Karwoche und Ostern im Bibliolog

Aus den Anfragen, die über Suchmaschinen kommen, wird deutlich, daß gerade die Vorbereitung der Gottesdienste in der Karwoche und für Ostern dran ist. Deshalb kommen die Suchbegriffe Salbung von Bethanien, Einzug in Jerusalem, Palmsonntag, Abendmahl, Tischabendmahl, Fußwaschung, Verrat des Judas, Verleugnung des Petrus, Abschiedsreden im Johannesevangelium, Emmaus in Zusammenhang mit „Bibliolog“ und „Entwurf“ oder „Vorlage“. Vor längerer Zeit habe ich bereits beschrieben, warum es im Internet keine tauglichen Vorlagen bzw. Entwürfe für Bibliologe oder „fertige Bibliologe“ gibt und zwar hier.

Suchbegriffe im April

Bibliolog ab welchem Alter
Hier verweise ich auf meinen Artikel Ab welchem Alter geht Bibliolog mit Kindern

Bibliodrama Anleitung
ist im Internet nicht möglich – was auch für Bibliolog gilt. Warum beschreibe ich in dem Artikel Warum es im Internet keine Vorlagen, Entwürfe, Anleitungen für Bibliologe gibt

Esaus Linsengericht Rezept
Aus der Bibel kann man keine Rezepte ableiten, aber eine Annäherung ist hier zu finden mit Zutaten, die es zu biblischen Zeiten gab

Altes Testament hebräisch mp3
findet man kapitelweise bei Mechon Mamre. Zu beachten ist, daß der Aufbau der hebräischen Bibel (Tanach) anders ist als bei christlichen Bibeln.

 

ein Geschenk der Götter – oder: Was ist Rezeptionsästhetik?

Bibliolog hat drei Grundlagen: das Psychodrama, der Midrasch (Praxis jüdischer Schriftauslegung) sowie die Rezeptionsästhetik, einem Ansatz aus der Literaturwissenschaft. Die Rezeptionsästhetik geht davon aus, dass Leserinnen und Leser (Rezipentinnen und Rezipienten) beim Erzeugen eines Textsinns eine aktive Rolle spielen (mehr dazu hier). Immer wieder habe ich mich gefragt, wie ich in Bibliolog-Grundkursen möglichst anschaulich vermitteln kann, was „Rezeptionsästhetik“ bedeutet. Dabei kam mir das Kino zu Hilfe, genauer gesagt der Film „ein Geschenk der Götter“. In meiner Schulzeit habe ich mich in der Oberstufe ausführlich mit den verschiedenen Fassungen des Dramas „Antigone“ beschäftigt (Sophokles, Bertolt Brecht, Jean Anouilh). Deswegen sprach mich letzten Herbst eine Kinovorschau an, die eine Komödie zu diesem Thema ankündigte. Kurz der Inhalt: Eine arbeitslose Schauspielerin bekommt durch die für sie zuständige Sachbearbeiterin die Möglichkeit mit einigen Langzeitarbeitslosen einen Theaterkurs abzuhalten. Sie wählt „Antigone“ aus, was erst einmal auf mäßiges Interesse bei den Beteiligten stößt. Zunehmend verknüpfen die am Theaterprojekt Beteiligten ihre Lebenssituation mit dem Theaterstück und interpretieren ihr Leben auf der Folie der Antigone. Und hier ist die Parallele zu dem, was wir im Bibliolog machen, nämlich eine Verbindung anzubieten, wie sich biblische Geschichten und Texte mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen lassen. „Ein Geschenk der Götter“ zeigt, was Rezeptionsästhetik ist und wie sie „funktioniert“. Seit 20. April 2015 ist der Film auch als DVD erhältlich.

Videoclip Hermeneutik

Hermeneutik ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit Bibliolog immer wieder verwendet wird, denn der Bibliolog hat drei Wurzeln: Das Psychodrama, die (jüdische) Hermeneutik und die Literaturwissenschaft. Die Hermeneutik ist die Wissenschaft des Verstehens. Sie erforscht Versehensprozesse: Wie passiert Verstehen?

Ursprung und Geschichte des Begriffs Hermeneutik im christlich geprägten Kulturkreis vom Götterboten Hermes bis zu Hans Georg Gadamer (1900 – 2002) in knapp drei Minuten zeigt ein Video bei you.tube und zwar hier.

Gewalt-Texte im Bibliolog

Im Nachgespräch der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt zu den „drei Jünglingen im Feuerofen“ (Daniel Kap. 3) kam die Frage auf, ob dieser Text überhaupt bibliologtauglich ist wegen der doch sehr gewalttätigen Bilder von der Szene im Feuerofen und den Wächtern, die dabei umkommen.

