Gedanken von Noahs Schwiegertochter …

Noahs Arche in Evas Arche: Ökumenisches Frauenzentrum bietet interreligiösen Bibliolog an

so ist ein Artikel in der aktuellen Ausgabe (Pfingsten) der katholischen Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ überschrieben. Fast hätte ich ihn überlesen, denn ich hatte im Berliner Regionalteil nachgesehen und nicht auf Seite 1, wo im oberen Teil über den Katholikentag in Regensburg berichtet wird.

Evas Arche Logo Vor einigen Monaten verabredete ich mit Anne Borucki-Voss, der teheologischen Referentin von Evas Arche einen interreligiösen Bibliolog. Anlaß war die Ankündigung des Films „Noah“. Mit dem folgenden Text wurde zur Veranstaltung eingeladen:

Interreligiöser Bibliolog
Noahs Arche in Evas Arche – die zweite Chance

Was hat Noah und seine Familie in der Arche bewegt? Wie gestaltete sich der Neuanfang nach der Katastrophe? Die jüdische Tradition sieht kritisch, dass Noah seinen Mitmenschen gegenüber geschwiegen hat, als Gott ihm die Anweisung zum Bau der Arche gab. Ist Noah in der christlichen Tradition ein Schweigender oder ein Sprechender? Mit welchen Folgen? Da Muslime die Landung der Arche mit dem Aschura-Fest feiern, gibt es eine Kostprobe vom „Festmahl des Noah“.
Mit Iris Weiss, jüdische Bibliolog-Trainerin
In Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk

Nun ist es bei offenen Veranstaltungen so eine Sache. Man weiß vorher nicht, wer kommt und wie bunt die Mischung sein wird. Ich verbreite auch über meinen Mailverteiler Bibliolog-Veranstaltungen in Berlin. An diesem Abend gehörten alle anwesenden Frauen außer mir verschiedenen christlichen Konfessionen an. Auch eine Mitarbeiterin der katholischen Kirchenzeitung war dabei. Sie hat folgenden Artikel verfaßt, der leider nicht online zur Verfügung steht:

Die Geschichte von Noah und seiner Arche steht in jeder Kinderbibel. Somit ist weitestgehend bekannt, dass Gott die Erde überflutet hat, um sie von den schlechten Menschen zu befreien und dass nur Noahs Familie und viele Tierarten die Katastrophe in der Arche überlebten. Doch was hat Noah und seine Familie in der Arche bewegt? Wie gestaltete sich der Neuanfang nach der Flut? Das sind die Fragen die Iris Weiss, in ihrem Bibliolog (unterstützt vom Katholischen Bildungswerk) im ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche in Berlin-Mitte von den Teilnehmerinnen beantwortet haben wollte.

„Ich lese einen kurzen Abschnitt aus der Bibel vor und dann stelle ich eine Frage“, erläutert die Bibliolog-Ausbilderin. „Die Frage kann sich an einen Menschen, ein Tier oder auch an einen Gegenstand oder eine Eigenschaft richten.“ Wer mag kann sich melden und in dieser Rolle antworten.

„Warum folgt mein Mann der Idee seines Vaters?“

Und so fragt sie eine der Ehefrauen von Noahs Söhnen, wie sie darüber denkt, dass sie in der Arche leben muß. „Ich will da nicht rein. So schlimm wird diese Flut schon nicht sein“, antwortet eine Teilnehmerin. „Ich als Frau kann da nichts machen, aber ich verstehe meinen Mann nicht, warum er sich so bedingungslos der Idee seines Vater hingibt“.

Weiss wiederholt, was die Teilnehmerinnen sagen, um ihre Worte zu vertiefen und zu klären. Wenn niemand etwas ergänzen möchte, hält sie inne, bedankt sich bei der entsprechenden Rolle und liest weiter.

