befaßt, der in der christlichen Tradition neben Maria eher blass und unscheinbar wegkommt, was von seiner Darstellung im Matthäusevangelium nicht abgedeckt ist. Er hört auf seine Träume und tut im Alltag, was dran ist. Der biblische Josef als „Nährvater“ von Jesus könnte für heutige Männer anregend sein. Dann bekamen wir noch eine Geschichte aus der Zen-Tradition erzählt, in der ein Zen-Meister sich in einer ähnlichen Situation wie Josef befand.

Da die Zeit schon fortgeschritten war, verschoben wir die Koran-Sure, in der die Geburt von Jesus erzählt wird, auf einen späteren Zeitpunkt. Eine Lied-Rezitation, die von dieser Sure inspiriert ist, findet sich auf dem Blicktausch-Blog.

Zum Weiterlesen:
Der Doppelblog-Adventskalender ist hier
Einen Radio-Beitrag über die WG gibt es hier

 

 

 

 

Chanukka beim lebendigen Adventskalender 2015

Auch dieses Jahr findet im Sprengelkiez der interkulturelle lebendige Adventskalender statt. Wie auch in den letzten 12 Jahren geht jeden Abend eine – manchmal auch eine zweite – Tür auf. Einzelpersonen, Gemeinden, Gruppen oder Initiativen laden dazu ein, sich zu begegnen und kennenzulernen.

Bei Wedding Art kann man bei Keksen und Getränken die neueste Ausstellung Weddinger Künstler sehen und ins Gespräch kommen. Der interkulturelle Garten „Himmelbeet“ bietet Basteln mit Recyclingmaterialien an. In der Osterkirche stellen die „Zukunftsdetektive“ ihre Aktivitäten vor. Ein traditionelles amerikanisches Singen findet in der Plauderecke statt. Türkische Familien laden ein. Das interkulturelle Cafe öffnet seine Türen.

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Chanukkia

Auch die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt ist wieder dabei.

Am Mittwoch den 9. Dezember ab 19.30 h gibt es eine Chanukka-Geschichte als Bibliolog und kulinarische Köstlichkeiten. Auch persönliche Begegnungen und Gespräche werden nicht zu kurz kommen. Und wenn die Zeit noch reicht, gibt es auch noch andere Chanukka-Geschichten. Wir treffen uns im Veranstalgungsraum vom Sprengelhaus in der Sprengelstraße 15 (2. Hinterhof / 2. Etage).

Wer mag, kann Nüsse, Mandarinen oder Saft mitbringen. Für die Raumnutzung wird um eine Spende nach Selbsteinschätzung gebeten.