Midrasch zum Anfassen – Bibliolog verbindet Bibliodrama und jüdische Hermeneutik

…ist der Titel des 4minütigen Magazinbeitrags von Thomas Klatt über die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt, der in der Sendung „Schalom – jüdisches Leben heute“ ausgestrahlt wurde. Leider kann man das nicht in der Mediathek nachhören. Wer den Beitrag nachhören möchte (mit Windows-Mediaplayer problemlos möglich), dem schicke ich auf Anfrage das Soundfile für den privaten Gebrauch zu. (bibliologberlin ä t googlemail.com oder über die Kommentarfunktion bescheid geben).

zum Weiterlesen oder Weiterhoeren ein Video bei Youtube, das mit Comiczeichnungen erklaert, was Hermeneutik ist.

Werbeanzeigen

Frage 16: Bibliolog und Bibelübersetzungen

Hinter dieser Überschrift verbirgt sich die Fragestellung, ob es Bibelübersetzungen gibt, die besonders geeignet im Rahmen der Arbeit mit dem Bibliolog sind und anders herum gefragt: Gibt es auch Bibelübersetzungen, von denen (eher) abzuraten ist?

Folgende Leitfragen könnten bei der Entscheidung weiterhelfen:
-Was dient der Verständlichkeit des Textes, den ich mit einer Gruppe auslegen möchte möchte und zwar im Blick auf die spezielle (Ziel-)Gruppe, mit der ich den Bibliolog durchführe?
– Was sind meine eigenen Vorlieben?

1. Eigene Vorlieben:
Tur Sinai coverIch verwende sehr gern die Übersetzung von Naftali Herz Tur-Sinai, die in den 1920iger Jahren an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin entstanden ist. Sie ist für heutige Zuhörende, auch wenn sie nicht in einer religiösen Tradition geprägt sind, gut verständlich und sie ist gleichzeitig ganz nah am hebräischen Text dran auch was den Sprachrythmus betrifft. Bei der Arbeit mit christlichen Gruppen ist mir aufgefallen, daß die Tur-Sinai-Übersetzung als Übersetzung, die von jüdischen Übersetzern angefertigt wurde, sehr für sprachliche Eigenheiten sensibilisiert. Bei den Grundkursen werde ich sehr oft von den Teilnehmenden gefragt, was das denn für eine Übersetzung sei, die ich verwende und empfehle sie wärmstens.

Nur bei Bibliologen mit Psalmen mit christlichen Gruppen bin ich sehr vorsichtig mit der Tur-Sinai-Übertragung, denn besonders im evangelischen Bereich sind die Teilnehmenden sehr stark von der Übersetzung von Martin Luther geprägt. Da löst es oft große Irritationen aus, wenn die Textgestalt eine andere ist als die den Teilnehmern bekannte. Wenn es mir aber genau darauf ankommt, das Bekannte zu durchbrechen und die Teilnehmer durch eine andere Übersetzung zu neuen Wahrnehmungen anzuregen, dann umgehe ich mögliche Irritationen indem ich am Beginn der Hinführung darauf hinweise, warum ich heute eine andere als für die meisten gewohnte Bibelübersetzung mitgebracht habe und verwende und welche Chance darin liegen kann, einen Text durch eine andere Übersetzung noch einmal anders und neu zu hören und zu schmecken.

Buber-Rosenzweig schätze ich sehr und verwende ich gern zur Vorbereitung. Den Einsatz dieser Übertragung finde ich allerdings beim Bibliolog schwierig, denn Buber-Rosenzweig versteht man dann, wenn man schon weiß, was der Inhalt ist. Mit Zielgruppen, mit denen man philologisch am Text Bibliolog machen will und die entsprechend vorgebildet sind (Pfarrpersonen, Theologiestudierende) kann es durchaus reizvoll sein, mit der Buber-Rosenzweig-Übersetzung zu arbeiten, aber diese Zielgruppe dürfte eher der Ausnahmefall bibliologischen Arbeitens sein.

