Aufbaukurs nicht-narrative Texte in Köln

Von Mo 12. November bis Fr 16. November 2012 biete ich in Köln an der Melanchthon-Akademie einen Bibliolog-Aufbaukurs nicht-narrative Texte an.

Ich habe vor vier Jahren mit dieser viertägigen Kursform begonnen. Meist werden Aufbaukurse über zwei Tage angeboten. Bei den nicht-narrativen Texten läuft das darauf hinaus, daß die Arbeit mit Briefen und mit Psalmen vermittelt wird.

In der viertägigen Form ist es außerdem möglich, mit Reden, prophetischen Texten und Bildern, Weisheitsliteratur und Gesetzestexten zu arbeiten und verschiedene Varianten zu zeigen, wie mit diesen Textformen gearbeitet werden kann, sodaß sie eine ganz neue Lebensnähe und Dynamik entfalten Außerdem ist auch der Raum dazu da, über die bisherige eigene Bibliolog-Praxis seit dem Grundkurs zu reflektieren, auszutauschen und sich Anregungen zu holen. Am Ende nimmt jede/r Teilnehmende einen Bibliolog für das eigene Arbeisfeld mit.

Voraussetzung für die Teilnahme ist der Bibliolog-Grundkurs und eigene Erfahrungen im Anleiten von Bibliologen. Ein guter Anhaltspunkt ist, ob man beim Anleiten flüssig das Interviewing umsetzen kann.

Besonders angesprochen sind natürlich Leute aus Köln und Umgebung. Da außer Montag alle Abende frei sind, können auch gut Menschen teilnehmen, die aufgrund ihrer familiären Situation nicht über eine Woche wegfahren können. Wer von weiter her kommt, kann in der Melanchthon-Akademie nach Gästezimmern fragen.

Weitere Informationen und Anmeldungen:
info (at) melanchthon-akademie.de
Telefon 0221 / 931803-0
Fax 0221 / 931803-20

Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (2)

Gerne erinnere ich mich an meine erste Erfahrung mit Bibliolog in der Sukka (Laubhütte) im letzten Jahr (siehe hier). Schon kurz danach hatte mich Chajm, der Gastgeber in der Sukka, gefragt, ob wir das im nächsten Jahr wiederholen könnten. Gern habe ich zugestimmt und mich für die Uschpizim (Gäste) des 5. Tages entschieden: Mosche und Zippora.

Einige waren zu diesem Abend in die Sukka des interkulturellen Hauses gekommen, weil sie Bibliolog schon kannten. Eine Schauspielschülerin, die ein Seminar besucht hatte, nahm spontan unsere Einladung in die Laubhütte an. Die Teilnehmerschaft war wieder sehr gemischt (jüdisch liberal und orthodox, evangelisch, katholisch und säkular). Nach einer leckeren Kürbissuppe und einigen anderen mitgebrachten Köstlichkeiten unternahmen wir eine Reise in den biblischen Text (Schemot Kapitel 2,16-22 / Exodus 2,16-22), traditionelle Midraschim sowie moderne Midraschim, die in den letzten 30 Jahren im Rahmen jüdischer-feministischer Auslegung entstanden sind (z.B. Rabbinerin Rebecca Alpert: Rediscovering Tziporah in „The Women`s Torah Commentary“, p 121).

Im Torahtext bleibt Zippora relativ farblos. Durch traditionelle und moderne Midraschim werden zahlreiche Facetten hinzugefügt. Im Text gibt es einen abrupten Bruch im Vers 21 zwischen dem ersten und dem zweiten Teil („Und Mose willigte ein, bei dem Mann zu bleiben. Und er gab Mose seine Tochter Zippora zur Frau“). Der traditionelle Midrasch füllt die Lücke zwischen diesen beiden Sätzen mit der Geschichte, daß Jitro sehr mißtrauisch gegen Mosche war und ihn in einen Brunnen werfen ließ. Dort überlebte er nur, weil Zipporah ihn 10 Jahre lang täglich mit Nahrung versorgte. Erst dann erzählte sie ihrem Vater, daß Mosche noch lebt. Als dieser dann Mosche lebend im Brunnen vorfand, betrachtete er das als Wunder). Die sehr aktive Seite von Zippora wird dann in Exodus 4, 24-26 deutlich als sie die tödliche Bedrohung von Mosche erkennt und den bis dahin unbeschnittenen Sohn Gerschom beschneidet und so die Gefahr von Mosche abwendet.

