Die Spiel-Schule

Screenshot: Spielschule

Screenshot: Spielschule

Die Zeit vom 17. Januar 2013 berichtet über eine Schule in Dänemark, in der alle Unterrichtsinhalte über Rollenspiele vermittelt werden und fragt, was das über den Unterhaltungswert hinaus noch bringt. Dieses Schulmodell gibt es für 8 – 10.Klässler und 15 % der dänischen Schüler verbringen mindestens ein Jahr an einer solchen Schule. Bei den Abschlußprüfungen schließen die Schüler der Rollenspiel-Schule etwas besser ab als ihre Altersgenossen.

Neue Rubrik „Texte“

Textraum Titelbild

Textraum Titelbild

In den letzten Jahren habe ich einige Artikel über Bibliolog in der Zeitschrift „Textraum“, die von der Gesellschaft für Bibliodrama halbjährlich herausgegeben wird, veröffentlicht. Leider waren die Beiträge immer nur zeitlich befristet auf der Textraum-Internetseite abrufbar und so laufen einige Links in diesem Blog ins Leere. Deshalb richte ich eine neue Rubrik „Texte“ unter dem Headerbild ein. Wenn man mit dem Mauszeiger auf „Texte“ geht, dann werden die Titel der einzelnen Texte gelistet und man kann den gewünschten Beitrag anklicken.

Als erstes stelle ich den Artikel „Jonas, der Midrasch und G-tt im Bibliolog“ ein, der auf eine überraschende Erfahrung zurückgeht, die ich bei einem Bibliologabend im Rahmen eines christlich-jüdischen Dialogs machte, zu der ein – nach gängigen Maßstäben geistig-behinderter – junger Mann namens Jonas kam. Dieser Abend ist ein eindrückliches Beispiel wie „inklusiv“ Bibliolog ist. Viel Spaß beim Lesen – auch der anderen Beiträge, die ich nach und nach einstellen werde.

Rezension: Du bist mein Gott, den ich suche Psalmen lesen im jüdisch-christlichen Dialog

Eine Veranstaltungsreihe „Bibel und Bach“ sowie eine jüdisch-christliche Bibelgesprächsgruppe führte zur Entstehung dieses Buches, in dem Pfarrerin Marion Gardei und Rabbiner Andreas Nachama gemeinsam den Versuch unternehmen, zwölf Psalmen „vom Ursprung und von unserer Tradition her zu erklären“ – wie es im Vorwort heißt.

Nach einer allgemeinen Einführung über Ursprünge, Entstehung, Struktur-, Sprach- und Stilelemente, sowie Psalmen im Gottesdienst in der jüdischen bzw. der christlichen Tradition werden zwölf ausgewählte Psalmen erschlossen (1,2,16,19,22,23, 87 92, 93, 95, 118, 121, 145 und 150).

Die Kapitel über die einzelnen Psalmen sind nach folgendem Muster in mehreren Abschnitten aufgebaut: Zuerst wird der Psalm in der Luther-Übersetzung (revidierter Text von 1984) abgedruckt.

AUF DEN ERSTEN BLICK“ vermittelt eine erste Einschätzung über Form (Lobeshymne) und Hauptthema (z.B. Gottvertrauen).

Der Abschnitt „DEN URSPRUNG WAHRNEHMEN“ verweist auf (mögliche) Entstehungszusammenhänge und Sitz im Leben (Wallfahrtspsalm, Tempelliturgie …) und literarischer Zuordnung innerhalb des Psalmenbuches (alphabetisch aufgebauter Kunstpsalm). Dieser Abschnitt ist manchmal sehr knapp gehalten und dann wieder eine ausführlichere Texterschließung im Stil des „close reading“ (genauen Lesens).

Der Abschnitt „DEN TEXT BETRACHTEN“ erschließt Aufbau und Gliederung des Psalms, benennt Strukturelemente, beschreibt sprachliche Besonderheiten und gibt Querverweise zu parallelen Motiven oder Strukturen in anderen Psalmen.

AUS JÜDISCHER PERSPEKTIVE“ bringt unterschiedliche Aspekte jüdischer Schriftauslegung aus verschiedenen Perioden ein und benennt, wo der Psalm im täglichen Gebet, an Feiertagen oder Lebensereignissen (Beerdigung) vorkommt.

VOR CHRISTLICHEM HINTERGRUND“ zeigt auf, wo die Psalmen im Neuen Testament aufgenommen und zitiert werden, wie Jesus sich auf sie bezieht (Psalm 22), über das Vorkommen in der christlichen Liturgie oder wie evangelische Theologen (Martin Luther, Johannes Calvin, Dietrich Bonhoeffer) sich auf sie beziehen sowie Beispiele, wie Psalmen in der christlichen Kunst und in der Kirchenmusik aufgenommen und gestaltet werden.

