Was ist Bibliolog?

Bibliolog ist eine Methode, biblische Texte lebendig und gegenwärtig werden zu lassen, indem sie gemeinschaftlich ausgelegt werden. Der Bibliologe / die Bibliologin führt in eine Geschichte ein, gibt Hintergrundinformationen und bittet die Teilnehmenden, sich in die Rolle einer der Personen hineinzuversetzen. Aus dieser Rolle heraus können sich die, die möchten, äußern. Alle Äußerungen sind gleichberechtigt. Sie werden von dem/der Leiter/in aufgenommen und mit eigenen Worten wiederholt. Die Geschichte geht weiter … Je unterschiedlicher die Voraussetzungen und Zugänge der Teilnehmenden sind, desto spannender ist der Prozess des Auslegens. Auch Menschen, die sich sprachlich nicht so gut ausdrücken können, können teilnehmen (Migranten mit geringen Deutschkenntnissen, geistig Behinderte, dementiell veränderte Menschen). Dieser Zugang wurde von dem amerikanischen Juden Peter Pitzele und seiner Frau Susan entwickelt.

Peter und Susan Pitzele

Es geht darum, entsprechend jüdischer Auslegungstra-dition die „Zwischenräume (= weißes Feuer)zwischen den Buchstaben (= schwarzes Feuer)“ zum Sprechen zu bringen. Seit einigen Jahren findet diese Art der Bibelauslegung auch in Deutschland immer mehr Verbreitung.

Einen kurzen Beitrag (8 Minuten) kann man beim Deutschlandradio hören unter dem Titel in die Lücken des Textes gucken. Thomas Klatt zeigt am Beispiel der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt in Berlin wie ein Bibliolog ablaufen kann.

Vor einiger Zeit hat Jutta Schreur in der „kirche“ einen Artikel über Bibliolog veröffentlicht, den ich sehr anschaulich finde. Sie hat mir erlaubt, ihn hier zu übernehmen:

Schwarzes Feuer – weißes Feuer: Bibliolog ist eine neue Form der Bibelarbeit

„Predigt mit der ganzen Gemeinde“ wird er genannt – der Bibliolog. Man schlüpft in verschiedene Figuren einer biblischen Geschichte, gibt ihr eine Stimme und entdeckt die Geschichte hinter den Buchstaben. Und vielleicht einen ganz neuen Zugang zu einen alten Text.

Bibelstunde einmal anders: „Ihr seid Maria. Maria, wie ist das für dich, bei Jesus zu sitzen, während deine Schwester Martha schafft?“ fragt die Pfarrerin, die den Bibliolog leitet.  Der erste Teilnehmer meldet sich, die Pfarrerin geht zu ihm und hört:  „Unhöflich ist das, unserem Gast gegenüber. Aber sie muss eben ständig was zu tun haben. Fühlt sich dann wichtig.“ Mit eigenen Worten wiederholt die Pfarrerin:

<  Das ist mir unangenehm. Sie sollte sich lieber auch unserem Besuch widmen statt die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen >.  Dann geht sie zur nächsten Teilnehmerin. Noch drei weitere Marias kommen zu Wort. In der nächsten Szene werden sich die Teilnehmer in die fleißige Martha versetzen und ihr Stimme geben.

Wie hat Martha reagiert? Was hat wohl die Mutter vom Verlorenen Sohn gedacht? Wie fühlte sich Sara, als Abraham mit ihr aufbrach? In der Bibel wird das nicht ausdrücklich erzählt. Im Bibliolog, einer neuen Form der Bibelarbeit, geht es darum, solchen Fragen nachzuspüren, dem „weißen Feuer“, das hinter dem schwarzen Feuer, den Buchstaben zu entdecken ist. Der US-amerikanische Erfinder des Bibliologs,  der jüdische Literaturwissenschaftler Peter Pitzele, versteht ihn als eine moderne  Form der traditionellen jüdischen Bibelauslegung, des Midrasch.  Bibel und Dialog, das steckt im Begriff; der Bibliolog lädt ein zum Gespräch mit der Bibel, zum Eintauchen in den biblischen Text. Das funktioniert so: Wer den Bibliog leitet, liest einige Verse vor, hält dann sozusagen an und stellt eine Frage. Alle Teilnehmenden werden gebeten,  sich in eine Figur der biblischen Geschichte hineinzuversetzen und ihr Stimme zu geben. Das kann laut oder in der Stille geschehen. Wer etwas sagen möchte, hebt die Hand, die Leitungsperson kommt zum Platz und wiederholt das Gesagte noch einmal mit eigenen Worten, wie ein Echo oder Verstärker. Nachdem einige Stimmen zu Wort gekommen sind, wird der nächste Textabschnitt gelesen und beim nächsten Stopp eine weitere Person aus der Geschichte benannt, mit der Bitte, ihr Stimme zu geben.

