Bibliolog zum Jahr der Barmherzigkeit …

cropped-header-weblog-3.jpgGestern haben wir uns zum zweiten Mal zur monatlichen Bibliolog-Runde nach dem Samstagsfrühstück getroffen. In unserem Wohngemeinschaftswohnzimmer wurde es eng.

Beim ersten Treffen im Juli sind wir der Frage nachgegangen: „Wer ist mein Nächster?“ und zwar anhand der Parabel vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25 ff). Wir haben uns damit beschäftigt, was Barmherzigkeit in verschiedenen religiösen Traditionen bedeutet. Bis November begeht die katholische Kirche das Jahr der Barmherzigkeit, was mir als Anregung für die Auswahl des Textes diente.

Die christliche Tradition kennt sieben Werke der Barmherzigkeit:

  • Hungrige speisen
  • Durstige tränken
  • Fremde beherbergen
  • Nackte bekleiden
  • Kranke besuchen
  • Gefangene besuchen
  • Tote bestatten

Die ersten sechs Werke finden sich in der Endzeitrede im Evangelium nach Mätthäus (Kapitel 25). Der Kirchenvater Lactantius (verstorben um 250) hat das siebte Werk (Tote bestatten) hinzugefügt und sich dabei auf das Buch Tobit bezogen, das im nicht zum jüdischen Kanon gehört.

In einem anderen Werk (Epitome divinarum institutionum) benennt dieser Kirchenvater jedoch neun Werke der Barmherzigkeit:

  • Hungernde speisen
  • Nackte kleiden
  • Unterdrückte befreien
  • Fremde und Obdachlose beherbergen
  • Waisen verteidigen
  • Witwen schützen
  • Gefangene vom Feind loskaufen
  • Kranke und Arme besuchen
  • Tote bestatten

    Katholische Internetseiten betonen, daß diese Aufzählung nicht aus einer Bibelstelle herzuleiten ist. Mein Kommentar: Sie stammt aus der rabbinischen Tradition des Judentums. Es gibt nach jüdischem Verständnis Gebote, die einen so hohen Stellenwert haben, daß – wenn man sie ausführt – der Lohn nicht erst in der kommenden Welt eintritt, sondern schon in dieser Welt zuteil wird. Im Morgengebet, wie es jeder orthodoxe Jude täglich betet, werden genau diese neun Mizwot (Gebote) in diesem Zusammenhang benannt.

    Vorgestern habe ich dann eine Geschichte zum Thema Barmherzigkeit ausgewählt, die normalerweise eher im Kontext von Wundergeschichten thematisiert wird, nämlich die Begegnung vom Propheten Elischa und einer Witwe (2 Könige 4). Die beiden Söhne der Witwe sollen in Schuldknechtschaft verkauft werden. Die Witwe hat noch einen kleinen Krug mit Öl. Der Prophet weist sie an, bei den Nachbarn Gefäße auszuleihen, was sie tut. Diese Gefäße werden mit Öl gefüllt, das sie verkaufen kann und damit die Schulden bezahlen kann.

    Im anschließenden Gespräch haben wir unterschiedliche Aspekte vertieft. Dabei fühlte sich ein Teilnehmer auch an die Exerzitien auf der Straße erinnert, bei denen das Hören im Mittelpunkt steht und oft ein Impuls, der ungewohnt ist, der quer liegt, zu etwas führt, was man überhaupt nicht im Blickfeld hatte und so neue Perspektiven eröffnet ähnlich wie bei der Witwe, die sich auf die Anweisung des Elischa einläßt und Gefäße ausleiht.

    Zum Weiterlesen:
    Bibliolog – aus Liebe zur Schrift (eigener Artikel auf dem Bibliolog-Weblog)

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Kollege Kamel: Bibliolog mit geistig behinderten Menschen

4E6A8295Zwei Jahre habe ich gelegentlich eine Wohngruppe geistig behinderter Erwachsener besucht und dabei auch die Gelegenheit gehabt Bibliolog anzuleiten. Der Grad der Behinderung und die Sprachfähigkeit war sehr unterschiedlich. Da ich nur gelegentlich da war, half es mir sehr, daß immer eine Mitarbeiterin dabei war, die dann, wenn ich die sprachlichen Äußerungen nicht verstanden habe, dolmetschen konnte.

