Frage 8: Ab welchem Alter geht Bibliolog mit Kindern ?

Fragezeichengruppe 2Um an einem Bibliolog teilzunehmen sind einige Grundfähigkeiten nötig, die Kinder meist in der ersten Hälfte des zweiten Schuljahres gut beherrschen, wie etwa sich melden, wenn man etwas sagen möchte oder abwarten können bis man mit dem Sprechen dran ist. Meist ist das während des ersten Halbjahres der zweiten Klasse der Fall. Trotzdem kann es von Schülergruppe zu Schülergruppe bzw. Kindergruppe zu Kindergruppe große Unterschiede geben. Günstig ist es, wenn Kinder Rituale kennen, weil Bibliolog ein in sich abgeschlossenes Ritual ist.

Mit einer Trainerkollegin habe ich einen Bibliolog in der zweiten Grundschulklasse einer katholischen Schule gemacht. Für alle Kinder war es die erste Erfahrung, die sie mit Bibliolog gemacht haben. Wir waren für sie Besuch, also keine regulären Lehrpersonen. Die normale Sitzordnung in der Klasse war in Tischgruppen mit einer freien Fläche in der Mitte des Klassenzimmers. Für den Bibliolog wollten wir lieber einen Stuhlkreis haben. Allein in der Art, wie die Klassenlehrerin das Aufstellen des Stuhlkreises angeleitet hat und welche Ruhe darin blieb, machte uns deutlich, daß die Kinder mit Ritualen vertraut sind. Wir waren sehr überrascht, daß wir 1 1/4 Stunden am Stück mit den Kindern bibliologisch arbeiten konnten. Eigentlich wollten wir zwei kürzere bibliologische Sequenzen mit einer kreativen Phase dazwischen machen. Da die Kinder so begeistert und intensiv dabei waren, haben wir sogar noch die Geschichte (Jona) mit einem nicht-narrativen Text kombiniert.

Drei Wochen später war ich in einer freikirchlichen Kindergruppe eingeladen. Die Kinder stammten aus dem gleichen sozialen Milieu wie die in der katholischen Grundschule, waren allerdings etwas älter (neun bis zwölf Jahre). Ich war davon ausgegangen, daß es mit diesen etwas älteren Kindern einfacher sein würde. Darin sollte ich mich getäuscht haben. Es war der gleiche Text und die gleichen Fragen – ohne den nicht-narrativen Text. Die freikirchlichen Kinder taten sich sehr viel schwerer als die aus der katholischen Grundschulklasse.

Gern wird Bibliolog auch im Schulgottesdienst gemacht. Ich habe keine Erfahrungen damit, aber viele positive Berichte gehört. Wenn Bibliolog im Familiengottesdienst angeboten wird, hören kleinere Kinder (jünger als Grundschulalter) gern zu und äußern sich auch gelegentlich – jedoch eher selten.

Nachtrag: Bibliolog im Kindergarten:
Bibliolog im Kindergarten scheint mir eher unrealistisch, denn die hierfür erforderlichen Fähigkeiten dürften nur einzelne Kinder im Kindergartenalter haben. Ich höre immer wieder Erzählungen über „Bibliolog im Kindergarten“. Auf intensives Nachfragen stellt sich dann heraus, daß es sich nicht um eine klassische Kindergartensituation (altersgemischte Gruppe von 3 – 6jährigen Kindern) gehandelt hat, sondern daß es eine Vorschulgruppe kurz vor dem Schuleintritt war und zwei Erwachsene dabei waren, wovon eine/r „disziplinarisch“ dafür sorgte, daß überhaupt etwas Bibliologähnliches stattfinden konnte. Da man im Kindergarten nicht an die 45-Minuten-Takte von Schulstunden gebunden ist und viel Freispielzeit hat, will mir auch nicht einleuchten, was der „Mehrwert“ eines Bibliologs in diesem Setting im Vergleich zu Rollenspielformen sind, die bei Kindergartenkindern im allgemeinen sehr beliebt sind.