NGÜ CoverWenn ich Bibliologe zu Texten aus dem Neuen Testament (Evangelien oder Paulusbriefe) mache, was bei mir als Jüdin nur gelegentlich vorkommt, dann ist meine Lieblingsübersetzung die NGÜ (Neue Genfer Übersetzung). Ich finde sie gut verständlich, sprachlich brilliant und frisch. Da ich kein Griechisch kann, hilft mir der Anmerkungsapparat, der neben dem Bibeltext mitläuft, sehr und hat mich schon zu mancher Frage inspiriert.

2. Zielgruppe

Eine Leitfrage für mich wäre, welche Bibelübersetzung für die Zielgruppe besonders leicht zugänglich im Sinne von „Verständlichkeit“ ist und damit „niedrigschwellig“ ist. Das kann dann bei der Vorbereitung eines Bibliologs dazu führen, daß ich für eine evangelische Gemeindegruppe die Lutherübersetzung nehme, für eine katholische Fortbildungsgruppe die Einheitsübersetzung, bei einem Frauenseminar die „Bibel in gerechter Sprache“, für Jugendliche die „Gute Nachricht“ oder „Hoffnung für Alle“ – Übersetzung. Wenn eine Gruppe dann schon etwas Bibliolog-Erfahrung hat und ich bewußt nicht mit der ihr vertrauten Textgestalt arbeite, dann – siehe oben – erkläre ich das in der Hinführung als eine Chance, durch eine andere Übersetzung neue Nuancen zu entdecken.

Außerdem gibt es Spezialfälle, auf die ich so gut wie möglich einzugehen versuche. Wenn ich weiß, daß bei einer Seniorengruppe auch Menschen mit dementieller Veränderung dabei sein werden, dann ist es wichtig, die diesen Menschen vertraute Übersetzung zu nehmen oder die speziell für Menschen mit dementieller Veränderung entwickelte Bibelausgabe Getröstet und Geborgen-Bibel.

Kinderbibel Esben Hanefelt KristensenEin anderer Spezialfall sind Kinderbibeln für Kinder im Grundschulalter. Kinderbibeln sind dann bibliologtauglich, wenn sie möglichst viel weißes Feuer lassen, also möglichst wenig interpretieren und ausmalen, denn das schränkt den Raum der Auslegung ein. Auch sind Übertragungen nicht geeignet, in denen ein Tier (Esel) oder eine dritte Person eingeführt wird, die die biblische Geschichte erzählt. In christlichen Kindergruppen arbeite ich deshalb gern mit der Neukirchner Kinderbibel und bei älteren Grundschulkindern und auch mit geistig Behinderten – egal ob Kinder oder Erwachsene – noch lieber mit der – leider wenig bekannten – „Bibel – mit Bildern von Esben Hanefelt Kristensen“, die von Klaus Knoke ins Deutsche Übersetzt wurde und von der Deutschen Bibelgesellschaft herausgegeben wurde (Bild links). In jüdischen Kindergruppen oder beim Vertiefungskurs Midrasch arbeite ich mit einer jüdischen Kinderbibel von Abascha Stutschinsky (die Bibel für Kinder erzählt), die auch Material aus dem Midrasch enthält, aber leider nicht mehr im Buchhandel erhältlich ist. Außerdem gibt es im Internet eine neue Ausgabe der Tora für Kinder von Bruno Landthaler und Hanna Liss mit Pop-Up-Fenstern aus dem Raschi-Kommentar (die Seite ist noch in Entwicklung)

Bei zweisprachigen Gruppen, bei denen nicht alle Mitglieder gleichermaßen mit beiden Sprachen vertraut sind, verwende ich Übersetzungen beider Sprachen.

Bibliolog mit Objekten zu Genesis 16

Bibliolog mit Objekten zu Genesis 16

Kann man beim Bibliolog auch mit verschiedenen Bibelübersetzungen arbeiten? Beim Normalfall bibliologischen Arbeitens legt man mit einer Gruppe einen Text aus. Um gut in der Geschichte „drin“ zu bleiben, empfehle ich, es bei einer Übersetzung und damit bei einem Duktus zu belassen. Wenn man jedoch verschiedene Übersetzungsvarianten ins Spiel bringen will um Bedeutungsunterschiede zu thematisieren, sollte man sich einen besonders signifikanten Satz am Ende des Textes auswählen und dann die Verschiedenen Übersetzungsvarianten durch Stühle (Aufbauform Bibliolog mit Objekten) visualisieren, wobei man sich die Überleitung und die Frage sehr genau überlegen muß, damit die Teilnehmenden „im Text“ bleiben und nicht ÜBER den Text oder Übersetzungsvarianten reden.

