Aschura: das Festmahl von Noach

Asure

Asure

Gestern haben Muslime das Aschura-Fest gefeiert. Aus diesem Anlaß haben wir uns bei der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt mit Noach (im Islam: Nuh) beschäftigt.

Aschura kommt vom Wort „zehn“, bezieht sich auf den 10. Tag des Monats Muharrem, an dem Allah zehn Propheten seine Gnade erwiesen hat. Noach (islam. Nuh) landete an diesem Tag mit der Arche auf dem Berg Ararat. Aus den Resten an Körnern und Trockenfrüchten, die sich in der Arche befanden, wurde ein Festmahl bereitet und unter den Bewohnern der Arche geteilt. Diese Speise – Asure genannt (Foto links) – hat sich auf wundersame Weise vermehrt. Sie wird von Muslimen am Aschura-Tag zubereitet. Auch am Ende unseres Bibliologs zur Noach-Geschichte gab es eine Kostprobe davon. Übrigens kennen auch armenische Christen dieses Gericht, bringen es aber nicht mit Noah in Verbindung. Bei ihnen gibt es diese Süßspeise aus Weizen, weißen Bohnen, Kichererbsen, Reis, Zucker, Orangenschale, Milch und verschiedenen Trockenfrüchten und Nußsorten an Neujahr bzw. zum armenischen Weihnachtsfest am 6. Januar.

Die Geschichte von Noah ist sehr bekannt und so prägen ganz unterschiedliche Bilder unsere Wahrnehmung. Bibliolog bietet die Chance, genau zu schauen, was im Text steht und welche Vorstellungen wir in den Text eintragen bzw. wie unterschiedlich die Sichtweisen in den verschiedenen religiösen Traditionen sind. Der Imam, der sein Interesse bekundet hatte, kam leider nicht. So haben wir mit der Textvorlage gearbeitet, wie sie sich im ersten Buch Mose (Bereschit) findet und einige Elemente aus den Midraschim rund um die Noach-Geschichte herangezogen.

So legt jüdische Schriftauslegung einen Schwerpunkt darauf, daß Noach – im Gegensatz zu Abraham – nicht mit Gott verhandelt hat sondern geschwiegen hat. Es war ein langes Schweigen, denn der Bau der Arche dauerte 120 Jahre, wobei diese Zeitdauer auch als Chance für die Bewohner der Erde gesehen wird, von ihrem schlechten Lebenswandel abzulassen. Wir sind diesem Schweigen des Noach nachgegangen und wollten wissen, was es zu sagen hat. Die Anweisung an Noah „fruchtbar zu sein“ und sich „zu mehren“ (Kap. 8,16) hat eine Parallele zu den Worten am Garten Eden „fruchtet und mehret euch“ – übrigens das erste Gebot in der Torah. Was bedeutet es für Noach, dass Gott mit diesen Worten zu ihm spricht?

Interessant war für mich die Reaktion einer säkularen Teilnehmerin, die meinte: „Damit dieser Neuanfang gelingen kann und es nicht wieder schief geht, wäre es gut, wenn wir einige Gebote hätten.“ Mit diesem Gedanken lag sie ganz auf der Linie der traditionellen rabbinischen Auslegung, die in den sieben noachidischen (Geboten Verbot von Mord, Verbot von Diebstahl, Verbot von Götzenanbetung, Verbot von Unzucht, Verbot von Grausamkeit gegen Tiere, Verbot von Gotteslästerung, Gebot der Einführung von Gerichten als Ausdruck der Wahrung des Rechtsprinzips) eine Grundlage sieht. Jeder Nichtjude, der diese sieben Gebote einhält, wird – aus jüdischer Sicht – Anteil an der kommenden Welt haben.

Der Koran hingegen geht davon aus, daß Noah sehr viel unternommen hat, um seine Mitmenschen zur Änderung ihres ungerechten Lebenswandels zu bewegen. Sieht das Christentum Noah als Schweigenden oder als Sprechenden?

Das nächste Treffen der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt findet am Mittwoch den 4. Dezember um 19.30 h zu Chanukka statt.

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Frage 7: Schwarzes Feuer – weißes Feuer (black fire – white fire) im Bibliolog …

… gehört zu den bliebtesten Suchbegriffen auf der Liste dieses Weblogs.

