Frage 22: Was sind nichtnarrative Texte?

Wenn von Bibliolog-Aufbaukursen die Rede ist, wird immer wieder „Bibliolog mit nicht-narrativen Texten“ genannt. Auch bei den Suchbegriffen nach diesem Blog, wurde diese Frage in der letzten Zeit mehrmals eingegeben.

Bibliologpraxis beginnt mit erzählenden Texten. Jedoch taucht früher oder später die Frage auf, ob Bibliolog auch mit anderen Textformen (nicht erzählenden Texten) geht. Im Alltag begegnen und viele Formen von nichterzählenden (nicht-narrativen) Texten: Wenn wir etwa an einer Haltestelle stehen und einen Fahrplan lesen um zu erfahren, wann der nächste Bus kommt oder wenn wir im Internet nach einem Kochrezept suchen um eine Mahlzeit zuzubereiten. Dabei hören wir vielleicht gerade in den Nachrichten den Ausschnitt einer Rede einer Politikerin. Auf dem Schreibtisch liegt vielleicht eine Stellenanzeige, auf die wir uns bewerben wollen und daneben ein Buch mit Gedichten oder eine Sammlung von Gesetzestexten.

 

Auch in der Bibel gibt es eine Vielfalt von nichtnarrativen Texten. Manche kennen wir auch aus unserem Leben wie etwa Briefe, Reden, Gesetzestexte, Sprüche … andere sind für uns nicht so nah an unserem Alltag wie Psalmen, Weisheitsliteratur, prophetische Worte oder Gleichnisse, wobei Gleichnisse narrativ oder nicht-narrativ sein können. Zu den nicht-narrativen Gleichnissen gehören die Gleichnisse vom Feigenbaum, vom Sauerteig, vom Weinstock und den Reben oder auch von Unkraut und vom Weizen oder die Bildworte vom Reich Gottes (Das Reich Gottes / das Reich der Himmel ist wie … ein Senfkorn …

Mit allen diesen Textformen kann man bibliologisch arbeiten und genau das wird im Aufbaukurs nichtnarrative Texte eingeübt.

Zum Weiterlesen:

Ausschreibungstext Bibliolog mit nicht-narrativen Texten

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Europäische Bibeldialoge: Psalmen begleiten durchs Leben

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Ich kenne die Europäischen Bibeldialoge schon von der Zeit als sie noch „Berliner Bibelwochen“ hießen und war punktuell als Referentin und / oder mit einer meiner Stadtführungen dabei. Eine ganze Tagunge habe ich aber jetzt zum ersten Mal erlebt.

Ich bin gerade in der Endphase für die Planung eines christlich-jüdischen Psalmenprojekts, und so fiel mir die Ausschreibung „Psalmen begleiten durchs Leben: Loben, Hoffen, Klagen“ auf, und ich fragte nach, ob es noch einen Platz gäbe. Viel Hoffnung hatte ich nicht, denn es war ein sehr kurzfristiger Entschluß. Kurz darauf meldete sich Frau Dr. Hahn, die für die Europäischen Bibeldialoge verantwortlich ist, und fragte an, ob ich eine Bibelarbeit übernehmen könnte, denn kurz vor der Tagung waren zwei Mitarbeiterinnen ausgefallen.

Die Arbeitsformen waren sehr unterschiedlich und auch kreativen Ansätzen wurde viel Raum gegeben. Diese Vielfalt hat mich sehr angesprochen. Durch einen Vortrag lernte ich viel über den reformierten Zugang zu Psalmen und darüber hinaus einige Unterschiede zwischen Lutheranern und Reformierten und habe für mich Unterscheidungskriterien gefunden: Bei Lutheranern geht alles im Hinblick auf Liturgie und Bibelverständnis, was die Bibel nicht ausrücklich verbietet. Reformierte fragen, ob etwas aus der Bibel herzuleiten ist oder nicht.

