Gedanken von Noahs Schwiegertochter …

Noahs Arche in Evas Arche: Ökumenisches Frauenzentrum bietet interreligiösen Bibliolog an

so ist ein Artikel in der aktuellen Ausgabe (Pfingsten) der katholischen Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ überschrieben. Fast hätte ich ihn überlesen, denn ich hatte im Berliner Regionalteil nachgesehen und nicht auf Seite 1, wo im oberen Teil über den Katholikentag in Regensburg berichtet wird.

Evas Arche Logo Vor einigen Monaten verabredete ich mit Anne Borucki-Voss, der teheologischen Referentin von Evas Arche einen interreligiösen Bibliolog. Anlaß war die Ankündigung des Films „Noah“. Mit dem folgenden Text wurde zur Veranstaltung eingeladen:

Interreligiöser Bibliolog
Noahs Arche in Evas Arche – die zweite Chance

Was hat Noah und seine Familie in der Arche bewegt? Wie gestaltete sich der Neuanfang nach der Katastrophe? Die jüdische Tradition sieht kritisch, dass Noah seinen Mitmenschen gegenüber geschwiegen hat, als Gott ihm die Anweisung zum Bau der Arche gab. Ist Noah in der christlichen Tradition ein Schweigender oder ein Sprechender? Mit welchen Folgen? Da Muslime die Landung der Arche mit dem Aschura-Fest feiern, gibt es eine Kostprobe vom „Festmahl des Noah“.
Mit Iris Weiss, jüdische Bibliolog-Trainerin
In Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk

Nun ist es bei offenen Veranstaltungen so eine Sache. Man weiß vorher nicht, wer kommt und wie bunt die Mischung sein wird. Ich verbreite auch über meinen Mailverteiler Bibliolog-Veranstaltungen in Berlin. An diesem Abend gehörten alle anwesenden Frauen außer mir verschiedenen christlichen Konfessionen an. Auch eine Mitarbeiterin der katholischen Kirchenzeitung war dabei. Sie hat folgenden Artikel verfaßt, der leider nicht online zur Verfügung steht:

Die Geschichte von Noah und seiner Arche steht in jeder Kinderbibel. Somit ist weitestgehend bekannt, dass Gott die Erde überflutet hat, um sie von den schlechten Menschen zu befreien und dass nur Noahs Familie und viele Tierarten die Katastrophe in der Arche überlebten. Doch was hat Noah und seine Familie in der Arche bewegt? Wie gestaltete sich der Neuanfang nach der Flut? Das sind die Fragen die Iris Weiss, in ihrem Bibliolog (unterstützt vom Katholischen Bildungswerk) im ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche in Berlin-Mitte von den Teilnehmerinnen beantwortet haben wollte.

„Ich lese einen kurzen Abschnitt aus der Bibel vor und dann stelle ich eine Frage“, erläutert die Bibliolog-Ausbilderin. „Die Frage kann sich an einen Menschen, ein Tier oder auch an einen Gegenstand oder eine Eigenschaft richten.“ Wer mag kann sich melden und in dieser Rolle antworten.

„Warum folgt mein Mann der Idee seines Vaters?“

Und so fragt sie eine der Ehefrauen von Noahs Söhnen, wie sie darüber denkt, dass sie in der Arche leben muß. „Ich will da nicht rein. So schlimm wird diese Flut schon nicht sein“, antwortet eine Teilnehmerin. „Ich als Frau kann da nichts machen, aber ich verstehe meinen Mann nicht, warum er sich so bedingungslos der Idee seines Vater hingibt“.

Weiss wiederholt, was die Teilnehmerinnen sagen, um ihre Worte zu vertiefen und zu klären. Wenn niemand etwas ergänzen möchte, hält sie inne, bedankt sich bei der entsprechenden Rolle und liest weiter.

Interreligiös ist dieser Bibliolgo, weil sie auch von der Sicht anderer Religionen auf die Geschichte von der Arche Noah erzählen kann: „Die jüdische Tradition sieht kritisch, dass Noah seinen Mitmenschen gegenüber geschwiegen hat, als Gott ihm die Anweisung zum Bau der Arche gab“, heißt es in der Ankündigung und dass die Muslime ein eigenes Festessen, das Aschura-Fest begehen, weil an diesem Tag die Arche zum ersten Mal wieder auf Land gestoßen sein soll.

Jüdische Kenntnisse der Leiterin und einer Teilnehmerin

Weiss hat zu unterschiedlichen Aspekten der jüdischen Geschichte und Gegenwart Berlins gearbeitet. Unter den Teilnehmern ist auch eine Frau, die Judaistik studiert hat. In der Gesprächsunde nach dem Bibliolog gibt sie zu bedenken, daß sie sich nicht vorstellen kann. dass Noah zu der Arche geschwiegen hat: „Die Mitmenschen müssen sich doch gewundert haben, was für ein riesiges Schiff erbaut. Er kann es doch unmöglich alleine oder gar heimlich gebaut haben“.

