Kollege Kamel: Bibliolog mit geistig behinderten Menschen

4E6A8295Zwei Jahre habe ich gelegentlich eine Wohngruppe geistig behinderter Erwachsener besucht und dabei auch die Gelegenheit gehabt Bibliolog anzuleiten. Der Grad der Behinderung und die Sprachfähigkeit war sehr unterschiedlich. Da ich nur gelegentlich da war, half es mir sehr, daß immer eine Mitarbeiterin dabei war, die dann, wenn ich die sprachlichen Äußerungen nicht verstanden habe, dolmetschen konnte.

Ganz wichtig war ein flauschiges Steiftierkamel, das ich vor einigen Jahren im Basar von Istanbul gekauft hatte. Das Kamel liebten die Teilnehmenden sehr. „Wie heißt der?“ war eine der ersten Fragen, die mich in Verlegenheit brachte. „Gimel“ sagte ich spontan, weil mir nichts besseres einfiel – der dritte Buchstabe im hebräischen Alpabeth. Gimel wurde sehr geliebt und mußte immer eine ausführliche Begrüßungsrunde machen. Da Gimel als Kamel ein Tier aus der Bibel war, war klar, daß er bei allen biblischen Geschichten dabei war und sie miterlebt hat. Alles wurde aus seiner Perspektive erzählt: Egal ob Gimel hinter Abrahams Zelt graste oder mit den Weisen aus dem Osten auf dem Weg nach Jerusalem war oder gerade in Jericho genau von dem Baum Blätter naschte, in dem Zachäus saß als Jesus vorbei kam.. Wer dann auf eine Frage antworten wollte, durfte Gimel nehmen. So war auch immer klar, wer gerade dran war. Am Schluß mußte Gimel eine ausführliche Abschlußrunde drehen und versprechen bald wiederzukommen.

Bibliolog zu Fronleichnam

10 Tage nach Pfingsten feiert die katholische Kirche das Fronleichnamsfest. Wer in einer katholisch geprägten Gegend lebt, kennt wahrscheinlich die Fronleichnamsprozessionen. Die Bibel-teilen-Gruppe der Canisiuskirche hat mich am Vorabend zu Fronleichnam zu einem Bibliolog eingeladen.
Wir werden einen Bibliolog zum Evangelium des Tages, der Speisung der Fünftausend machen und diesen Text zum vorgegebenen Text aus dem ersten Testament in Verbindung bringen, nämlich Genesis 14,18-20 dem Segen Melchisedeks an Abraham.
Diese Bezugnahme hat eine antijudaistische Auslegungstradition, der wir uns widmen werden.
Die Bibel-teilen-Gruppe ist eine offene Gruppe. Wer Interesse hat, kann auch gerne einmalig zu diesem Treffen dazukommen.
Mittwoch 25. Mai um 19.45 beginnt der Bibliolog – also direkt nach der Abendmesse (Beginn 19.00 h). Der Bibliolog findet im Kinderraum statt. Der Zugang ist vom Kirchenraum aus – direkt hinter der Orgel.
 Die Canisiuskirche befindet sich in der Witzlebenstraße 30
(U 7 Sophie Charlotte Platz)

Frage 21: wichtig zu beachten bei bibliolog …

Fragezeichengruppe 2… war eine der Suchanfragen im März. Am Häufigsten wird nach konkreten Bibliologbeispielen gesucht – und gleich danach geht es darum, was man bei der Durchführung von Bibliologen besonders beachten soll. Nur: So allgemein kann man das nicht sagen. Anregungen und Rückmeldungen können sich immer nur auf eine konkrete Person, die in einer bestimmten Situation mit einem bestimmten Text arbeitet, beziehen. Deshalb vermute ich, daß keine befriedigende Antwort auf diese Anfrage gefunden wurde und auch nicht gefunden werden kann.

Der eine spricht beim Echoing so leise, daß er kaum verstanden wird. Die andere stellt Fragen, die aus dem Text herausführen. Der Dritte stellt sich zu nah zu den sprechenden Personen und ignoriert alle körpersprachlichen Signale der Teilnehmenden, die deren Unbehagen deutlich machen. Die Vierte macht keine Hinführung, sondern erklärt wie Bibliolog geht und schlägt dann die Bibel auf. Der Fünfte stellt die Fragen in der falschen Zeitform und wundert sich, warum die Teilnehmenden irritiert sind. Der sechste macht eine weitschweifige Rollenzuschreibung und wundert sich, warum die Teilnehmenden nicht in die Rolle finden. Der siebte erfaßt nicht das Anliegen, das die Teilnehmenden äußern, sondern benutzt deren „Material“ als Ausgangspunkt für eigene kreative Gestaltungen. Die achte stellt geschlossene oder suggestive Fragen. Der neunte läßt Schlüsselworte unter den Tisch fallen. Die zehnte geht mit ihren Fragen hinter die Geschehnisse der Geschichte zurück. Der elfte erfaßt die emotionalen Anteile von Teilnehmeräußerungen nicht…

Das, was bei der Erarbeitung und Durchführung eines Bibliologs zu beachten ist, ist so unterschiedlich wie die Personen, die Bibliolog anleiten.