Pfarrer Potthoff legte Psalm 104 und Psalm 22 aus. Wir konnten einzelne Aspekte noch in Kleingruppen vertiefen. Das Aktion Painting (Aktionsmalerei) zu Psalm 62 und Psalm 46 fand ich sehr beeindruckend. Gerade für eine Gruppe, die sich noch nicht kennt, ist es eine schöne Form, etwas miteinander zu gestalten, das dann als Galerie zur Raumgestaltung verwendet werden kann. Der Leipziger Künstler Matthias Klemm, der auch viele biblische Texte mit Schriften gestaltet hat, führte uns in seine Arbeiten ein. Später hatten wir Zeit, mit Wachskreiden selbst die Sgrafitto-Technik oder Frottage auszuprobieren. „Frottage“, also das Durchreiben – kannte ich von früher, wo wir Geldstücke durchrieben. Hier haben wir uns das Wort gesucht, das uns am meisten ansprach und es mit dieser Technik gestaltet, wobei Herr Klemm viele hilfreiche Hinweise gab.

Ich war einmal zum Tagesabschluß mit Psalm 23 dran und war sehr gespannt, wie ein Kurzbliolog zu Psalm 23 mit Menschen, die vorher noch keine Bibliolog-Erfahrung mit erzählenden Texten hatten und die sich mit Objekten im Text identifizieren sollten (grüne Aue, Becher, Tisch) angenommen werden würde. Ich war ganz überrascht über die Vielfalt der Beiträge. Ich erfuhr im Nachhinein, daß zwei Teilnehmerinnen schon an anderer Stelle Bibliolog mit erzählenden Texten erlebt hatten. Am Sonntag war ich dann mit einer Einheit zu Psalm 139 dran, der mir von Christen immer wieder als Lieblingspsalm genannt wird. Dabei beziehen sie sich auf den ersten Teil von Psalm 139 (Lutherübersetzung). Ich wollte aber auch die als schwierig erlebten Verse thematisieren und über die aus dem bibliologischen Arbeiten von mir entwickelte Form der Psalm-Brücke aufzeigen, wie man mit Versen wie

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!
18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.
19 Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!
20 Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich mit frechem Mut.
21 Sollte ich nicht hassen, HERR, die dich hassen, und verabscheuen, die sich gegen dich erheben?
22 Ich hasse sie mit ganzem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.

(Luther Übersetzung)

umgehen kann. Die geplante Zeit dafür und für einige Schlaglichte über „Psalmen in der jüdischen Tradition“ war sehr kurz.

Es gab auch Raum, kulturelle Angebote zu nutzen und für Gespräche am Abend. Ich habe aus diesen Tagen einige wertvolle Impulse für mich mitgenommen.

Zum Weiterlesen:

Seite des Künstlers Matthias Klemm (Startseite)
Europäische Bibeldialoge (Programm; es werden die nächsten Tagungen angezeigt).
Weblog der Europäischen Bibeldialoge (deutsch / englisch mit Rückschau auf die vergangenen Tagungen)

Einige Fragen, die nach der Lektüre des Buches von Marion Gardei und Andreas Nachama „Du bist mein Gott, den ich suche – Psalmen lesen im jüdisch-christlichen Dialog“ (ich habe es hier rezensiert) offen geblieben sind, hat mir diese Tagung beantwortet.

Rezension: NGÜ Psalmen als Hörbuch

NGÜ Psalmen Hörbuch

NGÜ Psalmen Hörbuch

Vor einiger Zeit habe ich mich im Posting über „Bibliolog und Bibelübersetzungen“ positiv zur NGÜ (Neue Genfer Übersetzung) vom Neuen Testament und den Psalmen geäußert.

Dies gilt jedoch nicht für das vor kurzem erschienene Hörbuch zu den Psalmen. Weil mich die Treffsicherheit, Klarheit und die sprachliche (Neu-)Gestaltung der Übersetzung der NGÜ sehr angesprochen hat (siehe meine Rezension zur Printausgabe), freute ich mich auf die Psalmen als Hörbuch.

Biblische Texte und Geschichten sind ja erst einmal gesprochene und gehörte Texte bevor sie verschriftet werden. Sie sind auch – aber nicht nur – literarisch gestaltete Texte. Diese Sicht hat sich in den letzten Jahren auch zunehmend in der Psalmenrezeption durchgesetzt. Deshalb ist es sinnvoll, Psalmen als Buch wahrzunehmen und nicht nur als einzelne Gebete. Dazu kann ein Hörbuch hilfreich sein, auch durch die Stimme und den Sprachrhythmus eines anderen Menschen. Man kann Feinheiten wahrnehmen, die einem bei der eigenen Lektüre oder beim eigenen Beten entgehen.