Mosche, Zippora und die Frau aus Kusch – Keramik von Chajm Harald Grosser

Diese Stelle spielte dann vor etwa 15 Jahren eine Rolle als im amerikanischen Reformjudentum diskutiert wurde, ob Frauen Beschneidungen vornehmen könnten. Zippora wurde dann zum Rollenvorbild für Frauen, die im Rahmen eines Mohalot-Programms des Hebrew Union College (Ausbildungsstätte in Amerika für ReformrabbinerINNEN) zu Beschneiderinnen ausgebildet wurden. Einige Jahre später folgte dann auch das konservative Judentum. An Rabbinerin Antje Yael Deusel, die vor einigen Monaten in Bamberg ordiniert wurde und dort auch im Krankenhaus als ChefOberärztin für Urologie tätig ist, sieht man, daß diese Entwicklung inzwischen auch in Deutschland angekommen ist, denn sie hat ein solches Mohalot-Programm durchlaufen. (Mohalot ist die Mehrzahl von „mohelet“, der Beschneiderin). Leider hat Frau Deussel ihre sehr interessante Seite dazu vom Netz genommen. Im Raum Freiburg gibt es noch eine weitere jüdische Ärztin und Mohelet.

In unserem anschließenden Gespräch hat uns gewundert, daß in der öffentlichen Diskussion der letzten Monate um die Beschneidung jüdischer (und muslimischer) Jungen die Geschichte von Zippora keine Rolle gespielt hat und nur Bereschit / Genesis 17 thematisiert wurde.

Für nächstes Jahr haben wir schon Josef in den Blick genommen.

Zum Weiterlesen
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (1)
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (1) (2011)

Veranstaltungshinweis: Mit Zippora und Mosche in der Sukka (Laubhütte)

Screenshot: Kulturverein Prenzlauer Berg

Am Do. 4. Oktober 2012 findet ein Treffen in der Laubhütte der Keramikwerkstatt Yad Chanah statt. Ab 19.30 h gibt es eine warme Suppe und um 20.00 h beginnt ein Bibliolog zu „Mosche und Zippora„.

An jedem Tag des Laubhüttenfestes laden wir im Idealfall zwei Gruppen von Gästen in die Sukka (Laubhütte) ein. Zuerst wären da die »echten« Gäste aus der heutigen Zeit, von denen wir wollen, dass sie sich wohlfühlen und den Feiertag mit uns teilen. Und dann gibt es neben den »echten«, die man anfassen kann, noch eine andere Gruppe von Gästen. Wir nennen sie »Uschpisin«. Das Wort kommt aus dem Aramäischen und bedeutet »Gäste«. Gemeint sind damit traditionell die Vorväter Awraham, Jitzchak, Jakow, Josef, Mosche, Aharon und David. Sie alle waren – zumindest eine Zeitlang ihres Lebens – Hirten, und von Rachel, der Frau Jakobs sowie Zippora, der Frau von Mosche, wird in der Torah erzählt, daß sie Hirtinnen waren. Nachdem wir im letzten Jahr Rachel und Jakob durch einen Bibliolog kennengelernt haben, werden wir dieses Jahr Mosche und Zippora (neu) kennenlernen, indem wir in die biblische Zeit eintauchen.

Zeit: Do 4. Okt. 2012 ab 19.30 h
Ort: Interkulturelles Haus Pankow, Schönfließer Straße 7 (Prenzlauer Berg)
S-Bhf Bornholmer Straße, U 8 oder 9 Osloer Straße dann Tram 13 oder 50 bis Schönfließer Straße

Wir freuen uns über kulinarische Beiträge zum gemeinsamen Essen (vegetarisch).

