interreligiöse Bibliolog-Werkstatt 2015

Im neuen Jahr geht es am Mittwoch 7. Januar mit der interrligiösen Bibliolog-Werkstatt weiter. Wir gehen ins achte Jahr. In diesem Jahr wird das Rahmenthema „Geschichten zu Scheitern und Neubeginn in heiligen Schriften von Juden, Christen und Muslimen“ sein.

Mi 7. Jan. 19.30 h: Adam, Eva und die verbotene Frucht (Gen 3)
11. Februar 19.30 h:  der gescheiterte Sohn  (Lukas 15)
25. Maerz 19.30 h:     Moses auf der Flucht (Exodus 2)
22. April 19.30 h:       Jakob am Jabbok (Genesis 32)
20. Mai 19.30 h:       Der Prophet Nathan stellt Koenig David zur Rede (2 Samuel 12)
17. Juni 19.30 h:      Josef im Brunnen  (Genesis 37)
15. Juli 19.30 h: Paulus, Silas und der Gefängniswärter von Philippi (Apg 16)

(9. September, 14. Oktober, 11. November, 9. Dezember)

Ort: Sprengelhaus, Sprengelstraße 15, 13353 Berlin (2. Hinterhof, 2. Etage – Aufzug links vom Hofeingang) / U 9 Amrumer Strasse oder U 6 Leopoldplatz

Kosten: Beitrag für Raumnutzung nach Selbsteinschätzung

Bibel interaktiv in Evas Arche

am Donnerstag 20. November um 19.00 h werde ich im ökumenischen Frauenzentrum den erfahrungsbezogenen Ansatz „Bibel interaktiv“ vorstellen. Diese Form mit der Bibel umzugehen eigenet sich auch für sehr große Gruppen und kommt gut bei Jugendlichen an. Auch wenn man nicht sicher ist, ob Bibliolog für eine Gruppe geeignet ist,ist „Bibel interaktiv“ eine gute Möglichkeit das zu testen. Bibel interaktiv ist deutlich von Bibliolog und Bibliodrama inspiriert, jedoch bedarf es keiner eigenen Ausbildung. Das ökumenische Frauenzentrum Evas Arche befindet sich in der Großen Hamburger Straße 28 in Berlin-Mitte. Die Teilnahme ist kostenlos.

Blogevent Linsen: Jakobs und Esaus Linsengericht mit Spinat und Granatapfelkernen

Blog-Event XCVI - Linsen (Einsendeschluss 15. März 2014)

1 x umrühren bitte hat zum „Blogevent Linsen“ aufgerufen, das heißt es werden in der gut vernetzten Foodblogger-Szene Linsengerichte in allen Varianten und Schattierungen gesammelt. Weil wir uns im Rahmen der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt gerade mit „Essen und Trinken in der Bibel“ (mit vergleichenden Abstechern in den Koran) beschäftigen hoffe ich auf Verständnis bei der Leserschaft, daß ich quasi fremd gehe unter die Foodblogger.

Das erste Buch Mose (Bereschit) erzählt uns im 25. Kapitel, wie es dazu kam, daß Esau, der erstgeborene Sohn Jakobs seinem jüngeren Zwilling Jakob das Erstgeburtsrecht abgibt:

Als Esau einmal erschöpft nach Hause kam, hatte Jakob gerade Linsen gekocht. »Gib mir schnell etwas von dem roten Zeug da, dem roten«, rief Esau, »ich bin ganz erschöpft!« Daher bekam Esau den Beinamen Edom. Jakob sagte: »Nur wenn du mir vorher dein Erstgeburtsrecht abtrittst!« »Ich sterbe vor Hunger«, erwiderte Esau, »was nützt mir da mein Erstgeburtsrecht!« »Das musst du mir zuvor schwören!«, sagte Jakob. Esau schwor es ihm und verkaufte so sein Erstgeburtsrecht an seinen Bruder. Dann gab ihm Jakob eine Schüssel gekochte Linsen und ein Stück Brot. Als Esau gegessen und getrunken hatte, stand er auf und ging weg. Sein Erstgeburtsrecht war ihm ganz gleichgültig. (Gute Nachricht Übersetzung)

Ich haßte als Kind Linsen, die es nur als braune Tellerlinsen gab. Ich verstand nie, wie Esau so bescheuert sein konnte, sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht sausen zu lassen. Als vor einigen Jahren das Linsensortiment in den Läden immer größer wurde, wollte ich noch einen Versuch starten, ob es irgendeine Sorte gibt, die mir schmeckt. Und rote Linsen gehören inzwischen zu meinen Favoriten, auch weil man sie nicht einweichen muß und sie eine kurze Kochdauer haben.

Aus der Bibel wissen wir nichts über die genauen Zutaten und wie Jakob das Linsengericht zubereitet hat. Aus der Erzählung von Jakob und Esau kann man keine Rezepte ableiten. Dazu sind die Angaben zu sparsam. Ich habe mich für ein Projekt einmal ausführlich mit Pflanzen in der Torah beschäftigt. Daraus resultiert das Wissen um die botanischen Gegebenheiten und welche Pflanzen in der Lebenswelt von Jakob und Esau vorkamen.

Folgende Zutaten werden für zwei reichliche Portionen benötigt:

160 g rote Linsen (1 große Tasse)
2 – 2 ½ Tassen Gemüsebrühe
250 g Blattspinat TK
½ Bund Lauchzwiebel
½ Zwiebel
2 EL Olivenöl
100 g saure Sahne
100 g Hirtenkäse (Feta / Schafskäse)
4 EL Granatapfelkerne
Salz
Pfeffer
1 ½ – 2 TL Za’atar (Gewürzmischung aus Ysop, Sumach, Sesam und Salz; gibt es im Weltladen oder libanesischen Lebensmittelgeschäften)

Zubereitung:

Linsen in der Gemüsebrühe bißfest kochen kochen und zur Seite stellen.

Blattspinat ausdrücken und grob hacken.

Lauchzwiebel und Zwiebel fein würfeln. Hirtenkäse zerbröseln oder würfeln.

Saure Sahne und den zerbröckelten Fetakäse gründlich vermischen. Mit Salz, Pfeffer und Za’atar würzen.

Olivenöl in einem Topf erhitzen. Lauchzwiebeln und Zwiebeln leicht anbraten bis sie glasig sind und. Linsen, Spinat und das saure Sahne- Hirtenkäse-Gewürze-Gemisch zu den (Lauch-)Zwiebeln geben und unterrühren, erhitzen und evtl. nachwürzen.

Soviel Gemüsebrühe hinzufügen, daß man die Konsistenz hat, die man bevorzugt im Spektrum zwischen Suppe und Eintopf

Mit Granatapfelkernen bestreuen und servieren.