Im Abschnitt „PERSÖNLICH GESEHEN“ verweist (meist) der Autor oder (gelegentlich) die Autorin auf Details, die ihm oder ihr im Hinblick auf die eigene Lebenspraxis von besonderer Bedeutung sind.

Am Schluß eines jeden Kapitels wird der jeweilige Psalm nochmals in einer anderen Übersetzung, Übertragung oder Nachdichtung abgedruckt (Moses Mendelssohn, Max Albrecht Klausner, Samson Raphael Hirsch, Martin Buber, Bibel in gerechter Sprache). Das Buch ist sehr schön gestaltet. Man nimmt es gern in die Hand. Ein ausführliches Literaturverzeichnis gibt vielfältige Anregungen zur weiterführenden Lektüre.

Das Buch gibt vielfältige Einblicke, besonders für interessierte Einsteiger im Bereich des christlich jüdischen Dialogs und regt die LeserINNEN zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Psalmen an.

Dennoch bin ich als jemand, der selbst seit vielen Jahren im christlich-jüdischen und interreligiösen Gespräch engagiert ist, von diesem Buch teilweise enttäuscht, denn bei den Abschnitten zum „christlichen Hintergrund“ finde ich zwar sporadische Hinweise auf den Stellenwert von Psalmen im christlichen Gottesdienst, wie beispielsweise Psalm 118, der in der Liturgie der jüdischen Wallfahrtsfeste (Pessach, Schawuot und Sukkot) vorkommt und ausschnittweise auch im christlichen Oster- und Pfingstgottesdienst aufgenommen wird. Auch bei Psalm 22, der nach den Evangelien von Jesus aufgenommen wird, geht die Verfasserin auf dessen Stellenwert im Karfreitagsgottesdienst ein.

Bei den anderen Psalmen, soweit sie im evangelischen Gottesdienst vorkommen, hätte ich mir gewünscht, daß darauf eingegangen worden wäre, beispielsweise, warum Psalm 2 in den Weihnachtsgottesdienst eine Rolle spielt oder Psalm 121 am Altjahrsabend. Welche Bezüge und Deutungshorizonte eröffnen sich für Christen, daß bestimmte Psalmen als Wochenpsalmen im Sonntagsgottesdienst vorkommen und durch bestimmte neutestamentliche Lesungen und Predigttexte in einen spezifischen Kontext gestellt werden? Zwar wird erwähnt, daß Psalmen durch Auslassungen wie etwa im evangelischen Gesangbuch Verkürzungen und Glättungen erfahren, was das aber insgesamt für Auswirkungen im christlichen Zugang zu diesen Texten hat, bleibt sehr vage.

Im Einleitungskapitel hätte ich bei der „christlichen Perspektive“ gern einiges darüber erfahren, was es bedeutet, wenn Christen die Psalmen im Licht des Neuen Testaments beten, etwa wie das ihr Bild und Verständnis von Jesus prägt, möglicherweise verändert – abgesehen davon, daß er als Beter von Psalm 22 in der jüdischen Tradition steht, was im entsprechenden Kapitel seinen Niederschlag findet .

Schade fand ich auch, daß nicht darauf eingegangen wurde, inwieweit in der Rezeptionsgeschichte Psalmen christozentrisch umgedeutet und vereinnahmt werden und dies das Verständnis verändert hat, wie etwas beim Schabbat-Psalm 92, wo Augustinus den Schabbat zum „Schabbat des Herzens“ umgedeutet hat und in seiner Theologie antijudaistischem Gedankengut den Boden bereitet hat. Er behauptete, es käme auf die Herzenshaltung („Schabbat des Herzens“) an, die er Juden absprach. Er ging sogar soweit zu behaupten, daß auch die Juden seiner Zeit Schuld am Tod von Jesus hätten. Ich finde es wichtig, daß auch solche sehr schmerzhaften Erkenntnisse im Rahmen eines jüdisch-christlichen Dialogs thematisiert werden und an solchen praktischen Beispielen deutlich gemacht wird, wo und wie eine Enteignung der jüdischen Tradition in der christlichen Theologiegeschichte stattgefunden hat.. Zwar schreibt die Verfasserin auf Seite 91, daß es wichtig sei, daß Christen sich von Formen der Enteignung distanzieren, aber um zu wissen, von was man sich distanzieren soll, wäre erst einmal eine Entfaltung der Formen dieser Enteignung nötig gewesen.