Zum Weiterlesen:
Ab welchem Alter geht Bibliolog mit Kindern?
Schwarzes Feuer und weißes Feuer im Bibliolog

Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (2)

Gerne erinnere ich mich an meine erste Erfahrung mit Bibliolog in der Sukka (Laubhütte) im letzten Jahr (siehe hier). Schon kurz danach hatte mich Chajm, der Gastgeber in der Sukka, gefragt, ob wir das im nächsten Jahr wiederholen könnten. Gern habe ich zugestimmt und mich für die Uschpizim (Gäste) des 5. Tages entschieden: Mosche und Zippora.

Einige waren zu diesem Abend in die Sukka des interkulturellen Hauses gekommen, weil sie Bibliolog schon kannten. Eine Schauspielschülerin, die ein Seminar besucht hatte, nahm spontan unsere Einladung in die Laubhütte an. Die Teilnehmerschaft war wieder sehr gemischt (jüdisch liberal und orthodox, evangelisch, katholisch und säkular). Nach einer leckeren Kürbissuppe und einigen anderen mitgebrachten Köstlichkeiten unternahmen wir eine Reise in den biblischen Text (Schemot Kapitel 2,16-22 / Exodus 2,16-22), traditionelle Midraschim sowie moderne Midraschim, die in den letzten 30 Jahren im Rahmen jüdischer-feministischer Auslegung entstanden sind (z.B. Rabbinerin Rebecca Alpert: Rediscovering Tziporah in „The Women`s Torah Commentary“, p 121).

Im Torahtext bleibt Zippora relativ farblos. Durch traditionelle und moderne Midraschim werden zahlreiche Facetten hinzugefügt. Im Text gibt es einen abrupten Bruch im Vers 21 zwischen dem ersten und dem zweiten Teil („Und Mose willigte ein, bei dem Mann zu bleiben. Und er gab Mose seine Tochter Zippora zur Frau“). Der traditionelle Midrasch füllt die Lücke zwischen diesen beiden Sätzen mit der Geschichte, daß Jitro sehr mißtrauisch gegen Mosche war und ihn in einen Brunnen werfen ließ. Dort überlebte er nur, weil Zipporah ihn 10 Jahre lang täglich mit Nahrung versorgte. Erst dann erzählte sie ihrem Vater, daß Mosche noch lebt. Als dieser dann Mosche lebend im Brunnen vorfand, betrachtete er das als Wunder). Die sehr aktive Seite von Zippora wird dann in Exodus 4, 24-26 deutlich als sie die tödliche Bedrohung von Mosche erkennt und den bis dahin unbeschnittenen Sohn Gerschom beschneidet und so die Gefahr von Mosche abwendet.

Mosche, Zippora und die Frau aus Kusch – Keramik von Chajm Harald Grosser

Diese Stelle spielte dann vor etwa 15 Jahren eine Rolle als im amerikanischen Reformjudentum diskutiert wurde, ob Frauen Beschneidungen vornehmen könnten. Zippora wurde dann zum Rollenvorbild für Frauen, die im Rahmen eines Mohalot-Programms des Hebrew Union College (Ausbildungsstätte in Amerika für ReformrabbinerINNEN) zu Beschneiderinnen ausgebildet wurden. Einige Jahre später folgte dann auch das konservative Judentum. An Rabbinerin Antje Yael Deusel, die vor einigen Monaten in Bamberg ordiniert wurde und dort auch im Krankenhaus als ChefOberärztin für Urologie tätig ist, sieht man, daß diese Entwicklung inzwischen auch in Deutschland angekommen ist, denn sie hat ein solches Mohalot-Programm durchlaufen. (Mohalot ist die Mehrzahl von „mohelet“, der Beschneiderin). Leider hat Frau Deussel ihre sehr interessante Seite dazu vom Netz genommen. Im Raum Freiburg gibt es noch eine weitere jüdische Ärztin und Mohelet.