Variante 2:
Za’atar durch (getrocknete) Minze und die Granatapfelkerne durch kleine Würfel getrockneter Aprikosen (6 – 8 Stück) ersetzen: Nach Zufügen der Aprikosen das Gericht noch einige Minuten durchziehen lassen. Guten Appetit!

Linsengericht

Linsengericht von Jakob und Esau


Food-Fotografie ist definitiv nicht meine Stärke. Deshalb gibt’s das Bild erst nach der Beschreibung.

Wenn es Ende April in der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt um den „Geschwisterneid und Geschwisterstreit von Esau und Jakob“ geht, werden wir den Abend wahrscheinlich mit diesem Essen beginnen.

Warum die meisten biblischen Kochbücher, die derzeit im Buchhandel erhältlich sind, untauglich sind, habe ich in zwei Rezensionen hier und hier beschrieben.

interreligiöse Bibliolog-Werkstatt 2014: Essen und Trinken in Heiligen Schriften

In kleiner Runde – vermutlich durch das winterliche Wetter bedingt – trafen wir uns gestern zur ersten interreligiösen Bibliolog-Werkstatt 2014 machten wir eine Zeitreise über 2600 Jahre zurück ins babylonische Exil, trafen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und erkundeten, welche Bedeutung Psalm 104 für sie gehabt haben könnte. Die nächste Station unserer Zeitreise war bei Rabbi Meir und seiner Frau Beruriah, die im zweiten Jahrhundert unserer Zeit unter römischer Besatzung lebten. Von ihnen wird folgende Geschichte erzählt:

In der Nachbarschaft von Rabbi Meir und Brurja gab es sittenlose Gesellen, über die sich Meir sehr ärgerte. Deshalb betete er darum, dass Gott diese bösen Nachbarn verflucht und sterben lässt. Er denkt dabei an einen Psalmvers, in dem es heißt, dass die Frevler von der Erde verschwinden sollen (Psalm 104 Vers 35) Brurja aber sagt zu ihm: “Bete nicht, dass sie sterben, bete nicht gegen sie, sondern bete für sie, bete darum, dass sie sich bekehren. Denn so ist es gemeint, wenn der Psalm sagt: Die Frevler sollen verschwinden von der Erde.” Da betete Meir für sie und sie kehrten in Reue um. (nach Berachot 10a)

© Werner Bühler / 54516 Wittlich

© Werner Bühler / 54516 Wittlich

Anschließend besprachen wir noch, was ein Rahmenthema für die Bibliolog-Werkstatt in diesem Jahr sein könnte. „Psalmen“ war ein Votum, „aber nicht immer“ ein anderes. „Essen und Trinken in der Heiligen Schriften“ wurde genannt. So verbinden wir beides beim nächsten Treffen:

Mi 26. Februar 19.30 h: Vom gefüllten Becher und dem gedeckten Tisch im Angesicht der Feinde (Psalm 23)

26. März 19.30 h: Zu Gast bei Abraham und Sarah: Was Torah, Midrasch, Neues Testament und Koran erzählen (Bereschit / Genesis 18 / Hebräer 11 / Sure 11 + 51)
Mi 23. April 19.30 h: Geschwisterneid – Geschwisterstreit: Jakob und Esau
Mi 21. Mai 19.30 h: Elia wird versorgt von Raben und von der Witwe von Zarpat
Mi 25. Juni 19.30 h: „Ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein“ -Jesus zu Gast beim Zolleintreiber Zachäus (Lukas 17)
Sommerpause
25. – 29. August: interreligiöser Bibliolog-Grundkurs im Sprengelhaus

Mi 17. September 19.30 h: Vom Hunger im Exil (Jesaja 55)
29. Oktober: Thema noch offen
Mi 19. November 19.30 h: Hungersnot, Flucht und Heimkehr: Noemi und ihre Schwiegertöchter
Mi 17. Dezember 19.30 h: Ein Ölwunder und das jüdische Lichterfest Chanukka

interkulturelles Stadtteilzentrum Sprengelhaus
Sprengelstrasse 15
13353 Berlin (Wedding);
Kostenbeitrag für Raumnutzung nach Selbsteinschätzung erbeten

Europäische Bibeldialoge: Psalmen begleiten durchs Leben

Logo

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Ich kenne die Europäischen Bibeldialoge schon von der Zeit als sie noch „Berliner Bibelwochen“ hießen und war punktuell als Referentin und / oder mit einer meiner Stadtführungen dabei. Eine ganze Tagunge habe ich aber jetzt zum ersten Mal erlebt.

Ich bin gerade in der Endphase für die Planung eines christlich-jüdischen Psalmenprojekts, und so fiel mir die Ausschreibung „Psalmen begleiten durchs Leben: Loben, Hoffen, Klagen“ auf, und ich fragte nach, ob es noch einen Platz gäbe. Viel Hoffnung hatte ich nicht, denn es war ein sehr kurzfristiger Entschluß. Kurz darauf meldete sich Frau Dr. Hahn, die für die Europäischen Bibeldialoge verantwortlich ist, und fragte an, ob ich eine Bibelarbeit übernehmen könnte, denn kurz vor der Tagung waren zwei Mitarbeiterinnen ausgefallen.

Die Arbeitsformen waren sehr unterschiedlich und auch kreativen Ansätzen wurde viel Raum gegeben. Diese Vielfalt hat mich sehr angesprochen. Durch einen Vortrag lernte ich viel über den reformierten Zugang zu Psalmen und darüber hinaus einige Unterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten und habe für mich Unterscheidungskriterien gefunden: Bei Lutheranern geht alles im Hinblick auf Liturgie und Bibelverständnis, was die Bibel nicht ausrücklich verbietet. Reformierte fragen, ob etwas aus der Bibel herzuleiten ist oder nicht.

Pfarrer Potthoff legte Psalm 104 und Psalm 22 aus. Wir konnten einzelne Aspekte noch in Kleingruppen vertiefen. Das Aktion Painting (Aktionsmalerei) zu Psalm 62 und Psalm 46 fand ich sehr beeindruckend. Gerade für eine Gruppe, die sich noch nicht kennt, ist es eine schöne Form, etwas miteinander zu gestalten, das dann als Galerie zur Raumgestaltung verwendet werden kann. Der Leipziger Künstler Matthias Klemm, der auch viele biblische Texte mit Schriften gestaltet hat, führte uns in seine Arbeiten ein. Später hatten wir Zeit, mit Wachskreiden selbst die Sgrafitto-Technik oder Frottage auszuprobieren. „Frottage“, also das Durchreiben – kannte ich von früher, wo wir Geldstücke durchrieben. Hier haben wir uns das Wort gesucht, das uns am meisten ansprach und es mit dieser Technik gestaltet, wobei Herr Klemm viele hilfreiche Hinweise gab.

