Zwischen Karsamstag und Ostern …

Ein Ostergruß der anderen Art auch für und an die Mitlesenden dieses Blogs

Liebe S.,

am Samstag war ich wieder beim Frühstück in der Naunynstraßen – Wohngemeinschaft, wo wir uns vor einiger Zeit begegnet sind. Und was soll ich sagen: Erstmals war auch Christian Herwartz da. Ich war ganz perplex, denn immer wenn ich in den letzten eineinhalb Jahren kam, war er unterwegs. Ich habe mit einem Ohr zugehört als er jemand an seiner Erfahrung mit den Exerzitien auf der Straße teilhaben ließ. Ich sah Parallelen zu meiner Bibliolog-Erfahrung. Er meinte , wenn Leute sich auf den Prozeß der Straßenexerzitien einlassen, dann erlebt man auch als Begleiter immer wieder neue Perspektiven.

Ich unterhielt mich länger mit einem jungen Südamerikaner, der aus Berlin weggezogen ist und sich an seinem neuen Wohnort in den neuen Bundesländern, wo Busse nur unter der Woche und untertags fahren, sehr isoliert fühlt. Danach kam ich mit einer jungen Frau ins Gespräch, die ein freiwilliges soziales Jahr gemacht hat bei Solwodi, einer Anlaufstelle für Frauen, die von Menschenhandel und oft auch von Zwangsprostitution betroffen sind.

Eine Frau hatte Fotos dabei, die sie am Karfreitag von der Mahnwache vor dem Abschiebegefängnis in Köpenick aufenommen hatte. Es waren zwei große gekreuzte Holzbalken. Auf dem Kreuzungspunkt liegt eine Dornenkrone, in deren Mittelpunkt ein Kelch steht. Die Dornenkrone spiegelt sich im Kelch (hier).

Nach diesem reich gefüllten Vormittag machte ich mich auf den Weg in den Grunewald. Ich war zu einem Bibliolog für einen Oasentag eingeladen. Von Kreuzberg nahm ich den Bus, der über den Wittenbergplatz zum Bahnhof Zoo fährt. Zwischen Wittenbergplatz und Gedächtniskirche war die Straße brechend voll von Menschen, die zum Einkaufen unterwegs waren. Auch das ist eine Seite, die säkulare Seite, von Karsamstag: Offene Kaufhäuser für die, die zwischen Karfreitag und Ostersonntag einkaufen wollen. Und es trifft anscheinend das Bedürfnis von vielen.

OsterglockeIch stieg dann in die S-Bahn um zur S-Bahnstation Grunewald zu fahren und dann den Fußweg zu nehmen, der in den Eichkamp, eine Siedlung im Grunewald, die einige Minuten von der S-Bahntrasse entfernt liegt. Dort hatten sich einige Leute aus dem Umfeld der Naunynstraßen WG einen Oasentag organisiert und mich zu einem Bibliolog eingeladen. Wir saßen in einem wunderschönen blühenden Garten und der Text, den ich mitgebracht hatte, paßte überhaupt nicht zu dieser wunderschönen und friedlichen Umgebung wie sie sich auf den ersten Blick darstellte.

Wenn man am S-Bahnhof Grunewald ankommt und den Ausgang auf der rechten Seite von Berlin aus kommend nimmt, dann kommt man in den Eichkamp. Dort lebten vor der Nazizeit viele Juden. Es gab auch eine jüdische Privatschule dort, die Jugendliche auf die Emigration vorbereitete. Im Eichkamp war auch der einzige Sportplatz, auf dem jüdische Kinder und Jugendliche Sport treiben konnten und wo jüdische Sportfeste stattfanden und die beiden jüdischen Sportvereine Bar Kochba und Makkabi die letzte für Juden verbliebene Möglichkeit war, sportlichen Aktivitäten nachzugehen. Heute ist die Sportanlage nach dem jüdischen Fußballnationalspieler Julius Hirsch und dem Quizmaster Hans Rosenthal benannt. Das war mir sehr gegenwärtig. Auf dem Weg zu dem Haus, wo das Treffen sein sollte, ging ich auch an zwei Stolpersteinen vorbei, die an Juden die dort gewohnt hatten und deportiert worden waren, erinnern: Dr. Max Spittel und seine Frau Berta Spittel. Ich war vorher noch nie im Eichkamp gewesen, obwohl auch dieser Teil Berlins zu meiner inneren Landkarte gehört.