Die Idee für einen Bibliolog stammt von einem amerikanischen Juden, Peter Pitzele. Er hat sie im Rahmen der praktischen Ausbildung von konservativen Rabbinern am Jewish Theological Seminary entwickelt.

So weit der Artikel, dessen erster Teil mir gut gefallen hat. Beim zweiten Teil habe ich einige Bauchschmerzen, denn ein Bibliolog ist aus meiner Sicht nicht deshalb interreligiös, weil die Anleiterin etwas über Judentum erzählen kann (jüdische Kenntnisse der Leiterin und einer Teilnehmerin), sondern weil Menschen, die in unterschiedlichen religiösen Traditionen leben und aus der Erfahrung und Kenntnis dieser Traditionen in ein Gespräch über die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Textes und die eigenen Prägungen eintreten: Die Teilnehmenden als Christinnen unterschiedlicher Denominationen und ich als Jüdin.

Spannend wurde es noch beim Nachgespräch darüber, was es in der jüdischen Tradition bedeutet, daß Noah nicht so hoch geschätzt wird wie Abraham, der für die Menschen aus Sodom mit G-tt verhandelt hat. Ein solches Verhandeln für seine Mitmenschen ist von Noah nicht überliefert.

Gerne hätte ich noch muslimische Gesprächspartnerinnen dabei gehabt, denn der Koran erzählt, wie Noah die Menschen vor der Flut gewarnt hat und dass auf der Arche noch andere Menschen neben seinen Familienmitgliedern waren und überlebt haben – ja sogar ein Sohn von Noah war nicht auf der Arche.

Erstveröffentlichung des Artikels: Tag des Herrn, Ausgabe vom 8. Juni 2014, Seite 1

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interreligiöser Stammtisch „besser gemeinsam“

besser gemeinsam logoDas Konzept ist total simpel und es funktioniert! In einem großen Raum stehen Tische, um die jeweils sechs Leute Platz finden. Ab 18.30 h gibt es Kleinigkeiten (Waffeln, Obst, Kuchen) und ab 19.00 h beginnt der gemeinsame Abend. Eine Person gibt einige Minuten eine Einführung zu einem Thema und dann wird an den Tischen darüber gesprochen. Um 20.30 h gibt es einen gemeinsamen Abschluß mit einer kleinen Geschichte. Wer mag, kann dann noch bleiben und weiterreden.

Ins Leben gerufen haben den interreligiösen Stammtisch „besser gemeinsam“ drei junge Neuköllner: Zainab Chahrour, Sophia Schäfer und Nathan Vanderpool. Vor vierzehn Tagen ging es um das Thema: „Was glauben eigentlich Atheisten?“. Gestern stand die Frage nach der „Bedeutung des Abendmahls“ im Mittelpunkt. Nächstes Mal am Montag den 22. Juli wird es um den muslimischen Fastenmonat Ramadan gehen, deshalb dann ohne Snacks. Nach dem Treffen besteht die Möglichkeit beim Fastenbrechen in einer Moschee teilzunehmen.

Menschen aller Religionen und Weltanschauungen sind eingeladen. die Treffen finden jeden zweiten Montag statt. Auch einen eMail-Verteiler gibt es: bessergemeinsam (ä t) gmx ( punkt ) de

Themen der letzten Treffen: Fremd sein, Jenseitsvorstellungen, das jüdische Neujahrsfest Rosch haSchana, Familie und Lebensformen, Achtsamkeit, (wie) gehört Religion in die Schule, Faszination Gebet, Gewissen, …

Den Termin und das Thema der nächsten Veranstaltung findet man hier.

Interkulturelles Zentrum Genezareth
Herrfurthplatz 14, Berlin-Neukölln
U 8 Boddinstraße

Lange Nacht der Religionen 2013

Achtung: Im Gemeindebrief der Kirchengemeinde Gropiusstadt-Süd ist leider ein falsches Datum reingerutscht. Deshalb hier die Ausschreibung mit dem richtigen Datum:

Screenshot

Screenshot

Das Programm der „Langen Nacht der Religionen“ am Samstag 17. August 2013 mit 99 Veranstaltungsorten ist online.

Auch die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt wird sich daran beteiligen – diesmal in Neukölln.

Programm ab 19.00 Uhr:
Familienkonflikte im Haus von Abraham / Ibrahim, Sarah und Hagar

Bibliolog mit Objekten Abraham Sarah Hagar Jischmael

Bibliolog mit Objekten

Mit einer bibliologischen Familienerkundung gehen wir an einzelnen Lebensstationen und Konflikten entlang und versuchen herauszufinden, was dieses religiöse und kulturelle Erbe für uns heute bedeutet, und wie wir seine Potenziale für ein friedliches Miteinander fruchtbar machen können.

Immer zur vollen Stunde – zuletzt um 21.00 Uhr – beginnt ein Bibliolog. Der letzte Bibliolog um 21.00 Uhr wird etwa 1 1/2 Stunden sein und ist ein „Bibliolog mit Objekten“.

