Kollege Kamel: Bibliolog mit geistig behinderten Menschen

4E6A8295Zwei Jahre habe ich gelegentlich eine Wohngruppe geistig behinderter Erwachsener besucht und dabei auch die Gelegenheit gehabt Bibliolog anzuleiten. Der Grad der Behinderung und die Sprachfähigkeit war sehr unterschiedlich. Da ich nur gelegentlich da war, half es mir sehr, daß immer eine Mitarbeiterin dabei war, die dann, wenn ich die sprachlichen Äußerungen nicht verstanden habe, dolmetschen konnte.

Ganz wichtig war ein flauschiges Steiftierkamel, das ich vor einigen Jahren im Basar von Istanbul gekauft hatte. Das Kamel liebten die Teilnehmenden sehr. „Wie heißt der?“ war eine der ersten Fragen, die mich in Verlegenheit brachte. „Gimel“ sagte ich spontan, weil mir nichts besseres einfiel – der dritte Buchstabe im hebräischen Alpabeth. Gimel wurde sehr geliebt und mußte immer eine ausführliche Begrüßungsrunde machen. Da Gimel als Kamel ein Tier aus der Bibel war, war klar, daß er bei allen biblischen Geschichten dabei war und sie miterlebt hat. Alles wurde aus seiner Perspektive erzählt: Egal ob Gimel hinter Abrahams Zelt graste oder mit den Weisen aus dem Osten auf dem Weg nach Jerusalem war oder gerade in Jericho genau von dem Baum Blätter naschte, in dem Zachäus saß als Jesus vorbei kam.. Wer dann auf eine Frage antworten wollte, durfte Gimel nehmen. So war auch immer klar, wer gerade dran war. Am Schluß mußte Gimel eine ausführliche Abschlußrunde drehen und versprechen bald wiederzukommen.

Unverständlich und unerfreulich: Bibliolog und Diakonie

Collage

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Im Dezember hatte ich mit mehreren Leuten Kontakt, die nicht PfarrerINNEN sind und als Mitarbeitende in diakonischen Einrichtungen bei mir einen Bibliolog-Grundkurs gemacht haben. Schon vor Jahren habe ich ein spezielles Kurskonzept für Bibliolog in sozialen, diakonischen und Kultureinrichtungen entwickelt.

Neben Pfarrern und Pfarrerinnen, die bei der Vorstellungsrunde eines Grundkurses im Rahmen eines Pastoralkollegs sagen, daß sie in großen diakonischen Einrichtungen arbeiten oder in Förderschulen für geistig Behinderte Religionsunterricht erteilen, haben so bei mir einige Leute bei mir einen Grundkurs gemacht, die als engagierte Christen in Einrichtungen der Diakonie arbeiten und eine berufliche Qualifikation als Sozialarbeiterin, Sozialpädagoge, Heilpädagogin und in einem Fall sogar eine Doppelqualifikation als Heilpädagogin UND Katechetin haben. Ihnen ist gemeinsam, daß sie einen Teil des Kurses ihre Freizeit einsetzen und ihn großenteils oder ganz selber bezahlt haben. (Pfarrer, Diakone und Gemeindepädagogen bekommen dafür komplett Fortbildungstage und einen sehr viel höheren Kostenanteil von ihrer Landeskirche erstattet).

In schöner Regelmäßigkeit werde ich mit den frustrierenden Erfahrungen konfrontiert, wenn Mitarbeiter in der Diakonie, die nicht Pfarrer, Diakone oder Gemeindepädagogen sind, in ihrem Arbeitsfeld dann Bibliolog praktizieren wollen – sei es in der Weihnachtsfeier der Wohngruppe oder einer Hausandacht. Es sind nicht die Kollegen, die auf gleicher Ebene arbeiten, die da mauern würden, sondern es ist die Ebene der Vorgesetzten, die das explizit verbietet.

Wie gesagt: Es handelt sich nicht um Leute, die da eben mal irgendwas, was sie sich flüchtig angelesen haben, an geistig Behinderten ausprobieren wollen, sondern es sind Leute, die als bewußte Christen einen besonderen Einsatz an Zeit und Geld geleistet haben, um einen Bibliolog-Grundkurs zu machen. Sie haben im Rahmen dieses Grundkurses einen Bibliolog speziell für ihr Arbeitsfeld und die spezielle Gruppensituation entwickelt. Sie haben diesen Bibliolog in der Ausbildungsgruppe angeleitet und dafür ein ausführliches Feedback bekommen. Sie haben für die Fortbildung eine Teilnahmebestätigung erhalten und ein Zertifikat des Bibliolog-Netzwerks, das ihnen detailliert bestätigt, daß sie die Grundfertigkeiten, die zum Anleiten eines Bibliologs nötig sind, erworben haben und in ihrem Arbeitsfeld einsetzen können.

Nach meinem Verständnis müßte sich eigentlich jeder diakonische Arbeitgeber freuen, wenn diese engagierten und fortgebildeten Mitarbeitenden das in ihrem Arbeitsbereich einbringen wollen. Das ist nicht der Fall. Sie bekommen statt dessen Prügel zwischen die Beine geworfen. In einer großen Einrichtung wurde die Hausandacht, die bis letztes Jahr wöchentlich stattfand, auf einen 14tägigen Rhythmus umgestellt – sehr zum Bedauern der BewohnerINNEN. Aber bevor man den Heilpädagogen ranläßt, der das sehr gern sogar in seiner Freizeit machen würde und in seiner Kirchengemeinde sehr engagiert ist, wird das Angebot reduziert.

Der Bibliologin mit der Doppelqualifikation (Heilpädagogik / Katechetik) wurde gar abverlangt, daß sie das erst einmal in einem Mitarbeitergremium (mittlere Führungsebene) einer großen diakonischen Einrichtung zeigen muß. Dann durfte sie das EINMAL mit den geistig Behinderten machen, bei denen es gut lief und ankam. Das ist inzwischen auch schon wieder mehr als eineinhalb Jahre her. Inzwischen hat die Mitarbeiterin „just for fun“ auch einen Aufbaukurs absolviert.

Will man Leute, die sich bewußt als Christen an ihrem Arbeitsplatz einbringen wollen, frustrieren? Müßte sich nicht jede diakonische Einrichtung über ein solches Engagement freuen? Kann jemand von den mitlesenden kirchlichen Hauptamtlichen etwas zu diesem Phänomen sagen?