Frage 22: Was sind nichtnarrative Texte?

Wenn von Bibliolog-Aufbaukursen die Rede ist, wird immer wieder „Bibliolog mit nicht-narrativen Texten“ genannt. Auch bei den Suchbegriffen nach diesem Blog, wurde diese Frage in der letzten Zeit mehrmals eingegeben.

Bibliologpraxis beginnt mit erzählenden Texten. Jedoch taucht früher oder später die Frage auf, ob Bibliolog auch mit anderen Textformen (nicht erzählenden Texten) geht. Im Alltag begegnen und viele Formen von nichterzählenden (nicht-narrativen) Texten: Wenn wir etwa an einer Haltestelle stehen und einen Fahrplan lesen um zu erfahren, wann der nächste Bus kommt oder wenn wir im Internet nach einem Kochrezept suchen um eine Mahlzeit zuzubereiten. Dabei hören wir vielleicht gerade in den Nachrichten den Ausschnitt einer Rede einer Politikerin. Auf dem Schreibtisch liegt vielleicht eine Stellenanzeige, auf die wir uns bewerben wollen und daneben ein Buch mit Gedichten oder eine Sammlung von Gesetzestexten.

 

Auch in der Bibel gibt es eine Vielfalt von nichtnarrativen Texten. Manche kennen wir auch aus unserem Leben wie etwa Briefe, Reden, Gesetzestexte, Sprüche … andere sind für uns nicht so nah an unserem Alltag wie Psalmen, Weisheitsliteratur, prophetische Worte oder Gleichnisse, wobei Gleichnisse narrativ oder nicht-narrativ sein können. Zu den nicht-narrativen Gleichnissen gehören die Gleichnisse vom Feigenbaum, vom Sauerteig, vom Weinstock und den Reben oder auch von Unkraut und vom Weizen oder die Bildworte vom Reich Gottes (Das Reich Gottes / das Reich der Himmel ist wie … ein Senfkorn …

Mit allen diesen Textformen kann man bibliologisch arbeiten und genau das wird im Aufbaukurs nichtnarrative Texte eingeübt.

Zum Weiterlesen:

Ausschreibungstext Bibliolog mit nicht-narrativen Texten

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Aufbaukurs nicht-narrative Texte in Köln

Von Mo 12. November bis Fr 16. November 2012 biete ich in Köln an der Melanchthon-Akademie einen Bibliolog-Aufbaukurs nicht-narrative Texte an.

Ich habe vor vier Jahren mit dieser viertägigen Kursform begonnen. Meist werden Aufbaukurse über zwei Tage angeboten. Bei den nicht-narrativen Texten läuft das darauf hinaus, daß die Arbeit mit Briefen und mit Psalmen vermittelt wird.

In der viertägigen Form ist es außerdem möglich, mit Reden, prophetischen Texten und Bildern, Weisheitsliteratur und Gesetzestexten zu arbeiten und verschiedene Varianten zu zeigen, wie mit diesen Textformen gearbeitet werden kann, sodaß sie eine ganz neue Lebensnähe und Dynamik entfalten Außerdem ist auch der Raum dazu da, über die bisherige eigene Bibliolog-Praxis seit dem Grundkurs zu reflektieren, auszutauschen und sich Anregungen zu holen. Am Ende nimmt jede/r Teilnehmende einen Bibliolog für das eigene Arbeisfeld mit.

Voraussetzung für die Teilnahme ist der Bibliolog-Grundkurs und eigene Erfahrungen im Anleiten von Bibliologen. Ein guter Anhaltspunkt ist, ob man beim Anleiten flüssig das Interviewing umsetzen kann.

Besonders angesprochen sind natürlich Leute aus Köln und Umgebung. Da außer Montag alle Abende frei sind, können auch gut Menschen teilnehmen, die aufgrund ihrer familiären Situation nicht über eine Woche wegfahren können. Wer von weiter her kommt, kann in der Melanchthon-Akademie nach Gästezimmern fragen.

Weitere Informationen und Anmeldungen:
info (at) melanchthon-akademie.de
Telefon 0221 / 931803-0
Fax 0221 / 931803-20

Frage 3: Was ist der Unterschied zwischen einem Aufbaukurs und einem Vertiefungskurs?

Ein Bibliolog-Aufbaukurs richtet sich an Menschen, die einen Bibliolog-Grundkurs absolviert haben, dann mit diesem Zugang gearbeitet haben und sicher in den im Grundkurs erlernten Fertigkeiten (echoing, interviewing) sind und ihr Spektrum bibliologischer Arbeitsformen erweitern möchten.