Zum Weiterlesen:
Bibliolog in der Sukka 2011

Workshop: Schawuot und Pfingsten im Labyrinth des Lebens – Bibelgarten

labyrinthdeslebens.de

Die ganze Woche war das Wetter sehr feucht und wechselhaft gewesen, sodaß ich mehrmals gefragt wurde, ob unser Treffen überhaupt stattfinden könnte, aber dann war das Wetter ideal für einen Halbtagsworkshop im Labyrinth-des-Lebens-Bibelgarten. Gekommen waren zwanzig Teilnehmende aus verschiedenen christlichen Konfessionen sowie liberale Juden und eine säkulare Frau. Erst einmal hatte jede/r Zeit, das Labyrinth des Lebens für sich zu erkunden und zu schauen, welche Lebensphase, persönliche Situation oder Befindlichkeit, die im Labyrinth des Lebens – Garten angelegt sind, einen gerade besonders ansprechen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde gabt es eine kleine Einführung zum Wochenfest Schawuot, das ursprünglich ein Fest war, an dem die Erstlingsfrüchte zum Tempel gebracht wurden. Wie man sich das vorstellen muß ist im Talmud-Traktat Bikkurim (Erstlingsfrüchte) beschrieben. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels verschob sich der Schwerpunkt dann zu dem, was das zentrale Moment des Schawuotfestes heute ausmacht: Die Gabe der Torah an das jüdische Volk. Davon erzählten die Kapitel 19 und 20 in Schemot (2. Buch Mose / Exodus). Jede/r hatte Zeit sich den eigenen passenden Standort im Labyrinth-Garten zu suchen, um diesen Text, der laut vorgelesen wurde zu hören.

Ich hatte im Vorfeld überlegt, ob ich den Bibliolog „Reise ins Herz der Torah – als G-tt die Torah am Sinai gab“ mache, den ich letztes Jahr auf Einladung der Heilig-Kreuz-Kirche im Rahmen der Nacht der offenen Kirchen gemacht hatte. Da aber zwei Grundschulkinder angemeldet waren, habe ich mich nicht getraut bibliologisch mit einem Text aus Levitikus zu arbeiten und wollte mich lieber auf etwas sichererem Terrain bewegen.

labyrinthdeslebens.de

In der Synagoge wird an Schawuot das Buch Ruth gelesen. Am Ende des ersten Kapitels heißt es, daß Ruth und ihre Schwiegermutter Noemi am Ende der Gerstenernte nach Bethlehem kamen. Ruth, die als Moabiterin sich dem jüdischen Volk anschloß, gilt als besonderes Vorbild, weil sie sich aus freiem Willen dazu entschlossen hat, die Gebote der Torah auf sich zu nehmen. Im anschließenden Bibliolog sind wir dem ersten Kapitel vom Aufbruch aus Moab bis zur Ankunft von Ruth und Noemi in Bethlehem nachgegegangen. Schade, daß wir aus zeitlichen Gründen nicht mit dem ganzen Buch arbeiten konnten. Viele der Teilnehmenden waren letztes Jahr bei den vier Abenden zum Buch Ruth unter dem Thema „Geschichten vom Weggehen und Ankommen“ dabei gewesen, sodaß im anschließenden Austausch auch einiges von diesen Abenden anklang.

Für das gemeinsame Mittagessen waren viele leckere, vegetarische Gerichte mitgebracht worden. Nach der Mittagspause lag der Schwerpunkt auf der Pfingstgeschichte wie sie in der Apostelgeschichte überliefert wird. Fünfzig Tage sind es zwischen Ostern und Pfingsten. Das Vorbild dafür ist aus der jüdischen Tradition die 50 Tage zwischen Pessach und Schawot. Die Hinführung zum Bibliolog der Pfingstgeschichte legte denSchwerpunkt auf die Schilderung des Schawuot-Festes in Jerusalem wie es in rabbinischen Schriften erzählt wird und schlug dann die Brücke zur Situation der Jünger, die mehrere Jahre mit Jesus unterwegs gewesen sind, erlebten, wie er verraten und gekreuzigt wurde und nun in Jerusalem sind. Die Parallelen in der sprachlichen Gestaltung von Schemot 19 und 10 (Exodus Kapitel 19 / 20; 2. Buch Mose Kap 19 + 20)sind offensichtlich und machen deutlich, daß diese Erzählung die als Vorlage für die Gestaltung der Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte diente.

Auffallend für mich war, daß die Reaktionen der meisten kirchlich Aktiven unter den Teilnehmenden auf die Pfingsterfahrung als Pilgerin befragt eher skeptisch-distanziert war. Die liberalen Juden waren eher daran interessiert, was das zu bedeuten habe und hielten es in der Schwebe. Ein freikirchlicher Teilnehmer freute sich besonders darüber, daß er jetzt (als Apostel) Latein kann.