Bei Erzieherinnenfortbildungen finde ich Bibliolog eine sehr gute Möglichkeit, um biblische Texte einzuführen und „von innen“ wahrzunehmen und so Erzieherinnen einen Ausgangspunkt zu geben, von dem aus sie dann schauen, wie sie mit der Geschichte im Kindergartenalltag weitermachen. Solche Fortbildungsangebote gibt es in Berlin im Kirchenkreis Neukölln von Pfarrerin Ingrid Schröter, die für die religionspädagogische Fortbildung von Fachkräften in evangelischen Kindertagesstätten ist.

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Bibliolog in der Sukka mit den Uschpisin

oder: manchmal wird ein Traum schneller wahr als man denkt. Ich bin dafür bekannt, dass ich gerne Bibliolog an ungewöhnlichen Orten mache: Bibliolog im Museum, vor einem Denkmal bei einer Stadtführung, im Bibelgarten, im interkulturellen Stadtteilzentrum …

Seit Jahren schon würde ich gern während Sukkot (Laubhüttenfest) an verschiedenen Orten Bibliolog machen – jeden Tag woanders. Aber die Resonanz auf diese Idee war bis jetzt bescheiden, obwohl das in Berlin eigentlich kein Problem sein dürfte bei den Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen, die eine Sukka haben.

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Wohlfahrtsmarke der jüdischen Gemeinde zu Berlin aus den 1930iger Jahren (Foto : IWe)

In der Schrift heißt es:
„In Hütten (sukkot) sollt ihr wohnen, sieben Tage lang …, auf dass alle Generationen wissen, dass ICH die Kinder Israels in Hütten wohnen ließ, als Ich sie aus dem Land Ägypten führte…“ (Torah 3. und 5. Buch / Levitikus und Deuterononium).

Ich schraubte meine Erwartungen herunter und dachte, es wäre doch schön, das mal in einer Sukka versuchen zu können. Und dazu kam es schneller als ich mir vorstellen konnte.

Schon lang war ich nicht mehr so aufgeregt. Am Freitagabend begann der dritte Tag des Laubhüttenfestes. Bereits zwei Tage vorher hatten wir in einer Sukka (Laubhütte) in einem Ostberliner Hinterhof gefeiert. Neben gutem Essen, zu dem alle beitrugen und ausgiebig Zeit für Gespräche war, hatte für jeden Tag eine andere Person etwas vorbereitet. Und die Person, die für Freitagabend vorgesehen war, fiel kurzfristig aus.

Wir zündeten die Schabbatkerzen an, hatten ein schönes Essen und gute Gespräche. Die Gruppe war übersichtlich. Unser Gastgeber, neben dessen Keramikwerkstatt sich unsere Sukka befand, war schon bei der interreligiösen Bibliolog-Werkstatt gewesen, und es hatte ihm gut gefallen. So fand er meine Idee, miteinander einen Bibliolog zu den Ushpischin des Abends zu machen eine gute Idee.

Für die meisten Mitlesenden werden die „Uschpisin“ erklärungsbedürftig sein. Uschpisin ist das aramäische Wort für Gäste, die besonders wertgeschätzt werden. Man lädt sie in die Sukka ein, denn jeder Tag steht unter dem Zeichen eines anderen himmlischen Gastes. Der Brauch ist in einem mystischem Zweig des Judentums entstanden, – bei den Kabbalisten von Sefat. Die sieben Gäste haben gemeinsam, dass sie alle Hirten waren: Am ersten Abend ist es Abraham, am zweiten Isaak, am dritten Jakob, am vierten Josef, am fünften Moses, am sechsten Aaron und am siebten David. Da das sehr einseitig auf Männer zentriert ist, kamen jüdische Frauen in den letzten drei Jahrzehnten auf die Idee, auch biblische Frauen als Gäste einzuladen. Nach dem Verständnis der Kabbala ordnen wir unser Wesen, wenn wir jeden Abend einen anderen himmlischen Gast empfangen und ehren. Diese Gäste werden als uschpisin dimnuta (Gäste des Glaubens) gesehen.

