interreligiöse Bibliolog-Werkstatt 2014: Essen und Trinken in Heiligen Schriften

In kleiner Runde – vermutlich durch das winterliche Wetter bedingt – trafen wir uns gestern zur ersten interreligiösen Bibliolog-Werkstatt 2014 machten wir eine Zeitreise über 2600 Jahre zurück ins babylonische Exil, trafen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und erkundeten, welche Bedeutung Psalm 104 für sie gehabt haben könnte. Die nächste Station unserer Zeitreise war bei Rabbi Meir und seiner Frau Beruriah, die im zweiten Jahrhundert unserer Zeit unter römischer Besatzung lebten. Von ihnen wird folgende Geschichte erzählt:

In der Nachbarschaft von Rabbi Meir und Brurja gab es sittenlose Gesellen, über die sich Meir sehr ärgerte. Deshalb betete er darum, dass Gott diese bösen Nachbarn verflucht und sterben lässt. Er denkt dabei an einen Psalmvers, in dem es heißt, dass die Frevler von der Erde verschwinden sollen (Psalm 104 Vers 35) Brurja aber sagt zu ihm: “Bete nicht, dass sie sterben, bete nicht gegen sie, sondern bete für sie, bete darum, dass sie sich bekehren. Denn so ist es gemeint, wenn der Psalm sagt: Die Frevler sollen verschwinden von der Erde.” Da betete Meir für sie und sie kehrten in Reue um. (nach Berachot 10a)

© Werner Bühler / 54516 Wittlich

© Werner Bühler / 54516 Wittlich

Anschließend besprachen wir noch, was ein Rahmenthema für die Bibliolog-Werkstatt in diesem Jahr sein könnte. „Psalmen“ war ein Votum, „aber nicht immer“ ein anderes. „Essen und Trinken in der Heiligen Schriften“ wurde genannt. So verbinden wir beides beim nächsten Treffen:

Mi 26. Februar 19.30 h: Vom gefüllten Becher und dem gedeckten Tisch im Angesicht der Feinde (Psalm 23)

26. März 19.30 h: Zu Gast bei Abraham und Sarah: Was Torah, Midrasch, Neues Testament und Koran erzählen (Bereschit / Genesis 18 / Hebräer 11 / Sure 11 + 51)
Mi 23. April 19.30 h: Geschwisterneid – Geschwisterstreit: Jakob und Esau
Mi 21. Mai 19.30 h: Elia wird versorgt von Raben und von der Witwe von Zarpat
Mi 25. Juni 19.30 h: „Ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein“ -Jesus zu Gast beim Zolleintreiber Zachäus (Lukas 17)
Sommerpause
25. – 29. August: interreligiöser Bibliolog-Grundkurs im Sprengelhaus

Mi 17. September 19.30 h: Vom Hunger im Exil (Jesaja 55)
29. Oktober: Thema noch offen
Mi 19. November 19.30 h: Hungersnot, Flucht und Heimkehr: Noemi und ihre Schwiegertöchter
Mi 17. Dezember 19.30 h: Ein Ölwunder und das jüdische Lichterfest Chanukka

interkulturelles Stadtteilzentrum Sprengelhaus
Sprengelstrasse 15
13353 Berlin (Wedding);
Kostenbeitrag für Raumnutzung nach Selbsteinschätzung erbeten

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Interreligiöse Bibliolog-Werkstatt: Noemi und Ruth in Betlehem

Ruth, Bild, Marc Chagall

Ruth von Marc Chagall

Am Di 4. Oktober um 19.30 h findet das nächste Treffen der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt statt. Letztes Mal haben wir mit dem Buch Ruth begonnen und das erste Kapitel ausgelegt. Bei der Vorbereitung dieses Bibliologs hat mich ein Vortrag der israelischen Psychoanalytikerin Ora Dresner, der auf der jüdisch-christlichen Bibelwoche 2006 in Haus Ohrbeck gehalten wurde, zu einer etwas anderen Sichtweise angeregt. In Trauer und Verlust und der Lebenszyklus im Buch Ruth liest Ora Dresner mit psychoanalytischem Instrumentarium das Buch Ruth als innere Welt der Noemi.