Ich war einmal zum Tagesabschluß mit Psalm 23 dran und war sehr gespannt, wie ein Kurzbliolog zu Psalm 23 mit Menschen, die vorher noch keine Bibliolog-Erfahrung mit erzählenden Texten hatten und die sich mit Objekten im Text identifizieren sollten (grüne Aue, Becher, Tisch) angenommen werden würde. Ich war ganz überrascht über die Vielfalt der Beiträge. Ich erfuhr im Nachhinein, daß zwei Teilnehmerinnen schon an anderer Stelle Bibliolog mit erzählenden Texten erlebt hatten. Am Sonntag war ich dann mit einer Einheit zu Psalm 139 dran, der mir von Christen immer wieder als Lieblingspsalm genannt wird. Dabei beziehen sie sich auf den ersten Teil von Psalm 139 (Lutherübersetzung). Ich wollte aber auch die als schwierig erlebten Verse thematisieren und über die aus dem bibliologischen Arbeiten von mir entwickelte Form der Psalm-Brücke aufzeigen, wie man mit Versen wie

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!
18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.
19 Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!
20 Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.
21 Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?
22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.

(Luther Übersetzung)

umgehen kann. Die geplante Zeit dafür und für einige Schlaglichte über „Psalmen in der jüdischen Tradition“ war sehr kurz.

Es gab auch Raum, kulturelle Angebote zu nutzen und für Gespräche am Abend. Ich habe aus diesen Tagen einige wertvolle Impulse für mich mitgenommen.

Zum Weiterlesen:

Seite des Künstlers Matthias Klemm (Startseite)
Europäische Bibeldialoge (Programm; es werden die nächsten Tagungen angezeigt).
Weblog der Europäischen Bibeldialoge (deutsch / englisch mit Rückschau auf die vergangenen Tagungen)

Einige Fragen, die nach der Lektüre des Buches von Marion Gardei und Andreas Nachama „Du bist mein Gott, den ich suche – Psalmen lesen im jüdisch-christlichen Dialog“ (ich habe es hier rezensiert) offen geblieben sind, hat mir diese Tagung beantwortet.

Frage 16: Bibliolog und Bibelübersetzungen

Hinter dieser Überschrift verbirgt sich die Fragestellung, ob es Bibelübersetzungen gibt, die besonders geeignet im Rahmen der Arbeit mit dem Bibliolog sind und anders herum gefragt: Gibt es auch Bibelübersetzungen, von denen (eher) abzuraten ist?

Folgende Leitfragen könnten bei der Entscheidung weiterhelfen:
-Was dient der Verständlichkeit des Textes, den ich mit einer Gruppe auslegen möchte möchte und zwar im Blick auf die spezielle (Ziel-)Gruppe, mit der ich den Bibliolog durchführe?
– Was sind meine eigenen Vorlieben?

1. Eigene Vorlieben:
Tur Sinai coverIch verwende sehr gern die Übersetzung von Naftali Herz Tur-Sinai, die in den 1920iger Jahren an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin entstanden ist. Sie ist für heutige Zuhörende, auch wenn sie nicht in einer religiösen Tradition geprägt sind, gut verständlich und sie ist gleichzeitig ganz nah am hebräischen Text dran auch was den Sprachrythmus betrifft. Bei der Arbeit mit christlichen Gruppen ist mir aufgefallen, daß die Tur-Sinai-Übersetzung als Übersetzung, die von jüdischen Übersetzern angefertigt wurde, sehr für sprachliche Eigenheiten sensibilisiert. Bei den Grundkursen werde ich sehr oft von den Teilnehmenden gefragt, was das denn für eine Übersetzung sei, die ich verwende und empfehle sie wärmstens.

Nur bei Bibliologen mit Psalmen mit christlichen Gruppen bin ich sehr vorsichtig mit der Tur-Sinai-Übertragung, denn besonders im evangelischen Bereich sind die Teilnehmenden sehr stark von der Übersetzung von Martin Luther geprägt. Da löst es oft große Irritationen aus, wenn die Textgestalt eine andere ist als die den Teilnehmern bekannte. Wenn es mir aber genau darauf ankommt, das Bekannte zu durchbrechen und die Teilnehmer durch eine andere Übersetzung zu neuen Wahrnehmungen anzuregen, dann umgehe ich mögliche Irritationen indem ich am Beginn der Hinführung darauf hinweise, warum ich heute eine andere als für die meisten gewohnte Bibelübersetzung mitgebracht habe und verwende und welche Chance darin liegen kann, einen Text durch eine andere Übersetzung noch einmal anders und neu zu hören und zu schmecken.

Buber-Rosenzweig schätze ich sehr und verwende ich gern zur Vorbereitung. Den Einsatz dieser Übertragung finde ich allerdings beim Bibliolog schwierig, denn Buber-Rosenzweig versteht man dann, wenn man schon weiß, was der Inhalt ist. Mit Zielgruppen, mit denen man philologisch am Text Bibliolog machen will und die entsprechend vorgebildet sind (Pfarrpersonen, Theologiestudierende) kann es durchaus reizvoll sein, mit der Buber-Rosenzweig-Übersetzung zu arbeiten, aber diese Zielgruppe dürfte eher der Ausnahmefall bibliologischen Arbeitens sein.

NGÜ CoverWenn ich Bibliologe zu Texten aus dem Neuen Testament (Evangelien oder Paulusbriefe) mache, was bei mir als Jüdin nur gelegentlich vorkommt, dann ist meine Lieblingsübersetzung die NGÜ (Neue Genfer Übersetzung). Ich finde sie gut verständlich, sprachlich brilliant und frisch. Da ich kein Griechisch kann, hilft mir der Anmerkungsapparat, der neben dem Bibeltext mitläuft, sehr und hat mich schon zu mancher Frage inspiriert.

2. Zielgruppe

Eine Leitfrage für mich wäre, welche Bibelübersetzung für die Zielgruppe besonders leicht zugänglich im Sinne von „Verständlichkeit“ ist und damit „niedrigschwellig“ ist. Das kann dann bei der Vorbereitung eines Bibliologs dazu führen, daß ich für eine evangelische Gemeindegruppe die Lutherübersetzung nehme, für eine katholische Fortbildungsgruppe die Einheitsübersetzung, bei einem Frauenseminar die „Bibel in gerechter Sprache“, für Jugendliche die „Gute Nachricht“ oder „Hoffnung für Alle“ – Übersetzung. Wenn eine Gruppe dann schon etwas Bibliolog-Erfahrung hat und ich bewußt nicht mit der ihr vertrauten Textgestalt arbeite, dann – siehe oben – erkläre ich das in der Hinführung als eine Chance, durch eine andere Übersetzung neue Nuancen zu entdecken.