In unserem anschließenden Gespräch hat uns gewundert, daß in der öffentlichen Diskussion der letzten Monate um die Beschneidung jüdischer (und muslimischer) Jungen die Geschichte von Zippora keine Rolle gespielt hat und nur Bereschit / Genesis 17 thematisiert wurde.

Für nächstes Jahr haben wir schon Josef in den Blick genommen.

Zum Weiterlesen
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (1)
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (1) (2011)

Unterwegs nach Emmaus – ein interreligiöser Dialog (Teil 2)

Fortsetzung von hier

An diesem Abend der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt interessierte mich besonders, wie sich die Wahrnehmung und Auslegung des Textes verändert, wenn man das Narrativ so interpretiert, daß es eine Frau und ein Mann waren, die miteinander auf dem Weg nach Emmaus waren. Außer mir und einer jüdischen Teilnehmerin waren alle anderen Teilnehmenden an diesem Abend aus unterschiedlichen christlichen Gemeinden und kannten die Emmausgeschichte.

Emmaus modern

moderne Darstellung von Sieger Köder: Brannte uns nicht das Herz

Die meisten Übersetzungen sprechen bei Lk 24,13 von „zwei Jüngern“ und interpretieren damit. Die Elberfelder Übersetzung, Schlachter und die Bibel in gerechter Sprache übersetzen „zwei von ihnen“. Damit ist keine Aussage über das Geschlecht der beiden getroffen. Direkt im Abschnitt davon werden Reaktionen auf die Auferstehung von Jüngerinnen und Jüngern erzählt. „Zwei von ihnen“ lässt also von der Sprachlogik her verschiedene Interpretationen zu. Im weiteren Fortgang der Geschichte wird dem Leser der Namen einer der beiden Personen berichtet, nämlich in Vers 18 wird ein – männlicher – Name genannt: Kleopas. Von der Person, die mit Kleopas unterwegs ist, erfahren wir den Namen nicht. Das ist merkwürdig.
Wenn männliche Jünger mit Jesus unterwegs sind, gibt es immer wieder bestimmte Namen, die in Kombination vorkommen: Petrus und Andreas, Petrus, Johannes und Jakobus etc. Könnte diese Anonymisierung der zweiten Person ein Hinweis darauf sein, daß es sich hier um eine weibliche Person handelt?

Die Evangelien sind Jahrzehnte nach den Geschehnissen zusammengestellt und niedergeschrieben worden. Gibt es ein Interesse aus dieser späteren Zeit, Frauen eher einen Platz im Hintergrund zuzuweisen? Dazu kommt noch, daß im Johannesevangelium von mehreren Frauen erzählt wird, die unter dem Kreuz in der Nähe von Jesus blieben. Eine wird als Maria, Frau des Kleopas bezeichnet. Was läge nun näher nach diesen Pessachtagen in Jerusalem als alle wieder die Stadt verlassen, daß ein Ehepaar sich gemeinsam auf den Weg macht. Der Text lässt hier eine Lücke, und wenn ich beim Bibliolog von der Annahme ausgehe, daß es sich bei den beiden Personen, die nach Emmaus gehen, um das Ehepaar Kleopas und Maria handelt, dann muß ich das als meine Setzung in narrativer Form bei der Hinführung deutlich machen. Dies wäre eine Form von christlichem Midrasch (siehe dazu den Beitrag schwarzes Feuer – weißes Feuer im Bibliolog )

Auch erfahren wir nicht, was die beiden dazu bringt nach Emmaus zu gehen. War das ihr Wohnort – heute würde man sagen „Lebensmittelpunkt“ – bevor sie mit Jesus gingen? Es gibt mehrere Orte dieses Namens, aber eine mögliche Deutung aufgrund der angegebenen Entfernung ist, daß es sich um einen Ort handelt, dessen hebräische Namensform „chammath“ auf heiße (Heil-)Quellen hinweist. Auch dies kann ich in meine vorbereitenden Überlegungen einbeziehen und deutlich machen und daraus unterschiedliche Fragen an beide entwickeln, denn ich stelle mir vor, daß Maria, die unter dem Kreuz dabei war als Jesus hingerichtet wurde, etwas anderes erlebt hat als Kleopas, der nicht dabei war.