Ganz wichtig war ein flauschiges Steiftierkamel, das ich vor einigen Jahren im Basar von Istanbul gekauft hatte. Das Kamel liebten die Teilnehmenden sehr. „Wie heißt der?“ war eine der ersten Fragen, die mich in Verlegenheit brachte. „Gimel“ sagte ich spontan, weil mir nichts besseres einfiel – der dritte Buchstabe im hebräischen Alpabeth. Gimel wurde sehr geliebt und mußte immer eine ausführliche Begrüßungsrunde machen. Da Gimel als Kamel ein Tier aus der Bibel war, war klar, daß er bei allen biblischen Geschichten dabei war und sie miterlebt hat. Alles wurde aus seiner Perspektive erzählt: Egal ob Gimel hinter Abrahams Zelt graste oder mit den Weisen aus dem Osten auf dem Weg nach Jerusalem war oder gerade in Jericho genau von dem Baum Blätter naschte, in dem Zachäus saß als Jesus vorbei kam.. Wer dann auf eine Frage antworten wollte, durfte Gimel nehmen. So war auch immer klar, wer gerade dran war. Am Schluß mußte Gimel eine ausführliche Abschlußrunde drehen und versprechen bald wiederzukommen.

Relaunch der Website von Peter und Susan Pitzele

Susan und Peter Pitzele

Susan und Peter Pitzele haben Bibliolog entwickelt und seit einiger Zeit eine gemeinsame Website, die einer gründlichen Überarbeitung und Erneuerung unterzogen worden ist. Man findet sie hier. Für deutschsprachige Leser ist wichtig, daß Bibliolog in Amerika Bibliodrama heißt. Was wir hier Bibliodrama nennen, wird in den USA als bibliotherapy bezeichnet.

Außerdem sind auch einige künstlerische Aktivitäten zu sehen. So hat Peter Pitzele ein Jahr lang zu jedem Wochenabschnitt, der in der Synagoge am Schabbat gelesen wird, eine Collage erstellt. Die Gestaltungen sind hier einzusehen. Angeregt wurde diese Arbeit durch Jo Milgroms Buch „Handmade Midrash as a Visual Theologie“, in dem sie dazu anregt, mit gerissenem Papier (torn paper midrash) zu arbeiten.

Peter Pitzele: das goldene Kalb

Ich habe mit dieser Form der kreativen Gestaltung nach dem Bibliolog gute Erfahrungen gemacht. Ein Beispiel ist hier.

ein Geschenk der Götter – oder: Was ist Rezeptionsästhetik?

Bibliolog hat drei Grundlagen: das Psychodrama, der Midrasch (Praxis jüdischer Schriftauslegung) sowie die Rezeptionsästhetik, einem Ansatz aus der Literaturwissenschaft. Die Rezeptionsästhetik geht davon aus, dass Leserinnen und Leser (Rezipentinnen und Rezipienten) beim Erzeugen eines Textsinns eine aktive Rolle spielen (mehr dazu hier). Immer wieder habe ich mich gefragt, wie ich in Bibliolog-Grundkursen möglichst anschaulich vermitteln kann, was „Rezeptionsästhetik“ bedeutet. Dabei kam mir das Kino zu Hilfe, genauer gesagt der Film „ein Geschenk der Götter“. In meiner Schulzeit habe ich mich in der Oberstufe ausführlich mit den verschiedenen Fassungen des Dramas „Antigone“ beschäftigt (Sophokles, Bertolt Brecht, Jean Anouilh). Deswegen sprach mich letzten Herbst eine Kinovorschau an, die eine Komödie zu diesem Thema ankündigte. Kurz der Inhalt: Eine arbeitslose Schauspielerin bekommt durch die für sie zuständige Sachbearbeiterin die Möglichkeit mit einigen Langzeitarbeitslosen einen Theaterkurs abzuhalten. Sie wählt „Antigone“ aus, was erst einmal auf mäßiges Interesse bei den Beteiligten stößt. Zunehmend verknüpfen die am Theaterprojekt Beteiligten ihre Lebenssituation mit dem Theaterstück und interpretieren ihr Leben auf der Folie der Antigone. Und hier ist die Parallele zu dem, was wir im Bibliolog machen, nämlich eine Verbindung anzubieten, wie sich biblische Geschichten und Texte mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen lassen. „Ein Geschenk der Götter“ zeigt, was Rezeptionsästhetik ist und wie sie „funktioniert“. Seit 20. April 2015 ist der Film auch als DVD erhältlich.