Außerdem gibt es Spezialfälle, auf die ich so gut wie möglich einzugehen versuche. Wenn ich weiß, daß bei einer Seniorengruppe auch Menschen mit dementieller Veränderung dabei sein werden, dann ist es wichtig, die diesen Menschen vertraute Übersetzung zu nehmen oder die speziell für Menschen mit dementieller Veränderung entwickelte Bibelausgabe Getröstet und Geborgen-Bibel.

Kinderbibel Esben Hanefelt KristensenEin anderer Spezialfall sind Kinderbibeln für Kinder im Grundschulalter. Kinderbibeln sind dann bibliologtauglich, wenn sie möglichst viel weißes Feuer lassen, also möglichst wenig interpretieren und ausmalen, denn das schränkt den Raum der Auslegung ein. Auch sind Übertragungen nicht geeignet, in denen ein Tier (Esel) oder eine dritte Person eingeführt wird, die die biblische Geschichte erzählt. In christlichen Kindergruppen arbeite ich deshalb gern mit der Neukirchner Kinderbibel und bei älteren Grundschulkindern und auch mit geistig Behinderten – egal ob Kinder oder Erwachsene – noch lieber mit der – leider wenig bekannten – „Bibel – mit Bildern von Esben Hanefelt Kristensen“, die von Klaus Knoke ins Deutsche Übersetzt wurde und von der Deutschen Bibelgesellschaft herausgegeben wurde (Bild links). In jüdischen Kindergruppen oder beim Vertiefungskurs Midrasch arbeite ich mit einer jüdischen Kinderbibel von Abascha Stutschinsky (die Bibel für Kinder erzählt), die auch Material aus dem Midrasch enthält, aber leider nicht mehr im Buchhandel erhältlich ist. Außerdem gibt es im Internet eine neue Ausgabe der Tora für Kinder von Bruno Landthaler und Hanna Liss mit Pop-Up-Fenstern aus dem Raschi-Kommentar (die Seite ist noch in Entwicklung)

Bei zweisprachigen Gruppen, bei denen nicht alle Mitglieder gleichermaßen mit beiden Sprachen vertraut sind, verwende ich Übersetzungen beider Sprachen.

Bibliolog mit Objekten zu Genesis 16

Bibliolog mit Objekten zu Genesis 16

Kann man beim Bibliolog auch mit verschiedenen Bibelübersetzungen arbeiten? Beim Normalfall bibliologischen Arbeitens legt man mit einer Gruppe einen Text aus. Um gut in der Geschichte „drin“ zu bleiben, empfehle ich, es bei einer Übersetzung und damit bei einem Duktus zu belassen. Wenn man jedoch verschiedene Übersetzungsvarianten ins Spiel bringen will um Bedeutungsunterschiede zu thematisieren, sollte man sich einen besonders signifikanten Satz am Ende des Textes auswählen und dann die Verschiedenen Übersetzungsvarianten durch Stühle (Aufbauform Bibliolog mit Objekten) visualisieren, wobei man sich die Überleitung und die Frage sehr genau überlegen muß, damit die Teilnehmenden „im Text“ bleiben und nicht ÜBER den Text oder Übersetzungsvarianten reden.

Zum Weiterlesen:
Ab welchem Alter geht Bibliolog mit Kindern?
Schwarzes Feuer und weißes Feuer im Bibliolog

Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich …

Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich. (Dschingis Aitmatov) So wird der Schriftsteller oft zitiert. Im Netz habe ich den Zusammenhang des Zitats gefunden:

„Удивительной силой обладают книги большого художника. Ты открываешь их, а они тебя…“ Чингиз Айтматов, Высказывания о творчестве Мухтара Ауэзова.
„Die Bücher eines großen Schriftstellers besitzen eine erstaunliche Macht. Du öffnest sie, und sie öffnen dich…“
Ich hoffe, das stimmt so, denn die Orginalsprache beherrsche ich nicht, und ich würde auch nicht – wie das verkürzte Zitat oben es nahelegt – sagen, daß alle Bücher eine/n öffnen.

Selbst wenn man die Bibel „nur“ als große Literatur sieht, gibt dieser Satz von Aitmatiov eine Richtung an, für die ich im jüdischen Schriftverständnis eine Parallele finde.

Kinderbibelausgaben in einer Bibliothek

Ein Rabbiner aus meinem Bekanntenkreis stellt den Jugendlichen, die er auf die Bar oder Bat Mizwa vorbereitet und die sich dafür mit einem bestimmten Wochenabschnitt aus der Torah (5. Bücher Mose) vorbereiten, immer die folgende Frage: „So what is this Torah saying about you? When has this Torah you’re telling me about been a part of your life?“ Mit „this Torah“ ist genau der Abschnitt gemeint, mit dem sich die Jugendlichen durch intensive Vorbereitung etwa ein Jahr lang auseinandersetzen. Es ist insofern auch „ihre Torah“ als die Bar oder Bat Mizwa am Schabbat nach dem 13. (bei Jungen) bzw. 12. (bei Mädchen) Geburtstag stattfindet. Man weiß also schon bei der Geburt eines Menschen, was sein / ihr Text sein wird. Und auch Menschen, die keine Bar / Bat Mizwa-Feier haben konnten, schauen gern nach, welches „ihre“ Parascha (Wochenabschnitt) ist.

Ich finde, daß diese Rabbiner-Frage etwas sehr Öffnendes hat: Wann hast Du erlebt, daß dieser Text ein Teil Deines Lebens war, etwas mit Dir zu tun hatte. Diese Frage kann man im Grund genommen zu jedem Bibeltext stellen, mit dem man sich beschäftigt oder sich diese Frage vom Bibeltext stellen lassen. Das ist es auch, was Bibliolog ermöglicht und eröffnet: Wir finden den Text in uns und uns im Text.

Unterwegs nach Emmaus – ein interreligiöser Dialog (Teil 1)

Als sich Ende letzten Jahres das Jahresthema 2012 „Geschichten vom Feuer und von Feuerstellen“ für die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt abzeichnete, war mir sehr bald klar, daß ich auch die Geschichte vom Weg nach Emmaus dazu nehmen wollte, in der es heißt: „Brannte nicht unser Herz…“ – in der NGÜ (Neue Genfer Übersetzung), die ich sehr gern verwende, heißt es: „War uns nicht zumute, als würde ein Feuer in unserem Herzen brennen“ (Lk 24,32).

