Bibliolog zum Laubhüttenfest

Willkommen beim Laubhüttenfest

Sukkot Bald heißt es wieder: „Willkommen in der Laubhütte“. Am 23., 24., 25. und 26. September 2013 wird in der Keramikwerkstatt Yad Chanah bereits zum vierten Mal das Laubhüttenfest gefeiert.

Das Fest, hebräisch Sukkot (die Laubhütten), gilt als ein Ausdruck der Freude im jüdischen Jahr. Wo Licht ist, ist Leben und Freude. Licht gilt auch als eine Metapher für Erkenntnis. Erkenntnis gewinnen wir durch Lernen. Deshalb wird sich jeder Abend einem speziellen Thema jüdischer Kultur widmen. Sei es die Würdigung von Leben und Werk der jüdischen Keramikerinnen Margoerite Friedlaender-Wildenhain, Margarete Heymann-Marks und Eva Stricker-Zeisel, ein Abend mit Klezmermusik oder ein Bibliolog (Mittwoch 25. September) – immer ist die Gelegenheit gegeben, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Das Laubhüttenfest wird wieder ein Forum sein, sich zu begegnen, miteinander zu sprechen und miteinander zu feiern. An jedem Abend wird eine Suppe gereicht. Die Lektionen beginnen jeweils um 19.00 Uhr in der Keramikwerkstatt Yad Chanah, Schönfließer Straße 7, 10439 Berlin. ( U 8 / U 9 Osloer Straße oder S-Bhf Bornholmer Straße, dann mit Tram 13 oder 50 bis Schönfließer Straße).

Zum Weiterlesen:
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (Jakob – Leah – Rachel) / Teil 1 (2011)
Bibliolog in der Sukka mit Mosche und Zippora / Teil 2 (2012)

Werbeanzeigen

Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (2)

Gerne erinnere ich mich an meine erste Erfahrung mit Bibliolog in der Sukka (Laubhütte) im letzten Jahr (siehe hier). Schon kurz danach hatte mich Chajm, der Gastgeber in der Sukka, gefragt, ob wir das im nächsten Jahr wiederholen könnten. Gern habe ich zugestimmt und mich für die Uschpizim (Gäste) des 5. Tages entschieden: Mosche und Zippora.

Einige waren zu diesem Abend in die Sukka des interkulturellen Hauses gekommen, weil sie Bibliolog schon kannten. Eine Schauspielschülerin, die ein Seminar besucht hatte, nahm spontan unsere Einladung in die Laubhütte an. Die Teilnehmerschaft war wieder sehr gemischt (jüdisch liberal und orthodox, evangelisch, katholisch und säkular). Nach einer leckeren Kürbissuppe und einigen anderen mitgebrachten Köstlichkeiten unternahmen wir eine Reise in den biblischen Text (Schemot Kapitel 2,16-22 / Exodus 2,16-22), traditionelle Midraschim sowie moderne Midraschim, die in den letzten 30 Jahren im Rahmen jüdischer-feministischer Auslegung entstanden sind (z.B. Rabbinerin Rebecca Alpert: Rediscovering Tziporah in „The Women`s Torah Commentary“, p 121).

Im Torahtext bleibt Zippora relativ farblos. Durch traditionelle und moderne Midraschim werden zahlreiche Facetten hinzugefügt. Im Text gibt es einen abrupten Bruch im Vers 21 zwischen dem ersten und dem zweiten Teil („Und Mose willigte ein, bei dem Mann zu bleiben. Und er gab Mose seine Tochter Zippora zur Frau“). Der traditionelle Midrasch füllt die Lücke zwischen diesen beiden Sätzen mit der Geschichte, daß Jitro sehr mißtrauisch gegen Mosche war und ihn in einen Brunnen werfen ließ. Dort überlebte er nur, weil Zipporah ihn 10 Jahre lang täglich mit Nahrung versorgte. Erst dann erzählte sie ihrem Vater, daß Mosche noch lebt. Als dieser dann Mosche lebend im Brunnen vorfand, betrachtete er das als Wunder). Die sehr aktive Seite von Zippora wird dann in Exodus 4, 24-26 deutlich als sie die tödliche Bedrohung von Mosche erkennt und den bis dahin unbeschnittenen Sohn Gerschom beschneidet und so die Gefahr von Mosche abwendet.