Evangelisches Gemeindezentrum Gropiusstadt-Süd (Apfelsinenkirche)
Joachim-Gottschalk-Weg 41
12353 Berlin

Anfahrtsmöglichkeit
U7 Wutzkyallee

Sachor (Gedenke) – der Zukunft ein Gedächtnis

GCJZ 2013 … lautet in diesem Jahr das Motto der Woche der Brüderlichkeit von 3. bis 10. März 2013. Die GCJZ (Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit) Berlin hat wieder ein umfangreiches Programmheft herausgebracht, das Termine vom 15. Februar bis zum Jahresende in Berlin und Potsdam enthält. 250 Veranstalter haben dazu beigetragen. Man kann es hier herunterladen.

Veranstaltungshinweis: Berliner Dialog der Religionen

„Religiöse Geschichten aus 775 Jahren Berlin“

Am Dienstag, den 30. Oktober 2012 um 19:00 Uhr
Im Louise-Schröder-Saal des Berliner Rathauses.

Für Religionen spielen Erzählungen eine wichtige Rolle, denn sie prägen das religiöse Leben und Empfinden der Gläubigen. In den vergangenen 775 Jahren Berlin haben Religionen die Stadt geprägt. Und Stadt hat die Religionen geprägt. Geschichten dieser wechselseitigen Begegnung möchten wir uns an diesem Abend widmen: alten und neuen, ernsten und lustigen, kuriosen und alltäglichen. Eingeladen, solche Geschichten zu erzählen, sind:

Pastor Peter Jörgensen, Baptistenpastor im Wedding
Iman Reimann, Vorsitzende des Deutschsprachigen Muslimkreises
David Ruetz, Präsident der Landeskirche Berlin/ Brandenburg der Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im preußischen Berlin
Dr. Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicum
Dr. Rupert Graf Strachwitz, Direktor des Maecenata Instituts

Anschließend möchten wir mit Ihnen über diese Geschichten ins Gespräch kommen. Wir freuen uns auf Ihr Kommen!
Die Veranstaltung findet statt im Rahmen der „Tage des Interkulturellen Dialogs“ und des „Berliner Dialogs der Religionen“.

Unterwegs nach Emmaus – ein interreligiöser Dialog (Teil 1)

Als sich Ende letzten Jahres das Jahresthema 2012 „Geschichten vom Feuer und von Feuerstellen“ für die interreligiöse Bibliolog-Werkstatt abzeichnete, war mir sehr bald klar, daß ich auch die Geschichte vom Weg nach Emmaus dazu nehmen wollte, in der es heißt: „Brannte nicht unser Herz…“ – in der NGÜ (Neue Genfer Übersetzung), die ich sehr gern verwende, heißt es: „War uns nicht zumute, als würde ein Feuer in unserem Herzen brennen“ (Lk 24,32).

Die Geschichte von den Jüngern, die Jesus auf dem Weg nach Emmaus begegnen, gehört zu den beliebtesten Texten, die in Grundkursen für den ersten eigenen Bibliolog ausgewählt werden, besonders wenn der Kurs in der Fasten- bzw. Passionszeit stattfindet. Ich empfehle den Teilnehmenden, für ihren ersten Bibliolog einen Text zu nehmen, den sie innerhalb der ersten sechs bis zehn Wochen nach dem Kurs in ihrem Arbeitsfeld durchführen können, damit sie möglichst schnell ins bibliologische Arbeiten vor Ort hineinkommen. Ich erinnere mich an einen Grundkurs im Rheinland, bei dem gleich drei Mal Emmaus gewählt wurde.

Ich halte die Emmaus-Geschichte trotz ihrer großen Beliebtheit gerade nicht für einen idealen Anfängertext, denn wegen des Umfangs muß sehr genau überlegt werden, wo und wie paraphrasiert wird, also welcher Textteil erzählt wird, wie diese Erzählung gestaltet wird, und wie man wieder in den Text an sich eintaucht und liest bevor eine Frage gestellt wird. Das hängt auch davon ab, für welche thematische Linie man sich entscheidet: Legt man den thematischen Schwerpunkt auf den Aspekt der Begegnung wird das anders sein, als wenn man sich auf den Aspekt der Trauer und des Trauerprozesses konzentriert. Dies sind die häufigsten Varianten, wobei ich mit diesem Text auch schon einen Bibliolog zum Thema „Jesus als Seelsorger“ erlebt habe.
Beim Erleben der Bibliologe fiel mir auf, daß bei mir teilweise völlig andere Bilder auftauchten und präsent waren als bei den christlichen Bibliologen. So war für die Christen bei der Rollenauswahl immer völlig klar, daß es sich bei den beiden Personen, die nach Emmaus unterwegs waren, um zwei Männer handelt. In der westlichen christlichen Kunst finden sich viele solcher Darstellungen. Diese Bilder prägen dann auch die Wahrnehmung . Hier ist eines von Michelangelo Caravaggio:

Michelangelo Caravaggio: Christus in Emmaus

Je öfter ich aber diesem Text begegnet bin, desto klarer wurde für mich, daß es sich bei den beiden um eine Frau und einen Mann handelt. Ich kann diese Sichtweise nicht rational begründen. Deshalb habe ich mich gefragt, ob das vom Textbestand her legitim ist oder ich etwas an die Geschichte und damit an eine andere Tradition herantrage, was nicht darin enthalten ist. Das würde dann bedeuten, daß ich respektlos mit anderen Traditionen umgehe. Gerade für das interreligiöse Gespräch ist diese Fragestellung von großer Bedeutung und Bibliolog ist ein sehr hilfreiches „Werkzeug“ um unterschiedliche Wahrnehmungen zu thematisieren.