Da das Buch aus den Treffen eines jüdisch-christlichen Gesprächskreises hervorgegangen ist, hätte mich auch interessiert, wie die beiden Leitungspersonen methodisch zu den Texten hingeführt haben und mit welchen Formen der Textbegegnung und Erarbeitung sie in diesem spezifisch jüdisch-christlichen Kontext gute Erfahrungen gemacht haben.

Fazit: Auch bei den Fragen, die für mich offen geblieben sind, macht das Buch neugierig auf mehr und deshalb dreieinhalb Sterne (also zwischen 3 Sterne „nicht schlecht“ und „gefällt mir“ 4 Sterne).

Nachama Andreas, Gardei Marion:
Du bist mein Gott, den ich suche
Psalmen lesen im jüdisch-christlichen Dialog

Gebundenes Buch, Pappband, 168 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-579-08138-0
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 24,50* (* empf. VK-Preis)
Verlag: Gütersloher Verlagshaus

Soll ich die Ehebrecherin wirklich steinigen lassen ?

Titelbild 6. Juli 2012

… ist die Überschrift eines Artikels von Eva Baumann-Lerch im Publik-Forum vom 6. Juli 2012. Es werden unterschiedliche Formen von erfahrungsbezogener Bibelarbeit vorgestellt: Das Bibliodrama, und zwar eine ganz spezielle Form, wie sie von den Palottinern in Valendar als Form seelsorgerlicher Begleitung entwickelt wurde und vorwiegend in katholischen Kontexten praktiziert wird, der Bibliolog, die Arbeit mit biblischen Erzählfiguren („Egli“-Figuren) und die Schabbat-Tage und Bibelwochen im Zentrum für biblische Spritualität und gesellschaftliche Verantwortung von Klara Butting in der Woltersburger Mühle bei Uelzen.

Leider kann man auf den Artikel nicht online zugreifen. Es besteht jedoch die Möglichkeit über einen Premiumzugang für vier Wochen das Archiv von Publik-Forum kostenlos zu nutzen und so den Artikel zu lesen.

Bibliolog mit biblischen Erzählfiguren zur Begegnung von Maria und Elisabeth (Lk 2) bei einer Fortbildung für Gottesdienstbeauftragte in katholischen Gemeinden

Was mir an dem Artikel gefallen hat:
Der Artikel ist sehr lebendig geschrieben und macht Lust, sich mit den geschilderten Zugängen zu beschäftigen. Er ist so eine Art Appetithappen – und damit sind auch schon die Grenzen aufgezeigt. Für Leute, die von allen diesen Formen des Umgangs mit Bibeltexten noch nichts gehört haben, ist es eine Erstinformation – allerdings kann ich mir das bei der Leserschaft von Publikforum nur schwer vorstellen, denn die Zielgruppe ist eben nicht der kirchliche Mainstream.

Was mir an dem Artikel nicht gefallen hat:
Es gab vor einiger Zeit schon einen Artikel im Publik-Forum über Bibliolog. Im Hinblick auf Bibliolog bringt nun dieser Artikel nichts qualitativ Neues, sondern ist eine Wiederholung. Den geschilderten Bibliodrama-Ansatz, den die Pallotiner in Valendar als seelsorgerlichen Ansatz entwickelt haben, habe ich vor einigen Wochen im Rahmen eines Wochenendseminars kennengelernt. Er ist ein sehr spezieller Sonderfall von Bibliodrama, den ich eigentlich zwischen Bibliodrama und Bibliolog angesiedelt finde und der sinnvoll ist, wenn man nur einen sehr kurzen zeitlichen Rahmen von etwa drei Stunden hat, also eigentlich eher eine kleine Form des Bibliodramas. Man kann sich über diesen Bibliodrama-Ansatz hier informieren.

Gewundert hat mich, daß bei diesen neueren erfahrungsbezogenen Zugängen der „Godly-Play“-Ansatz, der ursprünglich aus der anglikanischen Kirche kommt und viele Anleihen aus der Montessoripädagogik hat, nicht vorkam. Insgesamt hätte es mir besser gefallen, wenn Publik-Forum eine ganze Serie zu diesen neueren Ansätzen gemacht hätte. Dabei hätte man dann darauf eingehen können, welcher Ansatz in welchem Kontext besondere Stärken hat.