Ich habe nicht viel mit Mystik am Hut, aber diesen Brauch finde ich sehr schön, denn man verbindet sich mit früheren Generationen, vergegenwärtigt deren Erfahrungen und bezieht sich auf sie. Und den Gedanken, dass jede biblische Person bestimmte Aspekte und Eigenschaften repräsentiert, kann man ja auch psychologisch sehen. Von daher ist mir die Vorstellung recht nah.

Am Freitag, dem dritten Abend war Jakob dran, und da seine spätere Frau Rachel auch Hirtin war, bot es sich an, die Geschichte über die erste Begegnung der beiden miteinander zu erforschen und zu vergegenwärtigen. Die Anwesenden waren bereit, sich darauf einzulassen, und ich fand es besonders bereichernd, dass die Vorkenntnisse der Anwesenden ganz unterschiedlich waren – von „ich bin Jude und habe keine Ahnung von jüdischer Religion“ bis zu einer, die einen Abschluß in Judaistik hat.

Und so aufgeregt wie ich am Anfang war, so spannend und berührend war die gemeinsame (Neu-)Entdeckung und das gemeinsame Erforschen der Geschichte (Genesis 29, 1 – 20 / Bereschit Kap 29).

Unser Gastgeber hatte an diesem Abend mit einer Keramikskulptur, die er zu Jakob und Rahel gestaltet hat, geschmückt. Und so hatten wir die beiden auch in dieser Form vor Augen und in unserer Mitte:

Keramikskulptur "Jakob und Rachel" von Chajm Grosser

Frage 7: Schwarzes Feuer – weißes Feuer (black fire – white fire) im Bibliolog …

… gehört zu den bliebtesten Suchbegriffen auf der Liste dieses Weblogs.

Die jüdische Tradition geht davon aus, daß die Torah vor der Schöpfung der Welt geschaffen wurde, dass sie der Bauplan – die Vorlage für die Schöpfung ist. Jochanan ben Bag Bag sagt über die Torah:

„Wende sie und wende sie, denn alles ist in ihr (enthalten), und durch sie wirst du sehen. Werde alt und grau in ihr und von ihr weiche nicht, denn es gibt für dich nichts besseres als sie“. (Pirke Awot 5:26)

In der Synagoge wird an jedem Schabbat ein Abschnitt aus der Torah gelesen. Innerhalb eines Jahreszyklus wird so die ganze Torah gelesen.

Torahlesung

Torahlesung sephardische Synagoge Tiferet Israel Berlin Foto: Hans Geldmacher

Der letzte Wochenabschnitt der Torah (Wesot Habracha) beinhaltet eine der geheimnisvollsten Formulierungen in Dewarim 33,2 (Deut 33,2): “Esch da’at” – „das feurige Gesetz“. Der Midrasch stellt dazu fest, dass dies eine Beschreibung der Torah ist: „esch schachor al gabei esch lawan“. „Die Torah ist geschrieben mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer“ (Midrasch Tanhuma zu Genesis 1).

Esch daat

Dewarim 33:2

Die Abbildung zeigt den Vers 5. Mose 33,2 wie er in der Torahrolle steht (die beiden letzten Wörter gehören schon zu Vers 3). Die Buchstaben repräsentieren Konsonanten. Wer die Torah vorliest (genau genommen wird sie im G-ttesdienst gesungen; „geleint“ ist der Fachbegriff dafür) muß wissen, welche Konsonanten an welche Stelle gehören. Schon hier sind unterschiedliche Lesarten möglich, jedoch wurde eine Lesart verbindlich festgelegt. Wenn man bei dieser Seite auf den roten Lautsprecher vor 33:2 klickt, kann man hören, wie der Vers bei der Torahlesung klingt.

Beispiel: Bei der deutschen Konsonantenfolge l-b-n müßte je nach Zusammenhang „leben“, „laben“, „lieben“ oder „loben“ gelesen werden.

Das „schwarze Feuer“ sind die Buchstaben der Torah. Das „weiße Feuer“ sind die weißen Zwischenräume zwischen den Buchstaben und um die Buchstaben herum. Nur beides zusammen ist die GANZE Torah. Dabei kann man die Begriffe „schwarzes Feuer“ und „weißes Feuer“ auf unterschiedenen Ebenen verstehen und interpretieren.