Die Geschichte von den Jüngern, die Jesus auf dem Weg nach Emmaus begegnen, gehört zu den beliebtesten Texten, die in Grundkursen für den ersten eigenen Bibliolog ausgewählt werden, besonders wenn der Kurs in der Fasten- bzw. Passionszeit stattfindet. Ich empfehle den Teilnehmenden, für ihren ersten Bibliolog einen Text zu nehmen, den sie innerhalb der ersten sechs bis zehn Wochen nach dem Kurs in ihrem Arbeitsfeld durchführen können, damit sie möglichst schnell ins bibliologische Arbeiten vor Ort hineinkommen. Ich erinnere mich an einen Grundkurs im Rheinland, bei dem gleich drei Mal Emmaus gewählt wurde.

Ich halte die Emmaus-Geschichte trotz ihrer großen Beliebtheit gerade nicht für einen idealen Anfängertext, denn wegen des Umfangs muß sehr genau überlegt werden, wo und wie paraphrasiert wird, also welcher Textteil erzählt wird, wie diese Erzählung gestaltet wird, und wie man wieder in den Text an sich eintaucht und liest bevor eine Frage gestellt wird. Das hängt auch davon ab, für welche thematische Linie man sich entscheidet: Legt man den thematischen Schwerpunkt auf den Aspekt der Begegnung wird das anders sein, als wenn man sich auf den Aspekt der Trauer und des Trauerprozesses konzentriert. Dies sind die häufigsten Varianten, wobei ich mit diesem Text auch schon einen Bibliolog zum Thema „Jesus als Seelsorger“ erlebt habe.
Beim Erleben der Bibliologe fiel mir auf, daß bei mir teilweise völlig andere Bilder auftauchten und präsent waren als bei den christlichen Bibliologen. So war für die Christen bei der Rollenauswahl immer völlig klar, daß es sich bei den beiden Personen, die nach Emmaus unterwegs waren, um zwei Männer handelt. In der westlichen christlichen Kunst finden sich viele solcher Darstellungen. Diese Bilder prägen dann auch die Wahrnehmung . Hier ist eines von Michelangelo Caravaggio:

Michelangelo Caravaggio: Christus in Emmaus

Je öfter ich aber diesem Text begegnet bin, desto klarer wurde für mich, daß es sich bei den beiden um eine Frau und einen Mann handelt. Ich kann diese Sichtweise nicht rational begründen. Deshalb habe ich mich gefragt, ob das vom Textbestand her legitim ist oder ich etwas an die Geschichte und damit an eine andere Tradition herantrage, was nicht darin enthalten ist. Das würde dann bedeuten, daß ich respektlos mit anderen Traditionen umgehe. Gerade für das interreligiöse Gespräch ist diese Fragestellung von großer Bedeutung und Bibliolog ist ein sehr hilfreiches „Werkzeug“ um unterschiedliche Wahrnehmungen zu thematisieren.

Wir alle haben unsere Wahrnehmung von anderen Kulturen und Religionen. Wie nah diese Wahrnehmungen an der Lebenswirklichkeit der jeweiligen Kultur oder Religion dran sind ist eine eigene Frage. Im Extremfall kann es sich um Fehlwahrnehmungen, Klischees, Vorurteile und Stereotypen handeln. Man kann es eigentlich nur herausfinden, wenn man die eigene Wahrnehmung mit den anderen ins Gespräch bringt und daraus dann Konsequenzen zieht.

Wie aktuell die Frage nach der Fremdwahrnehmung und der Selbstwahrnehmung werden würde, konnte ich bei der Vorbereitung dieses Bibliologs noch nicht ahnen. Einige Tage vorher ging ich zum Treffen einer interreligiösen Frauengruppe. Ich kenne die Gruppe flüchtig und bin dort ein oder zwei Mal im Jahr. Es handelt sich um muslimische und christliche Frauen, die sich monatlich treffen. Im Herbst wollen sie ein interreligiöses Kochbuch herausbringen. Deshalb wird dieses Jahr vor und zu jedem Treffen gekocht. Davon wusste ich nichts, und just war das Thema des Treffens, zu dem ich auftauchte „Rezepte aus der Bibel“. Ein vergriffenes Buch mit diesem Titel lag auch da, und der Tisch war reich gedeckt – nur für mich nicht. Ich saß vor einigen Salatblättern und Weintrauben, die als Dekoration mitgebracht worden waren, denn was die biblischen Kochbücher, egal welchen Titel sie haben, „Kochen mit der Bibel“ oder „biblisch kochen“ oder nun „Rezepte aus der Bibel“ alle nicht im Blick haben ist, daß die Mehrzahl der biblischen Personen Juden und Jüdinnen waren und sich an die Speisegebote ihrer Religion gehalten haben.

Screenshot: http://www.biblisch-kochen.de

Mehr dazu hier oder meine Rezension hier. Ich war nun in der merkwürdigen Situation, daß ich an einem Tisch mit „biblischen Speisen“ saß, aber als Jüdin die Mehrzahl dessen, was da stand, nicht essen konnte, weil Milch und Fleisch in diesen Speisen zusammen verwendet wurden, was in der jüdischen Küche strikt getrennt wird. Sogar ein „Passa-Lamm“ war aufwendig und liebevoll zubereitet worden. Die christliche Frau, die sich die Arbeit gemacht hat und sicher viele Stunden damit in der Küche zugebracht hatte, war extra zum türkischen Metzger gegangen, damit das Fleisch auch „halal“, also für die muslimischen Frauen essbar ist. Als „Passa-Lamm“, also als Gericht, das während der Pessach-Woche gegessen wird, wäre es untauglich gewesen, denn es war mit Cidre zubereitet worden. Während Pessach wird nur Ungesäuertes gegessen. Das bezieht sich nicht nur auf Brot, Kuchen, Nudeln, Müsli und sonstige Backwaren, sondern auch Cidre, Bier und andere gegorene Getränke, ja unter Umständen auch auf Alkohol in Kosmetika oder Medikamenten. Eine Muslima wollte dann von mir wissen, warum ich mich auf Obst und Gemüse beschränke. Als ich ihr nun erklärte, was für mich essensmäßig geht und was nicht, reagierte sie sehr interessiert und verständnisvoll.

Die Reaktion von zwei christlichen Frauen, die beide in einer kirchlichen Kindertagesstätte arbeiten, haben mich jedoch sehr verblüfft: Die Köchin des Lammes meinte harsch: „Kann doch jeder machen wie er will“. Recht hat sie, wenn es um ihr Osterlamm geht. Da ist es mir völlig egal, ob sie es mit Thymian oder Rosmarin würzt, mit Calvados, Cidre oder Rotwein ablöscht, und meinetwegen auch gern mit saurer Sahne oder Schmand abschmeckt, aber beim „biblischen Kochen“ finde ich es fehl am Platz. Die andere Erzieherin kommentierte: „Was bin ich froh, daß ich mich mit so was nicht rumschlagen muß“. Keine Viertelstunde später besprachen die beiden, was für die nächste mehrtägige Kindergartenfahrt im Hinblick auf die muslimischen Kinder essenstechnisch zu berücksichtigen sei. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn ich in Gruppen bin und dort wenig oder nichts mitessen kann, aber wenn es „biblisches Essen“ gibt und ich wenig oder nichts mitessen kann, dann empfinde ich das ausgrenzend und respektlos.

