Rezension: Bibliolog – Weil jede und jeder etwas zu sagen hat

…ist das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe (1 / 2016) von „Bibel und Kirche“, einer Zeitschrift des katholischen Bibelwerkes.

kun01_1001601.jpg.735745Uta Pohl-Patalong führt in den Bibliolog als erfahrungsbezogenen Zugang ein, stellt einen Ablauf dar und legt dar, wie Bibliolog entstanden ist und nach Europa kam. Sie erschließt die Überzeugungen, auf denen Bibliolog beruht und zeigt, welche Aufbauformen (nicht-narrative Texte, Bibliolog mit   Objekten, Encounter und Sculpting) es neben der Grundform gibt.

Jens Uhlendorf wendet sich in seinem Beitrag „Sisteract? Szenische Interpretation trifft Bibliolog“ dem Verhältnis von Bibliolog und neuen Ansätzen der szenischen Interpretation zu, also literaturdidaktischen Aufbrüchen aus den 1990iger Jahren, die jenseits der traditionellen Formen von kognitiv orientierter Textanalyse andere Zugänge zu literarischen Texten ermöglichen. Sowohl Bibliolog als auch szenische Interpretation sind von der Rezeptionsästhetik geprägt und laden auf unterschiedliche Weise ein, den Textraum zu erkunden.

Mir scheint das beschriebene methodische Instrumentarium für szenische Interpretation jedoch näher an Bibliodramaprozessen zu sein als am Bibliolog, zumindest was seine Grundform betrifft. Der Verfasser regt an, dieses Instrumentarium als Inspirationsquelle für das bibliologische Arbeiten zu nutzen.

Maria Elisabeth Aigner umreißt kurz Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Bibliolog und Bibliodrama.

In ihrem Beitrag  „Wie sind wir gemeint? Überlegungen zur identifikatorischen Lektüre biblischer Texte“ geht Ilse Müllner der Frage nach, welche Prozesse beim identifikatorischen Lesen biblischer Texte ablaufen. Biblische Texte sind zunächst an antike und nicht an heutige Leser_innen gerichtet. Was bedeutet das für das Verhältnis von Fremdheit und Vertrautheit für die heutigen Leser_innen? Was fördern identifikatorische Formen der Lektüre biblischer Texte und was spricht dagegen?  Die Verfasserin weist darauf hin, daß christliche identifikatorische Lektüre von Texten aus dem 1. Testament auf dem Hintergrund einer langen Enteignungsgeschichte stattfindet. Sie plädiert dafür, jüdische Lektüren wahrzunehmen und vom Judentum zu lernen.

Peter Pitzele, der mit seiner Frau Susan den Bibliolog entwickelt hat, entfaltet an einem Vers aus dem Johannesevangelium (Joh 11,35), welche Reaktionen bei  Teilnehmer_innen auftreten können, die in der Rolle vom weinenden Jesus befragt werden und welche inneren Prozesse dahinter stehen können.

Karin Brockmüller skizziert anhand des Szenarios „wie in einer Pilgerherberge“ wie über Rollen im Text oder Rollen aus einer fiktiven Rahmenhandlung Psalmen und andere nicht-narrative Texte erschlossen werden können.

Maria Rehaber-Graf beschreibt in ihrem Beitrag „Appetit auf mehr – Bibliolog in Exerzitien“ die Verwandtschaft von Bibliolog und ignatianischen Exerzitien, wo sich die beiden Zugänge unterscheiden und wie Bibliolog in einem solchen Exerzitienprozeß fruchtbar gemacht werden kann.

Dorothea Kleele-Hartl zeigt in „… da war ich dann ein Teil der Bibel …“ auf, wie Schüler_innen unterschiedlicher Jahrgänge auf einen bibliologischen Impuls reagieren und darin sichtbar wird welche persönlichen Themen der jeweiligen Altersgruppe sichtbar werden. Außerdem beschreibt sie noch Erfahrungen in der Kommunionvorbereitung und mit Schulgottesdiensten.

Bibliolog auf der Straße“ ist der Beitrag von Frank Muchlinsky überschrieben, in dem er ein Experiment von Katholikentagen in Mannheim und Regensburg beschreibt und die dafür nötigen Rahmenbedingungen und die erforderliche Ausrüstung beschreibt.

Gerborg Drescher und Rainer Brandt erläutern, „warum es hilfreich ist, wenn die Leitung gut ausgebildet ist“ damit Bibliolog gelingt.