Wir alle haben unsere Wahrnehmung von anderen Kulturen und Religionen. Wie nah diese Wahrnehmungen an der Lebenswirklichkeit der jeweiligen Kultur oder Religion dran sind ist eine eigene Frage. Im Extremfall kann es sich um Fehlwahrnehmungen, Klischees, Vorurteile und Stereotypen handeln. Man kann es eigentlich nur herausfinden, wenn man die eigene Wahrnehmung mit den anderen ins Gespräch bringt und daraus dann Konsequenzen zieht.

Wie aktuell die Frage nach der Fremdwahrnehmung und der Selbstwahrnehmung werden würde, konnte ich bei der Vorbereitung dieses Bibliologs noch nicht ahnen. Einige Tage vorher ging ich zum Treffen einer interreligiösen Frauengruppe. Ich kenne die Gruppe flüchtig und bin dort ein oder zwei Mal im Jahr. Es handelt sich um muslimische und christliche Frauen, die sich monatlich treffen. Im Herbst wollen sie ein interreligiöses Kochbuch herausbringen. Deshalb wird dieses Jahr vor und zu jedem Treffen gekocht. Davon wusste ich nichts, und just war das Thema des Treffens, zu dem ich auftauchte „Rezepte aus der Bibel“. Ein vergriffenes Buch mit diesem Titel lag auch da, und der Tisch war reich gedeckt – nur für mich nicht. Ich saß vor einigen Salatblättern und Weintrauben, die als Dekoration mitgebracht worden waren, denn was die biblischen Kochbücher, egal welchen Titel sie haben, „Kochen mit der Bibel“ oder „biblisch kochen“ oder nun „Rezepte aus der Bibel“ alle nicht im Blick haben ist, daß die Mehrzahl der biblischen Personen Juden und Jüdinnen waren und sich an die Speisegebote ihrer Religion gehalten haben.

Screenshot: http://www.biblisch-kochen.de

Mehr dazu hier oder meine Rezension hier. Ich war nun in der merkwürdigen Situation, daß ich an einem Tisch mit „biblischen Speisen“ saß, aber als Jüdin die Mehrzahl dessen, was da stand, nicht essen konnte, weil Milch und Fleisch in diesen Speisen zusammen verwendet wurden, was in der jüdischen Küche strikt getrennt wird. Sogar ein „Passa-Lamm“ war aufwendig und liebevoll zubereitet worden. Die christliche Frau, die sich die Arbeit gemacht hat und sicher viele Stunden damit in der Küche zugebracht hatte, war extra zum türkischen Metzger gegangen, damit das Fleisch auch „halal“, also für die muslimischen Frauen essbar ist. Als „Passa-Lamm“, also als Gericht, das während der Pessach-Woche gegessen wird, wäre es untauglich gewesen, denn es war mit Cidre zubereitet worden. Während Pessach wird nur Ungesäuertes gegessen. Das bezieht sich nicht nur auf Brot, Kuchen, Nudeln, Müsli und sonstige Backwaren, sondern auch Cidre, Bier und andere gegorene Getränke, ja unter Umständen auch auf Alkohol in Kosmetika oder Medikamenten. Eine Muslima wollte dann von mir wissen, warum ich mich auf Obst und Gemüse beschränke. Als ich ihr nun erklärte, was für mich essensmäßig geht und was nicht, reagierte sie sehr interessiert und verständnisvoll.

Die Reaktion von zwei christlichen Frauen, die beide in einer kirchlichen Kindertagesstätte arbeiten, haben mich jedoch sehr verblüfft: Die Köchin des Lammes meinte harsch: „Kann doch jeder machen wie er will“. Recht hat sie, wenn es um ihr Osterlamm geht. Da ist es mir völlig egal, ob sie es mit Thymian oder Rosmarin würzt, mit Calvados, Cidre oder Rotwein ablöscht, und meinetwegen auch gern mit saurer Sahne oder Schmand abschmeckt, aber beim „biblischen Kochen“ finde ich es fehl am Platz. Die andere Erzieherin kommentierte: „Was bin ich froh, daß ich mich mit so was nicht rumschlagen muß“. Keine Viertelstunde später besprachen die beiden, was für die nächste mehrtägige Kindergartenfahrt im Hinblick auf die muslimischen Kinder essenstechnisch zu berücksichtigen sei. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn ich in Gruppen bin und dort wenig oder nichts mitessen kann, aber wenn es „biblisches Essen“ gibt und ich wenig oder nichts mitessen kann, dann empfinde ich das ausgrenzend und respektlos.

