Bibelarbeit als Bibliolog beim Kirchentag in der Messehalle

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Zwar gibt es Erfahrungen mit Bibliolog mit großen Teilnehmendenzahlen in Kirchenräumen, aber wäre es möglich, bibliologisch in einer Messehalle zu arbeiten – und wenn ja, soll das Wiedergeben der Teilnehmerantworten im Echoing durch die Bibliologleitung oder durch mehrere im Raum positionierte Bibliologen stattfinden? Diese Frage kam erstmals beim Bibliolog-Trainer- und Trainerinnentreffen nach dem letzten Kirchentag auf.

Beim Kirchentag in Hamburg war es soweit: Im Rahmen der feministischen Basisfakultät fand ein Bibliolog als Bibelarbeit in einer Messehalle statt. Achthundert Interessierte waren gekommen. Ein Glücksfall war die Jugendkantorei aus Braunschweig, die für den musikalischen Rahmen verantwortlich war. Das Einsingen wurde von Bewegungsabläufen begleitet, die an Morgengymnastik erinnerten. Der engagierte Chorleiter bezog gleich die auf den Kirchentagspapphockern sitzenden Teilnehmenden ein, was die Atmosphäre auflockerte und öffnete.

Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong hielt dann den Bibliolog zur Speisung der Fünftausend (Joh 6). Für die Antworten zu den unterschiedlichen Fragen positionierte sie sich an unterschiedlichen Stellen in der Messehalle. Einziger Wermutstropfen: Die Qualität der Technik hätte besser sein können – ohne Rauschen und Knacken. Man darf gespannt sein auf die nächsten Kirchentage.

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ein Pessach-Seder mit Bibliolog

ein besonderer Pessach-Seder mit Susan und Peter Pitzele 2008

ein besonderer Pessach-Seder mit Susan und Peter Pitzele 2008

Heute sind die Erinnerungen an einnen Pessach-Seder sehr präsent, den ich vor fünf Jahren erlebt habe. Schon einige Tage vorher war ich nach Hofgeismar gefahren, um an einem Workshop „Bibliolog mit Masken“ mit Peter und Susan Pitzele teilzunehmen.

Direkt an dieses Seminar schloß sich eine große Tagung über „Heilung und Spiritualität“ an. Es gab ganztägige Workshops, an denen unterschiedliche Ansätze vorgestellt wurden. Peter und Susan Pitzele waren eingeladen worden, ihren Bibliotherapy-Ansatz vorzustellen. Bibliotherapy bezieht – im Unterschied zu Bibliolog – Selbsterfahrung in den Gruppenprozeß ein, ist aber im Unterschied zu den meisten Formen des Bibliodramas in Deutschland – näher am biblischen Text. Jede/r Teilnehmende identifiziert sich über einen längeren Prozeß mit einer selbst gewählten biblischen Figur. Dieser Identifikationsprozeß wird über unterschiedliche kreative Zugänge (Masken, Bilder, Schreiben etc.) in der Form von Einzelarbeit angeleitet und gefördert und später in einem Gruppenprozeß zusammengeführt. Da am Abend dieses Workshoptages das Pessachfest beginnen sollte, bot es sich an, den Anfang der Exodus-Geschichte vom Auszug aus Ägypten zugrundezulegen.

Ich kenne Peter und Susan seit 2003 und bin mit beiden befreundet. Mir war deswegen klar, daß Peter bei der Anfrage aus Hofgeismar nicht im Blick hatte, daß das Seminar genau zu Pessach liegen würde. Der Workshop endete früh genug um in eine nahe gelegene jüdische Gemeinde zu fahren um dort am Seder teilzunehmen. Die Workshop-Gruppe war sehr klein – wahrscheinlich weil der Workshop auf englisch lief. Überraschend schnell – wie ich fand – war eine Offenheit und Vertrautheit in der Gruppe wie ich sie nicht in dieser kurzen Zeit des Kennens erwartet hätte.

Schon am Morgen hatten Peter und Susan gemeint, daß sie sich nicht sicher seien, ob sie am Abend weg wollten aus Hofgeismar. Sollen wir vielleicht versuchen zu Dritt für uns in Hofgeismar einen Seder zu machen? Am Ende des Vormittags stimmten wir uns ab, daß wir den Teilnehmerinnen an der Gruppe (es waren lauter Frauen) anbieten wollten – soweit sie wollten – nach dem Workshop den Seder miteinander vorzubereiten und zu feiern. Die Küche konnte uns vegetarisches Essen zur Verfügung stellen und durch die recht lange Mittagspause konnte ich alles besorgen, was sonst noch benötigt wurde (Mazzen, Zutaten für Charosset …).