Eine beeindruckende Verbindungslinie künstlerischer Art habe ich schon vor längerer Zeit im Gedicht „Pfingsten“ von Wilhelm Bruners, der als katholischer Priester einige Jahre in Jerusalem gelebt hat und im Bild „Pentecost“ von Sybille Tezzele-Kramer gefunden:

Pentecost / Pfingsten von Sybille Tezzele-Kramer

Pfingsten

Die Nacht war voller Musik
Tanz und Gesang
Die Tora hatten sie studiert
die alten Weisungen neu gehört
Auf dem Berg
waren sie gewesen
Die Stimme hatten sie gesehen

Jetzt taumelten sie in den Tag
noch blind von der ersten Sonne

Einige blieben
bis das Licht zum Feuer wuchs
der Wind zum Sturm
und sie ins Gebet trieb

in die Preisung
mit allem
(Wilhelm Bruners)

Zum Weiterlesen:
Einen ersten virtuellen Eindruck vom Labyrinth des Lebens kann man sich hier verschaffen.

interreligiöse Bibliolog-Werkstatt im Labyrinth des Lebens – Bibelgarten

Samstag 9. Juni 11.00 Uhr bis 15.00 Uhr

Der Midrasch erzählt, daß an Schawuot (Wochenfest), als der Ewige dem jüdischen Volk am Sinai die Torah übergab, alle Pflanzen und Blumen auf der Erde vor Freude ihre volle Pracht entfalteten und blühten. Deshalb wird dieses Mal die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt im Labyrinth des Lebens – Bibelgarten stattfinden.

Labyrinth des Lebens – Bibelgarten

Wir beschäftigen uns mit Midraschim, Geschichten und Gedichten zu Schawuot und Pfingsten und erschließen die biblischen Geschichten beider Feste durch Bibliologe. Für das gemeinsame Essen bringt jede/r etwas Vegetarisches mit.

Kinder sind herzlich willkommen. Eine organisierte Kinderbetreuung wird es nicht geben.Das Besondere am Labyrinth-des-Lebens – Bibelgarten ist, daß er bestimmte Lebensphasen und Situationen aufgreift und symbolisch umsetzt und gestaltet (Geburt, Kindheit, Pubertät, seinen Platz im Leben finden, Liebe – Hoch-Zeit, Beziehungen, Konflikte haben, Licht – Dunkel, Wüste,
Endlichkeit, Sterben und danach ) und anhand biblischer Geschichten und Motive vertieft. Es gibt auch Aktionskisten an den
verschiedenen Stationen mit verschiedenen Materialien. Die Familientageskarte für beliebig viele Kinder kostet 10 oder 12 Euro.

Himmelsleiter

Der Bibelgarten ist von einer ganzheitlichen Pädagogik inspiriert. Die Kinder werden also genug Möglichkeiten zum Entdecken und ausprobieren mit allen Sinnen haben. Es gibt ein Baumhaus, eine Hängematte, Klettermöglichkeiten, Windspiele und auch Wasser – verschiedene Lebensstationen, wo was ausprobiert werden kann. Deshalb sollten die Kinder unbedingt strapazierfähigke Kleidung tragen, die auch schmutzig werden darf.

Ort: Labyrinth des Lebens – Bibelgarten
Kastanienallee 10
Mühlenbeck

Anfahrt: S 8 von Bornholmer Straße bis Mühlenbeck-Mönchmühle 10.25, Ankunft um 10.41; dann beim Ausgang rechts die Kastanienallee ca 3 Minuten heruntergehen.

Einen ersten virtuellen Eindruck vom Labyrinth des Lebens kann man sich hier verschaffen.

Zum Weiterlesen:
Workshop: Schawuot und Pfingsten im Labyrinth-des-Lebens-Bibelgarten

Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisin

oder: manchmal wird ein Traum schneller wahr als man denkt. Ich bin dafür bekannt, dass ich gerne Bibliolog an ungewöhnlichen Orten mache: Bibliolog im Museum, vor einem Denkmal bei einer Stadtführung, im Bibelgarten, im interkulturellen Stadtteilzentrum …

Seit Jahren schon würde ich gern während Sukkot (Laubhüttenfest) an verschiedenen Orten Bibliolog machen – jeden Tag woanders. Aber die Resonanz auf diese Idee war bis jetzt bescheiden, obwohl das in Berlin eigentlich kein Problem sein dürfte bei den Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen, die eine Sukka haben.

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Wohlfahrtsmarke der jüdischen Gemeinde zu Berlin aus den 1930iger Jahren (Foto : IWe)

In der Schrift heißt es:
„In Hütten (sukkot) sollt ihr wohnen, sieben Tage lang …, auf dass alle Generationen wissen, dass ICH die Kinder Israels in Hütten wohnen ließ, als Ich sie aus dem Land Ägypten führte…“ (Torah 3. und 5. Buch / Levitikus und Deuterononium).

Ich schraubte meine Erwartungen herunter und dachte, es wäre doch schön, das mal in einer Sukka versuchen zu können. Und dazu kam es schneller als ich mir vorstellen konnte.