Für meine Bibliolog-Vorbereitung zur Emmausgeschichte macht mir das sehr deutlich, wie ich mit anderen und ihren religiösen Traditionen nicht umgehen möchte. Diese Erfahrung hat mir einmal mehr gezeigt, daß Judentum und Islam sich in Alltagsvollzügen näher sind als Judentum und Christentum.
Fortsetzung folgt: Teil 2 ist hier

Taizé in Berlin – (m)eine jüdisch – interreligiöse Perspektive

… und ein schlampig zusammengestöpselter KNA (katholische Nachrichtenagentur)-Artikel

Anfang Dezember kam über die Mailingliste einer der Berliner Synagogen die Anfrage, wer bei einer Begegnung im Rahmen des internationalen Jugendtreffens der Communauté de Taizé für Gespräche in Kleingruppen über Judentum und jüdisches Leben in Berlin und Deutschland zur Verfügung stehen könnte. Nach einem einleitenden Gespräch unter dem Motto: „Es ist gut, dem Herrn zu danken“: Gedanken einer Rabbinerin und eines Bruders von Taizé über Psalm 92 sollen die Teilnehmer des Treffens die „Möglichkeit zu Nachfragen, Vertiefung und Begegnung mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde“ haben.

Ich zögerte etwas, denn ich war mir ziemlich sicher, daß ich sehr viel älter sein dürfte als der Durchschnitt der Teilnehmenden (hat sich dann aus eigener Anschauung bestätigt), aber die Möglichkeit wieder mal Französich zu sprechen – in meiner Wahlheimat Berlin extrem selten – überwog dann doch, und auch die Neugier, wie ich diesen Austausch erleben würde. „Jüdisches Berlin“ – war ab Mitte der 90iger Jahre ein Hype. Es gab unzählige Studienfahrten, Begegnungen, Tagungen, Konferenzen und Veröffentlichungen zu diesem Thema. Ich weiß nicht, mit wie vielen Gruppen ich zusammen war und Fragen beantwortet habe. Meist haben solche Zusammenkünfte eine gewisse „Choreografie“. Es gibt Fragen, die immer kommen (wieviele Juden leben in Berlin / Deutschland? Sind diese Sicherheitsmaßnahmen wirklich alle nötig? Wieviele Synagogen gibt es in Berlin? Wie hoch ist der Prozentsatz der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion?). Und dann gibt es ein gewisses Spektrum an Fragen, das bestimmten Gruppen zugeordnet werden kann, seien es Studierende der Sozialarbeit, ein Bildungsurlaub des humanistischen Verbandes, ein katholischer Frauenverband, der sich mit der Stellung von Frauen in den monotheistischen Religionen befaßt oder eine Gruppe evangelischer Krankenhauspfarrer. Und je nach dem wie lange man zusammen ist und wie das Gruppenklima ist, wird es mehr oder weniger persönlich. Ich hatte nicht gedacht, daß es eine Frage geben könnte, die ich zu diesem Thema in den letzten 20 Jahren noch nicht beantwortet hätte.

Taizé war für und ist für mich nicht terra inkognita. In meiner Studienzeit habe ich drei Jahre in einer interreligiösen Wohngemeinschaft gelebt, auch wenn man das damals noch nicht so nannte. Und dort bekamen wir Besuch von zwei Brüdern der Kommunität, die von uns erfahren hatten und uns kennenlernen wollten. Aber das wäre eine ganz eigene Geschichte und würde hier zu weit führen. So war ich also gespannt auf dieses Treffen, für das eineinhalb Stunden vorgesehen waren: Nicht viel Zeit, wenn man bedenkt, daß die Teilnehmenden sehr unterschiedliche Vorkenntnisse haben dürften. Da sind nur einige einführendde schlaglichtartige Gedankensplitter möglich.

Ort des Geschehens war das Jüdische Museum. Schade, daß zwischen den Jahren die jüdischen Institutionen geschlossen waren, die für eine Gruppe dieser Größenordnung in Frage gekommen wären. Das Museum hatte den großen Saal zur Verfügung gestellt, der sich nach und nach füllte. So um die 250 bis 300 Leute dürften es gewesen sein, ein großer Teil von ihnen aus Osteuropa. Durch die politischen Veränderungen der letzten zwanzig Jahre können nun auch Jugendliche aus diesen Regionen nach Taizé und zu den europäischen Jugendtreffen zwischen Weihnachten und Neujahr, die außerhalb des Ostblocks stattfinden, reisen.