Die Frage ist sehr berechtigt und ich denke, daß dieser Text nur in sehr speziellen Situationen angeleitet werden sollte. Meist ist es ja im kirchlichen Kontext so, daß Bibliolog gemacht wird um ein Thema zu eröffnen und in den wenigsten Fällen angekündigt wird. Da Bibliolog davon lebt, daß die persönliche Erfahrungsebene bei den Teilnehmenden angesprochen wird, muß die Leitung immer im Blick haben, daß bei Teilnehmenden mit entsprechenden Vorerfahrungen Erinnerungen und Gefühle aktiviert werden, die im Rahmen des bibliologischen Geschehens nicht bearbeitet werden können – weil der Rahmen dafür fehlt.

Die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt unterschiedet sich davon, weil hier schon immer im Voraus das Thema angekündigt ist und sich die Teilnehmenden bewußt entscheiden, an diesem Abend zu kommen.

Die Verantwortung der Leitung im Prozeß des bibliologischen Geschehens hat Peter Pitzele folgendermaßen beschrieben:

„Bibliolog entwickelt einen Teil seiner Kraft aus dem Nährboden der persönlichen Geschichte, die unterhalb unserer aktiven Interpretation liegt. Es ist weder meine Aufgabe als Leitung, diese tieferen Schichten der Erinnerung und der persönlichen Geschichte an die Oberfläche zu zerren, noch, sie deutlicher zu machen, als die Betreffenden es freiwillig anbieten. Es ist aber auch nicht meine Aufgabe, diese Informationen zu unterdrücken. Meine Aufgabe ist es, dem Prozess zu vertrauen und durch meine Leitung und die von mir gesetzten Schranken sicherzustellen, dass diese Arbeit in interpretativem Spiel, die den Text und die Person miteinander verwebt, weder den Text noch die Person verletzt.“ (Scripture Windows, Übersetzung: Iris Weiss)

Wenn in einer besonderen Situation ein solcher Text bearbeitet wird, ist es wichtig die Fragen so zu formulieren, daß nicht in die Gewaltszene hinein gefragt wird, sondern die Gewaltszene wird erzählend zusammengefaßt oder vorgelesen. Sie bildet keinesfalls den Schwerpunkt des Bibliologs. In unserem Bibliolog ging es um Identität, Widerstand, Macht, Zivilcourage und Mitmachen gegen bessere Überzeugung. Ich hatte diesen Bibliolog nicht bewußt für den 30. Januar geplant, aber da er an diesem Tag stattfand, spielte in unserem Nachgespräch die Machtübernahme von Adolf Hitler und wie man nach der Schoah diesen Text lesen und verstehen kann, eine zentrale Rolle.

Texte, in denen ein Gewaltgeschehen eine zentrale Rolle spielt, sind nicht bibliolog-tauglich (z.B. „Opferung“ Isaaks, Kain und Abel (Brudermord), Vergewaltigung der Dinah oder Jephthas Tochter)

Wortwolke im Juni 2012

Wortwolke Juni 2012

Was noch gefragt wurde und ohne Antwort blieb:

Text der Emmausgeschichte
auf Papier: Im Lukasevangelium Kapitel 24 ab Vers 13; online bei http://www.bibelserver.de

Wortwolke christlich
??? Wortwolken jeglicher Art kann man bei wordle.net erstellen

konflikte mit der kirche abendmahl in emmaus
Kirche gab es erst später und vom Abendmahl ist in der Emmausgeschichte auch keine Rede. Über die Konflikte in der Jesusbewegung gibt es einiges in der Apostelgeschichte nachzulesen.

Bibliologe für Frauen
Ja, klar: Schauen, was die Frauen bewegt, welcher Text dazu paßt und inwieweit der „bibliologtauglich“ ist.

Priester Schlachter Malerei
auf jeden Fall eine ungewöhnliche berufliche Kombination

Schawuot in der Bibel
Die Gabe der Torah ans jüdische Volk kann man im 2. Buch Mose (Exodus) – Schemot – in den Kapiteln 19 und 20 nachlesen. Die Gebote für die Erstlingsfrüchte (Bikkurim) der Ernte findet man … und im Talmud-Traktat Bikkurim.

Wei heißt die Werkstatt von Marc Chagall heute
vermutlich ist das Marc-Chagall-Museum in Nizza gemeint?

Wortwolke: Suchbegriffe im April

Screenshot Suchbegriffe April 2012

Spitzenreiter war auch in diesem Monat „Bibliolog“ kombiniert mit „Beispiel“. Auf dem zweiten Platz war die Suche nach einer Bibliologvorlage zu Emmaus. Ich vermute, das ist auf das Kirchenjahr zurückzuführen.