Ich war auch insofern persönlich etwas enttäuscht, weil die Autorin letztes Jahr beim Kirchentag in Dresden auf dem christlich-jüdischen Bibliolog-Workshop „Reise zum Herzen der Tora und zurück – mit Jesus und dem reichen Jüngling„, den ich mit Jörg Reichmann gehalten habe, teilgenommen hat und ich deshalb davon ausgegangen bin, daß Bibliolog eben auch mit seinen speziellen Stärken im interreligiösen Gespräch thematisiert wird. Das paßte dann aber in den Gesamtduktus des Textes nicht mehr rein.

Zum Weiterlesen:
Gesellschaft für Bibliodrama
Arbeitsgemeinschaft biblische Figuren
Godly Play in Deutschland
Woltersburger Mühle: Zentrum für biblische Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung

GCJZ

GCJZ ist die Abkürzung für Gesellschaft(en) für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Jedes Jahr gibt es zur Woche der Brüderlichkeit, die Anfang März stattfindet ein Motto und ein Jahresthemenheft. Für 2012 ist das Motto „in Verantwortung für den anderen“. Der Koordinierungsrat der GCJZ hat mich letztes Jahr gefragt, ob ich für dieses Themenheft einen ausführlicheren Artikel über Bibliolog schreiben könnte, da dieser Zugang pädagogisch besonders geeignet ist für den christlich-jüdischen und den interreligiösen Dialog. Fünf Seiten habe ich bekommen, was für eine Zeitschrift enorm viel ist. Unter der Überschrift: Bibliolog: Aus Liebe zur Schrift und weil jede/r etwas zu sagen hat wurde mein Artikel veröffentlicht. Ich habe ihn mit Fotos aus der bibliologischen Arbeit nun hier im Blog eingestellt. Unter dem Headerbild mit den tanzenden hebräischen Buchstaben ist eine Leiste. Dort auf „Artikel“ klicken. Viel Spaß beim Lesen und Bilder angucken.

Literaturhinweis: Lolita lesen in Teheran

oder: Was ist Rezeptionsästhetik?

Cover

Ist es ein Sachbuch oder ist es ein Roman? „Lolita lesen in Teheran“ von Azar Nafisi schaffte es beim Erscheinen in die Bestsellerlisten beider Kategorien. Es ist ein Buch über das Lesen, Verstehens- und Verständigungsprozesse in einem totalitäten Regime. Es ist moderne Literaturtheorie und zeigt auf höchst spannende und eindrückliche Weise, was „Rezeptionsästhetik“ ist. Und das ist die Verbindung, warum ich dieses Buch auf dem Bibliolog-Weblog empfehle.

Dieser aus der Literaturwissenschaft stammende Ansatz hat in den letzten Jahren Eingang in die Theologie gefunden – besonders im Hinblick auf die Predigt (Homiletik) und hilft zur theoretischen Fundierung dessen, was im Bibliolog geschieht. Die zentrale Frage der Rezeptionsästhetik ist: Was passiert zwischen dem Text und den Lesenden? Wie verläuft der Prozeß des Verstehens und Aneignens? Die Rezeptionsästhetik verabschiedet die Vorstellung, daß es einen (Kommunikations-)Inhalt gibt, der vom Sender zum Empfänger vermittelt wird und diese Botschaft wird von allen in gleicher Weise verstanden – außer wenn es Kommunikationsstörungen gibt.

Die Rezeptionsästhetik geht davon aus, daß die Bedeutung des Textes nicht festgelegt ist, sondern im Rezeptionsprozeß angeeignet wird, und zwar bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich. Der Text läßt Leerstellen und Zwischenräume. Und diese ermöglichen es, sich in schöpferischer Weise mit eigenen Erfahrungen auf den Text zu beziehen, quasi die eigenen Erfahrungen einzutragen. Dies ist ein kreativer Prozeß, in dem sich der Empfänger der Botschaft sein Textverständnis erschafft. Es passiert also eine kreative Produktion des Textes. Dabei ist das, was bei unterschiedlichen Lesern zustande kommt, unterschiedlich aber nicht beliebig. Der Text hat Grenzen – eine Art Textfeld. Und im zunehmenden Verlauf des Erzählgeschehens werden bestimmte Möglichkeiten ausgeschlossen oder auch neue eröffnet..