Wenn man den S-Bahn-Grunewald aber auf der linken Seite verläßt, dann kommt man nach etwa 100m zum “Gleis 17″ (Grunewaldrampe). Das ist heute eine Gedenkstätte. Es ist das Gleis, von dem die meisten der fast 59 000 deportierten Berliner Juden in die Vernichtungslager transportiert wurden. (Es gibt in Berlin zwei Deportationsbahnhöfe: Putlitzstraße in Moabit und Grunewald – also Gleis 17).

Gleis 17 (© M. Eun)

Gleis 17 (© M. Eun)

Ich habe schon oft Überlebende oder Kinder von jüdischen Emigranten an diesem Ort begleitet und einige dort auch zusammenbrechen sehen unter der Last ihrer Geschichte. Auf Gleis 17, das ins Nichts führt sind in den Boden Eisenschwellen eingelassen, auf denen das jeweilige Datum und der Bestimmungsbahnhof des Deportationszuges zu lesen sind. Ich habe vor 15 Jahren dazu einen Text geschrieben.

Erst am Freitag als ich den Anfahrtsweg go.ogelte wurde mir klar, in welcher Nähe der Oasentag stattfinden würde. Für mich war das dann sehr präsent und einen Moment lang hätte ich lieber abgesagt. Ich habe das, was für mich sehr gegenwärtig war, allerdings den Teilnehmenden nicht erzählt. Ich wollte es diesen großenteils sehr jungen Menschen, die ich kaum oder gar nicht kannte, nicht zumuten. Als ich G. und R. im Vorfeld fragte, ob sie für den Tag einen bestimmten Text im Auge hätten, meine R. vielleicht etwas aus Johannes 19 (ökumenischer Lesetext von Gründonnerstag bis Karsamstag) aber sie seien auch für anderes offen. Nun sind Texte aus dem Johannesevangelium für Bibliolog-Anfänger (und auch für Anleitende) oft sehr schwierig und ich wußte, daß etwa drei Leute schon Vorerfahrungen mit Bibliolog haben.

Zwischen dem Begräbnis von Jesus am Ende von Kapitel 19 des Johannesevangeliums und der Auferstehungserfahrung in Kapitel 20 erzählt das Johannesevangelium nichts – auch nicht die anderen Evangelien. Hier bleibt eine Lücke. Die christliche Tradition hat diese Lücke später bei einem Konzil gefüllt mit der Formulierung, die heute im christlichen Glaubensbekenntnis gesprochen wird: Hinabgestiegen in das Reich des Todes.

So habe ich mich gefragt, wo es eine Geschichte in der Bibel gibt, die uns bei der Annäherung an diese Lücke hilft, wo die Erfahrung des Karsamstag (Todesnähe, Verwundbarkeit, Ausgesetzt sein, Schmerz, Verlassenheit, Klagen, Schreien) sich spiegeln oder verdichten. Ich habe sie in der Verteibung von Hagar und Jischmael (Genesis 21, 8 – 19) gefunden. Aber ob ich das den Teilnehmenden zumuten kann? Andererseits: Wenn ein Oasentag auf dem Karsamstag fällt, dann liegt es eigentlich nahe die Grundthemen dieses Tages aufzunehmen und sich in irgend einer Form darauf zu beziehen.

Wir haben uns also vorwiegend aus der Perspektive der Hagar an das Geschehen angenähert mit Fragen zu folgenden Grunderfahrungen in der Geschichte:

- Abwertung und Verrat (Sarah spricht abschätzig über Hagar und Jischmael, der rechtlich ihr Sohn ist)
- Forderung von Sarah an Abraham ihre Sklavin Hagar in die Wüste (in den Tod) zu schicken
- Ausgestossen sein in die Wüste – Herumirren – ausgesetzt sein – verwundbar sein
- vom Weinen Hagars und vom Schreien Jischmaels
- Im Angesicht des Todes (Jischmael unter dem Busch und Hagar in Sichtweite)
- Hagars Augen werden geöffnet und der Brunnen in der Wüste wird sichtbar

Besonders nah ging mir im anschließenden Austausch der Beitrag eines Teilnehmers, der den Bibliolog schweigend vollzogen hat: “Der Brunnen mit dem Wasser war die ganze Zeit da – auch wenn Hagar ihn noch nicht sehen konnte”. Ich denke, das ist ein Schlüsselsatz, um nicht – fast hätte ich geschrieben “im Vordergründigen” – hängenzubleiben. Aber Leiden ist niemals nur „vordergründig“.