Als erstes bietet sich der Aufbaukurs „Bibliolog mit nicht-narrativen Texten“ an, denn dort erlernt man zusätzliche Fertigkeiten, die das Arbeiten mit Psalmen, Brieftexten, Weisheitsliteratur, Reden, prophetischen Texten und Gesetzestexten (Levitikus) ermöglichen. Es gibt ein zweitägiges Modul und ein viertägiges Modul. Das zweitägige Modul vermittelt den Umgang mit Psalmen, Brieftexten und Reden (Bergpredigt, Schir haSchirim / Hohes Lied etc.). Beim viertägigen Modul werden auch prophetische Texte, Weisheitsliteratur, und Levitikus in den Blick genommen.

Beim Aufbaukurs „Bibliolog mit Objekten“ werden meist Stühle, Tücher oder andere Alltagsgegenstände als Platzhalter verwendet um Genealogien, Beziehungen oder Familienkonstellationen sichtbar zu machen. Entweder stellt der Bibliologe die Stühle oder die Teilnehmenden werden angeleitet, ihre Bilder von einer Situation zu stellen – wie hier:.

Bibliolog mit Objekten Abraham Sarah Hagar Jischmael

Bibliolog mit Objekten

„Bibliolog mit Objekten“ ist die Voraussetzung um mit „Encounter“ oder „Sculpting“ arbeiten zu können. Bei diesen drei Formen geht es darum, daß Körper und Raum mit ins Spiel kommen. Beim „Encounter“ werden Begegnungen inszeniert: Zwei oder mehrere biblische Gestalten treten in einen Dialog. Beim „Sculpting“ wird eine biblische Szene aufgestellt, wobei die Teilnehmenden das Material sind.

Im Gegensatz dazu werden beim Vertiefungskurs keine neuen bibliologischen Fertigkeiten vermittelt. Ein Vertiefungskurs richtet sich hauptsächlich – wenn auch nicht nur – an Menschen, die nach einem Grundkurs – aus welchen Gründen auch immer – nicht oder nur wenig ins bibliologische Arbeiten hineingefunden haben. Interviewing, Hinführung oder andere Aspekte, die den Teilnehmenden wichtig sind, können aufgegriffen und bearbeitet werden. Sehr reizvoll ist auch die Verbindung mit einer theologischen Fragestellung, wie etwa „Bibliolog aus den Quellen des Midrasch“ in Verbindung mit der Geschichte von Abraham, Sarah und Hagar.

In manchen Regionen gibt es auch „Vertiefungstage“ (gelegentlich auch „Thementag“ genannt), die dann eine Zielgruppe in den Blick nehmen (Bibliolog mit Konfirmanden) oder eine spezielle Situation und deren Rahmenbedingungen (Bibliolog im Gottesdienst).

Kurs-Termine für Bibliolog-Brundkurse, Aufbaukurse und Vertiefungskurse

Warum es im Internet keine Vorlagen oder Entwürfe für Bibliologe gibt

Seit ich den Beitrag beliebteste Texte für Bibliologe eingestellt habe, landen über Suchmaschinen immer mehr Anfragen hier, die anscheinend Vorlagen für Bibliologe suchen. Es sind etwa 80 % der Anfragen und vermutlich wären es mehr, wenn ich noch mehr Schlagworte zu Bibeltexten hinzufügen würde. Renner sind die Predigttexte vom kommenden Sonntag nach der Ordnung der evangelischen Kirche. Den Suchenden sei gesagt: Das werden Sie weder hier noch an anderer Stelle im Internet finden.

Abgesehen von den drei Beispielen auf der Bibliolog-Netzwerk-Seite gibt es im Internet keine zum Einsatz in der Praxis tauglichen Bibliologe. Wer Bibliolog gelernt hat, weiß um die Komplexität dieses Zugangs und damit verbunden die Herausforderungen, die im Anleiten von Bibliologen und wird deshalb nicht mal so eben Bibliologe ins Netz stellen, abgesehen von einigen wenigen Beispielsequenzen in Fachzeitschriften (z.B. unter dem Headerbild die Rubrik „Texte“).