Erstaunlich ist immer wieder, welche Kombinationen zum Weblog führen, obwohl ich nie dazu etwas geschrieben habe, wie etwa:
Mord Wutzkyalle Berlin. Auch ein Wort in kyrillischer Schrift taucht unter den Suchbegriffen auf: шагал библия
Erstaunlich, da ich keine Sprache spreche, in der dieses Alphabeth verwendet wird.

Zum Weiterlesen:
Warum es im Internet keine Vorlagen für Bibliologe gibt

Bibliolog zweisprachig

Peter und Susan Pitzele

Von Mitte bis Ende März waren Peter und Susan Pitzele in der Schweiz unterwegs. Mehrere Seminar- und Vertiefungstage mit unterschiedlichen Gruppen sowie die Präsentation einer deutschen Ausgabe von Peter Pitzeles Buch (dazu später mehr) standen auf dem Programm.

Für Samstag den 31. März war ein Tagesseminar „Bibliolog als zeitgenössischer Midrasch und kontextuelle Bibelauslegung“ an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Basel geplant. Obwohl viel dafür geworben wurde, kamen außer den Organisatoren leider nur 9 Teilnehmende, diese jedoch aus der ganzen Schweiz. Ich hatte mich am Tag zuvor von Berlin aus auf den Weg gemacht. Aus der Ausschreibung war nicht ersichtlich, daß das Seminar auf englisch stattfinden würde, da Peter und Susan Pitzele kein Deutsch sprechen. So war eine Teilnehmende gekommen, die kein Englisch sprach und nur einzelne Worte verstand. Deshalb wollte die junge Frau nach einer kurzen Einführung gehen.

Ich bat sie – falls es wirklich nur an den mangelnden Sprachkenntnissen liegen sollte – zu bleiben; wir würden sicher eine Möglichkeit finden, den Bibliolog so laufen zu lassen, daß sie teilnehmen kann. Nach einer Vorstellungsrunde und einer Anwärmübung, die zum Bibliolog hinführte machten wir erst einmal eine Pause mit Kaffee und Croissants.

Peter Pitzele bat mich, den Bibliolog zum Buch Ruth nicht nur zu übersetzen, sondern gemeinsam mit ihm zu leiten. Zuerst übersetzte ich jede Äußerung. Das machte den Ablauf des Bibliologs etwas schwerfällig, denn nach der Teilnehmeräußerung wurde diese übersetzt. Dann kam das Echoing dieser Äußerung. Diese wurde auch wieder übersetzt, dann ging es weiter. Ich stieg dann darauf um, erst nach dem Echoing zu übersetzen und zwar eine Zusammenfassung von der ursprünglichen Äußerung des Teilnehmenden und dem Echoing. Dabei muß man einen Kompromiß finden zwischen dem sprachlichen Duktus der Teilnehmeräußerung und des Echoing.

Eine zusätzliche Ebene kam dadurch ins Spiel, daß ich auch Fragen zum Text entwickelte und stellte. Dieses Vorgehen war nur möglich, weil ich bereits vor einigen Jahren im Rahmen eines Pessach-Seders mit Peter Pitzele zusammen einen Bibliolog angeleitet habe – damals allerdings einsprachig englisch. Für mich war beim Workshop in Basel besonders wichtig, daß der Bibliolog inklusiv war, also auch der Teilnehmerin, die nicht Englisch sprach, ein Mitmachen ermöglichte.

Warum es im Internet keine Vorlagen oder Entwürfe für Bibliologe gibt

Seit ich den Beitrag beliebteste Texte für Bibliologe eingestellt habe, landen über Suchmaschinen immer mehr Anfragen hier, die anscheinend Vorlagen für Bibliologe suchen. Es sind etwa 80 % der Anfragen und vermutlich wären es mehr, wenn ich noch mehr Schlagworte zu Bibeltexten hinzufügen würde. Renner sind die Predigttexte vom kommenden Sonntag nach der Ordnung der evangelischen Kirche. Den Suchenden sei gesagt: Das werden Sie weder hier noch an anderer Stelle im Internet finden.

Abgesehen von den drei Beispielen auf der Bibliolog-Netzwerk-Seite gibt es im Internet keine zum Einsatz in der Praxis tauglichen Bibliologe. Wer Bibliolog gelernt hat, weiß um die Komplexität dieses Zugangs und damit verbunden die Herausforderungen, die im Anleiten von Bibliologen und wird deshalb nicht mal so eben Bibliologe ins Netz stellen, abgesehen von einigen wenigen Beispielsequenzen in Fachzeitschriften (z.B. unter dem Headerbild die Rubrik „Texte“).