Ich habe dadurch verstanden, was Alfred Delp (SJ) gemeint haben könnte, wenn er im Gefängnis vor seiner Hinrichtung in Plötzensee schrieb:

„Die Welt ist Gottes voll. Aus allen Poren quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben“.

Ich habe mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen können, was mit “Brunnenpunkt” gemeint sein könnte (eine Wortschöpfung von Delp). Und oft erscheint es mir das Reden von Christen, die von Ostern sprechen und daß es ohne Karfreitag keine Auferstehung gäbe, eher als eine Art Sprachhülle. Es ist schwer Karsamstag, in dem ja der Karfreitag nachklingt, auszuhalten.

Im Rückblick bin ich mir unsicher, ob ich den Teilnehmenden am Oasentag nicht zuviel zugemutet habe.

Nun ist dieser kurze Gruß doch etwas länger geworden und ich wünsche Dir gesegnete Ostern

Wir Juden beginnen heute abend den siebten Tag von Pessach – ein besonderer Tag, weil nach der jüdischen Tradition an diesem Tag der Durchzug durch das Rote Meer geschah. Das Meer teilte sich erst als Nachschon, der als erster ins Wasser gegangen ist, bis zum Hals im Wasser stand. Beim nächsten Schritt – so erzählt der Midrasch – wäre er versunken wenn nicht die Wasser zurückgewichen wären.

Herzliche Grüße

I.

Im Nachhinein denke ich, daß ich mit einer Gruppe, die ich kenne und die mich kennt, den Bibliolog am Gleis 17 machen würde.

Zum Weiterlesen noch ein Artikel vom Theosalon-Blog, der mich bei der Bibliolog-Vorbereitung inspiriert hat:
Mein Vertrauter ist nur noch Finsternis – Mit Wolfgang Herrndorf Karfreitag verstehen

Aufgelesen (4) : Das letzte Abendmahl mal anders

Last Supper (Quelle: postkiwi.com)

Last Supper (Quelle: postkiwi.com)

Am Welt-Down-Syndrom-Tag bin ich durch das Kirchengeschichtenblog auf dieses Foto des Künstlers Raoef Mamedov aufmerksam geworden. Er hat vor seinem Studium in der Psychiatrie gearbeitet und dort nach der Vorlage des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci geistig behinderte Menschen zum “letzten Abendmahl” arrangiert. Im Kirchengeschichtenblog gibt es ein paar Gedanken dazu unter dem Thema “eine Tischgemeinschaft, die keiner so recht haben will.”

Mamedov hat noch andere Motive aus der Bibel in dieser Art gestaltet. Man findet sie auf der Seite der Galeristin Lilja Zakirova. Wer den Bibliolog-Aufbaukurs “Sculpting” gemacht hat, findet in dieser Bildgestaltung Anregungen für einen Bibliolog zum Letzten Abendmahl.

Labyrinth des Lebens 2014: geschenkte Zeit

Labyrinth des Lebens – Bibelgarten – Garten der Sinne gehört zu den sehr beliebten Suchbegriffen, die auf dieses Weblog führen. Die Bibelgarten-Saison hat letztes Wochenende begonnen. Das Jahresthema 2014 ist “… geschenkte Zeit”.

Labyrinth des Lebens - Bibelgarten - Frühling 2014

Labyrinth des Lebens – Bibelgarten – Frühling 2014

Eine wichtige Neuerung: Der Familientag findet immer am ersten Sonntag des Monats von 11.00 h bis 17.00 h statt.