Wenn ich eine Gruppe bitte, mir biblische Geschichten zu nennen, in denen Wasser vorkommt, könnte die Sammlung folgendermaßen aussehen: Jona, Noah und die Arche, Schöpfungsgeschichte, die Hochzeit von Kana, Taufe Jesu im Jordan, die Teilung des Schilfmeers, Moses schlägt Wasser aus dem Felsen, der wunderbare Fischfang, Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße, der Schiffbruch des Paulus, Jakobs Kampf am Jabok, die Heilung des Naaman, die Taufe des Kämmerers, der Engel findet Hagar an einer Wasserquelle, Petrus geht auf dem Wasser, der Durchzug der Israeliten durch das Meer, Jona …

Wenn ich dann nach biblischen Geschichten frage, in denen Wasser und ein Schiff oder etwas bootähnliches vorkommt, dann grenzt das die Zahl der möglichen Geschichten ein: Arche Noah, wunderbarer Fischfang, Jesus beruft Fischer, Schiffbruch des Paulus, Jona. Wenn ich nun zum Wasser und dem Schiff noch den Regenbogen dazunehme, so grenze ich die möglichen Texte noch weiter ein.

Nun zum Buch von Azar Nafisi: die Autorin ist im Iran geboren, verbringt ihre Schul- und Studienzeit im Ausland und kehrt 1979 nach Teheran zurück um an der Universität Literatur zu lehren. In den 1990iger Jahren muß sie die Universität verlassen, weil sie sich weigert, den Tschador zu tragen. Mit einigen Studentinnen trifft sie sich regelmäßig, um Klassiker westlicher Literatur zu lesen: „Lolita“ von Nabokov, Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald, „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen usw. Diese Bücher, in denen Eheleute einander betrügen, in denen ein Mann eine Minderjährige verführt, in denen selbständige eigenwillige Frauen ihr Leben in die Hand nehmen, eine solche Literatur widerspricht islamischen Moralvorstellungen und kann, als Ausgeburt des dekadenten Westens, in der islamischen Republik Iran nicht geduldet werden. Es könnte ja sein, dass muslimische Studierende in diesen dekadenten und unmoralischen Figuren Vorbilder sehen. Azar Nafisi erzählt die Lebensgeschichten ihrer Studentinnen, wie diese die Lektüre aufnehmen, welche Fragen sich daraus für sie stellen und was das für ihr Leben unter den totalitären Bedingungen des Iran bedeutet. Sie öffnen sich in der Diskussion über die literarischen Werke und beginnen die eigene Realität, der gegenüber sie sich lange sprachlos und ohnmächtig fühlten, zu hinterfragen und zu verändern. Immer wieder fügt die Autorin Rückblenden ein, wie unterschiedliche Studenten reagierten als sie noch an der Universität lehren konnte.

Zu den besten 20 Seiten gehört „der Prozess der Islamischen Republik Iran gegen den großen Gatsby“ im Rahmen einer Lehrveranstaltung der Autorin. Ein Student hatte behauptet, „der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald sei ein unsittliches, Ehebruch und Geldgier propagierendes Buch, das verboten gehöre. Azar Nafisi schlug ihm daraufhin ein Seminar in der Form einer Gerichtsverhandlung vor, bei der der Angeklagte nicht der Autor, sondern das Buch selbst sein sollte. In diesem Prozeß wird deutlich, welche Rolle Literatur im besten Fall spielen kann. Dies ist direkt übertragbar auf den Prozeß bibliologischen Arbeitens.

Abgesehen davon erfährt man viel über die Lebensbedingungen – insbesondere von Frauen unter der iranischen Revolution und zu Zeiten des Iran-Irak-Krieges. 1997 hat Azar Nafisi den Iran verlassen und lebt heute in den USA.

Nafisi, Azar: Lolita lesen in Teheran, Goldmann-Verlag, München 2008, 9,95 421 Seiten

Ergänzung::
Falls Sie über eine Suchmaschine auf diesem Blogeintrag gelandet sind, weil Sie einen Bibliolog-Entwurf suchen zu einem der genannten biblischen Texte, in denen „Wasser“ vorkommt, lesen Sie bitte hier weiter.

Eine Literatur-Liste Bibliolog …

ist hier zu finden. Stand: Juli 2010

Sie ist geordnet nach den Kategorien:
1. Bücher
2. Themenheft Textraum 32/1: Nachdenken über das Verhältnis Bibliolog – Bibliodrama
3. Artikel, die Bibliolog vorstellen
4. Artikel, die Bibliolog im wissenschaftlichen Kontext verorten
5. Artikel, die einzelne Aspekte des Bibliologs reflektieren
6. Bibliolog im religionspädagogischen Bereich
7. Bibliolog mit bestimmten Zielgruppen
8. Englischsprachige Artikel

Auch erste Bachelor-, Diplom- und Masterarbeiten zu unterschiedlichen Aspekten und Zielgruppen bibliologischen Arbeitens sind im Entstehen.

Nachtrag Februar 2016:
Eine aktualisierte Literatur-Liste rund um den Bibliolog (Stand: Dezember 2015) gibt es hier