Wie kommt man zu diesem Ansatz? Nach der Hinführung im 1. Kapitel, in der geschildert wird, daß Elimelech mit seiner Frau Noemi, den Söhnen Machlon und Kiljon wegen einer Hungersnot nach Moab auswanderte, die Söhne sich moabitische Frauen (Orpa und Ruth) nahmen, Elimelech, Machlon und Kiljon starben, steigt der Text in Vers 6 folgendermaßen ein:

Und sie machte sich auf, sie und ihre Schwiegertöchter, und kehrte aus dem Gebiet3 von Moab zurück. Denn sie hatte im Gebiet4 von Moab gehört, dass der HERR sein Volk heimgesucht habe, um ihnen Brot zu geben

Und aus diesem „sie“, das sich auf Noemi bezieht, leitet die psychoanalytisch orientierte Bibelauslegung ab, daß Noemi die Hauptperson ist, und das Buch Ruth als eine Art Traumtext der Noemi gelesen werden kann. Das heißt dann, daß „Ruth“ und „Orpa“ nicht nur – auf der personalen Ebene – die Schwiegertöchter der Noemi sind, sondern auch auf der Objektebene als innere Repräsentanten von Tendenzen der Noemi gesehen werden können: Ruth, die es nach Bethlehem zieht – Orpa, die sich unterwegs entschließt nach Moab zurückzugehen. Ich habe den Aufsatz von Ora Dresner weitergedacht und daraus Fragen für den Bibliolog entwickelt, die das erste Kapitel im Buch Ruth durch diese psychoanalytisch inspierierte Lesart vertiefen. Am Schluß des Abends und des ersten Kapitels sind wir ziemlich ausführlich der Bitterkeit der Noemi nachgegangen. Das erste Kapitel endet mit der Bitterkeit der Noemi als sie zur Zeit der Gerstenernte in Bethlechem (Brothausen) ankommt:

Sie aber sagte zu ihnen: Nennt mich nicht Noomi, nennt mich Mara! Denn der Allmächtige hat mir sehr bitteres Leid zugefügt. Voll bin ich gegangen, und leer hat mich der HERR zurückkehren lassen. Warum nennt ihr mich Noomi, da der HERR gegen mich ausgesagt und der Allmächtige mir Böses getan hat?

An dieser Stelle werden wir dann beim nächsten Treffen einsetzen. Auch wer beim letzten Mal noch nicht dabei war, kann gerne dazukommen. Jeder Abend ist in sich abgeschlossen. Man braucht keinerlei Vorkenntnisse, weder zur Bibel noch andere. Auch wer zuhören möchte, ist herzlich willkommen. Für die Raumnutzung wird am Schluß des Abends um ein Unkostenbeitrag nach Selbsteinschätzung gebeten.

Treffpunkt ist um 19.30 h im Sprengelhaus, Sprengelstrasse 15 (Berlin Wedding).
Wir sind im Gymnastiksaal – erster Hof links Erdgeschoß rechte Seite.
Falls sich mit dem Raum etwas ändert, sind Sie auf jeden Fall auf der sicheren Seite, wenn Sie den „Bibliolog“-Wegweiserpfelen folgen. Wegen eines anderen Termins werde ich dieses Mal erst einige Minuten vor Veranstaltungsbeginn eintreffen.

Bibliolog befragt und erforscht die Torah, aber auch prophetische und Weisheitstexte des Tanach (hebräische Bibel) – in christlichen Gruppen auch die Evangelien, Apostelgeschichte und Briefe des Neuen Testaments – und antwortet aus heutiger Sicht auf sie. Diese Antworten suchen wir als Teilnehmende gemeinsam und jede/r für sich in einem Prozeß. Wir begeben uns in den Text hinein, versetzen uns in unterschiedliche beteiligte Personen der Bibel und ihre Erfahrungen und erweitern und vertiefen so unsere Sichtweisen.

Die Rabbinen sprechen vom schwarzen und vom weißen Feuer. Das schwarze Feuer ist der geschriebene Text, die Buchstaben in der Torahrolle oder im Buch. Das weiße Feuer ist das Dazwischen, was angedeutet wird und nicht ausgesprochen wird. Im Bibliolog gehen wir in die Zwischenräume des weißen Feuers bringen so das schwarze Feuer (immer wieder) neu zum Sprechen: Für uns, für heute, für jetzt. Wir bringen damit den Text in Resonanz zu unserem Leben und lassen ihn neu Gestalt annehmen, ringen ihm neue Bedeutungen ab.

Im Bibliolog treffen zwei Welten aufeinander: Die Welt der biblischen Personen und unsere eigene innere Welt. Durch den Bibliolog finden wir unsere Stimmen im Text und die Stimmen des Textes in uns. All das tun wir liebevoll und mit Respekt für die verschiedenen Auslegungstraditionen aus unterschiedlichen Zeiten und in der Offenheit für Anregungen aus Psychologie, Geschichte, Archäologie, Ethnologie, Literaturwissenschaft, Sozialwissenschaft, textkritischen Ansätzen

Zum Weiterlesen:
Warum es im Internet keine Vorlagen oder Entwürfe für Bibliologe gibt
schwarzes Feuer – weißes Feuer