Interessant finde ich noch ein sprachliches Detail, mit dem es sich meiner Meinung nach lohnt, bei diesem Bibliolog zu arbeiten:

In Vers 25 sagt Jesus zu den beiden nachdem sie ihm erzählt haben, was passiert war:
»Ihr unverständigen Leute! Wie schwer fällt es euch8, all das zu glauben, was die Propheten gesagt haben! (Neue Genfer Übersetzung)
Und er sprach zu ihnen: Ihr Unverständigen und im Herzen zu träge, an alles zu glauben, was die Propheten geredet haben! (Elberfelder Übersetzung)
How foolish you are, and how slow of heart to believe all that the prophets have spoken! (New international Version). Auch einige andere englische Übersetzungen sprechen von “slow of heart”.

In der NGÜ weist eine Anmerkung darauf hin, daß es im Originaltext wörtlich heißt: „Euer Herz ist zu träge“. Das macht den Gegensatz zu Vers 32 umso deutlicher, in dem es heißt:

Brannte nicht unser Herz in uns, wie er auf dem Weg zu uns redete … (Elberfelder Übersetzung)
War uns nicht zumute, als würde ein Feuer in unserem Herzen brennen, während er unterwegs mit uns sprach (Neue Genfer Übersetzung)
Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete (Einheitsübersetzung)

Im traditionellen Midrasch wird sehr stark auf sprachliche Eigenheiten des Textes eingegangen. Dies könnte man im Bibliolog aufgreifen durch den Vergleich des „trägen Herzens“ und des „brennenden Herzens“.

Beim Nachgespräch fragte ich danach, was sich in der Wahrnehmung der Emmausgeschichte dadurch verändert hat, daß ich Fragen an Maria, an Kleopas oder an sie als Paar gestellt habe und die traditionelle Wahrnehmung der zwei als Männer verändert habe.

Einige Stimmen:
– die Geschichte ist vielfältiger und vielschichtiger geworden
– ich habe die Geschichte immer als Trauergeschichte gesehen und gepredigt. In dieser Variante verliert die Trauer etwas von ihrer Schwere und bekommt durch die männlichen und weiblichen Reaktionen eine größere Vielfalt
– Es kommen mehr bunte Facetten des Lebens in diese Trauergeschichte rein
– Es gibt eine Parallele im Nichterkennen: So wie die beiden auf dem Weg nach Emmaus Jesus zuerst nicht erkennen, so erkennt ihn auch Maria von Magdala nicht, die ihn für den Gärtner hält (Anmerkung von mir: Bei einer Bibelgesprächsreihe zu Begegnungen nach der Auferstehung könnte ein Encounter zwischen Maria von Magdala und Maria und Kleopas über ihre Erfahrung des Nichterkennens sein).
– Ich habe bis jetzt immer überlesen, daß die beiden direkt nach der Begegnung mit Jesus, also in der Dunkelheit, nach Jerusalem zurückgekehrt sind. Eigentlich ist das logisch, denn biblische Nächte sind Heilsnächte
(Anmerkung von mir: In Israel gibt es keine so lange Dämmerungsphase wie bei uns in Mitteleuropa. Die Nacht bricht sehr schnell herein. Wenn also ein/e Jünger/in zu Jesus sagt: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden“ und die drei bleiben dann zusammen, dann ist von den geografischen Gegebenheiten davon auszugehen, daß sich die Rückkehr nach Jerusalem in der Dunkelheit der Nacht abspielte).

Am Ende hatte eine Teilnehmerin noch eine Karte einer modernen Emmaus-Ikone von Bruder Ansgar aus der Abtei Nütschau bei Hamburg dabei, in der die beiden, die mit Jesus am Tisch sitzen ein Mann und eine Frau sind. Christian Herwartz hat in seinem Kommentar zu Teil 1 dieses Beitrags Erhellendes dazu geschrieben.