Wer Bibliolog gelernt hat, weiß, daß es beim Bibliolog um eine Grundhaltung des Respekts sowie handwerkliche Fähigkeiten geht, die eine gewisse Einübung und ein Feedback brauchen. Mit einigen Fragen allein ist kein Bibliolog handwerklich gut und solide durchzuführen. Jeder Bibliolog wird mit Blick auf eine bestimmte Gruppe, deren Themen und Situation vorbereitet. So ist ein Bibliolog über den Besuch von Jesus bei Martha und Maria für eine Religionsstunde in einer Grundschulklasse völlig anders als für einen Familiengottesdienst, eine Frauengruppe oder eine Wohngruppe für geistig behinderte Erwachsene. Wer das Anleiten von Bibliologen gelernt hat, bekommt in diesem Prozess ziemlich schnell mit, welche Verantwortung damit verbunden ist, und zwar gegenüber dem Text, den Teilnehmenden und dem Prozeß.

Deshalb ist meine Empfehlung an diejenigen, die über Suchmaschinen hier landen in der Hoffnung fertige Bibliologe zu finden, sich auf einen Bibliolog-Grundkurs einzulassen, obwohl sich hier vermutlich die Katze in den Schwanz beißt, denn wer fertige Bibliologe im Netz sucht, tut dies vermutlich gerade, weil er / sie keinen Grundkurs machen will oder kann.

Zum Weiterlesen:
Was passiert in einem Bibliolog-Grundkurs?

Nachtrag August 2011:
Nachdem täglich mehrere Nutzer auf das Weblog kommen, die Bibliolog-Beispiele suchen, habe ich mir angeschaut, was unter diesen Schlagwort (oder auch Entwurf, Vorlage) im Internet inzwischen zu finden ist, und bleibe bei meiner Einschätzung. Die Fragen, die in manchen „Arbeitshilfen“ vorgeschlagen werden, sind teilweise haarsträubend, weil sie nicht in den Text hineinführen oder Antworten vorweg nehmen, die der weitere Verlauf des Textes anders erzählt. Eine solide Kenntnis der Grundlagen bibliologischen Arbeitens kann ich aus solchen Beiträgen nicht ersehen und rate deshalb von der Verwendung ab.

Nachtrag Januar 2012:
So findet sich auf einem Weblog ein Bibliolog zur Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 vorgestellt. Die besondere Qualität eines Bibliologs liegt darin, daß nicht ÜBER einen Text gesprochen wird, sondern die Teilnehmenden in einen Text eintauchen. Dazu ist eine anschauliche erzählende Hinführung nötig. Bei diesem „Bibliolog“-Beispiel werden den Teilnehmenden belehrend und referierend einige Informationen geliefert. Ein Eintauchen in den Text ist so nicht möglich, deshalb bleibt dieses Beispiel auf der Ebene des Darüberredens hängen – nur dass das in Rollen passiert, wobei die Rollenzuweisungen an die Teilnehmenden nicht sauber gestaltet sind. Eine Rolle „ALLE“ gibt es beim soliden bibliologischen Arbeiten nicht, denn „ALLE“ ist zu diffus, als dass es eine konkrete Rollenidentifikation zulassen könnte. Abgesehen davon führen die beiden Fragen an „ALLE“ nicht in den Text hinein, sondern daran vorbei. Sie eröffnen eine Projektionsfläche für alle möglichen Spekulationen und Assoziationen, aber leiten keine solide Arbeit am Text entlang ein. Da die Hirten und Hirtinnen beschließen, nach Bethlehem gehen zu wollen – so sagt es der Text – trägt die Frage, was sie da genau wollen wenig bis nichts für die Textauslegung aus. Im Extremfall kann es darauf hinauslaufen, dass die Teilnehmenden etwas anderes sagen, als das, was später im Text erzählt wird.

Dieser „Bibliolog“ wäre sehr geeignet für die Arbeit in einer Regionalgruppe, in der sich Menschen treffen, die einen Bibliolog-Grundkurs gemacht haben, denn man kann mit diesem Entwurf sehr schön (fast) alle Anfängerfehler aufzeigen. Ähnliches gilt für die Heilung des Aussätzigen auf dem gleichen Weblog. Auch bei dem Bibliolog zu einem nicht-narrativen Text aus dem 1. Korintherbrief sieht es katastrophal nicht besser aus: Es gibt keine Hinführung, sondern eine Instruktion bzw. Belehrung. Auch hier gibt es keine sauberen Rollenzuweisungen, weshalb der Schutz durch die Rolle nicht gewährleistet ist. Es ist klar, daß die in der Rolle geäußerte Beitrag der Meinung des Gottesdienstbesuchers heute ist. Die Fragen zielen vorwiegend auf theologische Richtigkeiten – an einer Stelle wird deutlich antijüdischen Stereotypen Vorschub geleistet.
Fazit: Nicht jede Übung, die durch einen Fragestil vorgibt, Bibliolog zu sein, ist auch Bibliolog.