Das „schwarze Feuer“ ist dir wörtliche Bedeutung des Textes (Peschat), das weiße Feuer steht für die Ideen, Auslegungen, Andeutungen hinter dem Text – die Botschaften „zwischen den Zeilen“, die zum Leben kommen, wenn wir mit dem Text in Beziehung treten.

Die schwarzen Buchstaben begrenzen. Zugleich sind sie begrenzt und festgelegt. Die weißen Räume dazwischen verweisen uns auf den Bereich jenseits des Intellekts – des Grenzenlosen, des sich immer Verändernden und Verwandelnden. Sie stehen auch für das Schweigen, für das noch nicht Sagbare, das Unsagbare.

Die weißen Räume zwischen und um die schwarzen Buchstaben herum nehmen zweimal so viel Raum ein wie die schwarzen Buchstaben. Das weiße Feuer bildet die Grundlage für das schwarze Feuer.

Über die Torah heißt es in Sprüche 8,22 ff:

Der Ewige schuf mich als den Anfang seines Wegs / als erstes seiner Werke von jeher / von uran bin ich eingesetzt / vom Anbeginn, der Erde Urzeit; / noch eh die Fluten, wurde ich geboren / noch eh die Quellen, Wassers schwer; / bevor die Berge wurden eingesenkt / noch vor den Höhen wurde ich geboren / noch eh ER Land und Fluren wirkte / das Erste von des Festlands Staub. / Als ER den Himmel festigte, war ich dabei / als ER den Wall zog um des Meeres Fläche / als ER die Wolken droben festigte / fest wurden da die Quellen aus der Flut.(Übersetzung von Naftali Herz Tur-Sinai)

Es gibt keine endgültige Lesart oder Auslegung der Torah, sondern immer nur die nächste.

Übrigens zeigt das Header-Bild dieses Weblogs den Ausschnitt einer künstlerischen Gestaltung, in der alle 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets miteinander verbunden sind. In der jüdischen Mystik repräsentieren sie die gesamte Schöpfung. Jeder dieser Buchstaben ist Träger einer bestimmten Energie und trägt einen Aspekt der Schöpfung in sich – sowohl in seiner Form, seinem Klang und seinem Zahlenwert.

blühende buchstaben (A. Krasnitski)

Das Bild „blühende Buchstaben“ zeigt eindrucksvoll, wie schwarzes und weißes Feuer aufeinander bezogen sind, ja sich gegenseitig bedingen. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Sie brauchen sich gegenseitig und entfachen sich gegenseitig und bringen so immer neue Bedeutungen hervor. Analog ist auch das schwarze Feuer und das weiße Feuer beim Arbeiten mit dem Bibliolog zu verstehen.

Manchmal ist in Texten über das bibliologische Arbeiten auch von Rollen aus dem weißen Feuer die Rede. Damit sind Rollen gemeint, die nicht ausdrücklich im Bibeltext genannt sind, aber naheliegend aus dem Textzusammenhang oder dem Wissen um sozialgeschichtliche Zusammenhänge. Wenn man die Mutter von Ruth oder eine Dienerin im Haus von Simon dem Aussätzigen nach der Salbung von Bethanien befragen würde, dann wären das Rollen aus dem weißen Feuer. Sie sind dann sinnvoll, wenn sie zusätzliche Aspekte der Geschichte erschließen helfen, die über Rollen aus dem schwarzen Feuer (Personen oder Objekte, die im Text vorkommen) nicht zur Sprache kommen würden. Rollen aus dem weißen Feuer müssen bei der Rollenzuweisung an die Teilnehmenden als solche deutlich gemacht werden.

Zum Weiterlesen:
In seinem Blog Reb Jeff erzählt ein Gemeinderabbiner aus Florida über eine ganz besondere Torah-Rolle seiner Gemeinde und zeigt, was für eine große Bedeutung die Torah-Rolle im jüdischen Leben hat: Rededication of our Czech Scroll. Es geht dabei um eine Torah-Rolle, die vor der Schoah einer Gemeinde im heutigen Tschechien gehörte und die in einer besonderen mystischen Tradition geschrieben ist.