Interreligiös ist dieser Bibliolgo, weil sie auch von der Sicht anderer Religionen auf die Geschichte von der Arche Noah erzählen kann: „Die jüdische Tradition sieht kritisch, dass Noah seinen Mitmenschen gegenüber geschwiegen hat, als Gott ihm die Anweisung zum Bau der Arche gab“, heißt es in der Ankündigung und dass die Muslime ein eigenes Festessen, das Aschura-Fest begehen, weil an diesem Tag die Arche zum ersten Mal wieder auf Land gestoßen sein soll.

Jüdische Kenntnisse der Leiterin und einer Teilnehmerin

Weiss hat zu unterschiedlichen Aspekten der jüdischen Geschichte und Gegenwart Berlins gearbeitet. Unter den Teilnehmern ist auch eine Frau, die Judaistik studiert hat. In der Gesprächsunde nach dem Bibliolog gibt sie zu bedenken, daß sie sich nicht vorstellen kann. dass Noah zu der Arche geschwiegen hat: „Die Mitmenschen müssen sich doch gewundert haben, was für ein riesiges Schiff erbaut. Er kann es doch unmöglich alleine oder gar heimlich gebaut haben“.

Die Idee für einen Bibliolog stammt von einem amerikanischen Juden, Peter Pitzele. Er hat sie im Rahmen der praktischen Ausbildung von konservativen Rabbinern am Jewish Theological Seminary entwickelt.

So weit der Artikel, dessen erster Teil mir gut gefallen hat. Beim zweiten Teil habe ich einige Bauchschmerzen, denn ein Bibliolog ist aus meiner Sicht nicht deshalb interreligiös, weil die Anleiterin etwas über Judentum erzählen kann (jüdische Kenntnisse der Leiterin und einer Teilnehmerin), sondern weil Menschen, die in unterschiedlichen religiösen Traditionen leben und aus der Erfahrung und Kenntnis dieser Traditionen in ein Gespräch über die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Textes und die eigenen Prägungen eintreten: Die Teilnehmenden als Christinnen unterschiedlicher Denominationen und ich als Jüdin.

Spannend wurde es noch beim Nachgespräch darüber, was es in der jüdischen Tradition bedeutet, daß Noah nicht so hoch geschätzt wird wie Abraham, der für die Menschen aus Sodom mit G-tt verhandelt hat. Ein solches Verhandeln für seine Mitmenschen ist von Noah nicht überliefert.

Gerne hätte ich noch muslimische Gesprächspartnerinnen dabei gehabt, denn der Koran erzählt, wie Noah die Menschen vor der Flut gewarnt hat und dass auf der Arche noch andere Menschen neben seinen Familienmitgliedern waren und überlebt haben – ja sogar ein Sohn von Noah war nicht auf der Arche.

Erstveröffentlichung des Artikels: Tag des Herrn, Ausgabe vom 8. Juni 2014, Seite 1

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interreligiöse Bibliolog-Werkstatt 2014: Essen und Trinken in Heiligen Schriften

In kleiner Runde – vermutlich durch das winterliche Wetter bedingt – trafen wir uns gestern zur ersten interreligiösen Bibliolog-Werkstatt 2014 machten wir eine Zeitreise über 2600 Jahre zurück ins babylonische Exil, trafen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und erkundeten, welche Bedeutung Psalm 104 für sie gehabt haben könnte. Die nächste Station unserer Zeitreise war bei Rabbi Meir und seiner Frau Beruriah, die im zweiten Jahrhundert unserer Zeit unter römischer Besatzung lebten. Von ihnen wird folgende Geschichte erzählt:

In der Nachbarschaft von Rabbi Meir und Brurja gab es sittenlose Gesellen, über die sich Meir sehr ärgerte. Deshalb betete er darum, dass Gott diese bösen Nachbarn verflucht und sterben lässt. Er denkt dabei an einen Psalmvers, in dem es heißt, dass die Frevler von der Erde verschwinden sollen (Psalm 104 Vers 35) Brurja aber sagt zu ihm: “Bete nicht, dass sie sterben, bete nicht gegen sie, sondern bete für sie, bete darum, dass sie sich bekehren. Denn so ist es gemeint, wenn der Psalm sagt: Die Frevler sollen verschwinden von der Erde.” Da betete Meir für sie und sie kehrten in Reue um. (nach Berachot 10a)