Emmaus-Bibliolog und Strassenexerzitien

Seit September letzten Jahres begleite ich immer wieder „Exerzitien auf der Strasse“, eine Form von Exerzitien, die vor 25 Jahren in der Jesuitenkommunität in Berlin-Kreuzberg entstanden ist. Mehr dazu findet man hier.

Eine Gruppe von bis zu zehn Menschen findet sich mit vier Begleitenden (2 Frauen und 2 Männer) für zehn Tage zusammen und lebt unter einfachen Bedingungen. Jede/r verbringt den größten Teil des Tages auf der Straße in Offenheit für das, was ihm / ihr begegnet. Am Abend gibt es einen Austausch in Kleingruppen mit einer Begleiterin und einem Begleiter. Dabei geht es darum, das Erlebte zu erschließen und einzuordnen. Immer wieder bewegend ist es, wie schnell die Teilnehmenden mit dieser Form an ihre Lebensthemen kommen.

Exerzitien auf der Straße fördern durch den Prozeß der Verlangsamung die gleichen Grundhaltungen wie das bibliologische Arbeiten. Schon öfter habe ich mich gefragt, wie es wäre bei den thematischen Impulsen mit Bibliolog zu arbeiten. Zum Grundgerüst der biblischen Geschichten, die dem Prozeß der Straßenexerzitien zugrunde liegen, gehört die Begegnung von Mosche (Moses) am brennenden Dornbusch, die Aussendung der Jünger zu zweit sowie in der Endphase die Geschichte von Emmaus.

Von Palmsonntag bis zum darauffolgenden Mittwoch habe ich wieder eine Gruppe begleitet. Dieses Mal war die Gesamtgruppe mit 17 Teilnehmenden und sechs Begleitenden besonders groß. Deshalb stellte sich die Frage, wie die Erfahrungen der Einzelnen während dieser Tage am Abschlußtag zur Sprache kommen können, was bei dieser Gruppengröße und dem zeitlichen Rahmen an einem Vormittag ausschließt, daß jede/r ausführlich die eigene Erfahrung in der Großgruppe thematisiert.

Wie könnte es möglich sein, Eigenes in einem größeren Rahmen einzubringen? In der Abschlußphase der Strassenexerzitien spielt die Emmausgeschichte eine besondere Rolle. Ich schlug vor, die Emmausgeschichte in Form eines Bibliologs so zu öffnen, daß die Teilnehmenden darin ihre eigenen Erfahrungen auf der Straße in diesem Textraum finden und wenn sie mögen zum Ausruck bringen können.

In meinen Bibliolog-Grundkursen, die in der Fasten- und Passionszeit stattfinden, habe ich schon zahlreiche Bibliologe zur Emmausgeschichte erlebt. Da der zeitliche Rahmen im Bibliolog-Grundkurs für die Teilnehmenden und ihren ersten Bibliolog auf 20 bis 25 Minuten beschränkt ist, können sie mit vier Fragen arbeiten und erarbeiten diese entweder zum Grundthema „Begegnung“ oder „Trauer“.

Für mich stellte sich für den Abschluß der Straßenexerzitien die Frage, wie ich die Fragen für den Bibliolog so entwickle, daß der Weg nach Emmaus mit dem Prozeßgeschehen der Straßenexerzitien parallelisiert wird und diesen spiegelt. Dabei werden andere Aspekte wichtig als wenn man die Emmausgeschichte unter den Schwerpunkten „Begegnung“ oder „Trauer“ thematisiert.

Für mich war es spannend, neue – also andere Fragestellungen zu erarbeiten. Durch die zahlreichen Bibliologe, die ich dazu erlebt habe, war es gar nicht so einfach, die bekannte „Schiene“ Trauer oder Begegnung hinter mir zu lassen.