Schon lang war ich nicht mehr so aufgeregt. Am Freitagabend begann der dritte Tag des Laubhüttenfestes. Bereits zwei Tage vorher hatten wir in einer Sukka (Laubhütte) in einem Ostberliner Hinterhof gefeiert. Neben gutem Essen, zu dem alle beitrugen und ausgiebig Zeit für Gespräche war, hatte für jeden Tag eine andere Person etwas vorbereitet. Und die Person, die für Freitagabend vorgesehen war, fiel kurzfristig aus.

Wir zündeten die Schabbatkerzen an, hatten ein schönes Essen und gute Gespräche. Die Gruppe war übersichtlich. Unser Gastgeber, neben dessen Keramikwerkstatt sich unsere Sukka befand, war schon bei der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt gewesen, und es hatte ihm gut gefallen. So fand er meine Idee, miteinander einen Bibliolog zu den Ushpischin des Abends zu machen eine gute Idee.

Für die meisten Mitlesenden werden die „Uschpisin“ erklärungsbedürftig sein. Uschpisin ist das aramäische Wort für Gäste, die besonders wertgeschätzt werden. Man lädt sie in die Sukka ein, denn jeder Tag steht unter dem Zeichen eines anderen himmlischen Gastes. Der Brauch ist in einem mystischem Zweig des Judentums entstanden, – bei den Kabbalisten von Sefat. Die sieben Gäste haben gemeinsam, dass sie alle Hirten waren: Am ersten Abend ist es Abraham, am zweiten Isaak, am dritten Jakob, am vierten Josef, am fünften Moses, am sechsten Aaron und am siebten David. Da das sehr einseitig auf Männer zentriert ist, kamen jüdische Frauen in den letzten drei Jahrzehnten auf die Idee, auch biblische Frauen als Gäste einzuladen. Nach dem Verständnis der Kabbala ordnen wir unser Wesen, wenn wir jeden Abend einen anderen himmlischen Gast empfangen und ehren. Diese Gäste werden als uschpisin dimnuta (Gäste des Glaubens) gesehen.

Ich habe nicht viel mit Mystik am Hut, aber diesen Brauch finde ich sehr schön, denn man verbindet sich mit früheren Generationen, vergegenwärtigt deren Erfahrungen und bezieht sich auf sie. Und den Gedanken, dass jede biblische Person bestimmte Aspekte und Eigenschaften repräsentiert, kann man ja auch psychologisch sehen. Von daher ist mir die Vorstellung recht nah.

Am Freitag, dem dritten Abend war Jakob dran, und da seine spätere Frau Rachel auch Hirtin war, bot es sich an, die Geschichte über die erste Begegnung der beiden miteinander zu erforschen und zu vergegenwärtigen. Die Anwesenden waren bereit, sich darauf einzulassen, und ich fand es besonders bereichernd, dass die Vorkenntnisse der Anwesenden ganz unterschiedlich waren – von „ich bin Jude und habe keine Ahnung von jüdischer Religion“ bis zu einer, die einen Abschluß in Judaistik hat.

Und so aufgeregt wie ich am Anfang war, so spannend und berührend war die gemeinsame (Neu-)Entdeckung und das gemeinsame Erforschen der Geschichte (Genesis 29, 1 – 20 / Bereschit Kap 29).

Unser Gastgeber hatte an diesem Abend mit einer Keramikskulptur, die er zu Jakob und Rahel gestaltet hat, geschmückt. Und so hatten wir die beiden auch in dieser Form vor Augen und in unserer Mitte:

Keramikskulptur "Jakob und Rachel" von Chajm Grosser

2. Bibliolog in der Ausstellung Lebensmuster: Mirjam

Miriam Lebensmuster Ausstellung Quilt

Miriam-Quilt - Lebensmuster - Nikolaikirche Spandau

Ich war ganz erstaunt, daß der Teilnehmerkreis beim 2. Abend über „Miriam – mehr als Überleben“ größer war als am vorigen Montag. Etwa ein Drittel der Interessierten waren bereits letzte Woche dabei. Auch wenn der Platz vor der Mirjam-Installation begrenzt war, hat es der Hausmeister doch zustande gebracht die Stühle so zu stellen, daß alle gut Platz fanden. Atmosphärisch hatte es durchaus einen Vorteil, daß der Raum – nicht wie letztes Mal nach hinten offen war, sondern – abgeschlossener wirkte. Auch der Anteil an Männern war größer.