Nachdem der Übersetzungsbedarf geklärt war (neben der deutschsprachigen Fraktion viele junge Leute aus osteuropäischen Ländern, einige Spanier und Niederländer, ein Italiener, aber leider keine Franzosen), war erst Rabbinerin Gesa Ederberg dran. Sie sagte einige Sätze zu Schabbat, zu den Schriften der hebräischen Bibel, der Liturgie am Freitagabend, bevor sie auf Psalm 92 (mehr dazu später) einging. Dann war Bruder John dran. Aber was und wieviel kann man sagen, wenn man zu zweit eine knappe Dreiviertelstunde hat und alles noch übersetzt wird? Und ob nun gerade Psalm 92 eine besonders gute Textgrundlage für eine internationale Gruppe mit großenteils eher wenig Vorkenntnissen ist – das wurde aus non-verbalen Reaktionen deutlich – scheint mir sehr fragwürdig. Eine der brennenden Fragen, die noch im Plenum durch die Moderatorin gestellt wurde, bezog sich auf die Tatsache, daß es weibliche Rabbinerinnen gibt und das Erstaunen darüber.

Nun sollten sich zum Austausch in kleineren Gruppen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde die Teilnehmenden in Kleingruppen zusammenfinden. Etwa ein Drittel der Leute nahm das zum Anlaß um aufzubrechen. Leider gab es keine Möglichkeit in andere Räume zu wechseln, weil dann zu viel Zeit verloren gegangen wäre. So bildeten wir mehrere Kreise im Saal. Weil wir nur sieben Ansprechpersonen aus der jüdischen Gemeinde waren, wurden die Gruppen doch ziemlich groß. Da Französisch nicht gefragt war, suchte ich nach einer Gruppe, die Englisch sprechen wollte.

Eine Vorstellungsrunde ist bei einer solchen Gruppengröße und einer Gesprächszeit von einer Dreiviertelstunde nicht drin, denn da läuft dann nichts anderes als die Vorstellungsrunde. Ich sagte ein paar Sätze zu mir, daß sowohl „jüdisches Leben in Berlin und Deutschland“ als auch „interreligiöser Dialog“ meine Hauptthemen – beruflich wie privat – sind. Ich bat alle, ihren Namen und das Land, aus dem sie kommen, zu nennen. Die ersten Fragen waren noch etwas zögerlich und aus dem mir bekannten Spektrum (wieviele Juden leben in Berlin …) Ich war erstaunt, wie schnell die Atmosphäre in der Gruppe sehr intensiv und dicht wurde – trotz der schwierigen Rahmenbedingungen (andere Gruppen und entsprechende Lautstärke im Raum). Die meisten waren aus Osteuropa und hatten sehr unterschiedliche Vorerfahrungen mit jüdischem Leben. Sie hatten alle beim Betreten des Museums den Sicherheitscheck erlebt, wie er auch an Flughäfen üblich ist. Diese Seite jüdischen Lebens hatte sie nachhaltig mitgenommen. Ob das wirklich sein müsse, und wie schlimm das mit dem Antisemitismus sei. Wie meine Erfahrungen mit Antisemitismus seien. Sie formulierten ihre Fragen und Beiträge sehr persönlich und einfühlsam. Da war überhaupt nichts Voyeuristisches im Stil von „… und können Sie noch was dazu sagen, wie Ihre Familie überlebt hat?“ Ich hasse diese Frage, von Leuten, die ich kaum kenne und empfinde das als unangemessen, manchmal sogar als übergriffig.

Und dann – in der zweiten Hälfte unserer Gesprächszeit – kam sie, die Frage mit der ich nie in einer solchen Umgebung gerechnet hätte. Eine Frage, die inner-jüdisch immer wieder Thema ist und auch wissenschaftlich oder literarisch bearbeitet wird, die mir aber noch nie eine nicht-jüdische Person in meinem Umfeld gestellt hat.

Eine junge Frau aus einem osteuropäischem Land, Anfang – jedoch höchstens Mitte Zwanzig wird sie gewesen sein, fragte mich: „Und was bedeutet die Verfolgungsgeschichte Ihrer Familie für Ihr heutiges Leben? Wie wirkt sich das auf Sie aus?“. Die Gesprächsatmosphäre in der Gruppe war so, daß ich dazu einiges an ein paar Alltagsbeispielen deutlich machen konnte. Wir sprachen dann über das Thema „Leben nach dem Überleben“, daß Überlebende auf ganz unterschiedlichen Ebenen – bewußt und unbewußt – ihre Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben, und daß auch die dritte Generation nach der Schoah, die ihre Altersgruppe mit umfaßt, von diesen Erfahrungen geprägt ist – wenn auch in anderer Art als die zweite Generation, zu der ich gehöre.

Und dann wollten sie noch wissen, wie dazu komme mich im christlich-jüdischen und interreligiösen Dialog zu engagieren, und wie das konkret aussieht. Ich erzählte ihnen von der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt, die ich seit fünf Jahren in Berlin einmal monatlich anbiete, was wir da machen und wie das abläuft. „Können Sie das nicht mit uns jetzt machen?“ – Leider nicht, weil wir dafür keine Zeit mehr haben und es hier auch zu laut dafür ist… Aber ein Berliner war auch in der Gruppe, und der will kommen.
Eine Frau wollte noch zum G-ttesdienst in die Synagoge kommen… Das Gespräch hat mich sehr bewegt – auch was einige von sich erzählt haben.