Da ich Bibliolog meit mit Gruppen anleite, die ich wenig oder gar nicht kenne, war es für mich eine seltene Gelegenheit und schöne Erfahrung mit Menschen bibliologisch zu arbeiten, mit denen ich mehrere Tage zusammen war.

Eine besondere Prägung und Eindringlichkeit hatte dieser Bibliolog noch durch den Raum, in dem er stattfand. Es war der Kirchenraum im evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee mit dem Plötzenseer Totentanz von Alfred Hrdlicka, der auch eine Emmausdarstellung enthält.

Zum Weiterlesen:
Mehr über Exerzitien auf der Straße steht hier.
Eine Einführung zum Plötzenseer Totentanz findet man hier
Die Bilder zu Plötzenseer Totentanz findet man auf der Seite des Evang. Gemeindezentrums Charlottenburg-Nord und zwar hier
Dort habe ich auch die Abbildung am Anfang dieses Beitrags entnommen.
Weitere Postings zu Bibliolog und Emmaus stehen hier.

Bibliolog, Jazz und Philosophie

Peter Pitzele, der mit seiner Frau Susan den Bibliolog entwickelt hat, bezeichnet ihn gern salopp als „Bible-Jazz“. Heute gab es in der Philosophie-Sendung des Deutschlandradio ein sehr interessantes Interview mit dem Berliner Philosophen und Musiker Daniel Martin Feige. Er widmet sich in seinem neuen Buch der „Philosophie des Jazz“. Deutschlandradio Kultur sprach mit ihm über den performativen Charakter dieser Musik – und die Kunst der Improvisation.

Dabei werden die Parallelen zurm bibliologischen Arbeiten sehr deutlich. Den Beitrag kann man
hier nachhören.

Zwischen Karsamstag und Ostern …

Ein Ostergruß der anderen Art auch für und an die Mitlesenden dieses Blogs

Liebe S.,

am Samstag war ich wieder beim Frühstück in der Naunynstraßen – Wohngemeinschaft, wo wir uns vor einiger Zeit begegnet sind. Und was soll ich sagen: Erstmals war auch Christian Herwartz da. Ich war ganz perplex, denn immer wenn ich in den letzten eineinhalb Jahren kam, war er unterwegs. Ich habe mit einem Ohr zugehört als er jemand an seiner Erfahrung mit den Exerzitien auf der Straße teilhaben ließ. Ich sah Parallelen zu meiner Bibliolog-Erfahrung. Er meinte , wenn Leute sich auf den Prozeß der Straßenexerzitien einlassen, dann erlebt man auch als Begleiter immer wieder neue Perspektiven.

Ich unterhielt mich länger mit einem jungen Südamerikaner, der aus Berlin weggezogen ist und sich an seinem neuen Wohnort in den neuen Bundesländern, wo Busse nur unter der Woche und untertags fahren, sehr isoliert fühlt. Danach kam ich mit einer jungen Frau ins Gespräch, die ein freiwilliges soziales Jahr gemacht hat bei Solwodi, einer Anlaufstelle für Frauen, die von Menschenhandel und oft auch von Zwangsprostitution betroffen sind.

Eine Frau hatte Fotos dabei, die sie am Karfreitag von der Mahnwache vor dem Abschiebegefängnis in Köpenick aufenommen hatte. Es waren zwei große gekreuzte Holzbalken. Auf dem Kreuzungspunkt liegt eine Dornenkrone, in deren Mittelpunkt ein Kelch steht. Die Dornenkrone spiegelt sich im Kelch (hier).

Nach diesem reich gefüllten Vormittag machte ich mich auf den Weg in den Grunewald. Ich war zu einem Bibliolog für einen Oasentag eingeladen. Von Kreuzberg nahm ich den Bus, der über den Wittenbergplatz zum Bahnhof Zoo fährt. Zwischen Wittenbergplatz und Gedächtniskirche war die Straße brechend voll von Menschen, die zum Einkaufen unterwegs waren. Auch das ist eine Seite, die säkulare Seite, von Karsamstag: Offene Kaufhäuser für die, die zwischen Karfreitag und Ostersonntag einkaufen wollen. Und es trifft anscheinend das Bedürfnis von vielen.

