ein Geschenk der Götter – oder: Was ist Rezeptionsästhetik?

Bibliolog hat drei Grundlagen: das Psychodrama, der Midrasch (Praxis jüdischer Schriftauslegung) sowie die Rezeptionsästhetik, einem Ansatz aus der Literaturwissenschaft. Die Rezeptionsästhetik geht davon aus, dass Leserinnen und Leser (Rezipentinnen und Rezipienten) beim Erzeugen eines Textsinns eine aktive Rolle spielen (mehr dazu hier). Immer wieder habe ich mich gefragt, wie ich in Bibliolog-Grundkursen möglichst anschaulich vermitteln kann, was „Rezeptionsästhetik“ bedeutet. Dabei kam mir das Kino zu Hilfe, genauer gesagt der Film „ein Geschenk der Götter“. In meiner Schulzeit habe ich mich in der Oberstufe ausführlich mit den verschiedenen Fassungen des Dramas „Antigone“ beschäftigt (Sophokles, Bertolt Brecht, Jean Anouilh). Deswegen sprach mich letzten Herbst eine Kinovorschau an, die eine Komödie zu diesem Thema ankündigte. Kurz der Inhalt: Eine arbeitslose Schauspielerin bekommt durch die für sie zuständige Sachbearbeiterin die Möglichkeit mit einigen Langzeitarbeitslosen einen Theaterkurs abzuhalten. Sie wählt „Antigone“ aus, was erst einmal auf mäßiges Interesse bei den Beteiligten stößt. Zunehmend verknüpfen die am Theaterprojekt Beteiligten ihre Lebenssituation mit dem Theaterstück und interpretieren ihr Leben auf der Folie der Antigone. Und hier ist die Parallele zu dem, was wir im Bibliolog machen, nämlich eine Verbindung anzubieten, wie sich biblische Geschichten und Texte mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen lassen. „Ein Geschenk der Götter“ zeigt, was Rezeptionsästhetik ist und wie sie „funktioniert“. Seit 20. April 2015 ist der Film auch als DVD erhältlich.

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Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich …

Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich. (Dschingis Aitmatov) So wird der Schriftsteller oft zitiert. Im Netz habe ich den Zusammenhang des Zitats gefunden:

„Удивительной силой обладают книги большого художника. Ты открываешь их, а они тебя…“ Чингиз Айтматов, Высказывания о творчестве Мухтара Ауэзова.
„Die Bücher eines großen Schriftstellers besitzen eine erstaunliche Macht. Du öffnest sie, und sie öffnen dich…“
Ich hoffe, das stimmt so, denn die Orginalsprache beherrsche ich nicht, und ich würde auch nicht – wie das verkürzte Zitat oben es nahelegt – sagen, daß alle Bücher eine/n öffnen.

Selbst wenn man die Bibel „nur“ als große Literatur sieht, gibt dieser Satz von Aitmatiov eine Richtung an, für die ich im jüdischen Schriftverständnis eine Parallele finde.

Kinderbibelausgaben in einer Bibliothek

Ein Rabbiner aus meinem Bekanntenkreis stellt den Jugendlichen, die er auf die Bar oder Bat Mizwa vorbereitet und die sich dafür mit einem bestimmten Wochenabschnitt aus der Torah (5. Bücher Mose) vorbereiten, immer die folgende Frage: „So what is this Torah saying about you? When has this Torah you’re telling me about been a part of your life?“ Mit „this Torah“ ist genau der Abschnitt gemeint, mit dem sich die Jugendlichen durch intensive Vorbereitung etwa ein Jahr lang auseinandersetzen. Es ist insofern auch „ihre Torah“ als die Bar oder Bat Mizwa am Schabbat nach dem 13. (bei Jungen) bzw. 12. (bei Mädchen) Geburtstag stattfindet. Man weiß also schon bei der Geburt eines Menschen, was sein / ihr Text sein wird. Und auch Menschen, die keine Bar / Bat Mizwa-Feier haben konnten, schauen gern nach, welches „ihre“ Parascha (Wochenabschnitt) ist.

Ich finde, daß diese Rabbiner-Frage etwas sehr Öffnendes hat: Wann hast Du erlebt, daß dieser Text ein Teil Deines Lebens war, etwas mit Dir zu tun hatte. Diese Frage kann man im Grund genommen zu jedem Bibeltext stellen, mit dem man sich beschäftigt oder sich diese Frage vom Bibeltext stellen lassen. Das ist es auch, was Bibliolog ermöglicht und eröffnet: Wir finden den Text in uns und uns im Text.