Die jüdische Tradition geht davon aus, daß die Torah vor der Schöpfung der Welt geschaffen wurde, dass sie der Bauplan – die Vorlage für die Schöpfung ist. Jochanan ben Bag Bag sagt über die Torah:

„Wende sie und wende sie, denn alles ist in ihr (enthalten), und durch sie wirst du sehen. Werde alt und grau in ihr und von ihr weiche nicht, denn es gibt für dich nichts besseres als sie“. (Pirke Awot 5:26)

In der Synagoge wird an jedem Schabbat ein Abschnitt aus der Torah gelesen. Innerhalb eines Jahreszyklus wird so die ganze Torah gelesen.

Torahlesung

Torahlesung sephardische Synagoge Tiferet Israel Berlin Foto: Hans Geldmacher

Der letzte Wochenabschnitt der Torah (Wesot Habracha) beinhaltet eine der geheimnisvollsten Formulierungen in Dewarim 33,2 (Deut 33,2): “Esch da’at” – „das feurige Gesetz“. Der Midrasch stellt dazu fest, dass dies eine Beschreibung der Torah ist: „esch schachor al gabei esch lawan“. „Die Torah ist geschrieben mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer“ (Midrasch Tanhuma zu Genesis 1).

Esch daat

Dewarim 33:2

Die Abbildung zeigt den Vers 5. Mose 33,2 wie er in der Torahrolle steht (die beiden letzten Wörter gehören schon zu Vers 3). Die Buchstaben repräsentieren Konsonanten. Wer die Torah vorliest (genau genommen wird sie im G-ttesdienst gesungen; „geleint“ ist der Fachbegriff dafür) muß wissen, welche Konsonanten an welche Stelle gehören. Schon hier sind unterschiedliche Lesarten möglich, jedoch wurde eine Lesart verbindlich festgelegt. Wenn man bei dieser Seite auf den roten Lautsprecher vor 33:2 klickt, kann man hören, wie der Vers bei der Torahlesung klingt.

Beispiel: Bei der deutschen Konsonantenfolge l-b-n müßte je nach Zusammenhang „leben“, „laben“, „lieben“ oder „loben“ gelesen werden.

Das „schwarze Feuer“ sind die Buchstaben der Torah. Das „weiße Feuer“ sind die weißen Zwischenräume zwischen den Buchstaben und um die Buchstaben herum. Nur beides zusammen ist die GANZE Torah. Dabei kann man die Begriffe „schwarzes Feuer“ und „weißes Feuer“ auf unterschiedenen Ebenen verstehen und interpretieren.

Das „schwarze Feuer“ ist dir wörtliche Bedeutung des Textes (Peschat), das weiße Feuer steht für die Ideen, Auslegungen, Andeutungen hinter dem Text – die Botschaften „zwischen den Zeilen“, die zum Leben kommen, wenn wir mit dem Text in Beziehung treten.

Die schwarzen Buchstaben begrenzen. Zugleich sind sie begrenzt und festgelegt. Die weißen Räume dazwischen verweisen uns auf den Bereich jenseits des Intellekts – des Grenzenlosen, des sich immer Verändernden und Verwandelnden. Sie stehen auch für das Schweigen, für das noch nicht Sagbare, das Unsagbare.

Die weißen Räume zwischen und um die schwarzen Buchstaben herum nehmen zweimal so viel Raum ein wie die schwarzen Buchstaben. Das weiße Feuer bildet die Grundlage für das schwarze Feuer.

Über die Torah heißt es in Sprüche 8,22 ff:

Der Ewige schuf mich als den Anfang seines Wegs / als erstes seiner Werke von jeher / von uran bin ich eingesetzt / vom Anbeginn, der Erde Urzeit; / noch eh die Fluten, wurde ich geboren / noch eh die Quellen, Wassers schwer; / bevor die Berge wurden eingesenkt / noch vor den Höhen wurde ich geboren / noch eh ER Land und Fluren wirkte / das Erste von des Festlands Staub. / Als ER den Himmel festigte, war ich dabei / als ER den Wall zog um des Meeres Fläche / als ER die Wolken droben festigte / fest wurden da die Quellen aus der Flut.(Übersetzung von Naftali Herz Tur-Sinai)

Es gibt keine endgültige Lesart oder Auslegung der Torah, sondern immer nur die nächste.