Für meine Bibliolog-Vorbereitung zur Emmausgeschichte macht mir das sehr deutlich, wie ich mit anderen und ihren religiösen Traditionen nicht umgehen möchte. Diese Erfahrung hat mir einmal mehr gezeigt, daß Judentum und Islam sich in Alltagsvollzügen näher sind als Judentum und Christentum.
Fortsetzung folgt: Teil 2 ist hier

Taizé in Berlin – (m)eine jüdisch – interreligiöse Perspektive

… und ein schlampig zusammengestöpselter KNA (katholische Nachrichtenagentur)-Artikel

Anfang Dezember kam über die Mailingliste einer der Berliner Synagogen die Anfrage, wer bei einer Begegnung im Rahmen des internationalen Jugendtreffens der Communauté de Taizé für Gespräche in Kleingruppen über Judentum und jüdisches Leben in Berlin und Deutschland zur Verfügung stehen könnte. Nach einem einleitenden Gespräch unter dem Motto: „Es ist gut, dem Herrn zu danken“: Gedanken einer Rabbinerin und eines Bruders von Taizé über Psalm 92 sollen die Teilnehmer des Treffens die „Möglichkeit zu Nachfragen, Vertiefung und Begegnung mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde“ haben.

Ich zögerte etwas, denn ich war mir ziemlich sicher, daß ich sehr viel älter sein dürfte als der Durchschnitt der Teilnehmenden (hat sich dann aus eigener Anschauung bestätigt), aber die Möglichkeit wieder mal Französich zu sprechen – in meiner Wahlheimat Berlin extrem selten – überwog dann doch, und auch die Neugier, wie ich diesen Austausch erleben würde. „Jüdisches Berlin“ – war ab Mitte der 90iger Jahre ein Hype. Es gab unzählige Studienfahrten, Begegnungen, Tagungen, Konferenzen und Veröffentlichungen zu diesem Thema. Ich weiß nicht, mit wie vielen Gruppen ich zusammen war und Fragen beantwortet habe. Meist haben solche Zusammenkünfte eine gewisse „Choreografie“. Es gibt Fragen, die immer kommen (wieviele Juden leben in Berlin / Deutschland? Sind diese Sicherheitsmaßnahmen wirklich alle nötig? Wieviele Synagogen gibt es in Berlin? Wie hoch ist der Prozentsatz der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion?). Und dann gibt es ein gewisses Spektrum an Fragen, das bestimmten Gruppen zugeordnet werden kann, seien es Studierende der Sozialarbeit, ein Bildungsurlaub des humanistischen Verbandes, ein katholischer Frauenverband, der sich mit der Stellung von Frauen in den monotheistischen Religionen befaßt oder eine Gruppe evangelischer Krankenhauspfarrer. Und je nach dem wie lange man zusammen ist und wie das Gruppenklima ist, wird es mehr oder weniger persönlich. Ich hatte nicht gedacht, daß es eine Frage geben könnte, die ich zu diesem Thema in den letzten 20 Jahren noch nicht beantwortet hätte.

Taizé war für und ist für mich nicht terra inkognita. In meiner Studienzeit habe ich drei Jahre in einer interreligiösen Wohngemeinschaft gelebt, auch wenn man das damals noch nicht so nannte. Und dort bekamen wir Besuch von zwei Brüdern der Kommunität, die von uns erfahren hatten und uns kennenlernen wollten. Aber das wäre eine ganz eigene Geschichte und würde hier zu weit führen. So war ich also gespannt auf dieses Treffen, für das eineinhalb Stunden vorgesehen waren: Nicht viel Zeit, wenn man bedenkt, daß die Teilnehmenden sehr unterschiedliche Vorkenntnisse haben dürften. Da sind nur einige einführendde schlaglichtartige Gedankensplitter möglich.

Ort des Geschehens war das Jüdische Museum. Schade, daß zwischen den Jahren die jüdischen Institutionen geschlossen waren, die für eine Gruppe dieser Größenordnung in Frage gekommen wären. Das Museum hatte den großen Saal zur Verfügung gestellt, der sich nach und nach füllte. So um die 250 bis 300 Leute dürften es gewesen sein, ein großer Teil von ihnen aus Osteuropa. Durch die politischen Veränderungen der letzten zwanzig Jahre können nun auch Jugendliche aus diesen Regionen nach Taizé und zu den europäischen Jugendtreffen zwischen Weihnachten und Neujahr, die außerhalb des Ostblocks stattfinden, reisen.

Nachdem der Übersetzungsbedarf geklärt war (neben der deutschsprachigen Fraktion viele junge Leute aus osteuropäischen Ländern, einige Spanier und Niederländer, ein Italiener, aber leider keine Franzosen), war erst Rabbinerin Gesa Ederberg dran. Sie sagte einige Sätze zu Schabbat, zu den Schriften der hebräischen Bibel, der Liturgie am Freitagabend, bevor sie auf Psalm 92 (mehr dazu später) einging. Dann war Bruder John dran. Aber was und wieviel kann man sagen, wenn man zu zweit eine knappe Dreiviertelstunde hat und alles noch übersetzt wird? Und ob nun gerade Psalm 92 eine besonders gute Textgrundlage für eine internationale Gruppe mit großenteils eher wenig Vorkenntnissen ist – das wurde aus non-verbalen Reaktionen deutlich – scheint mir sehr fragwürdig. Eine der brennenden Fragen, die noch im Plenum durch die Moderatorin gestellt wurde, bezog sich auf die Tatsache, daß es weibliche Rabbinerinnen gibt und das Erstaunen darüber.

Nun sollten sich zum Austausch in kleineren Gruppen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde die Teilnehmenden in Kleingruppen zusammenfinden. Etwa ein Drittel der Leute nahm das zum Anlaß um aufzubrechen. Leider gab es keine Möglichkeit in andere Räume zu wechseln, weil dann zu viel Zeit verloren gegangen wäre. So bildeten wir mehrere Kreise im Saal. Weil wir nur sieben Ansprechpersonen aus der jüdischen Gemeinde waren, wurden die Gruppen doch ziemlich groß. Da Französisch nicht gefragt war, suchte ich nach einer Gruppe, die Englisch sprechen wollte.