Das Heft ist insgesamt eine gute Einführung für Interessierte. Der Beitrag über Bibliolog und ignatianische Exerzitien ist sehr speziell und betrifft einen Sonderfall von Exerzitien. Wer sich allgemeiner über Bibliolog und Exerzitien informieren will,  findet dazu einen Beitrag von Andrea Schwarz in „Bibliolog – Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule Band 1, von Uta Pohl-Patalong im Kohlhammer Verlag. Da in den letzten Monaten viele Menschen aus anderen Kulturen und Religionen nach Deutschland gekommen sind, ist es bedauerlich, daß das große Potential von Bibliolog im interkulturellen und interreligiösen Dialog keinen Eingang in das Heft gefunden hat.

Das Einzelheft hat 60 Seiten und kann zum Preis von 7,90 Euro plus Versandkosten beim Katholischen Bibelwerk in Stuttgart bestellt werden.

Zum Weiterlesen:
Unterschied zwischen Bibliolog und Bibliodrama
Zielgruppen für Bibliolog

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Aufgelesen (4) : Das letzte Abendmahl mal anders

Last Supper (Quelle: postkiwi.com)

Last Supper (Quelle: postkiwi.com)

Am Welt-Down-Syndrom-Tag bin ich durch das Kirchengeschichtenblog auf dieses Foto des Künstlers Raoef Mamedov aufmerksam geworden. Er hat vor seinem Studium in der Psychiatrie gearbeitet und dort nach der Vorlage des berühmten Gemäldes von Leonardo da Vinci geistig behinderte Menschen zum „letzten Abendmahl“ arrangiert. Im Kirchengeschichtenblog gibt es ein paar Gedanken dazu unter dem Thema „eine Tischgemeinschaft, die keiner so recht haben will.“

Mamedov hat noch andere Motive aus der Bibel in dieser Art gestaltet. Man findet sie auf der Seite der Galeristin Lilja Zakirova. Wer den Bibliolog-Aufbaukurs „Sculpting“ gemacht hat, findet in dieser Bildgestaltung Anregungen für einen Bibliolog zum Letzten Abendmahl.

Aufgelesen (3): Rededication of Our Czech Torah Scroll

Screenshot Reb Jeff Blog

Screenshot Reb Jeff Blog

Weil Bibliolog seine Wurzeln in der jüdischen Hermeneutik (Schriftauslegung), in der Literaturwissenschaft (Rezeptionsästhetik) und im Psychodrama hat, geht es hier im Blog immer wieder um die Torah-Rolle und ihre Bedeutung im jüdischen Leben. In seinem Blog Reb Jeff beschreibt ein Gemeinderabbiner, welche Bedeutung eine Torahrolle in seiner Gemeinde hat. Diese besondere Torahrolle wurde vor der Schoah in einer kleinen Landgemeinde ver im heutigen Tschechien verwendet, die es heute nicht mehr gibt, denn alle dort lebenden Juden wurden ermordet.

Leider kann die Torah-Rolle nicht mehr im G-ttesdienst verwendet werden, weil sie nicht mehr koscher ist. Sie ist beschädigt und zwar in einem Ausmaß, daß sie nicht mehr repariert werden kann. Viele Buchstaben sind nicht mehr lesbar. Im Blog ist eine Stelle dieser in einer besonderen mystischen tschechischen Tradition geschriebenen Rolle zu sehen.

Auch ein kurzes Video über die Geschichte dieser Torah-Rolle ist eingebunden. Zum Orginalartikel von Reb Jeff geht es hier.

Zum Weiterlesen:
scwarzes Feuer und weißes Feuer im Bibliolog

Aufgelesen (2): die Rollenspiel-Schule

Im Bibliolog erhalten die Teilnehmenden die Möglichkeit durch den Schutz einer Rolle sich zu einer Situation / Geschichte zu äußern. Besonders mit Jugendlichen in der Pubertät habe ich die Erfahrung gemacht, daß auch im Nachgespräch gern die Möglichkeit wahrgenommen wird, sich über die Rollen zu äußern.