OsterglockeIch stieg dann in die S-Bahn um zur S-Bahnstation Grunewald zu fahren und dann den Fußweg zu nehmen, der in den Eichkamp, eine Siedlung im Grunewald, die einige Minuten von der S-Bahntrasse entfernt liegt. Dort hatten sich einige Leute aus dem Umfeld der Naunynstraßen WG einen Oasentag organisiert und mich zu einem Bibliolog eingeladen. Wir saßen in einem wunderschönen blühenden Garten und der Text, den ich mitgebracht hatte, paßte überhaupt nicht zu dieser wunderschönen und friedlichen Umgebung wie sie sich auf den ersten Blick darstellte.

Wenn man am S-Bahnhof Grunewald ankommt und den Ausgang auf der rechten Seite von Berlin aus kommend nimmt, dann kommt man in den Eichkamp. Dort lebten vor der Nazizeit viele Juden. Es gab auch eine jüdische Privatschule dort, die Jugendliche auf die Emigration vorbereitete. Im Eichkamp war auch der einzige Sportplatz, auf dem jüdische Kinder und Jugendliche Sport treiben konnten und wo jüdische Sportfeste stattfanden und die beiden jüdischen Sportvereine Bar Kochba und Makkabi die letzte für Juden verbliebene Möglichkeit war, sportlichen Aktivitäten nachzugehen. Heute ist die Sportanlage nach dem jüdischen Fußballnationalspieler Julius Hirsch und dem Quizmaster Hans Rosenthal benannt. Das war mir sehr gegenwärtig. Auf dem Weg zu dem Haus, wo das Treffen sein sollte, ging ich auch an zwei Stolpersteinen vorbei, die an Juden die dort gewohnt hatten und deportiert worden waren, erinnern: Dr. Max Spittel und seine Frau Berta Spittel. Ich war vorher noch nie im Eichkamp gewesen, obwohl auch dieser Teil Berlins zu meiner inneren Landkarte gehört.

Wenn man den S-Bahn-Grunewald aber auf der linken Seite verläßt, dann kommt man nach etwa 100m zum „Gleis 17“ (Grunewaldrampe). Das ist heute eine Gedenkstätte. Es ist das Gleis, von dem die meisten der fast 59 000 deportierten Berliner Juden in die Vernichtungslager transportiert wurden. (Es gibt in Berlin zwei Deportationsbahnhöfe: Putlitzstraße in Moabit und Grunewald – also Gleis 17).

Gleis 17 (© M. Eun)

Gleis 17 (© M. Eun)

Ich habe schon oft Überlebende oder Kinder von jüdischen Emigranten an diesem Ort begleitet und einige dort auch zusammenbrechen sehen unter der Last ihrer Geschichte. Auf Gleis 17, das ins Nichts führt sind in den Boden Eisenschwellen eingelassen, auf denen das jeweilige Datum und der Bestimmungsbahnhof des Deportationszuges zu lesen sind. Ich habe vor 15 Jahren dazu einen Text geschrieben.

Erst am Freitag als ich den Anfahrtsweg go.ogelte wurde mir klar, in welcher Nähe der Oasentag stattfinden würde. Für mich war das dann sehr präsent und einen Moment lang hätte ich lieber abgesagt. Ich habe das, was für mich sehr gegenwärtig war, allerdings den Teilnehmenden nicht erzählt. Ich wollte es diesen großenteils sehr jungen Menschen, die ich kaum oder gar nicht kannte, nicht zumuten. Als ich G. und R. im Vorfeld fragte, ob sie für den Tag einen bestimmten Text im Auge hätten, meine R. vielleicht etwas aus Johannes 19 (ökumenischer Lesetext von Gründonnerstag bis Karsamstag) aber sie seien auch für anderes offen. Nun sind Texte aus dem Johannesevangelium für Bibliolog-Anfänger (und auch für Anleitende) oft sehr schwierig und ich wußte, daß etwa drei Leute schon Vorerfahrungen mit Bibliolog haben.