Die Teilnehmerinnen wollten alle dabei sein und halfen den Raum vorzubereiten. Wir bekamen die Bibliothek, in der wir schon den ganzen Tag gearbeitet hatten. Susan hatte eine englischsprachige und ich eine deutschsprachige Haggada. Abgesprochen war, daß wir die Erzählung vom Auszug aus Ägypten als Bibliolog gestalten würden. Besser gesagt war ich davon ausgegangen, daß Peter dies tun würde. Von daher war ich völlig perplex als wir am Tisch saßen und Peter ankündige, daß wir beide jetzt zusammen mit der Gruppe einen Bibliolog zum Auszug aus Ägypten machen würden. Wir saßen an dem langen Tisch an den beiden weit voneinander entfernten Enden gegenüber und verständigten uns über Blickkontakt, wer wann eine Frage stellt, erzählt und weitergeben oder übernehmen möchte. Durch die Vergegenwärtigung im Bibliolog kam uns die Geschichte unglaublich nahe. Es war eine sehr intensive Erfahrung mit Bibliolog in dieser Gruppe, die sich nur schwer in Worte fassen läßt. Wie nie zuvor wurde mir deutlich, was es bedeutet, daß wir Pessach nicht nachfeiern, weil unsere Vorfahren aus Agypten ausgezogen sind, sondern daß wir selber aufbrechen, daß es um eine Befreiung aus der Sklaverei geht (welche auch immer – das definiert jede/r für sich) und der Beginn eines Transformationsprozesses ist.

Ich habe nie zuvor und nie danach einen so intensiven Pessach-Seder erlebt. Wahrscheinlich war diese Erfahrung nur möglich, weil alles so spontan lief und wir nicht tage- und wochenlang die einzelnen Details planen und vorbereiten konnten. Der Auszug aus Ägypten war aus der Sicht und dem Erleben der Israeliten ja auch sehr spontan und abrupt, so abrupt, daß sie den Brotteig nicht gehen lassen und backen konnten. Dieser spezielle Geschmack des Seders von Hofgeismar wirkt bei mir in allen Pessach-Erfahrungen danach weiter. Und jedes Jahr, wenn wir uns zu Pessach Feiertagsgrüße schicken, erinnern wir uns an „our very special and meaningful Pessach experience in Hofgeismar“.

Kurioses zum Rosenmontag: Bibliolog im Gürzenich

DSC01114Heute werden wieder die Rosenmontagszüge im Fernsehen ausgestrahlt. In meiner Kindheit war am Rosenmontag und am Faschingsdienstag schulfrei, weil meine Schule dafür die beiden Verfügungstage nutzte. Das verlängerte Faschingswochenende verbrachte ich bei meinen Großeltern. Am Montag gehörten die Faschingszüge zum Pflichtprogramm, weil mein Großvater sie so gern anschaute. Mich interessierten nur die Mottowagen, die aktuelle politischen Ereignisse aufs Korn nahmen. Später habe ich von den Rosenmontagszügen nur mitbekommen, was davon in der Tagesschau gebracht wurde.

Seit letztem Jahr schalte ich nun wieder den Rosenmontagszug aus Köln ein, der im WDR übertragen wird und zwar, weil der am Chlodwigplatz beginnt und erst einmal durch das Severinsviertel führt. Mir gefällt das bunte Treiben. Die Erzählungen, Interviews und Erläuterungen der Moderatoren finde ich sehr gelungen. Ich kann zwar die emotionale Bedeutung von Karnevalgesellschaften und ihren Sitzungen nicht nachvollziehen, aber für mich hat es einen gewissen Lokalkolorit seit ich Bibliolog-Kurse in der Melanchthon-akademie gebe, die in der Kölner Südstadt liegt. Diese Straßen, die ich im Alltagsgewand kenne, nun im bunten Faschingstreiben zu sehen – das hat was.