Mosche, Zippora und die Frau aus Kusch – Keramik von Chajm Harald Grosser

Diese Stelle spielte dann vor etwa 15 Jahren eine Rolle als im amerikanischen Reformjudentum diskutiert wurde, ob Frauen Beschneidungen vornehmen könnten. Zippora wurde dann zum Rollenvorbild für Frauen, die im Rahmen eines Mohalot-Programms des Hebrew Union College (Ausbildungsstätte in Amerika für ReformrabbinerINNEN) zu Beschneiderinnen ausgebildet wurden. Einige Jahre später folgte dann auch das konservative Judentum. An Rabbinerin Antje Yael Deusel, die vor einigen Monaten in Bamberg ordiniert wurde und dort auch im Krankenhaus als ChefOberärztin für Urologie tätig ist, sieht man, daß diese Entwicklung inzwischen auch in Deutschland angekommen ist, denn sie hat ein solches Mohalot-Programm durchlaufen. (Mohalot ist die Mehrzahl von „mohelet“, der Beschneiderin). Leider hat Frau Deussel ihre sehr interessante Seite dazu vom Netz genommen. Im Raum Freiburg gibt es noch eine weitere jüdische Ärztin und Mohelet.

In unserem anschließenden Gespräch hat uns gewundert, daß in der öffentlichen Diskussion der letzten Monate um die Beschneidung jüdischer (und muslimischer) Jungen die Geschichte von Zippora keine Rolle gespielt hat und nur Bereschit / Genesis 17 thematisiert wurde.

Für nächstes Jahr haben wir schon Josef in den Blick genommen.

Zum Weiterlesen
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (1)
Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisim (1) (2011)

Veranstaltungshinweis: Mit Zippora und Mosche in der Sukka (Laubhütte)

Screenshot: Kulturverein Prenzlauer Berg

Am Do. 4. Oktober 2012 findet ein Treffen in der Laubhütte der Keramikwerkstatt Yad Chanah statt. Ab 19.30 h gibt es eine warme Suppe und um 20.00 h beginnt ein Bibliolog zu „Mosche und Zippora„.

An jedem Tag des Laubhüttenfestes laden wir im Idealfall zwei Gruppen von Gästen in die Sukka (Laubhütte) ein. Zuerst wären da die »echten« Gäste aus der heutigen Zeit, von denen wir wollen, dass sie sich wohlfühlen und den Feiertag mit uns teilen. Und dann gibt es neben den »echten«, die man anfassen kann, noch eine andere Gruppe von Gästen. Wir nennen sie »Uschpisin«. Das Wort kommt aus dem Aramäischen und bedeutet »Gäste«. Gemeint sind damit traditionell die Vorväter Awraham, Jitzchak, Jakow, Josef, Mosche, Aharon und David. Sie alle waren – zumindest eine Zeitlang ihres Lebens – Hirten, und von Rachel, der Frau Jakobs sowie Zippora, der Frau von Mosche, wird in der Torah erzählt, daß sie Hirtinnen waren. Nachdem wir im letzten Jahr Rachel und Jakob durch einen Bibliolog kennengelernt haben, werden wir dieses Jahr Mosche und Zippora (neu) kennenlernen, indem wir in die biblische Zeit eintauchen.

Zeit: Do 4. Okt. 2012 ab 19.30 h
Ort: Interkulturelles Haus Pankow, Schönfließer Straße 7 (Prenzlauer Berg)
S-Bhf Bornholmer Straße, U 8 oder 9 Osloer Straße dann Tram 13 oder 50 bis Schönfließer Straße

Wir freuen uns über kulinarische Beiträge zum gemeinsamen Essen (vegetarisch).

Zum Weiterlesen:
Bibliolog in der Sukka 2011

Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisin

oder: manchmal wird ein Traum schneller wahr als man denkt. Ich bin dafür bekannt, dass ich gerne Bibliolog an ungewöhnlichen Orten mache: Bibliolog im Museum, vor einem Denkmal bei einer Stadtführung, im Bibelgarten, im interkulturellen Stadtteilzentrum …

Seit Jahren schon würde ich gern während Sukkot (Laubhüttenfest) an verschiedenen Orten Bibliolog machen – jeden Tag woanders. Aber die Resonanz auf diese Idee war bis jetzt bescheiden, obwohl das in Berlin eigentlich kein Problem sein dürfte bei den Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen, die eine Sukka haben.