Auch einen Bibliolog-Tag wird es im Labyrinth des Lebens geben und zwar am:
So 25. Mai 11.00 – 16.00 h
Leben – geschenkte Zeit
Kastanienallee 10
16567 Mühlenbeck-Mönchmühle

http://labyrinthdeslebens.de

Umfrage des Monats: Zeitdauer Bibliolog-Grundkurs

Bei den Rückmeldungen am Ende meiner Bibliolog-Grundkurse, die meist von Montagnachmittag bis Freitagmittag dauern, gibt es regelmäßig Stimmen, die meinen, es wäre gut gewesen an einzelnen Stellen mehr Zeit zum Üben zu haben und deshalb anregen, Kurse anzubieten, die einen Tag länger dauern. Ich bin mir unsicher, ob das nur der eigenen Erfahrung nach dem Absolvieren eines Kurses entspringt oder ob es tatsächlich Menschen gibt, die sich im deutschsprachigen Raum auf einen Kurs einlassen würden, der einen Tag länger dauert.

Der Kurs ist so ausgerichtet, daß alle Inhalte vermittelt werden können, aber Wiederholungen und Vertiefungen nicht möglich sind. Der überwiegenden Zahl der Teilnehmenden gelingt es, einen handwerklich soliden Bibliolog zu erarbeiten. In den deutschsprachigen Ländern sind die Kurse auf die Gegebenheiten der kirchlichen Tageshäuser abgestimmt. In Amerika und Frankreich dauern die Kurse länger. In Frankreich dauern Pastoralkollegs von Dienstag bis Dienstag, wobei an einem Tag eine Exkursion stattfindet. Diese Zeit ermöglichte ein Mehr an Übungszeit, ein Mehr an theologischer Reflexion und auch ein Mehr an Kommunikation unter den Teilnehmenden.

In Deutschland finden überwiegend 4-Tageskurse oder 2 x 2 Tage statt, in der Schweiz gibt es auch die Variante mit sechs Samstagen. Auch von einer Nachmittagsvariante habe ich gehört (12 mal drei Stunden). Meine Frage richtet sich heute an die Leserinnen und Leser, die noch keinen Grundkurs absolviert haben. Weitere Ideen zur zeitlichen Gestaltung und eigene Erfahrungen können gern in den Kommentaren gepostet werden.

Weitere Fragen sind hier

Zu Gast bei Abraham und Sarah …

M. Chagall: Abraham und die drei Engel

M. Chagall: Abraham und die drei Engel

… war das Thema beim Treffen der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt zum Jahresthema “Essen und Trinken in den religiösen Schriften von Juden, Christen und Muslimen” am letzten Mittwoch. Die Geschichte von den drei Männern, die Abraham besuchen ((Bereschit / Genesis 18)) war der Ausgangspunkt unserer bibliologischen Erkundung. Unsere bibliologische Zeitreise führte uns dann zu einer Gemeinde der Jesusbewegung, die verfolgt wurde, weil sie sich weigerten, die römischen Götter anzubeten. In einer Gemeindeversammlung wird eine Predigt vorgelesen und Abraham und Sarah werden ihnen als Vorbilder vorgestellt (Hebräerbrief Kap. 11). Was bedeutet es, in dieser Situation Gastfreundschaft zu leben (Hebräer 13,1-2) und die Aufforderung zu hören: „Vergesst nicht, gastfrei zu sein. Durch ihre Gastfreundlichkeit haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen.“

Der nächste Haltepunkt auf unserer Zeitreise ist in Jerusalem. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels (70. d. Z.) fragen sich die Rabbinen, was der Grund für die Zerstörung des Tempels durch die Römer ist. Ein Versuch EINER Antwort ist die Geschichte von einem Gastgeber (Talmud, b. Git. 55-56), der ein großes Festmahl ausrichtet. Der Diener soll seinen Freund Kamtza einladen und überbringt die Einladung versehentlich an den Feind Bar Kamtza. Dieser kommt zum Festmahl und wird vom Gastgeber rausgeworfen, obwohl er anbietet sein Essen, nein sogar die Hälfte der Kosten des Festessens und dann sogar die ganzen Kosten zu übernehmen. Der zurückgewiesene Gast bekommt eine Audienz beim römischen Kaiser und berichtet diesen von einer Verschwörung der Juden in Jerusalem gegen Rom. Kurz darauf – so endet die Geschichte – beschließt der römische Kaiser die Zerstörung von Jerusalem.