Ich lebe seit langem mit den Psalmen und bin mit den Inhalten deshalb sehr vertraut – wenn auch nicht in der NGÜ-Fassung, aber genau das wollte ich, denn ich erhoffte mir durch das Hören neue Impulse – so wie beim Lesen.

Die Stimme der Sprecherin und die Modulation finde ich angenehm frisch, aber das Lesetempo ist atemberaubend. Es ist mir nicht möglich – trotz Vertrautheit mit den Inhalten – sinnerfassend zuzuhören. Selbst wenn ich in der Buchfassung mitlese – was ja nicht der Sinn eines Hörbuchs ist, bleiben einzelne Wörter und Formulierungen hängen, aber kein Gesamtzusammenhang.

Ich bin irritiert und mache den Test. In bin habe ein schnelles Lesetempo, egal ob laut oder leise. Ich nehme Psalm 19 mit 15 Versen. Doro Wiebe liest den Psalm in 2 Minuten und 2 Sekunden. Ich bin überrascht als ich mit der Schnelllesevariante nach 1 Minute 57 Sekunden fertig bin.

In der zweiten Runde lese ich den Psalm in dem Tempo, in dem ich ihn in einem meiner Bibliolog-Aufbaukurse „Bibliolog mit nicht-narrativen Texten“ lesen würde, bei dem dann die Zuhörenden auf eine Frage reagieren, also den Inhalt auch verstanden haben müssen. Ich komme auf 2 Minuten 47 Sekunden. In der dritten Runde lese ich den Psalm so, wie er in liturgischen Zusammenhängen im christlichen Gottesdienst im Wechsel gesprochen wird und komme auf 3 Minuten 10 Sekunden.

Eine zusätzliche Beeinträchtigung beim Hören ist die blecherne, männliche Stimme, die ansagt, um welchen Psalm es sich handelt.

Einen positiven Effekt gibt es doch: Wenn jemand einen Psalm in der NGÜ-Fassung auswendig lernen will und die CD in den Computer einlegt, ist es möglich diesen über die Wiederholungsfunktion immer wieder zu hören und sich einzuprägen.

Gesamturteil: unerfreulich – eine verpasste Chance

Aufbaukurs nicht-narrative Texte in Köln

Von Mo 12. November bis Fr 16. November 2012 biete ich in Köln an der Melanchthon-Akademie einen Bibliolog-Aufbaukurs nicht-narrative Texte an.

Ich habe vor vier Jahren mit dieser viertägigen Kursform begonnen. Meist werden Aufbaukurse über zwei Tage angeboten. Bei den nicht-narrativen Texten läuft das darauf hinaus, daß die Arbeit mit Briefen und mit Psalmen vermittelt wird.

In der viertägigen Form ist es außerdem möglich, mit Reden, prophetischen Texten und Bildern, Weisheitsliteratur und Gesetzestexten zu arbeiten und verschiedene Varianten zu zeigen, wie mit diesen Textformen gearbeitet werden kann, sodaß sie eine ganz neue Lebensnähe und Dynamik entfalten Außerdem ist auch der Raum dazu da, über die bisherige eigene Bibliolog-Praxis seit dem Grundkurs zu reflektieren, auszutauschen und sich Anregungen zu holen. Am Ende nimmt jede/r Teilnehmende einen Bibliolog für das eigene Arbeisfeld mit.

Voraussetzung für die Teilnahme ist der Bibliolog-Grundkurs und eigene Erfahrungen im Anleiten von Bibliologen. Ein guter Anhaltspunkt ist, ob man beim Anleiten flüssig das Interviewing umsetzen kann.

Besonders angesprochen sind natürlich Leute aus Köln und Umgebung. Da außer Montag alle Abende frei sind, können auch gut Menschen teilnehmen, die aufgrund ihrer familiären Situation nicht über eine Woche wegfahren können. Wer von weiter her kommt, kann in der Melanchthon-Akademie nach Gästezimmern fragen.