Wohlfahrtsmarken, jüdische Gemeinde, Berlin, Feiertage, Sukkot, Laubhüttenfest

Wohlfahrtsmarke der jüdischen Gemeinde zu Berlin aus den 1930iger Jahren (Foto : IWe)

In der Schrift heißt es:
„In Hütten (sukkot) sollt ihr wohnen, sieben Tage lang …, auf dass alle Generationen wissen, dass ICH die Kinder Israels in Hütten wohnen ließ, als Ich sie aus dem Land Ägypten führte…“ (Torah 3. und 5. Buch / Levitikus und Deuterononium).

Ich schraubte meine Erwartungen herunter und dachte, es wäre doch schön, das mal in einer Sukka versuchen zu können. Und dazu kam es schneller als ich mir vorstellen konnte.

Schon lang war ich nicht mehr so aufgeregt. Am Freitagabend begann der dritte Tag des Laubhüttenfestes. Bereits zwei Tage vorher hatten wir in einer Sukka (Laubhütte) in einem Ostberliner Hinterhof gefeiert. Neben gutem Essen, zu dem alle beitrugen und ausgiebig Zeit für Gespräche war, hatte für jeden Tag eine andere Person etwas vorbereitet. Und die Person, die für Freitagabend vorgesehen war, fiel kurzfristig aus.

Wir zündeten die Schabbatkerzen an, hatten ein schönes Essen und gute Gespräche. Die Gruppe war übersichtlich. Unser Gastgeber, neben dessen Keramikwerkstatt sich unsere Sukka befand, war schon bei der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt gewesen, und es hatte ihm gut gefallen. So fand er meine Idee, miteinander einen Bibliolog zu den Ushpischin des Abends zu machen eine gute Idee.

Für die meisten Mitlesenden werden die „Uschpisin“ erklärungsbedürftig sein. Uschpisin ist das aramäische Wort für Gäste, die besonders wertgeschätzt werden. Man lädt sie in die Sukka ein, denn jeder Tag steht unter dem Zeichen eines anderen himmlischen Gastes. Der Brauch ist in einem mystischem Zweig des Judentums entstanden, – bei den Kabbalisten von Sefat. Die sieben Gäste haben gemeinsam, dass sie alle Hirten waren: Am ersten Abend ist es Abraham, am zweiten Isaak, am dritten Jakob, am vierten Josef, am fünften Moses, am sechsten Aaron und am siebten David. Da das sehr einseitig auf Männer zentriert ist, kamen jüdische Frauen in den letzten drei Jahrzehnten auf die Idee, auch biblische Frauen als Gäste einzuladen. Nach dem Verständnis der Kabbala ordnen wir unser Wesen, wenn wir jeden Abend einen anderen himmlischen Gast empfangen und ehren. Diese Gäste werden als uschpisin dimnuta (Gäste des Glaubens) gesehen.

Ich habe nicht viel mit Mystik am Hut, aber diesen Brauch finde ich sehr schön, denn man verbindet sich mit früheren Generationen, vergegenwärtigt deren Erfahrungen und bezieht sich auf sie. Und den Gedanken, dass jede biblische Person bestimmte Aspekte und Eigenschaften repräsentiert, kann man ja auch psychologisch sehen. Von daher ist mir die Vorstellung recht nah.

Am Freitag, dem dritten Abend war Jakob dran, und da seine spätere Frau Rachel auch Hirtin war, bot es sich an, die Geschichte über die erste Begegnung der beiden miteinander zu erforschen und zu vergegenwärtigen. Die Anwesenden waren bereit, sich darauf einzulassen, und ich fand es besonders bereichernd, dass die Vorkenntnisse der Anwesenden ganz unterschiedlich waren – von „ich bin Jude und habe keine Ahnung von jüdischer Religion“ bis zu einer, die einen Abschluß in Judaistik hat.

Und so aufgeregt wie ich am Anfang war, so spannend und berührend war die gemeinsame (Neu-)Entdeckung und das gemeinsame Erforschen der Geschichte (Genesis 29, 1 – 20 / Bereschit Kap 29).

Unser Gastgeber hatte an diesem Abend mit einer Keramikskulptur, die er zu Jakob und Rahel gestaltet hat, geschmückt. Und so hatten wir die beiden auch in dieser Form vor Augen und in unserer Mitte:

Keramikskulptur "Jakob und Rachel" von Chajm Grosser