Eine moderne Darstellung habe ich auf einem Weblog irischer Ordenleute, die über biblische Themen und christlich-keltische Spiritualität schreiben, gefunden, nämlich hier. Leider gibt es keine Quellenangabe dazu und keine/n Künstler/in.

Moderne Darstellung der Emmaus Geschichte vom irischen Sacred Space Weblog.

Road to Emmaus

Nach diesem Abend habe ich noch im Internet gesucht, ob es andere traditionelle oder moderne Ikonendarstellungen eines Jüngers und einer Jüngerin bei der Emmausgeschichte gibt. Dabei habe ich im deutschsprachigen Internet nichts gefunden, im englisch- und französisch sprachigen Internet gibt es einige Darstellungen, die eine männliche Person darstellen und bei der zweiten offen lassen, ob sie weiblich oder männlich ist.

Fündig bin ich auf dem Weblog von Patrick Comerford, einem anglikanischen Priester aus Irland geworden. Er schreibt über „my thoughts on spirituality, theology, history, architecture, travel, poetry and beach walks” und hat einen sehr starken Bezug zu ostkirchlicher Spiritualität und Ikonen (hier )

Emmaus-Ikonendarstellung von Sr. Marie-Paul OSB

Vielleicht hat jemand Hinweise auf traditionelle Ikonen-Darstellungen mit diesem Motiv, also Jesus mit Mann und Frau auf dem Weg nach Emmaus.

Zum Weiterlesen:
Christian Herwartz: Spiritualität und Gegenwart auf der Straße

Frage 7: Schwarzes Feuer – weißes Feuer (black fire – white fire) im Bibliolog …

… gehört zu den bliebtesten Suchbegriffen auf der Liste dieses Weblogs.

Die jüdische Tradition geht davon aus, daß die Torah vor der Schöpfung der Welt geschaffen wurde, dass sie der Bauplan – die Vorlage für die Schöpfung ist. Jochanan ben Bag Bag sagt über die Torah:

„Wende sie und wende sie, denn alles ist in ihr (enthalten), und durch sie wirst du sehen. Werde alt und grau in ihr und von ihr weiche nicht, denn es gibt für dich nichts besseres als sie“. (Pirke Awot 5:26)

In der Synagoge wird an jedem Schabbat ein Abschnitt aus der Torah gelesen. Innerhalb eines Jahreszyklus wird so die ganze Torah gelesen.

Torahlesung

Torahlesung sephardische Synagoge Tiferet Israel Berlin Foto: Hans Geldmacher

Der letzte Wochenabschnitt der Torah (Wesot Habracha) beinhaltet eine der geheimnisvollsten Formulierungen in Dewarim 33,2 (Deut 33,2): “Esch da’at” – „das feurige Gesetz“. Der Midrasch stellt dazu fest, dass dies eine Beschreibung der Torah ist: „esch schachor al gabei esch lawan“. „Die Torah ist geschrieben mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer“ (Midrasch Tanhuma zu Genesis 1).

Esch daat

Dewarim 33:2

Die Abbildung zeigt den Vers 5. Mose 33,2 wie er in der Torahrolle steht (die beiden letzten Wörter gehören schon zu Vers 3). Die Buchstaben repräsentieren Konsonanten. Wer die Torah vorliest (genau genommen wird sie im G-ttesdienst gesungen; „geleint“ ist der Fachbegriff dafür) muß wissen, welche Konsonanten an welche Stelle gehören. Schon hier sind unterschiedliche Lesarten möglich, jedoch wurde eine Lesart verbindlich festgelegt. Wenn man bei dieser Seite auf den roten Lautsprecher vor 33:2 klickt, kann man hören, wie der Vers bei der Torahlesung klingt.

Beispiel: Bei der deutschen Konsonantenfolge l-b-n müßte je nach Zusammenhang „leben“, „laben“, „lieben“ oder „loben“ gelesen werden.

Das „schwarze Feuer“ sind die Buchstaben der Torah. Das „weiße Feuer“ sind die weißen Zwischenräume zwischen den Buchstaben und um die Buchstaben herum. Nur beides zusammen ist die GANZE Torah. Dabei kann man die Begriffe „schwarzes Feuer“ und „weißes Feuer“ auf unterschiedenen Ebenen verstehen und interpretieren.