Eben erzählte einer der Moderatoren, daß die Karnevalsgesellschaft, die im Bild erscheint, ihre Sitzungen im Gürzenich abhält. Gürzenich war mir überhaupt kein Begriff bis zum Jahr 2007. Ich war Mitwirkende beim evangelischen Kirchentag im Zentrum Juden und Christen, das in der Kölner Altstadt seinen Ort hatte, weil dort noch Spuren jüdischen Lebens zu finden sind. „Gürzenich“ stand auf dem Programmzettel, der mir als Ort für den jüdisch-christlichen Bibliolog, den ich mit einem evangelischen Trainerkollegen halten sollte, zuging.

In der Wikipedia hieß es zu diesem Ort:
Der Gürzenich ist eine Festhalle im Zentrum der Kölner Altstadt. Namensgeber ist die Patrizierfamilie von Gürzenich, auf deren Grundstück das Profanbauwerk im 15. Jahrhundert errichtet wurde. Heute wird der Gebäudekomplex für Konzerte, Kongresse, Gesellschafts- und Kulturveranstaltungen genutzt.

Damals im Juni 2007 war Bibliolog in Deutschland noch kaum bekannt. Wir wollten diesen Zugang vorstellen und spezieller darauf eingehen, wie er für den jüdisch-christlichen Dialog fruchtbar gemacht werden kann. Und Ort des Geschehens war – genau: „der Gürzenich“. Wir waren für einen Kellerraum eingeteilt worden. Als ich den Saal betrat, traf mich fast der Schlag: Kellergewölbe, kein Fenster, gut und gern 200 Plätze und haufenweise Glasvitrinen, in denen alles Mögliche ausgestellt war, was mit Karneval zu tun hat. Karneval dominierte diesen Raum und es gab keine Möglichkeit daran etwas zu verändern. Auch mit dem Licht waren kaum Varianten möglich: Schummerlicht oder Festbeleuchtung. Gut, Stühle konnte man stellen, was wir dann auch taten, wobei wir überhaupt nicht wußten, mit wievielen Leuten wir rechnen sollten. Klar war aber, daß der Raum mit Sicherheit zu groß ausgelegt war. Ich kann mir nur schwer einen Raum vorstellen, der noch weniger geeignet ist für Bibliolog als dieser Kellerraum im Gürzenich.

Zu unserem Angebot kamen sechzehn Teilnehmende. So kleine Gruppen für bibliologisches Arbeiten bei einer Großveranstaltung wie Kirchentag gehören inzwischen der Vergangenheit an. An die inhaltlichen Details des Bibliologs erinnere ich mich nur noch schwach, aber die Atmosphäre ist mir sofort präsent, wenn ich das Stichwort „Gürzenich“ höre. Es war gar nicht so einfach, die Gruppe in biblische Zeiten ans Ende der Wüstenwanderung der Israeliten kurz vor dem Einzug ins Land der Verheißung zu führen. Als ich dann meine Hinführung so gestaltet hatte, klopfte es lautstark an die Tür. Zwei Nachzügler betraten den Raum und fragten: „Ist hier der Bibliolog“, was ich durch einen Zettel an der Tür bekannt gemacht hatte. Ich verdrehte innerlich die Augen und dachte: Wenn die Leute schon zu spät kommen, warum können die das nicht störungsfrei gestalten und sich einfach hinsetzen. Manchmal kommt einfach viel zusammen. Der Bibliolog war anregend und lief dann trotz der schwierigen Rahmenbedingungen gut.

Denjenigen, die dabei waren, hat es gefallen. Einige habe ich später in meinen Grundkursen wieder getroffen. Für mich war die prägende Erfahrung: Bibliolog geht – wenn es sein muß – sogar an sehr dafür ungeeigneten Orten.

Aufbaukurs nicht-narrative Texte in Köln

Von Mo 12. November bis Fr 16. November 2012 biete ich in Köln an der Melanchthon-Akademie einen Bibliolog-Aufbaukurs nicht-narrative Texte an.

Ich habe vor vier Jahren mit dieser viertägigen Kursform begonnen. Meist werden Aufbaukurse über zwei Tage angeboten. Bei den nicht-narrativen Texten läuft das darauf hinaus, daß die Arbeit mit Briefen und mit Psalmen vermittelt wird.