Eine Vorstellungsrunde ist bei einer solchen Gruppengröße und einer Gesprächszeit von einer Dreiviertelstunde nicht drin, denn da läuft dann nichts anderes als die Vorstellungsrunde. Ich sagte ein paar Sätze zu mir, daß sowohl „jüdisches Leben in Berlin und Deutschland“ als auch „interreligiöser Dialog“ meine Hauptthemen – beruflich wie privat – sind. Ich bat alle, ihren Namen und das Land, aus dem sie kommen, zu nennen. Die ersten Fragen waren noch etwas zögerlich und aus dem mir bekannten Spektrum (wieviele Juden leben in Berlin …) Ich war erstaunt, wie schnell die Atmosphäre in der Gruppe sehr intensiv und dicht wurde – trotz der schwierigen Rahmenbedingungen (andere Gruppen und entsprechende Lautstärke im Raum). Die meisten waren aus Osteuropa und hatten sehr unterschiedliche Vorerfahrungen mit jüdischem Leben. Sie hatten alle beim Betreten des Museums den Sicherheitscheck erlebt, wie er auch an Flughäfen üblich ist. Diese Seite jüdischen Lebens hatte sie nachhaltig mitgenommen. Ob das wirklich sein müsse, und wie schlimm das mit dem Antisemitismus sei. Wie meine Erfahrungen mit Antisemitismus seien. Sie formulierten ihre Fragen und Beiträge sehr persönlich und einfühlsam. Da war überhaupt nichts Voyeuristisches im Stil von „… und können Sie noch was dazu sagen, wie Ihre Familie überlebt hat?“ Ich hasse diese Frage, von Leuten, die ich kaum kenne und empfinde das als unangemessen, manchmal sogar als übergriffig.

Und dann – in der zweiten Hälfte unserer Gesprächszeit – kam sie, die Frage mit der ich nie in einer solchen Umgebung gerechnet hätte. Eine Frage, die inner-jüdisch immer wieder Thema ist und auch wissenschaftlich oder literarisch bearbeitet wird, die mir aber noch nie eine nicht-jüdische Person in meinem Umfeld gestellt hat.

Eine junge Frau aus einem osteuropäischem Land, Anfang – jedoch höchstens Mitte Zwanzig wird sie gewesen sein, fragte mich: „Und was bedeutet die Verfolgungsgeschichte Ihrer Familie für Ihr heutiges Leben? Wie wirkt sich das auf Sie aus?“. Die Gesprächsatmosphäre in der Gruppe war so, daß ich dazu einiges an ein paar Alltagsbeispielen deutlich machen konnte. Wir sprachen dann über das Thema „Leben nach dem Überleben“, daß Überlebende auf ganz unterschiedlichen Ebenen – bewußt und unbewußt – ihre Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben, und daß auch die dritte Generation nach der Schoah, die ihre Altersgruppe mit umfaßt, von diesen Erfahrungen geprägt ist – wenn auch in anderer Art als die zweite Generation, zu der ich gehöre.

Und dann wollten sie noch wissen, wie dazu komme mich im christlich-jüdischen und interreligiösen Dialog zu engagieren, und wie das konkret aussieht. Ich erzählte ihnen von der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt, die ich seit fünf Jahren in Berlin einmal monatlich anbiete, was wir da machen und wie das abläuft. „Können Sie das nicht mit uns jetzt machen?“ – Leider nicht, weil wir dafür keine Zeit mehr haben und es hier auch zu laut dafür ist… Aber ein Berliner war auch in der Gruppe, und der will kommen.
Eine Frau wollte noch zum G-ttesdienst in die Synagoge kommen… Das Gespräch hat mich sehr bewegt – auch was einige von sich erzählt haben.

Am Sonntag ist das Jugendtreffen in Berlin zuende gegangen, und jetzt erscheinen Artikel, die ein Resume beschreiben oder auf den einen oder anderen Aspekt eingehen. Es ist ja nun eine Sache, was gesagt wird, und eine andere, was ankommt. Aber von einer Journalistin, die für eine Nachrichtenagentur schreibt, erwartet man schon einen anderen Standard als von Otto Normalverbraucher. Und ich bin erstaunt über den Artikel von Karin Wollschläger, den die Seite katholisch.de von der KNA (katholische Nachrichtenagentur) übernommen hat.

„Die Psalmen sind so eine Art ‚warming up‘ für uns am Schabbat, damit singen wir uns quasi ein“, erläutert die Rabbinerin. Um sodann kurz zu erklären, welche Bücher der Bibel sich Christen und Juden teilen: neben den Psalmen noch die fünf Bücher Mose, die Propheten und das Buch Esther.

Das stimmt so nicht und wurde auch nicht so von Gesa Ederberg erklärt. Gesa Ederberg ging kurz darauf ein, was Torah, Propheten und Schriften sind – im Judentum Tanach genannt und im Christentum „Altes Testament“.

Bevor sie zum Psalm selbst kommt, erklärt Ederberg den anwesenden jungen Christen noch allgemein ein wenig über den Schabbat, der am Freitagabend beginnt, mit dem Entzünden von zwei Kerzen, 25 Stunden dauert und für strenggläubige Juden mit einem totalen Arbeitsverbot verbunden ist. „Auch Shopping ist nicht erläubt“, sagt die Rabbinerin und lacht.

Der Ausdruck „strenggläubige Juden“ fiel überhaupt nicht. Auf Englisch – und das war die gemeinsame Sprache – hieß es „observant“ – und gemeint waren Juden, die religiös leben, egal ob orthodox oder in einer liberalen Ausprägung. Für alle gilt, daß Arbeit am Schabbat verboten ist, auch wenn es da eine gewisse Bandbreite in der Auslegung gibt.

Eröffnet werde dann der Schabbat-Gottesdienst in der Synagoge am Samstag traditionell mit dem Psalm 92, dessen Anfang lautet: „Ein Psalm. Ein Lied. Für den Tag des Schabbats.

Der Schabbatgottesdienst – und darauf ging Rabbinerin Ederberg relativ ausführlich ein – beginnt mit sechs Psalmen. Jeder steht für einen Wochentag, auch wenn diese Psalmen nicht spezfischen Wochentagen zugeordnet werden. Danach wird das Lied „Lecha dodi“ gesungen, mit dem wir die Braut und Königin Schabbat willkommen heißen, und danach wird Psalm 92 gebetet.

Viele der Psalmen seien später von den Christen vertont worden, und diese Melodien hätten inzwischen zum Teil auch wieder in die Synagogen zurückgefunden, erzählt sie.