Auch der Koran kennt die Begegnung von Abraham mit den drei Engeln (Sure 51 Vers 24 – 30) und ist die letzte Station an diesem Abend. Eine muslimische Teilnehmerin hat einige Gedanken zu „Engeln im Islam“ vorbereitet, die unsere Runde bereicherten. Die Teilnehmenden waren sich einig, daß über den Blick auf die Wahrnehmung der jeweils anderen Traditionen neue Facetten für das eigene Verständnis erlebbar und sichtbar wurden.

Schon bei der Vorbereitung wurde deutlich, daß es im Rahmen einer Abendveranstaltung nur möglich ist, dieses Thema anzureisen. Für viele Midraschim über die außerordentliche Gastfreundschaft Abrahams wie sie etwa im Midrasch Bereschit Rabba erzählt werden, hatten wir keine Zeit. Deshalb wird es eine Fortsetzung und Vertiefung im Rahmen der Langen Nacht der Religionen am Samstag den 6. September geben. Unter dem Motto: „Bibliolog meets Scriptural Reasoning“ werden wir diese beiden Zugänge für das interreligiöse Gespräch fruchtbar machen und verschiedene Aspekte weiterführen und vertiefen. Wer dazu kommen möchte ist herzlich eingeladen. Man kann immer zur vollen Stunde dazukommen.

Sa 6. September 2014 um 18.30 h:
Lange Nacht der Religionen
Bibliolog meets Scriptural Reasoning
Zu Besuch bei Abrahams und Sarah: Was Torah, Midrasch, Neues Testament und der Koran erzählen
((Bereschit / Genesis 18 / Hebräer 11 / Sure 11 + 51))
Hephatha Gemeinde, Fritz-Reuter-Allee 130, 12359 Berlin (Neukölln)

Blogevent Linsen: Jakobs und Esaus Linsengericht mit Spinat und Granatapfelkernen

Blog-Event XCVI - Linsen (Einsendeschluss 15. März 2014)

1 x umrühren bitte hat zum “Blogevent Linsen” aufgerufen, das heißt es werden in der gut vernetzten Foodblogger-Szene Linsengerichte in allen Varianten und Schattierungen gesammelt. Weil wir uns im Rahmen der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt gerade mit “Essen und Trinken in der Bibel” (mit vergleichenden Abstechern in den Koran) beschäftigen hoffe ich auf Verständnis bei der Leserschaft, daß ich quasi fremd gehe unter die Foodblogger.

Das erste Buch Mose (Bereschit) erzählt uns im 25. Kapitel, wie es dazu kam, daß Esau, der erstgeborene Sohn Jakobs seinem jüngeren Zwilling Jakob das Erstgeburtsrecht abgibt:

Als Esau einmal erschöpft nach Hause kam, hatte Jakob gerade Linsen gekocht. »Gib mir schnell etwas von dem roten Zeug da, dem roten«, rief Esau, »ich bin ganz erschöpft!« Daher bekam Esau den Beinamen Edom. Jakob sagte: »Nur wenn du mir vorher dein Erstgeburtsrecht abtrittst!« »Ich sterbe vor Hunger«, erwiderte Esau, »was nützt mir da mein Erstgeburtsrecht!« »Das musst du mir zuvor schwören!«, sagte Jakob. Esau schwor es ihm und verkaufte so sein Erstgeburtsrecht an seinen Bruder. Dann gab ihm Jakob eine Schüssel gekochte Linsen und ein Stück Brot. Als Esau gegessen und getrunken hatte, stand er auf und ging weg. Sein Erstgeburtsrecht war ihm ganz gleichgültig. (Gute Nachricht Übersetzung)

Ich haßte als Kind Linsen, die es nur als braune Tellerlinsen gab. Ich verstand nie, wie Esau so bescheuert sein konnte, sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht sausen zu lassen. Als vor einigen Jahren das Linsensortiment in den Läden immer größer wurde, wollte ich noch einen Versuch starten, ob es irgendeine Sorte gibt, die mir schmeckt. Und rote Linsen gehören inzwischen zu meinen Favoriten, auch weil man sie nicht einweichen muß und sie eine kurze Kochdauer haben.

Aus der Bibel wissen wir nichts über die genauen Zutaten und wie Jakob das Linsengericht zubereitet hat. Aus der Erzählung von Jakob und Esau kann man keine Rezepte ableiten. Dazu sind die Angaben zu sparsam. Ich habe mich für ein Projekt einmal ausführlich mit Pflanzen in der Torah beschäftigt. Daraus resultiert das Wissen um die botanischen Gegebenheiten und welche Pflanzen in der Lebenswelt von Jakob und Esau vorkamen.