In der viertägigen Form ist es außerdem möglich, mit Reden, prophetischen Texten und Bildern, Weisheitsliteratur und Gesetzestexten zu arbeiten und verschiedene Varianten zu zeigen, wie mit diesen Textformen gearbeitet werden kann, sodaß sie eine ganz neue Lebensnähe und Dynamik entfalten Außerdem ist auch der Raum dazu da, über die bisherige eigene Bibliolog-Praxis seit dem Grundkurs zu reflektieren, auszutauschen und sich Anregungen zu holen. Am Ende nimmt jede/r Teilnehmende einen Bibliolog für das eigene Arbeisfeld mit.

Voraussetzung für die Teilnahme ist der Bibliolog-Grundkurs und eigene Erfahrungen im Anleiten von Bibliologen. Ein guter Anhaltspunkt ist, ob man beim Anleiten flüssig das Interviewing umsetzen kann.

Besonders angesprochen sind natürlich Leute aus Köln und Umgebung. Da außer Montag alle Abende frei sind, können auch gut Menschen teilnehmen, die aufgrund ihrer familiären Situation nicht über eine Woche wegfahren können. Wer von weiter her kommt, kann in der Melanchthon-Akademie nach Gästezimmern fragen.

Weitere Informationen und Anmeldungen:
info (at) melanchthon-akademie.de
Telefon 0221 / 931803-0
Fax 0221 / 931803-20

Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (2)

Gerne erinnere ich mich an meine erste Erfahrung mit Bibliolog in der Sukka (Laubhütte) im letzten Jahr (siehe hier). Schon kurz danach hatte mich Chajm, der Gastgeber in der Sukka, gefragt, ob wir das im nächsten Jahr wiederholen könnten. Gern habe ich zugestimmt und mich für die Uschpizim (Gäste) des 5. Tages entschieden: Mosche und Zippora.

Einige waren zu diesem Abend in die Sukka des interkulturellen Hauses gekommen, weil sie Bibliolog schon kannten. Eine Schauspielschülerin, die ein Seminar besucht hatte, nahm spontan unsere Einladung in die Laubhütte an. Die Teilnehmerschaft war wieder sehr gemischt (jüdisch liberal und orthodox, evangelisch, katholisch und säkular). Nach einer leckeren Kürbissuppe und einigen anderen mitgebrachten Köstlichkeiten unternahmen wir eine Reise in den biblischen Text (Schemot Kapitel 2,16-22 / Exodus 2,16-22), traditionelle Midraschim sowie moderne Midraschim, die in den letzten 30 Jahren im Rahmen jüdischer-feministischer Auslegung entstanden sind (z.B. Rabbinerin Rebecca Alpert: Rediscovering Tziporah in „The Women`s Torah Commentary“, p 121).

Im Torahtext bleibt Zippora relativ farblos. Durch traditionelle und moderne Midraschim werden zahlreiche Facetten hinzugefügt. Im Text gibt es einen abrupten Bruch im Vers 21 zwischen dem ersten und dem zweiten Teil („Und Mose willigte ein, bei dem Mann zu bleiben. Und er gab Mose seine Tochter Zippora zur Frau“). Der traditionelle Midrasch füllt die Lücke zwischen diesen beiden Sätzen mit der Geschichte, daß Jitro sehr mißtrauisch gegen Mosche war und ihn in einen Brunnen werfen ließ. Dort überlebte er nur, weil Zipporah ihn 10 Jahre lang täglich mit Nahrung versorgte. Erst dann erzählte sie ihrem Vater, daß Mosche noch lebt. Als dieser dann Mosche lebend im Brunnen vorfand, betrachtete er das als Wunder). Die sehr aktive Seite von Zippora wird dann in Exodus 4, 24-26 deutlich als sie die tödliche Bedrohung von Mosche erkennt und den bis dahin unbeschnittenen Sohn Gerschom beschneidet und so die Gefahr von Mosche abwendet.

Mosche, Zippora und die Frau aus Kusch – Keramik von Chajm Harald Grosser

Diese Stelle spielte dann vor etwa 15 Jahren eine Rolle als im amerikanischen Reformjudentum diskutiert wurde, ob Frauen Beschneidungen vornehmen könnten. Zippora wurde dann zum Rollenvorbild für Frauen, die im Rahmen eines Mohalot-Programms des Hebrew Union College (Ausbildungsstätte in Amerika für ReformrabbinerINNEN) zu Beschneiderinnen ausgebildet wurden. Einige Jahre später folgte dann auch das konservative Judentum. An Rabbinerin Antje Yael Deusel, die vor einigen Monaten in Bamberg ordiniert wurde und dort auch im Krankenhaus als ChefOberärztin für Urologie tätig ist, sieht man, daß diese Entwicklung inzwischen auch in Deutschland angekommen ist, denn sie hat ein solches Mohalot-Programm durchlaufen. (Mohalot ist die Mehrzahl von „mohelet“, der Beschneiderin). Leider hat Frau Deussel ihre sehr interessante Seite dazu vom Netz genommen. Im Raum Freiburg gibt es noch eine weitere jüdische Ärztin und Mohelet.