Anders als in der Predigt geht es darum, sich gemeinsam dem Text zu nähern und neue Zugänge zu suchen, ungewohnte Perspektiven zu entdecken. Falsch oder richtig gibt es dabei nicht. Alles, was gesagt wird, bringt das Gespräch und das Nachdenken voran. Jede/r kann, niemand muss sich aktiv beteiligen, es ist auch völlig in Ordnung, den Bibliolog passiv und still für sich mit zu vollziehen. Es sind keinerlei Vorkenntnisse erforderlich. Darum, meint Iris Weiss, Pädagogin und Sozialwissenschaftlerin, eignet sich Bibliolog als Zugang zur Bibel für die unterschiedlichsten Gruppen. Als freiberufliche Bildungsreferentin arbeitet sie mit Gruppen, die von Bibel und Kirche kaum etwas wissen, genauso wie im christlich-jüdischen und   interreligiösen Dialog oder mit Pfarrerinnen und Pfarrern, die in Grund-und Aufbaukursen Bibliolog erleben und erlernen wollen. Iris Weiss selber ist über das Bibliodrama zum Bibliolog gekommen. Anders als das Bibliodrama ist Bibliolog weniger körperbetont, weniger zeitintensiv und auch für größere Gruppen geeignet. Während sich beim Bibliodrama die Teilnehmenden über einen längeren Zeitraum mit einer Rolle identifizieren, schlüpfen sie beim Bibliolog  für kurze Zeit in wechselnde Rollen. Iris Weiss hat die Erfahrung  gemacht, dass  Bibliolog  ein spiritueller Weg ist, den Viele gehen können und in seiner Unvoreingenommenheit auch Menschen ermutigt, die sonst nicht gern in Gruppen reden.

Alfred Häßler bestätigt das. Der gelernte Pfarrer, der in der Familienerholungsstätte Burg Bodenstein die geistliche und kulturelle Arbeit leitet, sieht im Bibliolog weniger eine Methode als vielmehr eine Haltung. Eine Haltung, die Offenheit vermittelt, Neugier und Gleichberechtigung. Er erlebt die Vielfalt der unterschiedlichen Reaktionen als große Bereicherung. Hier werde das Priestertum aller Gläubigen konkret, findet er, und hat erfahren, dass über den Bibliolog auch sein weiteres theologisches Arbeiten sich verändert hat. Sein Empfinden für das Ungesagte, die Lücken in einem Text, eben das „weiße Feuer“, habe sich geschärft. Gleichzeitig aber, das betont Iris Weiss nachdrücklich, nimmt Bibliolog das schwarze Feuer, den geschriebenen Text, ganz ernst. Das setzt bei denen, die ihn leiten, gründliche Vorbereitung und Beschäftigung mit dem Text voraus.  Die Impulsfragen sollen möglichst offen formuliert sein, um unterschiedliche Antworten zu ermöglichen, zugleich dürfen sie aber nicht eine Entscheidungsfreiheit vorspiegeln, die es nicht gibt, weil der  Text etwas anderes sagt. Das Echo, die Verstärkung einer Aussage durch die Leitungsperson, soll mit eigenen Worten den Gehalt des Gesagten wiedergeben, durchaus auch das Gefühl hinter den Worten, es soll aber nicht eigene Interpretation oder gar manipulativ sein.

Bibliolog kann man nicht als Methode aus Büchern oder mal eben so an einem Nachmittag lernen, betonen Iris Weiss und Alfred Häßler. Es geht darum, eine Haltung einzuüben, und dazu gehört auch das Beachten der Methoden und Regeln des Bibliologs. Dann ist er, da sind sich beide einig, eine wunderbare Möglichkeit, Menschen unterschiedlichster Herkunft und Tradition die Bibel aufzuschließen und biblische Geschichten mit persönlichen Erfahrungen zu verbinden. Und vor allem: Bibliolog macht Spaß! „Das war wirklich mal was anderes“, finden auch die Teilnehmer der gemeindlichen Bibelstunde, „Viel lebendiger“,  und „Da konnte ich viel von meinen Erfahrungen wiederfinden. Ich hab ja selber zwei Schwestern.“

Erstveröffentlichung in: die „kirche“ vom 10. Mai 2009, Seite 5

Wer mehr über Bibliolog wissen und ihn auch praktisch erleben möchte, an einem Schnuppertag oder  einem Grundkurs interessiert ist, kann eine Mail an bibliologberlin ( at ) googlemail.com schreiben.

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