Übrigens zeigt das Header-Bild dieses Weblogs den Ausschnitt einer künstlerischen Gestaltung, in der alle 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets miteinander verbunden sind. In der jüdischen Mystik repräsentieren sie die gesamte Schöpfung. Jeder dieser Buchstaben ist Träger einer bestimmten Energie und trägt einen Aspekt der Schöpfung in sich – sowohl in seiner Form, seinem Klang und seinem Zahlenwert.

blühende buchstaben (A. Krasnitski)

Das Bild „blühende Buchstaben“ zeigt eindrucksvoll, wie schwarzes und weißes Feuer aufeinander bezogen sind, ja sich gegenseitig bedingen. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Sie brauchen sich gegenseitig und entfachen sich gegenseitig und bringen so immer neue Bedeutungen hervor. Analog ist auch das schwarze Feuer und das weiße Feuer beim Arbeiten mit dem Bibliolog zu verstehen.

Manchmal ist in Texten über das bibliologische Arbeiten auch von Rollen aus dem weißen Feuer die Rede. Damit sind Rollen gemeint, die nicht ausdrücklich im Bibeltext genannt sind, aber naheliegend aus dem Textzusammenhang oder dem Wissen um sozialgeschichtliche Zusammenhänge. Wenn man die Mutter von Ruth oder eine Dienerin im Haus von Simon dem Aussätzigen nach der Salbung von Bethanien befragen würde, dann wären das Rollen aus dem weißen Feuer. Sie sind dann sinnvoll, wenn sie zusätzliche Aspekte der Geschichte erschließen helfen, die über Rollen aus dem schwarzen Feuer (Personen oder Objekte, die im Text vorkommen) nicht zur Sprache kommen würden. Rollen aus dem weißen Feuer müssen bei der Rollenzuweisung an die Teilnehmenden als solche deutlich gemacht werden.

Zum Weiterlesen:
In seinem Blog Reb Jeff erzählt ein Gemeinderabbiner aus Florida über eine ganz besondere Torah-Rolle seiner Gemeinde und zeigt, was für eine große Bedeutung die Torah-Rolle im jüdischen Leben hat: Rededication of our Czech Scroll. Es geht dabei um eine Torah-Rolle, die vor der Schoah einer Gemeinde im heutigen Tschechien gehörte und die in einer besonderen mystischen Tradition geschrieben ist.

Interreligiöse Bibliolog-Werkstatt: Noemi und Ruth in Betlehem

Ruth, Bild, Marc Chagall

Ruth von Marc Chagall

Am Di 4. Oktober um 19.30 h findet das nächste Treffen der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt statt. Letztes Mal haben wir mit dem Buch Ruth begonnen und das erste Kapitel ausgelegt. Bei der Vorbereitung dieses Bibliologs hat mich ein Vortrag der israelischen Psychoanalytikerin Ora Dresner, der auf der jüdisch-christlichen Bibelwoche 2006 in Haus Ohrbeck gehalten wurde, zu einer etwas anderen Sichtweise angeregt. In Trauer und Verlust und der Lebenszyklus im Buch Ruth liest Ora Dresner mit psychoanalytischem Instrumentarium das Buch Ruth als innere Welt der Noemi.

Wie kommt man zu diesem Ansatz? Nach der Hinführung im 1. Kapitel, in der geschildert wird, daß Elimelech mit seiner Frau Noemi, den Söhnen Machlon und Kiljon wegen einer Hungersnot nach Moab auswanderte, die Söhne sich moabitische Frauen (Orpa und Ruth) nahmen, Elimelech, Machlon und Kiljon starben, steigt der Text in Vers 6 folgendermaßen ein:

Und sie machte sich auf, sie und ihre Schwiegertöchter, und kehrte aus dem Gebiet3 von Moab zurück. Denn sie hatte im Gebiet4 von Moab gehört, dass der HERR sein Volk heimgesucht habe, um ihnen Brot zu geben