In unserem anschließenden Gespräch hat uns gewundert, daß in der öffentlichen Diskussion der letzten Monate um die Beschneidung jüdischer (und muslimischer) Jungen die Geschichte von Zippora keine Rolle gespielt hat und nur Bereschit / Genesis 17 thematisiert wurde.

Für nächstes Jahr haben wir schon Josef in den Blick genommen.

Zum Weiterlesen
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (1)
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (1) (2011)

Veranstaltungshinweis: Mit Zippora und Mosche in der Sukka (Laubhütte)

Screenshot: Kulturverein Prenzlauer Berg

Am Do. 4. Oktober 2012 findet ein Treffen in der Laubhütte der Keramikwerkstatt Yad Chanah statt. Ab 19.30 h gibt es eine warme Suppe und um 20.00 h beginnt ein Bibliolog zu „Mosche und Zippora„.

An jedem Tag des Laubhüttenfestes laden wir im Idealfall zwei Gruppen von Gästen in die Sukka (Laubhütte) ein. Zuerst wären da die »echten« Gäste aus der heutigen Zeit, von denen wir wollen, dass sie sich wohlfühlen und den Feiertag mit uns teilen. Und dann gibt es neben den »echten«, die man anfassen kann, noch eine andere Gruppe von Gästen. Wir nennen sie »Uschpisin«. Das Wort kommt aus dem Aramäischen und bedeutet »Gäste«. Gemeint sind damit traditionell die Vorväter Awraham, Jitzchak, Jakow, Josef, Mosche, Aharon und David. Sie alle waren – zumindest eine Zeitlang ihres Lebens – Hirten, und von Rachel, der Frau Jakobs sowie Zippora, der Frau von Mosche, wird in der Torah erzählt, daß sie Hirtinnen waren. Nachdem wir im letzten Jahr Rachel und Jakob durch einen Bibliolog kennengelernt haben, werden wir dieses Jahr Mosche und Zippora (neu) kennenlernen, indem wir in die biblische Zeit eintauchen.

Zeit: Do 4. Okt. 2012 ab 19.30 h
Ort: Interkulturelles Haus Pankow, Schönfließer Straße 7 (Prenzlauer Berg)
S-Bhf Bornholmer Straße, U 8 oder 9 Osloer Straße dann Tram 13 oder 50 bis Schönfließer Straße

Wir freuen uns über kulinarische Beiträge zum gemeinsamen Essen (vegetarisch).

Zum Weiterlesen:
Bibliolog in der Sukka 2011

Workshop: Schawuot und Pfingsten im Labyrinth des Lebens – Bibelgarten

labyrinthdeslebens.de

Die ganze Woche war das Wetter sehr feucht und wechselhaft gewesen, sodaß ich mehrmals gefragt wurde, ob unser Treffen überhaupt stattfinden könnte, aber dann war das Wetter ideal für einen Halbtagsworkshop im Labyrinth-des-Lebens-Bibelgarten. Gekommen waren zwanzig Teilnehmende aus verschiedenen christlichen Konfessionen sowie liberale Juden und eine säkulare Frau. Erst einmal hatte jede/r Zeit, das Labyrinth des Lebens für sich zu erkunden und zu schauen, welche Lebensphase, persönliche Situation oder Befindlichkeit, die im Labyrinth des Lebens – Garten angelegt sind, einen gerade besonders ansprechen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde gabt es eine kleine Einführung zum Wochenfest Schawuot, das ursprünglich ein Fest war, an dem die Erstlingsfrüchte zum Tempel gebracht wurden. Wie man sich das vorstellen muß ist im Talmud-Traktat Bikkurim (Erstlingsfrüchte) beschrieben. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels verschob sich der Schwerpunkt dann zu dem, was das zentrale Moment des Schawuotfestes heute ausmacht: Die Gabe der Torah an das jüdische Volk. Davon erzählten die Kapitel 19 und 20 in Schemot (2. Buch Mose / Exodus). Jede/r hatte Zeit sich den eigenen passenden Standort im Labyrinth-Garten zu suchen, um diesen Text, der laut vorgelesen wurde zu hören.