Einen interessanten Ansatz gibt es in Dänemark in einer Schulform für Mittelstufenschüler – eine Rollenspiel-Schule. Dort wird der gesamte Unterrichtsstoff über Rollenspiele vermittelt. Die ZEIT berichtete darüber:

„An der Østerskov Efterskole im dänischen Hobro lernen die Schüler den gesamten Lernstoff durch Rollenspiele. Eine Efterskole ist ein Internat für Acht- bis Zehntklässler – eine Schulform, die es so nur in Dänemark gibt. Die Idee der Efterskole ist im 19. Jahrhundert entstanden mit dem Ziel, die Schüler demokratisch zu bilden und sie auf ihre schulische und berufliche Zukunft vorzubereiten.“ (weiter hier)

Wie eine Klassenfahrt nach Köln als Rollenspiel aussehen kann, ist im Blog vom Pantoffelhelden nachzulesen.

Eine amerikanische Lehrerin hat einige Zeit in Europa verbracht um alternative Schulen kennenzulernen. In ihrem Blog schreibt sie auch über die Spiel-Schule in Dänemark (auf englisch).

Aufgelesen (1) … zum Reformationstag

Vor einigen Tagen hat der Herr Kiezneurotiker einen Aufruf gestartet: Vernetzt euch!.
Und so stelle ich einige lesenswerte Beiträge zusammen, die mir in den letzten Tagen untergekommen sind. „Hallo… nochwas“ ist großes Thema in der Tages- und Wochenpresse und auch in Blogs, aber wie schaut es mit dem Reformationstag oder Allerheiligen aus?

Gestern gab es in der taz eine Themenseite „Reformation“. 2017 soll die neue Lutherbibel erscheinen, darüber ist der Rat der Evangelischen Kirche einig. Aber wie lassen sich die Treue zum Urtext, der Luther-Sound und der Zeitgeist vereinen? Ein Werkstattbericht unter der Überschrift: Der Hirsch schreit wieder (Anspielung auf Psalm 42).

Claudia Keller schreibt beim Tagesspiegel nicht so kompetent wie regelmäßig zum Themenbereich Religion, aber ihre Überlegungen zum Thema Reformation finde ich bedenkenswert: In „Luther als Logo und Label“ stellt sie fest: Die Kirche macht es sich zu leicht: „Die zu Tode zitierten Luther- Sätze werden zum Paket geschnürt, fertig zum Mitnehmen und gefahrlosen Konsumieren. Luther wird zur Marke, zum Logo, Label und Event. Wenn es so weitergeht, ist 2017, wenn der 500. Geburtstag des Thesenanschlags zu Wittenberg gefeiert wird, vielleicht nichts mehr von ihm übrig.“ Sie verwendet in diesem Zusammenhang den ausdrucksstarken Terminus „Plauderprotestantismus“, der mir bis jetzt noch nicht untergekommen ist.

Frau Mutti outet sich als Hallow..n-Muffel und erzählt, wie es die Niersteiner Jungscharkinder schaffen, erst Lutherbonbons und dann Hallow..n-Süßigkeiten zu bekommen.

Frau Giannina vom Klanggebet-Blog hat sich mit „Ahnenhäusern“ in verschiedenen Kulturen beschäftigt und teilt ein Ahnenhausgebet.

Karrikaturen gibt es im Kirchengeschichten-Blog. Besonders hat mir „Süsses oder Thesen?“ gefallen.

Frau Huppicke, katholisch in Westfalen, erzählt vom Spagat zwischen dem Geburtstag der ältesten Tochter, der gefeiert sein möchte und ihrem eigenen Bedürfnis, die eigenen Toten zu ehren und an der Andacht und der Gräbersegnung auf dem Friedhof teilnehmen zu wollen. Für dieses Jahr hat sie eine Idee, wie sie beides unter einen Hut bringen könnte und erzählt davon hier

Peter Otten schreibt im Theosalon-Blog über den Krieg der Kürbiswelten: Ob Entweltlichung bedeutet, vermeintliche heidnische Unkultur zu bannen und dann die Leerstellen ideologisch aufzuladen? Abwehrende und zum Teil aggressive Blicke auf Halloween lassen dies vermuten …

Der Herr Haltungsturner beleuchtet den Reformationstag aus politisch-soziologischer Sicht und weist auf die Parallelen zwischen damals und heute hin: Der Buchdruck, der neue Verbreitungs- und Kommunikationsmöglichkeiten erschloß und damit eine Revolution einleitete. Er kommt zu dem Schluß: „Wir befinden wir uns an einem Scheideweg. Und die Reformation kann dabei Ermutigung sein. Auch und gerade heute. Der ganze Beitrag ist
hier nachzulesen.

Wer ein Plakat Halloween-statt-Sankt-Martin braucht, findet eine von einem professionellen Grafiker erstelltes Plakat, das weiterverwendet werden darf beim Wegbegleiter.