Jedes professionelle Handeln mit und an Menschen – sei es medizinisch, pflegerisch, beratend, lehrend, therapeutisch, seelsorgerlich – kann nicht durch Lektüre erlernt werden, sondern braucht Vermittlung, Begleitung und Rückmeldung (neudeutsch: Feedback) von jemand, der es bereits kann. Menschen sind keine Möbel vom blaugelben Möbelhaus, die man nach Montageanleitung zusammensetzen kann.

Bibliolog wirkt auf den ersten Blick einfach, ist aber ein hoch komplexes Geschehen, das eine gute Balance zwischen Text, Gruppe und Prozeß erfordert. Deshalb die sehr nachdrückliche Empfehlung, die dafür erforderlichen Fähigkeiten im Rahmen eines Bibliolog-Grundkurses zu erlernen.

Warum es im Internet keine Entwürfe oder Vorlagen für Bibliologe gibt

 

Suchbegriffe im April

Bibliolog ab welchem Alter
Hier verweise ich auf meinen Artikel Ab welchem Alter geht Bibliolog mit Kindern

Bibliodrama Anleitung
ist im Internet nicht möglich – was auch für Bibliolog gilt. Warum beschreibe ich in dem Artikel Warum es im Internet keine Vorlagen, Entwürfe, Anleitungen für Bibliologe gibt

Esaus Linsengericht Rezept
Aus der Bibel kann man keine Rezepte ableiten, aber eine Annäherung ist hier zu finden mit Zutaten, die es zu biblischen Zeiten gab

Altes Testament hebräisch mp3
findet man kapitelweise bei Mechon Mamre. Zu beachten ist, daß der Aufbau der hebräischen Bibel (Tanach) anders ist als bei christlichen Bibeln.

 

Bibliolog in Neukölln 2016

Hephatha Kirche 2 - Kopie

Ab April 2016 wird das monatliche Bibliolog-Treffen in Neukölln wieder um 16.00 Uhr beginnen.

Mo 4. April 16.00 h: Lydia, die Purpurhändlerin (Apg. Kapitel 16)
Mo 2. Mai 16.00 h: die Frau des Potiphar (1 Buch Mose 39)
Mo 6. Juni 16.00 h: die Rückkehr Jesu in den Himmel (Christi Himmelfahrt – Apg 1,9ff)
Mo 3. Juli 16.00 h: die Bekehrung des Paulus (Apostelgeschichte 8)
Mo 1. August 16.00 h: Deborah (Buch der Richter / Schoftim)

Jeweils am ersten Montag im Monat um 16.00 Uhr in der Hephathagemeinde mit Pfrin Ingrid Schröter

entweder im Saal oder im Kirchencafe – bitte auf Wegweiser achten

Wegbeschreibung

Hephatha Gemeinde
Fritz-Reuter-.Allee 130-136

12359 Berlin (Britz)
U Bahn Parchimer Allee (Ausgang Gielower Straße)
für Rollstuhlfahrer: U Bahn Britz -Süd – (rechts aus dem Bahnhof herausfahren / dann rechts in die Fritz – Reuter – Allee fahren / immer gradeaus (am Zebrastreifen die Straßenseite wechseln ( bis zur Nr.130 /136 fahren)

Literaturliste Bibliolog

Ziemlich genau vor fünf Jahren als ich dieses Weblog begann habe ich eine Literaturliste verlinkt. Leider gibt es diese Seite nicht mehr. Deshalb stelle ich die aktuelle Fassung der Literaturliste hier ein. Sie wurde von Uta Pohl-Patalong erstellt. Da sie 8 DIN A 4 – Seiten umfaßt, werde ich die Oberkategorien rot hervorheben und hoffe, daß das Finden dadurch erleichtert wird.

  1. Bücher zum Bibliolog direkt
  2. Bücher, in denen Bibliolog eine wichtige Rolle spielt
  3. Artikel, die Bibliolog allgemein vorstellen
  4. Artikel mit homiletischem Akzent
  5. Artikel mit religionspädagogischem Akzent
  6. Artikel mit biblisch-hermeneutischem Akzent
  7.  Artikel, die einzelne Aspekte des Bibliologs reflektieren
  8. Artikel zu Bibliolog mit bestimmten Zielgruppen
  9. Englischsprachige Artikel
  10. Themenhefte
  11. Presseberichte
  12. Qualifikationsarbeiten

Wegen ihrer Länge habe ich die Liste verschoben. Sie ist in der Rubrik „Texte“ zu finden, also mit dem Mauszeiger unter dem Headerbild auf „Texte“ gehen, dann klappt ein neues Fenster auf und man kann „Literaturliste Bibliolog“ anklicken.

 

Rezension: Bibliolog – Weil jede und jeder etwas zu sagen hat

…ist das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe (1 / 2016) von „Bibel und Kirche“, einer Zeitschrift des katholischen Bibelwerkes.

kun01_1001601.jpg.735745Uta Pohl-Patalong führt in den Bibliolog als erfahrungsbezogenen Zugang ein, stellt einen Ablauf dar und legt dar, wie Bibliolog entstanden ist und nach Europa kam. Sie erschließt die Überzeugungen, auf denen Bibliolog beruht und zeigt, welche Aufbauformen (nicht-narrative Texte, Bibliolog mit   Objekten, Encounter und Sculpting) es neben der Grundform gibt.