Weitere Informationen und Anmeldungen:
info (at) melanchthon-akademie.de
Telefon 0221 / 931803-0
Fax 0221 / 931803-20

Rezension: Du bist mein Gott, den ich suche Psalmen lesen im jüdisch-christlichen Dialog

Eine Veranstaltungsreihe „Bibel und Bach“ sowie eine jüdisch-christliche Bibelgesprächsgruppe führte zur Entstehung dieses Buches, in dem Pfarrerin Marion Gardei und Rabbiner Andreas Nachama gemeinsam den Versuch unternehmen, zwölf Psalmen „vom Ursprung und von unserer Tradition her zu erklären“ – wie es im Vorwort heißt.

Nach einer allgemeinen Einführung über Ursprünge, Entstehung, Struktur-, Sprach- und Stilelemente, sowie Psalmen im Gottesdienst in der jüdischen bzw. der christlichen Tradition werden zwölf ausgewählte Psalmen erschlossen (1,2,16,19,22,23, 87 92, 93, 95, 118, 121, 145 und 150).

Die Kapitel über die einzelnen Psalmen sind nach folgendem Muster in mehreren Abschnitten aufgebaut: Zuerst wird der Psalm in der Luther-Übersetzung (revidierter Text von 1984) abgedruckt.

AUF DEN ERSTEN BLICK“ vermittelt eine erste Einschätzung über Form (Lobeshymne) und Hauptthema (z.B. Gottvertrauen).

Der Abschnitt „DEN URSPRUNG WAHRNEHMEN“ verweist auf (mögliche) Entstehungszusammenhänge und Sitz im Leben (Wallfahrtspsalm, Tempelliturgie …) und literarischer Zuordnung innerhalb des Psalmenbuches (alphabetisch aufgebauter Kunstpsalm). Dieser Abschnitt ist manchmal sehr knapp gehalten und dann wieder eine ausführlichere Texterschließung im Stil des „close reading“ (genauen Lesens).

Der Abschnitt „DEN TEXT BETRACHTEN“ erschließt Aufbau und Gliederung des Psalms, benennt Strukturelemente, beschreibt sprachliche Besonderheiten und gibt Querverweise zu parallelen Motiven oder Strukturen in anderen Psalmen.

AUS JÜDISCHER PERSPEKTIVE“ bringt unterschiedliche Aspekte jüdischer Schriftauslegung aus verschiedenen Perioden ein und benennt, wo der Psalm im täglichen Gebet, an Feiertagen oder Lebensereignissen (Beerdigung) vorkommt.

VOR CHRISTLICHEM HINTERGRUND“ zeigt auf, wo die Psalmen im Neuen Testament aufgenommen und zitiert werden, wie Jesus sich auf sie bezieht (Psalm 22), über das Vorkommen in der christlichen Liturgie oder wie evangelische Theologen (Martin Luther, Johannes Calvin, Dietrich Bonhoeffer) sich auf sie beziehen sowie Beispiele, wie Psalmen in der christlichen Kunst und in der Kirchenmusik aufgenommen und gestaltet werden.

Im Abschnitt „PERSÖNLICH GESEHEN“ verweist (meist) der Autor oder (gelegentlich) die Autorin auf Details, die ihm oder ihr im Hinblick auf die eigene Lebenspraxis von besonderer Bedeutung sind.

Am Schluß eines jeden Kapitels wird der jeweilige Psalm nochmals in einer anderen Übersetzung, Übertragung oder Nachdichtung abgedruckt (Moses Mendelssohn, Max Albrecht Klausner, Samson Raphael Hirsch, Martin Buber, Bibel in gerechter Sprache). Das Buch ist sehr schön gestaltet. Man nimmt es gern in die Hand. Ein ausführliches Literaturverzeichnis gibt vielfältige Anregungen zur weiterführenden Lektüre.

Das Buch gibt vielfältige Einblicke, besonders für interessierte Einsteiger im Bereich des christlich jüdischen Dialogs und regt die LeserINNEN zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Psalmen an.