Ich hatte im Vorfeld überlegt, ob ich den Bibliolog „Reise ins Herz der Torah – als G-tt die Torah am Sinai gab“ mache, den ich letztes Jahr auf Einladung der Heilig-Kreuz-Kirche im Rahmen der Nacht der offenen Kirchen gemacht hatte. Da aber zwei Grundschulkinder angemeldet waren, habe ich mich nicht getraut bibliologisch mit einem Text aus Levitikus zu arbeiten und wollte mich lieber auf etwas sichererem Terrain bewegen.

labyrinthdeslebens.de

In der Synagoge wird an Schawuot das Buch Ruth gelesen. Am Ende des ersten Kapitels heißt es, daß Ruth und ihre Schwiegermutter Noemi am Ende der Gerstenernte nach Bethlehem kamen. Ruth, die als Moabiterin sich dem jüdischen Volk anschloß, gilt als besonderes Vorbild, weil sie sich aus freiem Willen dazu entschlossen hat, die Gebote der Torah auf sich zu nehmen. Im anschließenden Bibliolog sind wir dem ersten Kapitel vom Aufbruch aus Moab bis zur Ankunft von Ruth und Noemi in Bethlehem nachgegegangen. Schade, daß wir aus zeitlichen Gründen nicht mit dem ganzen Buch arbeiten konnten. Viele der Teilnehmenden waren letztes Jahr bei den vier Abenden zum Buch Ruth unter dem Thema „Geschichten vom Weggehen und Ankommen“ dabei gewesen, sodaß im anschließenden Austausch auch einiges von diesen Abenden anklang.

Für das gemeinsame Mittagessen waren viele leckere, vegetarische Gerichte mitgebracht worden. Nach der Mittagspause lag der Schwerpunkt auf der Pfingstgeschichte wie sie in der Apostelgeschichte überliefert wird. Fünfzig Tage sind es zwischen Ostern und Pfingsten. Das Vorbild dafür ist aus der jüdischen Tradition die 50 Tage zwischen Pessach und Schawot. Die Hinführung zum Bibliolog der Pfingstgeschichte legte denSchwerpunkt auf die Schilderung des Schawuot-Festes in Jerusalem wie es in rabbinischen Schriften erzählt wird und schlug dann die Brücke zur Situation der Jünger, die mehrere Jahre mit Jesus unterwegs gewesen sind, erlebten, wie er verraten und gekreuzigt wurde und nun in Jerusalem sind. Die Parallelen in der sprachlichen Gestaltung von Schemot 19 und 10 (Exodus Kapitel 19 / 20; 2. Buch Mose Kap 19 + 20)sind offensichtlich und machen deutlich, daß diese Erzählung die als Vorlage für die Gestaltung der Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte diente.

Auffallend für mich war, daß die Reaktionen der meisten kirchlich Aktiven unter den Teilnehmenden auf die Pfingsterfahrung als Pilgerin befragt eher skeptisch-distanziert war. Die liberalen Juden waren eher daran interessiert, was das zu bedeuten habe und hielten es in der Schwebe. Ein freikirchlicher Teilnehmer freute sich besonders darüber, daß er jetzt (als Apostel) Latein kann.

Eine beeindruckende Verbindungslinie künstlerischer Art habe ich schon vor längerer Zeit im Gedicht „Pfingsten“ von Wilhelm Bruners, der als katholischer Priester einige Jahre in Jerusalem gelebt hat und im Bild „Pentecost“ von Sybille Tezzele-Kramer gefunden:

Pentecost / Pfingsten von Sybille Tezzele-Kramer

Pfingsten

Die Nacht war voller Musik
Tanz und Gesang
Die Tora hatten sie studiert
die alten Weisungen neu gehört
Auf dem Berg
waren sie gewesen
Die Stimme hatten sie gesehen

Jetzt taumelten sie in den Tag
noch blind von der ersten Sonne

Einige blieben
bis das Licht zum Feuer wuchs
der Wind zum Sturm
und sie ins Gebet trieb

in die Preisung
mit allem
(Wilhelm Bruners)

Zum Weiterlesen:
Einen ersten virtuellen Eindruck vom Labyrinth des Lebens kann man sich hier verschaffen.