Jens Uhlendorf wendet sich in seinem Beitrag „Sisteract? Szenische Interpretation trifft Bibliolog“ dem Verhältnis von Bibliolog und neuen Ansätzen der szenischen Interpretation zu, also literaturdidaktischen Aufbrüchen aus den 1990iger Jahren, die jenseits der traditionellen Formen von kognitiv orientierter Textanalyse andere Zugänge zu literarischen Texten ermöglichen. Sowohl Bibliolog als auch szenische Interpretation sind von der Rezeptionsästhetik geprägt und laden auf unterschiedliche Weise ein, den Textraum zu erkunden.

Mir scheint das beschriebene methodische Instrumentarium für szenische Interpretation jedoch näher an Bibliodramaprozessen zu sein als am Bibliolog, zumindest was seine Grundform betrifft. Der Verfasser regt an, dieses Instrumentarium als Inspirationsquelle für das bibliologische Arbeiten zu nutzen.

Maria Elisabeth Aigner umreißt kurz Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Bibliolog und Bibliodrama.

In ihrem Beitrag  „Wie sind wir gemeint? Überlegungen zur identifikatorischen Lektüre biblischer Texte“ geht Ilse Müllner der Frage nach, welche Prozesse beim identifikatorischen Lesen biblischer Texte ablaufen. Biblische Texte sind zunächst an antike und nicht an heutige Leser_innen gerichtet. Was bedeutet das für das Verhältnis von Fremdheit und Vertrautheit für die heutigen Leser_innen? Was fördern identifikatorische Formen der Lektüre biblischer Texte und was spricht dagegen?  Die Verfasserin weist darauf hin, daß christliche identifikatorische Lektüre von Texten aus dem 1. Testament auf dem Hintergrund einer langen Enteignungsgeschichte stattfindet. Sie plädiert dafür, jüdische Lektüren wahrzunehmen und vom Judentum zu lernen.

Peter Pitzele, der mit seiner Frau Susan den Bibliolog entwickelt hat, entfaltet an einem Vers aus dem Johannesevangelium (Joh 11,35), welche Reaktionen bei  Teilnehmer_innen auftreten können, die in der Rolle vom weinenden Jesus befragt werden und welche inneren Prozesse dahinter stehen können.

Karin Brockmüller skizziert anhand des Szenarios „wie in einer Pilgerherberge“ wie über Rollen im Text oder Rollen aus einer fiktiven Rahmenhandlung Psalmen und andere nicht-narrative Texte erschlossen werden können.

Maria Rehaber-Graf beschreibt in ihrem Beitrag „Appetit auf mehr – Bibliolog in Exerzitien“ die Verwandtschaft von Bibliolog und ignatianischen Exerzitien, wo sich die beiden Zugänge unterscheiden und wie Bibliolog in einem solchen Exerzitienprozeß fruchtbar gemacht werden kann.

Dorothea Kleele-Hartl zeigt in „… da war ich dann ein Teil der Bibel …“ auf, wie Schüler_innen unterschiedlicher Jahrgänge auf einen bibliologischen Impuls reagieren und darin sichtbar wird welche persönlichen Themen der jeweiligen Altersgruppe sichtbar werden. Außerdem beschreibt sie noch Erfahrungen in der Kommunionvorbereitung und mit Schulgottesdiensten.

Bibliolog auf der Straße“ ist der Beitrag von Frank Muchlinsky überschrieben, in dem er ein Experiment von Katholikentagen in Mannheim und Regensburg beschreibt und die dafür nötigen Rahmenbedingungen und die erforderliche Ausrüstung beschreibt.

Gerborg Drescher und Rainer Brandt erläutern, „warum es hilfreich ist, wenn die Leitung gut ausgebildet ist“ damit Bibliolog gelingt.

Das Heft ist insgesamt eine gute Einführung für Interessierte. Der Beitrag über Bibliolog und ignatianische Exerzitien ist sehr speziell und betrifft einen Sonderfall von Exerzitien. Wer sich allgemeiner über Bibliolog und Exerzitien informieren will,  findet dazu einen Beitrag von Andrea Schwarz in „Bibliolog – Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule Band 1, von Uta Pohl-Patalong im Kohlhammer Verlag. Da in den letzten Monaten viele Menschen aus anderen Kulturen und Religionen nach Deutschland gekommen sind, ist es bedauerlich, daß das große Potential von Bibliolog im interkulturellen und interreligiösen Dialog keinen Eingang in das Heft gefunden hat.

Das Einzelheft hat 60 Seiten und kann zum Preis von 7,90 Euro plus Versandkosten beim Katholischen Bibelwerk in Stuttgart bestellt werden.

Zum Weiterlesen:
Unterschied zwischen Bibliolog und Bibliodrama
Zielgruppen für Bibliolog