Dennoch bin ich als jemand, der selbst seit vielen Jahren im christlich-jüdischen und interreligiösen Gespräch engagiert ist, von diesem Buch teilweise enttäuscht, denn bei den Abschnitten zum „christlichen Hintergrund“ finde ich zwar sporadische Hinweise auf den Stellenwert von Psalmen im christlichen Gottesdienst, wie beispielsweise Psalm 118, der in der Liturgie der jüdischen Wallfahrtsfeste (Pessach, Schawuot und Sukkot) vorkommt und ausschnittweise auch im christlichen Oster- und Pfingstgottesdienst aufgenommen wird. Auch bei Psalm 22, der nach den Evangelien von Jesus aufgenommen wird, geht die Verfasserin auf dessen Stellenwert im Karfreitagsgottesdienst ein.

Bei den anderen Psalmen, soweit sie im evangelischen Gottesdienst vorkommen, hätte ich mir gewünscht, daß darauf eingegangen worden wäre, beispielsweise, warum Psalm 2 in den Weihnachtsgottesdienst eine Rolle spielt oder Psalm 121 am Altjahrsabend. Welche Bezüge und Deutungshorizonte eröffnen sich für Christen, daß bestimmte Psalmen als Wochenpsalmen im Sonntagsgottesdienst vorkommen und durch bestimmte neutestamentliche Lesungen und Predigttexte in einen spezifischen Kontext gestellt werden? Zwar wird erwähnt, daß Psalmen durch Auslassungen wie etwa im evangelischen Gesangbuch Verkürzungen und Glättungen erfahren, was das aber insgesamt für Auswirkungen im christlichen Zugang zu diesen Texten hat, bleibt sehr vage.

Im Einleitungskapitel hätte ich bei der „christlichen Perspektive“ gern einiges darüber erfahren, was es bedeutet, wenn Christen die Psalmen im Licht des Neuen Testaments beten, etwa wie das ihr Bild und Verständnis von Jesus prägt, möglicherweise verändert – abgesehen davon, daß er als Beter von Psalm 22 in der jüdischen Tradition steht, was im entsprechenden Kapitel seinen Niederschlag findet .

Schade fand ich auch, daß nicht darauf eingegangen wurde, inwieweit in der Rezeptionsgeschichte Psalmen christozentrisch umgedeutet und vereinnahmt werden und dies das Verständnis verändert hat, wie etwas beim Schabbat-Psalm 92, wo Augustinus den Schabbat zum „Schabbat des Herzens“ umgedeutet hat und in seiner Theologie antijudaistischem Gedankengut den Boden bereitet hat. Er behauptete, es käme auf die Herzenshaltung („Schabbat des Herzens“) an, die er Juden absprach. Er ging sogar soweit zu behaupten, daß auch die Juden seiner Zeit Schuld am Tod von Jesus hätten. Ich finde es wichtig, daß auch solche sehr schmerzhaften Erkenntnisse im Rahmen eines jüdisch-christlichen Dialogs thematisiert werden und an solchen praktischen Beispielen deutlich gemacht wird, wo und wie eine Enteignung der jüdischen Tradition in der christlichen Theologiegeschichte stattgefunden hat.. Zwar schreibt die Verfasserin auf Seite 91, daß es wichtig sei, daß Christen sich von Formen der Enteignung distanzieren, aber um zu wissen, von was man sich distanzieren soll, wäre erst einmal eine Entfaltung der Formen dieser Enteignung nötig gewesen.

Da das Buch aus den Treffen eines jüdisch-christlichen Gesprächskreises hervorgegangen ist, hätte mich auch interessiert, wie die beiden Leitungspersonen methodisch zu den Texten hingeführt haben und mit welchen Formen der Textbegegnung und Erarbeitung sie in diesem spezifisch jüdisch-christlichen Kontext gute Erfahrungen gemacht haben.

Fazit: Auch bei den Fragen, die für mich offen geblieben sind, macht das Buch neugierig auf mehr und deshalb dreieinhalb Sterne (also zwischen 3 Sterne „nicht schlecht“ und „gefällt mir“ 4 Sterne).

Nachama Andreas, Gardei Marion:
Du bist mein Gott, den ich suche
Psalmen lesen im jüdisch-christlichen Dialog

Gebundenes Buch, Pappband, 168 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-579-08138-0
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 24,50* (* empf. VK-Preis)
Verlag: Gütersloher Verlagshaus