© Werner Bühler / 54516 Wittlich

© Werner Bühler / 54516 Wittlich

Anschließend besprachen wir noch, was ein Rahmenthema für die Bibliolog-Werkstatt in diesem Jahr sein könnte. „Psalmen“ war ein Votum, „aber nicht immer“ ein anderes. „Essen und Trinken in der Heiligen Schriften“ wurde genannt. So verbinden wir beides beim nächsten Treffen:

Mi 26. Februar 19.30 h: Vom gefüllten Becher und dem gedeckten Tisch im Angesicht der Feinde (Psalm 23)

26. März 19.30 h: Zu Gast bei Abraham und Sarah: Was Torah, Midrasch, Neues Testament und Koran erzählen (Bereschit / Genesis 18 / Hebräer 11 / Sure 11 + 51)
Mi 23. April 19.30 h: Geschwisterneid – Geschwisterstreit: Jakob und Esau
Mi 21. Mai 19.30 h: Elia wird versorgt von Raben und von der Witwe von Zarpat
Mi 25. Juni 19.30 h: „Ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein“ -Jesus zu Gast beim Zolleintreiber Zachäus (Lukas 17)
Sommerpause
25. – 29. August: interreligiöser Bibliolog-Grundkurs im Sprengelhaus

Mi 17. September 19.30 h: Vom Hunger im Exil (Jesaja 55)
29. Oktober: Thema noch offen
Mi 19. November 19.30 h: Hungersnot, Flucht und Heimkehr: Noemi und ihre Schwiegertöchter
Mi 17. Dezember 19.30 h: Ein Ölwunder und das jüdische Lichterfest Chanukka

interkulturelles Stadtteilzentrum Sprengelhaus
Sprengelstrasse 15
13353 Berlin (Wedding);
Kostenbeitrag für Raumnutzung nach Selbsteinschätzung erbeten

2. Lange Nacht der Religionen

Am Sanstag fand in Berlin die 2. Lange Nacht der Religionen statt. Mehr als 100 Religionsgemeinschaften, religiöse Gruppen und interreligiöse Initiativen boten – über die ganze Stadt verteilt – ein vielfältiges Programm an. Mehr als 10.000 Menschen kamen – und das, obwohl in der Lokalpresse bis auf eine Ausnahme, keine Veranstaltungsankündigung stand.

Auch die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt war dabei – dieses Mal in Neukölln. Eingeladen wurde zum Thema „Familienkonflikte im Haus von Abraham / Ibrahim, Sarah und Hagar„. Der Abend war so aufgebaut, daß immer zur vollen Stunde ein Bibliolog begann – ab 21.00 h dann die letzte längere Bibliologsequenz. Die meisten Interessierten waren den ganzen Abend dabei – einige kamen zu einem der Themen.

Bibliolog mit Objekte: unterschiedliche Sichtweisen des Konflikts

Bibliolog mit Objekte: unterschiedliche Sichtweisen des Konflikts

Besonders beeindruckt hat mich als eine Muslima von ihrer Pilgerfahrt nach Mekka erzählte: Dort wird durch zwei Hügel an Hagar erinnert. Jeder Pilger legt den Weg zwischen diesen Hügeln sieben Mal zurück. Dadurch sei ihr die Situation von Jischmaels Mutter noch einmal anders nahe gekommen. Der Islam geht davon aus, daß Hagar sich nach der Vertreibung durch Ibrahim (Abraham) in Mekka niedergelassen habe.

Die nächste Lange Nacht der Religionen ist für 6. September 2014 geplant

Zum Weiterlesen:
Die stille Macht der langen Nacht