Das „schwarze Feuer“ ist dir wörtliche Bedeutung des Textes (Peschat), das weiße Feuer steht für die Ideen, Auslegungen, Andeutungen hinter dem Text – die Botschaften „zwischen den Zeilen“, die zum Leben kommen, wenn wir mit dem Text in Beziehung treten.

Die schwarzen Buchstaben begrenzen. Zugleich sind sie begrenzt und festgelegt. Die weißen Räume dazwischen verweisen uns auf den Bereich jenseits des Intellekts – des Grenzenlosen, des sich immer Verändernden und Verwandelnden. Sie stehen auch für das Schweigen, für das noch nicht Sagbare, das Unsagbare.

Die weißen Räume zwischen und um die schwarzen Buchstaben herum nehmen zweimal so viel Raum ein wie die schwarzen Buchstaben. Das weiße Feuer bildet die Grundlage für das schwarze Feuer.

Über die Torah heißt es in Sprüche 8,22 ff:

Der Ewige schuf mich als den Anfang seines Wegs / als erstes seiner Werke von jeher / von uran bin ich eingesetzt / vom Anbeginn, der Erde Urzeit; / noch eh die Fluten, wurde ich geboren / noch eh die Quellen, Wassers schwer; / bevor die Berge wurden eingesenkt / noch vor den Höhen wurde ich geboren / noch eh ER Land und Fluren wirkte / das Erste von des Festlands Staub. / Als ER den Himmel festigte, war ich dabei / als ER den Wall zog um des Meeres Fläche / als ER die Wolken droben festigte / fest wurden da die Quellen aus der Flut.(Übersetzung von Naftali Herz Tur-Sinai)

Es gibt keine endgültige Lesart oder Auslegung der Torah, sondern immer nur die nächste.

Übrigens zeigt das Header-Bild dieses Weblogs den Ausschnitt einer künstlerischen Gestaltung, in der alle 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets miteinander verbunden sind. In der jüdischen Mystik repräsentieren sie die gesamte Schöpfung. Jeder dieser Buchstaben ist Träger einer bestimmten Energie und trägt einen Aspekt der Schöpfung in sich – sowohl in seiner Form, seinem Klang und seinem Zahlenwert.

blühende buchstaben (A. Krasnitski)

Das Bild „blühende Buchstaben“ zeigt eindrucksvoll, wie schwarzes und weißes Feuer aufeinander bezogen sind, ja sich gegenseitig bedingen. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Sie brauchen sich gegenseitig und entfachen sich gegenseitig und bringen so immer neue Bedeutungen hervor. Analog ist auch das schwarze Feuer und das weiße Feuer beim Arbeiten mit dem Bibliolog zu verstehen.

Manchmal ist in Texten über das bibliologische Arbeiten auch von Rollen aus dem weißen Feuer die Rede. Damit sind Rollen gemeint, die nicht ausdrücklich im Bibeltext genannt sind, aber naheliegend aus dem Textzusammenhang oder dem Wissen um sozialgeschichtliche Zusammenhänge. Wenn man die Mutter von Ruth oder eine Dienerin im Haus von Simon dem Aussätzigen nach der Salbung von Bethanien befragen würde, dann wären das Rollen aus dem weißen Feuer. Sie sind dann sinnvoll, wenn sie zusätzliche Aspekte der Geschichte erschließen helfen, die über Rollen aus dem schwarzen Feuer (Personen oder Objekte, die im Text vorkommen) nicht zur Sprache kommen würden. Rollen aus dem weißen Feuer müssen bei der Rollenzuweisung an die Teilnehmenden als solche deutlich gemacht werden.

Zum Weiterlesen:
In seinem Blog Reb Jeff erzählt ein Gemeinderabbiner aus Florida über eine ganz besondere Torah-Rolle seiner Gemeinde und zeigt, was für eine große Bedeutung die Torah-Rolle im jüdischen Leben hat: Rededication of our Czech Scroll. Es geht dabei um eine Torah-Rolle, die vor der Schoah einer Gemeinde im heutigen Tschechien gehörte und die in einer besonderen mystischen Tradition geschrieben ist.