Am Sonntag ist das Jugendtreffen in Berlin zuende gegangen, und jetzt erscheinen Artikel, die ein Resume beschreiben oder auf den einen oder anderen Aspekt eingehen. Es ist ja nun eine Sache, was gesagt wird, und eine andere, was ankommt. Aber von einer Journalistin, die für eine Nachrichtenagentur schreibt, erwartet man schon einen anderen Standard als von Otto Normalverbraucher. Und ich bin erstaunt über den Artikel von Karin Wollschläger, den die Seite katholisch.de von der KNA (katholische Nachrichtenagentur) übernommen hat.

„Die Psalmen sind so eine Art ‚warming up‘ für uns am Schabbat, damit singen wir uns quasi ein“, erläutert die Rabbinerin. Um sodann kurz zu erklären, welche Bücher der Bibel sich Christen und Juden teilen: neben den Psalmen noch die fünf Bücher Mose, die Propheten und das Buch Esther.

Das stimmt so nicht und wurde auch nicht so von Gesa Ederberg erklärt. Gesa Ederberg ging kurz darauf ein, was Torah, Propheten und Schriften sind – im Judentum Tanach genannt und im Christentum „Altes Testament“.

Bevor sie zum Psalm selbst kommt, erklärt Ederberg den anwesenden jungen Christen noch allgemein ein wenig über den Schabbat, der am Freitagabend beginnt, mit dem Entzünden von zwei Kerzen, 25 Stunden dauert und für strenggläubige Juden mit einem totalen Arbeitsverbot verbunden ist. „Auch Shopping ist nicht erläubt“, sagt die Rabbinerin und lacht.

Der Ausdruck „strenggläubige Juden“ fiel überhaupt nicht. Auf Englisch – und das war die gemeinsame Sprache – hieß es „observant“ – und gemeint waren Juden, die religiös leben, egal ob orthodox oder in einer liberalen Ausprägung. Für alle gilt, daß Arbeit am Schabbat verboten ist, auch wenn es da eine gewisse Bandbreite in der Auslegung gibt.

Eröffnet werde dann der Schabbat-Gottesdienst in der Synagoge am Samstag traditionell mit dem Psalm 92, dessen Anfang lautet: „Ein Psalm. Ein Lied. Für den Tag des Schabbats.

Der Schabbatgottesdienst – und darauf ging Rabbinerin Ederberg relativ ausführlich ein – beginnt mit sechs Psalmen. Jeder steht für einen Wochentag, auch wenn diese Psalmen nicht spezfischen Wochentagen zugeordnet werden. Danach wird das Lied „Lecha dodi“ gesungen, mit dem wir die Braut und Königin Schabbat willkommen heißen, und danach wird Psalm 92 gebetet.

Viele der Psalmen seien später von den Christen vertont worden, und diese Melodien hätten inzwischen zum Teil auch wieder in die Synagogen zurückgefunden, erzählt sie.

Dass viele Psalmen von Christen vertont worden sind, ist naheliegend, denn die Psalmen sind eben auch das Gebetbuch der Kirche. In den Stundengebeten der Klöster werden regelmäßig Psalmen gesungen. Aber davon, daß die christlichen Melodien zum Teil auch in die Synagogen zurückgefunden haben, davon war nicht die Rede. Gesa Ederberg erzählte von einer Synagoge in Jerusalem, die für einen Psalmvers eine Melodie eines Taizé-Gesangs verwendet.
Und nun eine Anmerkung von mir (das hat Frau Ederberg nicht erläutert, aber ich finde es hilfreich zum Verständnis des Hintergrunds der Aussage: In der Synagoge in Jerusalem, auf die sich Rabbinerin Ederberg bezog Nava Tehila, amtiert eine Rabbinerin, Ruth Gan Kagan, die selbst neue Melodien für liturgische Texte komponiert und dabei aus ganz unterschiedlichen musikalischen Traditionen schöpft. Man kann sich das auf der Startseite der Gemeinde unten auf dem 12minütigen youtube-Video anschauen. Die Gemeinde gehört zur Jewish-Renewal-Bewegung, also sicher nicht zum jüdischen Mainstream. Als ich die Taizé-Melodie im Rahmen eines Schabbat-G-ttesdienstes hörte, war ich sehr amüsiert und fragte mich, was die singende jüdische Gemeinde wohl denken würde, wenn sie wüßte, daß diese Melodie aus Taizé stammt und dort einem Kanon zugeordnet ist, der sich auf Jesus bezieht.

… Dem pflichtet Bruder John bei und warnt davor, nur das Trennende zwischen den Religionen zu sehen. Er ruft vielmehr zu einem „Sabbat des Herzens“ auf, der jedem einzelnen inneren Frieden und eine enge Verbundenheit mit Gott und untereinander beschere.