Und aus diesem „sie“, das sich auf Noemi bezieht, leitet die psychoanalytisch orientierte Bibelauslegung ab, daß Noemi die Hauptperson ist, und das Buch Ruth als eine Art Traumtext der Noemi gelesen werden kann. Das heißt dann, daß „Ruth“ und „Orpa“ nicht nur – auf der personalen Ebene – die Schwiegertöchter der Noemi sind, sondern auch auf der Objektebene als innere Repräsentanten von Tendenzen der Noemi gesehen werden können: Ruth, die es nach Bethlehem zieht – Orpa, die sich unterwegs entschließt nach Moab zurückzugehen. Ich habe den Aufsatz von Ora Dresner weitergedacht und daraus Fragen für den Bibliolog entwickelt, die das erste Kapitel im Buch Ruth durch diese psychoanalytisch inspierierte Lesart vertiefen. Am Schluß des Abends und des ersten Kapitels sind wir ziemlich ausführlich der Bitterkeit der Noemi nachgegangen. Das erste Kapitel endet mit der Bitterkeit der Noemi als sie zur Zeit der Gerstenernte in Bethlechem (Brothausen) ankommt:

Sie aber sagte zu ihnen: Nennt mich nicht Noomi, nennt mich Mara! Denn der Allmächtige hat mir sehr bitteres Leid zugefügt. Voll bin ich gegangen, und leer hat mich der HERR zurückkehren lassen. Warum nennt ihr mich Noomi, da der HERR gegen mich ausgesagt und der Allmächtige mir Böses getan hat?

An dieser Stelle werden wir dann beim nächsten Treffen einsetzen. Auch wer beim letzten Mal noch nicht dabei war, kann gerne dazukommen. Jeder Abend ist in sich abgeschlossen. Man braucht keinerlei Vorkenntnisse, weder zur Bibel noch andere. Auch wer zuhören möchte, ist herzlich willkommen. Für die Raumnutzung wird am Schluß des Abends um ein Unkostenbeitrag nach Selbsteinschätzung gebeten.

Treffpunkt ist um 19.30 h im Sprengelhaus, Sprengelstrasse 15 (Berlin Wedding).
Wir sind im Gymnastiksaal – erster Hof links Erdgeschoß rechte Seite.
Falls sich mit dem Raum etwas ändert, sind Sie auf jeden Fall auf der sicheren Seite, wenn Sie den „Bibliolog“-Wegweiserpfelen folgen. Wegen eines anderen Termins werde ich dieses Mal erst einige Minuten vor Veranstaltungsbeginn eintreffen.

Bibliolog befragt und erforscht die Torah, aber auch prophetische und Weisheitstexte des Tanach (hebräische Bibel) – in christlichen Gruppen auch die Evangelien, Apostelgeschichte und Briefe des Neuen Testaments – und antwortet aus heutiger Sicht auf sie. Diese Antworten suchen wir als Teilnehmende gemeinsam und jede/r für sich in einem Prozeß. Wir begeben uns in den Text hinein, versetzen uns in unterschiedliche beteiligte Personen der Bibel und ihre Erfahrungen und erweitern und vertiefen so unsere Sichtweisen.

Die Rabbinen sprechen vom schwarzen und vom weißen Feuer. Das schwarze Feuer ist der geschriebene Text, die Buchstaben in der Torahrolle oder im Buch. Das weiße Feuer ist das Dazwischen, was angedeutet wird und nicht ausgesprochen wird. Im Bibliolog gehen wir in die Zwischenräume des weißen Feuers bringen so das schwarze Feuer (immer wieder) neu zum Sprechen: Für uns, für heute, für jetzt. Wir bringen damit den Text in Resonanz zu unserem Leben und lassen ihn neu Gestalt annehmen, ringen ihm neue Bedeutungen ab.

Im Bibliolog treffen zwei Welten aufeinander: Die Welt der biblischen Personen und unsere eigene innere Welt. Durch den Bibliolog finden wir unsere Stimmen im Text und die Stimmen des Textes in uns. All das tun wir liebevoll und mit Respekt für die verschiedenen Auslegungstraditionen aus unterschiedlichen Zeiten und in der Offenheit für Anregungen aus Psychologie, Geschichte, Archäologie, Ethnologie, Literaturwissenschaft, Sozialwissenschaft, textkritischen Ansätzen

Zum Weiterlesen:
Warum es im Internet keine Vorlagen oder Entwürfe für Bibliologe gibt
schwarzes Feuer – weißes Feuer