Dass viele Psalmen von Christen vertont worden sind, ist naheliegend, denn die Psalmen sind eben auch das Gebetbuch der Kirche. In den Stundengebeten der Klöster werden regelmäßig Psalmen gesungen. Aber davon, daß die christlichen Melodien zum Teil auch in die Synagogen zurückgefunden haben, davon war nicht die Rede. Gesa Ederberg erzählte von einer Synagoge in Jerusalem, die für einen Psalmvers eine Melodie eines Taizé-Gesangs verwendet.
Und nun eine Anmerkung von mir (das hat Frau Ederberg nicht erläutert, aber ich finde es hilfreich zum Verständnis des Hintergrunds der Aussage: In der Synagoge in Jerusalem, auf die sich Rabbinerin Ederberg bezog Nava Tehila, amtiert eine Rabbinerin, Ruth Gan Kagan, die selbst neue Melodien für liturgische Texte komponiert und dabei aus ganz unterschiedlichen musikalischen Traditionen schöpft. Man kann sich das auf der Startseite der Gemeinde unten auf dem 12minütigen youtube-Video anschauen. Die Gemeinde gehört zur Jewish-Renewal-Bewegung, also sicher nicht zum jüdischen Mainstream. Als ich die Taizé-Melodie im Rahmen eines Schabbat-G-ttesdienstes hörte, war ich sehr amüsiert und fragte mich, was die singende jüdische Gemeinde wohl denken würde, wenn sie wüßte, daß diese Melodie aus Taizé stammt und dort einem Kanon zugeordnet ist, der sich auf Jesus bezieht.

… Dem pflichtet Bruder John bei und warnt davor, nur das Trennende zwischen den Religionen zu sehen. Er ruft vielmehr zu einem „Sabbat des Herzens“ auf, der jedem einzelnen inneren Frieden und eine enge Verbundenheit mit Gott und untereinander beschere.

Bruder John ging darauf ein, daß Christen die Psalmen im Licht des Neuen Testaments beten und es eine Wechselwirkung gäbe: Was sagen uns (Christen) die Psalmen über Jesus und wie helfen sie uns das Leben Jesu besser zu verstehen und andererseits wie hilft uns (Christen) das Neue Testament dazu, die Psalmen tiefer zu verstehen. Er machte deutlich, daß der Sonntag nicht der Schabbat ist. Was machen Christen dann mit der Überschrift des Psalms als „Psalm für den Schabbat“? Als Beispiel zog er den Kirchenlehrer Augustinus heran, der den Schabbat aus Psalm 92, der sich auf den Schabbat-Tag bezog zum „Schabbat des Herzens“ umdeutete, was Frère John kritisch sah, weil es eben nicht im Text steht. Das Gespräch zwischen Christen und Juden sei da wieder möglich und sinnvoll, wo beide sich auf die Textgrundlage beziehen.

Über die sehr kritischen Aspekte, die mit Augustinus verbunden sind, wäre viel zu sagen. Das war natürlich im Rahmen der kurzen Zeit nicht möglich, und Augustinus sollte nur als Beispiel dienen, da er die Formulierung „Schabbat des Herzens“ geprägt hat. Dass Augustinus in die sehr unheilvolle Kette der sich antijudaistisch äußernden Theologen, die großen Einfluß auf die Theologiegeschichte hatten, gehört, ist eine andere Frage und liegt jenseits der Möglichkeiten einer solchen Veranstaltung. Dennoch möchte ich bermerken, daß Augustinus der erste Theologe war, der auch den Juden seiner Zeit unterstellte, sie seien schuld am Tod Jesu.

Die deutschsprachigke Wikipedia weiß: „In seiner Kampfschrift Gegen die Juden griff Augustinus die Juden sowohl in ihrer Lebensführung wie auch theologisch an. Für Augustinus waren Juden bösartig, wild und grausam, er vergleicht sie mit Wölfen, schimpft sie „Sünder“, „Mörder“, „zu Essig ausgearteter Wein der Propheten“, „eine triefäugige Schar“, „aufgerührter Schmutz“. Sie seien des „ungeheueren Vergehens der Gottlosigkeit“ schuldig. Das Alte Testament sprach er ihnen ab: „Sie lesen es als Blinde und singen es als Taube“, verneinte nicht nur ihre „Auserwählung“, sondern sogar das Recht, sich noch „Juden“ zu nennen.“

Aufmerksam und konzentriert lauschen die Pilger der Rabbinerin und dem Taize-Bruder, fast könnte man eine Stecknadel in dem Saal fallen hören. Und in den verschiedensten Sprachen ist anschließend an der Garderobe zu vernehmen, welch guter Impuls das doch gewesen sei. Die jungen Christen und die „älteren Brüder im Glauben“ – das hat gut harmoniert an diesem Nachmittag des Taize-Treffens.

Was nicht paßt, wird passend gemacht. Ich war nicht an der Garderobe, und die Journalistin hat anscheinend die Diskussionen in den Gruppen nicht mehr mitbekommen.

Ich habe sehr unterschiedliche Reaktionen wahrgenommen, und bei denen, die früher gingen und bei den Gruppengesprächen nicht mehr dabei waren, eher kritische, abgesehen von dem positiven Erstaunen über die Tatsache der Existenz einer weiblichen Rabbinerin. Das hatte aber mit dem Thema an sich nichts zu tun. Ich konnte das gut verstehen, denn die Statements der beiden Dialogpartner setzten – wollte man den großen Bogen verstehen – ein Vorwissen voraus, das sicher die meisten Jugendlichen nicht hatten. Schon meine kritischen Kommentare zum Artikel der Journalistin zeigen, dass nicht einmal diese eine Reihe von Details ein- und zuordnen konnte, obwohl ihr Lebenslauf deutlich macht, daß sie im Nebenfach katholische Theologie studiert hat.

Mir will auch nicht in den Kopf, warum es große Unterhaltungen an der Garderobe gegeben haben sollte. Da die Veranstaltung im großen Saal des Museums stattfand und wir nicht durch das Museum mußten, bestand auch keine Verpflichtung die Garderobe abzugeben. Ich kam sehr viel früher und war froh, daß ich nichts abgeben mußte und mir das Anstellen ersparen konnte. Abgesehen davon hatte ja nur ein geringerer Teil der Anwesenden Stühle. Die überwiegende Mehrheit saß auf dem Boden – auf ihren Jacken, besonders die Leute, die relativ spät kamen, hinten saßen und dann zu einem großen Teil gleich nach dem Gespräch von Rabbinerin Ederberg und Bruder John aufbrachen.

Ich jedenfalls war aber froh, daß die zum Klischee geronnene Formulierung von den „älteren Brüdern im Glauben“ und was dahinter steckt und damit verbunden ist, die Begegnungen an diesem Nachmittag nicht prägten.