Zwischen dem Begräbnis von Jesus am Ende von Kapitel 19 des Johannesevangeliums und der Auferstehungserfahrung in Kapitel 20 erzählt das Johannesevangelium nichts – auch nicht die anderen Evangelien. Hier bleibt eine Lücke. Die christliche Tradition hat diese Lücke später bei einem Konzil gefüllt mit der Formulierung, die heute im christlichen Glaubensbekenntnis gesprochen wird: Hinabgestiegen in das Reich des Todes.

So habe ich mich gefragt, wo es eine Geschichte in der Bibel gibt, die uns bei der Annäherung an diese Lücke hilft, wo die Erfahrung des Karsamstag (Todesnähe, Verwundbarkeit, Ausgesetzt sein, Schmerz, Verlassenheit, Klagen, Schreien) sich spiegeln oder verdichten. Ich habe sie in der Verteibung von Hagar und Jischmael (Genesis 21, 8 – 19) gefunden. Aber ob ich das den Teilnehmenden zumuten kann? Andererseits: Wenn ein Oasentag auf dem Karsamstag fällt, dann liegt es eigentlich nahe die Grundthemen dieses Tages aufzunehmen und sich in irgend einer Form darauf zu beziehen.

Wir haben uns also vorwiegend aus der Perspektive der Hagar an das Geschehen angenähert mit Fragen zu folgenden Grunderfahrungen in der Geschichte:

– Abwertung und Verrat (Sarah spricht abschätzig über Hagar und Jischmael, der rechtlich ihr Sohn ist)
– Forderung von Sarah an Abraham ihre Sklavin Hagar in die Wüste (in den Tod) zu schicken
– Ausgestossen sein in die Wüste – Herumirren – ausgesetzt sein – verwundbar sein
– vom Weinen Hagars und vom Schreien Jischmaels
– Im Angesicht des Todes (Jischmael unter dem Busch und Hagar in Sichtweite)
– Hagars Augen werden geöffnet und der Brunnen in der Wüste wird sichtbar

Besonders nah ging mir im anschließenden Austausch der Beitrag eines Teilnehmers, der den Bibliolog schweigend vollzogen hat: „Der Brunnen mit dem Wasser war die ganze Zeit da – auch wenn Hagar ihn noch nicht sehen konnte“. Ich denke, das ist ein Schlüsselsatz, um nicht – fast hätte ich geschrieben „im Vordergründigen“ – hängenzubleiben. Aber Leiden ist niemals nur „vordergründig“.

Ich habe dadurch verstanden, was Alfred Delp (SJ) gemeint haben könnte, wenn er im Gefängnis vor seiner Hinrichtung in Plötzensee schrieb:

„Die Welt ist Gottes voll. Aus allen Poren quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben“.

Ich habe mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen können, was mit „Brunnenpunkt“ gemeint sein könnte (eine Wortschöpfung von Delp). Und oft erscheint es mir das Reden von Christen, die von Ostern sprechen und daß es ohne Karfreitag keine Auferstehung gäbe, eher als eine Art Sprachhülle. Es ist schwer Karsamstag, in dem ja der Karfreitag nachklingt, auszuhalten.

Im Rückblick bin ich mir unsicher, ob ich den Teilnehmenden am Oasentag nicht zuviel zugemutet habe.

Nun ist dieser kurze Gruß doch etwas länger geworden und ich wünsche Dir gesegnete Ostern

Wir Juden beginnen heute abend den siebten Tag von Pessach – ein besonderer Tag, weil nach der jüdischen Tradition an diesem Tag der Durchzug durch das Rote Meer geschah. Das Meer teilte sich erst als Nachschon, der als erster ins Wasser gegangen ist, bis zum Hals im Wasser stand. Beim nächsten Schritt – so erzählt der Midrasch – wäre er versunken wenn nicht die Wasser zurückgewichen wären.

Herzliche Grüße

I.

Im Nachhinein denke ich, daß ich mit einer Gruppe, die ich kenne und die mich kennt, den Bibliolog am Gleis 17 machen würde.

Zum Weiterlesen noch ein Artikel vom Theosalon-Blog, der mich bei der Bibliolog-Vorbereitung inspiriert hat:
Mein Vertrauter ist nur noch Finsternis – Mit Wolfgang Herrndorf Karfreitag verstehen