Die ersten Eindrücke zum Mirjam-Quilt, die geäußert wurden, waren sehr vielfältig und vielschichtig: eingeschlossen, heiter, nach innen hell, durchlässig, am Rand dunkel … Dann gingen wir der Frage nach, was es bedeutet als Mann, Frau oder Kind Sklave sein zu müssen. Wir legten miteinander die vier Geschichten aus, in denen Miriam vorkommt:

– Ihr Beitrag zur Rettung des kleinen Bruders Moses, wobei wir hier nur von der „großen Schwester“ erfahren und ihr Name noch nicht genannt wird.
– Nach dem Auszug aus Ägypten und beim Durchzug durch das Schilfmeer führt sie mit Tanz und Gesang die Frauen an. In einem Midrasch wird gesagt, daß das Lied, das in der Torah Moses in den Mund gelegt wird, von ihr stammt. Wir haben es an diesem Abend neu als von Miriam verfaßt und komponiert gehört. Auch die historische kritische Forschung teilt diese Sichtweise. Vor einigen Jahren wurde in neuen Schriftfunden eine Variante gefunden, in der nur Miriam steht.
– Miriam und Aaron, die Moses kritisierten. Miriam bekam Aussatz und muße sieben Tage außerhalb des Lagers bleiben.
– Der Tod Miriams und die Trauer des Volkes

Es war wieder etwas Besonderes, aber dieses Mal schon vertrauter, den Text mit der Installation des Quilts kombinieren zu können. Einige Teilnehmende haben es bedauert, daß es schon die letzte Veranstaltung dieser Art war.

Ein Trost mag sein, daß die Ausstellung wegen des großen Interesses bis Ende September verlängert wird.

1. Bibliolog in der Ausstellung Lebensmuster: Sarah – wider die Resignation

Nikolaikirche Ausstellung Lebensmuster: Sarah-Hagar-Installation

22 Teilnehmende kamen zum ersten Bibliolog-Abend in die Nikolai-Kirche in Spandau. Etwa die Hälfte kannte ich bereits aus anderen Zusammenhängen. Noch nie hatte ich bei einer offenen Veranstaltung so viele Menschen, die bereits Bibliolog kannten – alle bis auf zwei. Ich hatte mich dafür entschieden, halbkreisförmig Stühle vor der Installation anzuordnen. Die Alternative wäre gewesen, den Quilt aus dem Rahmen zu lösen und vor den Altar zu plazieren, wie dies in den Sonntagsgottesdiensten gemacht worden ist. Ich bin froh, dass ich mich anders entschieden habe, denn der Quilt wirkt in der Installation ganz anders als wenn er aus diesem Rahmen herausgelöst wird. Die Installation ist nochmal ein eigener Raum neben dem Text. Wir gingen dem Lebenslauf von Sarah nach – von der ersten Erwähnung bis zu ihrem Tod. Der Schwerpunkt lag auf dem Besuch der drei Boten in Mamre. So war auch die Vorgabe der Künstlerin: „Wider die Resignation“.

Zeitlich habe ich mich etwas verschätzt, deshalb fiel das Nachgespräch etwas kurz aus. Eine Teilnehmerin bemerkte, daß sie diese Geschichten sehr gut kenne, aber ihr ganz neu deutlich geworden sei, wie groß der Altersunterschied zwischen Jischmael und Isaak gewesen sei. Sie war immer davon ausgegangen, daß Ismael nur wenig älter gewesen sei als Isaak. Dafür bekam sie sehr viel Zustimmung. Mir ist schon öfter aufgefallen, daß Bibliolog zum genaueren Lesen und Wahrnehmen des Textes führt und sehr deutlich macht, inwieweit sich unsere geprägten Bilder vom Text unterscheiden. Da im 17. Kapitel erzählt wird, daß Ismael 13 Jahre bei seiner Beschneidung war und die Geburt Isaaks danach angekündigt wird, macht das den Altersunterschied deutlich. Ich vermute, dass die Vorstellung vom geringen Altersunterschied zwischen Ismael und Isaak auf Darstellungen in der christlichen Kunst zurückgeht.

Nächsten Montag um 19.00 h geht es dann mit Miriam weiter und dem Thema: „Mehr als Überleben“. Aus Krankheitsgründen wird die Ausstellung – wenn nicht noch eine andere Lösung gefunden werden kann – aber auf jeden Fall von 12.00 – 16.00 h und von 17.30 bis 19.00 h geöffnet sein.