Folgende Zutaten werden für zwei reichliche Portionen benötigt:

160 g rote Linsen (1 große Tasse)
2 – 2 ½ Tassen Gemüsebrühe
250 g Blattspinat TK
½ Bund Lauchzwiebel
½ Zwiebel
2 EL Olivenöl
100 g saure Sahne
100 g Hirtenkäse (Feta / Schafskäse)
4 EL Granatapfelkerne
Salz
Pfeffer
1 ½ – 2 TL Za’atar (Gewürzmischung aus Ysop, Sumach, Sesam und Salz; gibt es im Weltladen oder libanesischen Lebensmittelgeschäften)

Zubereitung:

Linsen in der Gemüsebrühe bißfest kochen kochen und zur Seite stellen.

Blattspinat ausdrücken und grob hacken.

Lauchzwiebel und Zwiebel fein würfeln. Hirtenkäse zerbröseln oder würfeln.

Saure Sahne und den zerbröckelten Fetakäse gründlich vermischen. Mit Salz, Pfeffer und Za’atar würzen.

Olivenöl in einem Topf erhitzen. Lauchzwiebeln und Zwiebeln leicht anbraten bis sie glasig sind und. Linsen, Spinat und das saure Sahne- Hirtenkäse-Gewürze-Gemisch zu den (Lauch-)Zwiebeln geben und unterrühren, erhitzen und evtl. nachwürzen.

Soviel Gemüsebrühe hinzufügen, daß man die Konsistenz hat, die man bevorzugt im Spektrum zwischen Suppe und Eintopf

Mit Granatapfelkernen bestreuen und servieren.

Variante 2:
Za’atar durch (getrocknete) Minze und die Granatapfelkerne durch kleine Würfel getrockneter Aprikosen (6 – 8 Stück) ersetzen: Nach Zufügen der Aprikosen das Gericht noch einige Minuten durchziehen lassen. Guten Appetit!

Linsengericht

Linsengericht von Jakob und Esau


Food-Fotografie ist definitiv nicht meine Stärke. Deshalb gibt’s das Bild erst nach der Beschreibung.

Wenn es Ende April in der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt um den “Geschwisterneid und Geschwisterstreit von Esau und Jakob” geht, werden wir den Abend wahrscheinlich mit diesem Essen beginnen.

Warum die meisten biblischen Kochbücher, die derzeit im Buchhandel erhältlich sind, untauglich sind, habe ich in zwei Rezensionen hier und hier beschrieben.

Letzte Woche in Alexanderdorf …

Alexanderdorf Signet fand in der Benediktinerinnenabtei St. Gertrud ein Bibliolog-Grundkurs statt. Für mich war es der erste Kurs in einem Kloster und mit überwiegend katholischer Beteiligung. Auch eine jüdische und eine freikirchliche Teilnehmerin waren dabei und von den Berufsgruppen war es bunt gemischt. Die Möglichkeit, an den Gebetszeiten der Benediktinerinnen teilzunehmen, wurde gerne wahrgenommen. Am Donnerstag, als jede/r den ersten eigenen Bibliolog anleitete, kamen zeitweise Schwestern der Abtei und Einzelgäste dazu, was eine große Bereicherung war, denn so hatten die Teilnehmenden auch Reaktionen auf ihre Erarbeitungen von Menschen, die Bibliolog noch nicht kannten. Sehr wohltuend empfand ich die Rahmenbedingungen wie die liebevolle Gestaltung des Gästehauses, das Eingebundensein in eine Gemeinschaft vor Ort. Die vielen Ecken und Nischen (Sitzecken, Meditationsraum, Bibliothek), wo man sich niederlassen konnte, ermöglichten sowohl Kontakt und Gemeinschaft als auch Rückzugsmöglichkeiten.

Der nächste Bibliolog-Grundkurs in Alexanderdorf wird vom 4. – 8. Mai 2015 stattfinden. Einen Aufbaukurs nicht-narrative Texte wird es vom 26. – 30. Oktober 2015 geben.

Zum Weiterlesen:
Homepage vom Kloster Alexanderdorf