Wer Bibliolog gelernt hat, weiß, daß es beim Bibliolog um eine Grundhaltung des Respekts sowie handwerkliche Fähigkeiten geht, die eine gewisse Einübung und ein Feedback brauchen. Mit einigen Fragen allein ist kein Bibliolog handwerklich gut und solide durchzuführen. Jeder Bibliolog wird mit Blick auf eine bestimmte Gruppe, deren Themen und Situation vorbereitet. So ist ein Bibliolog über den Besuch von Jesus bei Martha und Maria für eine Religionsstunde in einer Grundschulklasse völlig anders als für einen Familiengottesdienst, eine Frauengruppe oder eine Wohngruppe für geistig behinderte Erwachsene. Wer das Anleiten von Bibliologen gelernt hat, bekommt in diesem Prozess ziemlich schnell mit, welche Verantwortung damit verbunden ist, und zwar gegenüber dem Text, den Teilnehmenden und dem Prozeß.

Deshalb ist meine Empfehlung an diejenigen, die über Suchmaschinen hier landen in der Hoffnung fertige Bibliologe zu finden, sich auf einen Bibliolog-Grundkurs einzulassen, obwohl sich hier vermutlich die Katze in den Schwanz beißt, denn wer fertige Bibliologe im Netz sucht, tut dies vermutlich gerade, weil er / sie keinen Grundkurs machen will oder kann.

Zum Weiterlesen:
Was passiert in einem Bibliolog-Grundkurs?

Nachtrag August 2011:
Nachdem täglich mehrere Nutzer auf das Weblog kommen, die Bibliolog-Beispiele suchen, habe ich mir angeschaut, was unter diesen Schlagwort (oder auch Entwurf, Vorlage) im Internet inzwischen zu finden ist, und bleibe bei meiner Einschätzung. Die Fragen, die in manchen „Arbeitshilfen“ vorgeschlagen werden, sind teilweise haarsträubend, weil sie nicht in den Text hineinführen oder Antworten vorweg nehmen, die der weitere Verlauf des Textes anders erzählt. Eine solide Kenntnis der Grundlagen bibliologischen Arbeitens kann ich aus solchen Beiträgen nicht ersehen und rate deshalb von der Verwendung ab.

Nachtrag Januar 2012:
So findet sich auf einem Weblog ein Bibliolog zur Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 vorgestellt. Die besondere Qualität eines Bibliologs liegt darin, daß nicht ÜBER einen Text gesprochen wird, sondern die Teilnehmenden in einen Text eintauchen. Dazu ist eine anschauliche erzählende Hinführung nötig. Bei diesem „Bibliolog“-Beispiel werden den Teilnehmenden belehrend und referierend einige Informationen geliefert. Ein Eintauchen in den Text ist so nicht möglich, deshalb bleibt dieses Beispiel auf der Ebene des Darüberredens hängen – nur dass das in Rollen passiert, wobei die Rollenzuweisungen an die Teilnehmenden nicht sauber gestaltet sind. Eine Rolle „ALLE“ gibt es beim soliden bibliologischen Arbeiten nicht, denn „ALLE“ ist zu diffus, als dass es eine konkrete Rollenidentifikation zulassen könnte. Abgesehen davon führen die beiden Fragen an „ALLE“ nicht in den Text hinein, sondern daran vorbei. Sie eröffnen eine Projektionsfläche für alle möglichen Spekulationen und Assoziationen, aber leiten keine solide Arbeit am Text entlang ein. Da die Hirten und Hirtinnen beschließen, nach Bethlehem gehen zu wollen – so sagt es der Text – trägt die Frage, was sie da genau wollen wenig bis nichts für die Textauslegung aus. Im Extremfall kann es darauf hinauslaufen, dass die Teilnehmenden etwas anderes sagen, als das, was später im Text erzählt wird.

Dieser „Bibliolog“ wäre sehr geeignet für die Arbeit in einer Regionalgruppe, in der sich Menschen treffen, die einen Bibliolog-Grundkurs gemacht haben, denn man kann mit diesem Entwurf sehr schön (fast) alle Anfängerfehler aufzeigen. Ähnliches gilt für die Heilung des Aussätzigen auf dem gleichen Weblog. Auch bei dem Bibliolog zu einem nicht-narrativen Text aus dem 1. Korintherbrief sieht es katastrophal nicht besser aus: Es gibt keine Hinführung, sondern eine Instruktion bzw. Belehrung. Auch hier gibt es keine sauberen Rollenzuweisungen, weshalb der Schutz durch die Rolle nicht gewährleistet ist. Es ist klar, daß die in der Rolle geäußerte Beitrag der Meinung des Gottesdienstbesuchers heute ist. Die Fragen zielen vorwiegend auf theologische Richtigkeiten – an einer Stelle wird deutlich antijüdischen Stereotypen Vorschub geleistet.
Fazit: Nicht jede Übung, die durch einen Fragestil vorgibt, Bibliolog zu sein, ist auch Bibliolog.