Bruder John ging darauf ein, daß Christen die Psalmen im Licht des Neuen Testaments beten und es eine Wechselwirkung gäbe: Was sagen uns (Christen) die Psalmen über Jesus und wie helfen sie uns das Leben Jesu besser zu verstehen und andererseits wie hilft uns (Christen) das Neue Testament dazu, die Psalmen tiefer zu verstehen. Er machte deutlich, daß der Sonntag nicht der Schabbat ist. Was machen Christen dann mit der Überschrift des Psalms als „Psalm für den Schabbat“? Als Beispiel zog er den Kirchenlehrer Augustinus heran, der den Schabbat aus Psalm 92, der sich auf den Schabbat-Tag bezog zum „Schabbat des Herzens“ umdeutete, was Frère John kritisch sah, weil es eben nicht im Text steht. Das Gespräch zwischen Christen und Juden sei da wieder möglich und sinnvoll, wo beide sich auf die Textgrundlage beziehen.

Über die sehr kritischen Aspekte, die mit Augustinus verbunden sind, wäre viel zu sagen. Das war natürlich im Rahmen der kurzen Zeit nicht möglich, und Augustinus sollte nur als Beispiel dienen, da er die Formulierung „Schabbat des Herzens“ geprägt hat. Dass Augustinus in die sehr unheilvolle Kette der sich antijudaistisch äußernden Theologen, die großen Einfluß auf die Theologiegeschichte hatten, gehört, ist eine andere Frage und liegt jenseits der Möglichkeiten einer solchen Veranstaltung. Dennoch möchte ich bermerken, daß Augustinus der erste Theologe war, der auch den Juden seiner Zeit unterstellte, sie seien schuld am Tod Jesu.

Die deutschsprachigke Wikipedia weiß: „In seiner Kampfschrift Gegen die Juden griff Augustinus die Juden sowohl in ihrer Lebensführung wie auch theologisch an. Für Augustinus waren Juden bösartig, wild und grausam, er vergleicht sie mit Wölfen, schimpft sie „Sünder“, „Mörder“, „zu Essig ausgearteter Wein der Propheten“, „eine triefäugige Schar“, „aufgerührter Schmutz“. Sie seien des „ungeheueren Vergehens der Gottlosigkeit“ schuldig. Das Alte Testament sprach er ihnen ab: „Sie lesen es als Blinde und singen es als Taube“, verneinte nicht nur ihre „Auserwählung“, sondern sogar das Recht, sich noch „Juden“ zu nennen.“

Aufmerksam und konzentriert lauschen die Pilger der Rabbinerin und dem Taize-Bruder, fast könnte man eine Stecknadel in dem Saal fallen hören. Und in den verschiedensten Sprachen ist anschließend an der Garderobe zu vernehmen, welch guter Impuls das doch gewesen sei. Die jungen Christen und die „älteren Brüder im Glauben“ – das hat gut harmoniert an diesem Nachmittag des Taize-Treffens.

Was nicht paßt, wird passend gemacht. Ich war nicht an der Garderobe, und die Journalistin hat anscheinend die Diskussionen in den Gruppen nicht mehr mitbekommen.

Ich habe sehr unterschiedliche Reaktionen wahrgenommen, und bei denen, die früher gingen und bei den Gruppengesprächen nicht mehr dabei waren, eher kritische, abgesehen von dem positiven Erstaunen über die Tatsache der Existenz einer weiblichen Rabbinerin. Das hatte aber mit dem Thema an sich nichts zu tun. Ich konnte das gut verstehen, denn die Statements der beiden Dialogpartner setzten – wollte man den großen Bogen verstehen – ein Vorwissen voraus, das sicher die meisten Jugendlichen nicht hatten. Schon meine kritischen Kommentare zum Artikel der Journalistin zeigen, dass nicht einmal diese eine Reihe von Details ein- und zuordnen konnte, obwohl ihr Lebenslauf deutlich macht, daß sie im Nebenfach katholische Theologie studiert hat.

Mir will auch nicht in den Kopf, warum es große Unterhaltungen an der Garderobe gegeben haben sollte. Da die Veranstaltung im großen Saal des Museums stattfand und wir nicht durch das Museum mußten, bestand auch keine Verpflichtung die Garderobe abzugeben. Ich kam sehr viel früher und war froh, daß ich nichts abgeben mußte und mir das Anstellen ersparen konnte. Abgesehen davon hatte ja nur ein geringerer Teil der Anwesenden Stühle. Die überwiegende Mehrheit saß auf dem Boden – auf ihren Jacken, besonders die Leute, die relativ spät kamen, hinten saßen und dann zu einem großen Teil gleich nach dem Gespräch von Rabbinerin Ederberg und Bruder John aufbrachen.

Ich jedenfalls war aber froh, daß die zum Klischee geronnene Formulierung von den „älteren Brüdern im Glauben“ und was dahinter steckt und damit verbunden ist, die Begegnungen an diesem Nachmittag nicht prägten.